Krneta | Die Perücke / D Perügge | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 212 Seiten

Krneta Die Perücke / D Perügge


1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-03853-167-8
Verlag: Der gesunde Menschenversand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 212 Seiten

ISBN: 978-3-03853-167-8
Verlag: Der gesunde Menschenversand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Alles oder nichts. Alles fürs Theater macht die Regisseurin Rike. Kompromisslos widmet sie ihm ihr ganzes Leben. Nichts mehr vom Leben erwartet die junge Esther. Kompromisslos bringt sie sich um. Beiden gerecht zu werden versucht ein Ich-Erzähler. An der Seite Rikes wird er vom Regieassistenten zum Autor. Als Freund Esthers schaut er hilflos zu, wie sie verzweifelt. Guy Krneta hat aus einem Stück Lebens- und Theatergeschichte einen bewegten und bewegenden Roman geschrieben. Er führt uns in farbigen Porträts und Szenen neben den beiden Frauenfiguren eine Vielzahl von Theatermenschen vor Augen, leidenschaftlich dem Theater verschrieben die einen, opportunistisch das Theater nutzend die anderen. Der berndeutsche Originaltext wird im Mundart-Download zur Verfügung gestellt und bei Bühnenauftritten des Autors zu hören sein. Das Buch bietet dank der hochdeutschen Übersetzung von Uwe Dethier eine bestechende Fortsetzung des deutschsprachigen Theater- und Entwicklungsromans und zeigt das Theater, wie schon Goethe und Karl Philipp Moritz, als Medium der Selbstfindung eines jungen Menschen.

1964 geboren in Bern, lebt in Basel. Krneta war Dramaturg und Co-Leiter an verschiedenen Bühnen in Deutschland und der Schweiz. Er ist Mitbegründer des Spoken-Word-Ensembles 'Bern ist überall' und initiierte u.a. das 'Schweizerische Literaturinstitut' in Biel. Krneta schrieb zahlreiche Theaterstücke und Bücher, die mit Preisen ausgezeichnet wurden.
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I

Aufgefallen ist mir ihre Zigarettenspitze. Die ihr etwas Elegantes gab, vielleicht sogar etwas Frivoles, das gar nicht zu ihr passte. Sie war eher klein, zierlich, leicht gebückt, wie eine ältere Frau. Ein junges Gesicht, braune Locken, die Fransen abgeschnitten, wie selbst abgeschnitten, leicht schräg. Große Hände, violette Hose. Ein grüner Stoffregenmantel, den sie auch im Zuschauerraum nie auszog.

Ich hab oben im ersten Rang gesessen und runtergeschaut. Es war die erste Hauptprobe eines Stücks auf der großen Bühne, offen für Mitglieder des Hauses. Zu denen ich jetzt auch gehörte, seit zwei Wochen, als Hospitant auf der Werkstattbühne. Die meisten Leute im Zuschauerraum hatte ich kürzlich kennengelernt. Die Monique von der Requisite, die Rita, Gewandmeisterin, den Eric, technischer Leiter, die Mira, den Stefan und die Claudia aus dem Malersaal, den Herrn von Mandach, Verwaltungsdirektor.

Und eben die Rike. Sie hat unten am Regiepult gesessen und geraucht. Das offene Textbuch vor sich. Das Lämpchen schien auf das Textbuch und beleuchtete den Rauch, der aufstieg, im ansonsten dunklen Zuschauerraum. Rike war Dramaturgin bei der Produktion. Der Regisseur, paar Reihen weiter vorne, im weißen Hemd, schwarze Weste, hat geschwitzt. Ab und zu ist er zu Rike nach hinten, mit einem Glas in der Hand. Er hat ihr etwas ins Ohr getuschelt, was sie aufschrieb, und sich Weißwein nachgeschenkt. Die Flasche stand unter dem Regiepult. Wenn die Flasche leer war, ist Rike raus und hat ihm eine neue Flasche geholt. Am Ende der Probe haben die Mitglieder des Hauses geklatscht. Der Regisseur hat unterbrochen. Applaus vor der Premiere bringe Unglück. Er danke uns, dass wir zugeschaut hätten. Die Technik solle jetzt abbauen. Das Ensemble treffe sich in einer Viertelstunde zur Kritik in der Kantine.

