E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Kroll / Schurich Kindermorde
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-95958-831-7
Verlag: Bild und Heimat
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Fünf authentische Kriminalfälle aus der DDR
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-95958-831-7
Verlag: Bild und Heimat
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Remo Kroll ist Angehöriger der Berliner Polizei und widmet sich publizistisch der Historie der Kriminalpolizei und der Morduntersuchung in der DDR. Er ist Mitherausgeber der Schriftenreihe Polizei. Studien zur Geschichte der Verbrechensbekämpfung. Darüber hinaus hat er vielfach publiziert, u. a. bei Bild und Heimat gemeinsam mit Frank-Rainer Schurich: Frauenmorde. Vier authentische Kriminalfälle aus der DDR (2020). Frank-Rainer Schurich lehrte als ordentlicher Professor für Kriminalistik an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist seit 2015 ebenfalls Mitherausgeber der Schriftenreihe Polizei. Er arbeitete regelmäßig bei der Berliner Kripo; seit 1994 ist er freier Autor. Er legte zahlreiche Publikationen vor, zuletzt bei Bild und Heimat gemeinsam mit Remo Kroll: Mörderfrauen. Drei authentische Kriminalfälle aus der DDR (2021).
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Die Tote im Wald
Cottbus. Sonntag, 21. Juli 1963
Am 22. Juli 1963 zeigte die neunzehnjährige Kinderpflegerin Monika Ezold aus Berlin-Weißensee bei der Kriminalpolizei Cottbus an, dass ihre Schwester, Marita Ezold, seit dem 21. Juli 1963 gegen 14 Uhr vermisst wird. Die beiden Schwestern waren am Vortag in der Stadt eingetroffen, um eine andere Schwester abzuholen.
Die Familie Ezold stammte aus Cottbus, das vermisste Kind war auch in Cottbus geboren worden. Während ihres Aufenthalts in der Stadt wohnten Marita und Monika in der Wernerstraße bei der befreundeten Familie Guth, die zu ihrem familiären Freundeskreis gehörte. Laut Protokoll sagte die große Schwester aus: »Gegen 11.00 Uhr am 21.7.1963 hat die Frau Guth die Marita mit ihren Kindern zusammen zum Eis-Essen geschickt. Marita sollte um 12.30 Uhr wieder zu Hause sein. Sie ist aber erst um 13.30 Uhr gekommen. Zu dieser Zeit habe ich mich mit meinem Kleinkind an der Ecke Karl-Liebknecht-Straße – Wernerstraße an der Drogerie aufgehalten. Dort habe ich sie getroffen. Da sie später als wie vereinbart vom Eis-Essen gekommen ist, habe ich zu ihr gesagt, dass sie jetzt essen gehen solle und dann solle sie schlafen gehen. Sie fing dann an zu weinen, vermutlich, weil ich sie nicht mitnehmen wollte. Aus diesem Grund habe ich zu ihr gesagt, dass sie schnell essen gehen solle, und ich werde auf sie warten. Bis gegen 14.00 Uhr habe ich mich dann auch in der Nähe der Drogerie aufgehalten. Ich sah Marita gegen 14.00 Uhr aus dem Haus Wernerstraße kommen. Sie ging zuerst in Richtung der Karl-Liebknecht-Straße und dann in Richtung des Geschäftes ›Lucullus‹. (…) Ich habe Marita mit ihrem Namen angerufen. Sie hat sich auch umgedreht, ist aber nicht stehen geblieben. Dann habe ich gesehen, wie sie in die Bahnhofstraße in Richtung der Berliner Straße hineingelaufen ist.«
Vor etwa fünf Jahren sei Marita, so sagte Monika Ezold aus, in Cottbus schon einmal weg gewesen. Sie hatte sich damals verlaufen, hatte dann aber Personen angesprochen und sich nach Hause bringen lassen.
Die Anzeigenerstatterin gab folgende Personenbeschreibung: scheinbares Alter sechs bis acht Jahre, kleine und zierliche Gestalt, etwa 90 bis 110 Zentimeter groß, schmales Gesicht, Augen (Iris) grün, schielt etwas, bräunliche Hautfarbe, Sommersprossen über der Nase, dunkelblondes Haar, lang herabfallend bis auf die Schultern. In der Mitte der Haare ein kleiner Scheitel, der von allein fällt. Marita trug ein blau-weißes Dederonkleid, Grundfarbe weiß, mit blauen Kreisen bedruckt, weiße Kniestrümpfe und weiße Halbschuhe. Nach Meinung der Anzeigenerstatterin hatte sie kein Hemdchen an, nur einen bunten Schlüpfer. Gegenstände und Geld führte sie nicht bei sich.