Ich war zweiundzwanzig, als ich zum Theater kam. Ich hab das Studium abgebrochen, bin an die Pforte vom Stadttheater und hab gesagt, ich wolle mit dem Chefdramaturgen reden. Die Pförtnerin meinte, ich hätte einen Termin mit ihm, und hat versucht ihn zu erreichen. Als sie ihn nicht erreichte, hat sie sich entschuldigt. Es sei nicht das erste Mal, dass er Termine nicht aufgeschrieben habe. Ich solle in die Kantine runtergehen, warten. Den ganzen Tag hab ich in der Kantine gewartet. Ab und zu ist die Pförtnerin gekommen, um mir zu sagen, sie probiere es weiter oder jetzt habe sie ihn grad erreicht. Er sei leider noch in einer Sitzung. Wenn ich nicht mehr warten wolle, könnten wir einen neuen Termin ausmachen. Gegen Abend kam sie und sagte, jetzt sei er frei. Ich solle mit dem Aufzug in den achten Stock hochfahren.

Die Türe vom Büro war offen. Ich hab an den Türrahmen geklopft. Der Chefdramaturg saß am Schreibtisch. Der Schreibtisch voll mit Büchern und Papier. Der Chefdramaturg telefonierte. Er gab mir ein Zeichen, ich solle mich aufs Kanapee setzen. Vor dem Kanapee stand ein Tischchen, voll mit Büchern und Papier. – Spannend, spannend, sagte der Chefdramaturg ins Telefon. Er habe ihre Bewerbung gesehen. Interessante Biographie, ja. Sie wirke auf den Fotos übrigens sehr wandlungsfähig. Eine Vakanz hätten sie im Moment leider nicht. Aber vielleicht könnten sie sich mal kennenlernen, ganz unverbindlich, sie könnten zusammen essen gehen. Sie haben einen Termin abgemacht. Bis gleich, sagte der Chefdramaturg, lächelte und legte auf. Dann ist er wieder ernst geworden und mit dem Stuhl zu mir herübergerollt.

Es tue ihm leid, sagte er, dass er mich so lange habe warten lassen. Bei ihm im Kalender sei kein Termin eingetragen. Mit wem ich den Termin wohl abgemacht hätte. – Ich hätte keinen Termin abgemacht, sagte ich, ich sei spontan gekommen. Ich hätte das Studium abgebrochen und müsse zum Theater. – Der Chefdramaturg schaute mich über den Brillenrand hinweg an, als würde er mich nicht ganz ernst nehmen. Was ich denn gemacht hätte, bis jetzt. – Ich hätte Medizin studiert, sagte ich, aber ich wolle fürs Theater schreiben lernen. – Zum Schreiben müsse man nicht zum Theater, sagte er, das könne man einfach machen. Was ich denn schon geschrieben hätte. – Gedichte, sagte ich, Szenen, Lieder. – Ob ich etwas dabeihätte. Ich gab ihm das Büchlein mit Texten, das ich vorher extra noch im Kopierladen hatte binden lassen. Der Chefdramaturg hat drin rumgeblättert und laut vorzulesen angefangen:

würd man die die schaffen

schaffen lassen

und denen die schaffen

nicht noch zu schaffen machen

dann würd das schaffen

denen die schaffen

weniger zu schaffen machen

man würde die

die schaffen

nicht zu affen machen

Witzig, witzig, sagte er, ob die alle so seien. – Mir war’s unangenehm, dass der mir mein eigenes Gedicht vorliest wie einen Witz. – Ob ich nur Gedichte schreibe, fragte er. Und ob ich schon Stücke geschrieben hätte. Was er mir anbieten könne, wäre eine Hospitanz. Da könnte ich mal eine ganze Produktion von A bis Zett begleiten, sei allerdings nicht bezahlt. – Einen Lohn bräuchte ich nicht, sagte ich, ich hätte noch etwas Geld gespart. Ich hätte in den Semesterferien gearbeitet. – Dann frage er mich jetzt nicht, was ich geschaffen hätte, als was ich mich zum Affen gemacht hätte. Im Theater mache man sich übrigens auch zum Affen. Was er heute an Zeit verbracht habe mit sinnlosen Sitzungen. Statt dass man ihn habe schaffen lassen. Ich solle meinen Namen aufschreiben und die Telefonnummer, dann würden sie sich allenfalls bei mir melden. – Ich hab mich bedankt, den Namen und die Telefonnummer aufgeschrieben. Als ich raus bin, wusste ich, dass sich der bei mir nicht melden würde. Dass der mich schon vergessen haben würde, wenn ich aus der Türe raus bin.