Monika Ezold ergänzte dann noch, dass ihre kleine Schwester anderen Personen gegenüber sehr aufgeschlossen wurde, wenn sie bei ihr Vertrauen erweckten. Und sie hatte ein besonderes Kennzeichen: eine große Operationsnarbe am linken Arm, die vom Schultergelenk bis zum Handgelenk reichte – die Folge eines Verkehrsunfalls. »Diese Narbe ist nicht zu übersehen.«
Schnell wurde aus der Vermisstensache ein Fall für die Morduntersuchungskommission der BDVP Cottbus. Sie war nicht nur untersuchungsführend bei Morden und Totschlagsdelikten im Bezirk Cottbus, sondern auch bei Anzeigen über vermisste Personen, bei denen der Verdacht einer vorsätzlichen Tötungsstraftat bestand.
Am 23. Juli 1963 wurde Monika Ezold dort »nachvernommen«. Sie ergänzte, dass sie sich am 21. Juli gegen 14 Uhr mit einer Freundin, die sie zufällig getroffen hatte, auf der Straße unterhielt und während dieses Gesprächs bemerkte, dass die kleine Schwester das Haus verließ und zur Drogerie rannte. Sie schaute nur kurz hinüber und unterhielt sich weiter mit der Freundin, weil sie dachte, Marita würde nun zur anderen Straßenseite kommen. Aber das geschah nicht. »Als ich mich dann wieder umdrehte, sah ich meine Schwester weiter nach dem Geschäft ›Lucullus‹ rennen. Da meine Schwester nicht zu mir gekommen war, sondern weiterrannte, verabschiedete ich mich von meiner Freundin und lief meiner Schwester hinterher«, so die Zeugin. »Ich sah dann, dass meine Schwester nach links in die Bahnhofstraße einbog. Als ich am Geschäft ›Lucullus‹ war, schaute ich in die Richtung, in der meine Schwester entlangrannte, jedoch habe ich diese nicht mehr gesehen. An der Kreuzung hielt ein Bus, und ich wartete so lange, bis der Bus die Kreuzung verlassen hatte, und lief dann über die Kreuzung. Wo der Bus hingefahren ist, weiß ich nicht, da ich darauf keine Obacht gab. Ich lief dann die Bahnhofstraße entlang bis zum Haus Nr. (…). Dort blieb ich stehen, da ich mir keinen Rat mehr wusste, denn meine Schwester habe ich nirgends mehr gesehen.«
Am 24. Juli 1963 wurde auch die Freundin von der Kriminalpolizei vernommen, ohne dass sie entscheidende Hinweise zum Verbleib von Marita geben konnte. Sie bestätigte aber alle Aussagen von Monika Ezold. Sie sei der suchenden Freundin dann hinterhergelaufen. Befragt wurde auch die gastgebende Familie, aber auch sie wusste nicht zu berichten, wo sich Marita möglicherweise aufhielt.
Der Leiter der Einsatzgruppe, Hauptmann der K Albert Wolter, erklärte in einem Gespräch mit der Tageszeitung Lausitzer Rundschau, abgedruckt am 6. August 1963, dass alle Hinweise überprüft worden seien, es aber immer noch keine Spur von Marita Ezold gäbe. Jedem noch so kleinen Hinweis werde allerdings nachgegangen, und so bat er die Bevölkerung weiter um Mithilfe.
Am 5. August 1963 fand ein aufmerksamer Bürger in einem Waldstück an der Fernverkehrsstraße 115 – circa acht Kilometer von Lübbenau in Richtung Vetschau, in Höhe des Kilometersteins 114,8 – eine blutbefleckte graue Wolldecke mit dem Eigentumsstempel »EKO« (Eisenhüttenkombinat Ost in Eisenhüttenstadt), an der ein 0,55 x 1,21 Meter großes Stück fehlte, das wahrscheinlich abgeschnitten worden war. Er übergab sie der Objektdienststelle des MfS im Kraftwerk Lübbenau,
Zeitungsartikel aus der Lausitzer Rundschau vom 6. August 1963
die die Abteilung Kriminalpolizei des VPKA Calau verständigte. Vom Kriminaldienst wurde daraufhin der Fundort besichtigt und ein Spurensicherungsbericht verfasst. Weitere Spuren konnten aber nicht gefunden werden. Am 9. August traf diese Decke bei der Abteilung Kriminalpolizei der BDVP Cottbus ein, wo sie bis zum 13. August im Sachgebiet Kriminaltechnik nicht bearbeitet wurde. Das MfS schaltete sich nun, warum auch immer, aus Berlin ein. Die Morduntersuchungskommission der Hauptabteilung IX/7 übernahm die Decke am 14. August und schickte sie zur Untersuchung und Begutachtung an die Abteilung 32 des MfS (Technische Untersuchungsstelle). Am 15. August konnte die Diplombiologin Gertraude Scharfschwerdt bereits mitteilen, dass es sich bei diesem Blut um Menschenblut handelte, wahrscheinlich mit der Blutgruppe 0. Nun wurden weitere Fragen an die Expertin gestellt:
- Wie lange kann die Decke dort gelegen haben?
- Welche Fremdsubstanzen befinden sich an ihr?
- Sind die daran befindlichen Schnittstellen in der letzten Zeit verursacht worden?
- Ist es möglich, die genaue Blutgruppe zu bestimmen?
Zu den Schnittstellen machte die Diplombiologin in ihrem Gutachten vom 24. September 1963 grundlegende Aussagen, nachdem bei weiterer Absuche des Waldstückes noch ein graues Stoffstück (0,55 x 0,58 Meter) aufgefunden worden war – mit Blutflecken und vom Material der Decke.
Sie konnte feststellen, dass es sich bei den beiden eingesandten Proben um gleichartiges Material handelte und auch hinsichtlich der Farbe Übereinstimmung bestand. Auch die Fasern, die detailliert untersucht wurden, waren gleichartig. Die Schnittkanten hatten einen gleichartigen Verlauf. Allerdings konnten keine individuellen Merkmale des Schneidwerkzeuges festgestellt werden. So blieb offen, ob der Schnitt mit einem zweiseitig wirkenden Werkzeug (Schere) oder mit einem einseitig wirkenden Werkzeug (Messer) verursacht worden war.
Dem Gutachten vom 10. Oktober 1963 über die Blutspuren wurden ebenfalls die graue Schlafdecke und der Teil dieser Decke zugrunde gelegt. Mit eingesandt wurde eine graue Schlafdecke als Vergleichsmaterial, ebenfalls mit dem Stempel »EKO« versehen.
Gertraude Scharfschwerdt kam dabei in einem sechsseitigen Gutachten zu folgenden Ergebnissen:
1.Auf der grauen Wolldecke und auf dem Teil einer grauen Wolldecke befand sich Menschenblut.
2.Infolge der langen Lagerung der Blutspur und der ungünstigen Witterungseinflüsse, die auf die Blutspur eingewirkt hatten, ließ sich eine Geschlechtsbestimmung an der Blutspur nicht mehr durchführen.
3.Auch der Nachweis von Menstrualblut war nicht möglich. Die Untersuchungen ergaben jedoch einen Hinweis, dass es sich bei dem Blut auf dem Stück Stoff eventuell um Blut eines Neugeborenen beziehungsweise Säuglings in den ersten Lebenswochen handeln könnte. Das Ergebnis war aber nicht gesichert.
4.Eine Altersbestimmung der Blutspuren war ebenfalls nicht mehr möglich.
5.Das Blut auf der Schlafdecke sowie auf dem Stück Stoff gehörte der Gruppe 0 (Null) an.
6.Es wurden auch Farbproben der grauen Wolldecke und der grauen Wolldecke als Vergleichsmaterial (jeweils mit dem Eigentumsstempel »EKO«) untersucht, mit dem Ergebnis, dass zwischen beiden Stempelfarben keine Artgleichheit bestand, so dass die Stempelabdrücke möglicherweise aus verschiedenen Zeiten stammten.
Am 20. August 1963 wurde im Eisenhüttenkombinat Ost ermittelt, dass die Schlafdecken mit dem Stempel »EKO«...