Umso mehr hat mich überrascht, als ein paar Tage später die Sekretärin des Intendanten anrief. Sie hätten eine Produktion auf der Werkstattbühne, «Glückliche Tage» vom Samuel Beckett, und keinen Regieassistenten budgetiert. Ob ich eine Hospitanz machen wolle.

Die Rike hatte ihr Büro im Nebengebäude des Theaters, wo auch die Probebühnen drin waren. Ein großes Büro mit breiter Fensterfront, zusammen mit den Regieassistentinnen und Regieassistenten. Ihr Pult, ein runder Tisch, der Fotokopierer, zwei Telefone, die Kochplatte. Es roch nach Zigarette, Kaffee und verbrannter Milch. Rike war Hausregisseurin mit zwei Inszenierungen im Jahr und Dramaturgin. Verantwortlich für die Woche der neuen Dramatik, die immer im Sommer, kurz vor Spielzeitende, am Theater stattfand. Rike konnte Gastspiele einladen, zeitgenössisches Theater aus dem deutschsprachigen Raum. Sie war jeden Abend unterwegs, Theater schauen.

Zwischen den Proben bin ich zu Rike ins Büro. Hab gelesen, fotokopiert, telefoniert und Rike erzählt, wie’s läuft auf der Probe. Weil wir keine Dramaturgie hatten bei unserem Stück, hat sich Rike bereit erklärt, unser Programmheft zu übernehmen. Sie fragte mich, ob ich helfen würde. Ich bin in die Bibliothek und hab alles ausgeliehen, was ich zu Beckett und dessen Stück «Glückliche Tage» fand. Stapelweise schleppte ich Bücher ins Büro. So ein kurzes Stück, dachte ich, und so viel Sekundärliteratur.

Als ich Rike erzählte, dass ich schreibe, fragte sie, ob ich ihr mal was mitbringen würde. – Das meiste sei Mundart, sagte ich. – Sie könne schon Mundart lesen, sagte sie, sie habe auch schon Mundart inszeniert. Am nächsten Tag brachte ich ihr das Büchlein, das ich für den Chefdramaturgen im Kopierladen hatte binden lassen. Als sie’s gelesen hatte, sagte sie, einzelne Texte gefielen ihr gut. In der Mundart noch besser als in der deutschen Übersetzung. Bei der Übersetzung gehe halt doch einiges verloren. Bei dem einen, dem vom Schaffen, verstehe sie, dass der Chefdramaturg mit dem was anfangen könne. Das sei auch so einer, der die Arbeit lieber delegiere.

Wenn wir keine Abendprobe hatten, bin ich mit Rike Theater schauen gegangen. Im Zug las ich den Stücktext, den sie mir kopiert hatte. Vor der Aufführung sind wir zusammen in die Kantine. Die Rike bestellte ein Glas Retsina und Brot und Olivenöl. Das war ihr Abendessen. Fast in jedem Theater kannte sie jemanden, von Festivals, aus dem Studium, aus der Dramaturgischen Gesellschaft. Die organisierten uns Karten, manchmal auch die Übernachtung.

Ich war fünf Wochen am Theater, als mich Esther anrief. Es sei wieder so weit, sagte sie, sie wolle sich noch von mir verabschieden. Mit Esther war ich zwei Jahre zusammen. Ein ewiges Hin und Her aus Zusammensein und Wieder-nicht-Zusammensein, Schlussmachen und Sich-neu-verabreden. Vor anderthalb Jahren hatte Esther versucht, sich das Leben zu nehmen. Sie hat mir später davon erzählt. Sie habe ihren Eltern einen Abschiedsbrief geschrieben, sei dann mit der Tram in die Stadt und habe von der Brücke springen wollen. Als sie auf der Brücke stand, sei ihr die Brücke zu wenig hoch vorgekommen. Drum sei sie quer durch die Stadt, zu einer anderen Brücke, von der sie dachte, die sei höher. Unterwegs habe die Polizei sie erwischt. Die...



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