Kretschmann | Nicht alle Toten schweigen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 252 Seiten

Kretschmann Nicht alle Toten schweigen

Das Erbe der Likedeeler
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95530-834-6
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Das Erbe der Likedeeler

E-Book, Deutsch, 252 Seiten

ISBN: 978-3-95530-834-6
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
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Der pensionierte Kranführer Werner Graf kann mit dem Papier, das ihm bei einem Spaziergang ins Gesicht flattert nicht viel anfangen. Aber Graf ist ein neugieriger Mensch und hat viel Zeit. Er holt sich Hilfe bei der etwas ungewöhnlichen Wissenschaftlerin Jasmin Dreyer, um die Geheimnisse des Papiers zu entschlüsseln. Aus dem anfänglichen Spaß wird bald bitterer Ernst, als es die ersten Toten gibt. Da ist der gehbehinderte Sammler, der ihnen weiterhilft, da ist der unangenehme Kommissar Wilkens, nicht eben eine Zierde seines Berufsstandes und da sind seltsame Vorgänge, weit entfernt von Hamburg, in Mulsum, an der Nordseeküste, die alle auf eine verworrene Weise mit den alten Piratengeschichten um Klaus Störtebeker verwoben sind. Ihre Neugier bringt Werner Graf und Jasmin Dreyer mehrfach in Gefahr und auf welcher Seite der undurchsichtige Wilkens steht muss sich auch erst zeigen.

Jahrgang 1956, Wahlhamburger, Zeichner, Illustrator, Maler und Schriftsteller, mit einer Vorliebe für Bleistifte und britischen Humor, zeichnet sich seit mehr als 4 Jahrzehnten durch alle gängigen Genres. Ein Ende ist nicht absehbar...
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1


Ein kalter Wind trieb Papierfetzen über den leeren Kai und sammelte sie in den Ecken der zerbröckelnden Betontreppe, auf der ein Löwenzahn Wurzeln geschlagen hatte. Noch vor wenigen Jahren hatten in diesen Häfen die großen Überseedampfer angelegt und ihre Ladung gelöscht, aber jetzt herrschten die Ratten über die Docks, und Wind und Wetter nagten an den Gebäuden und Kaianlagen.

Das ganze Gelände war verlassen und leer. Überflüssig wie die Leute, die hier gearbeitet hatten. Werner Graf schlug den Kragen seiner Cabanjacke hoch und zog ein letztes Mal an seiner Zigarette. Die Kippe war so kurz geraucht, dass jeder weitere Zug ihm die Fingerspitzen verbrennen würde. Er schnippte den Rest der Zigarette in eine Pfütze. Zischend verlosch sie.

Er war hier Kranführer gewesen. 32 Jahre lang. Dann hatte der Betrieb Pleite gemacht und er saß auf der Straße. Mit seinen 56 Jahren fühlte er sich noch lange nicht dem alten Eisen zugehörig, aber einen Job bekam er trotzdem nicht. Zu alt. Lächerlich.

Er war jetzt Frührentner. Werner Graf hatte nie darüber nachgedacht, was er mit seiner Zeit anfangen würde, wenn er sein Berufsleben beendete. Er hatte immer gedacht, dass diese Entscheidung noch lange nicht anstehen würde, und dann war sie von einer Sekunde auf die andere da.

Die Lichter von Blohm+Voss strahlten durch die Nacht von der anderen Elbseite herüber und tauchten die ganze Gegend in ein fahles gelbes Licht. Genug, dass Graf nicht ins Stolpern kam. Er stieg über Betontrümmer hinweg und kletterte unter dem Zaun durch, der das Gelände absperren sollte, aber seinen Zweck in keiner Weise erfüllte. Werner Graf schob die Hände in die Taschen des wollenen Cabans und trottete am Ufer der Elbe entlang in Richtung auf den Grasbrook zu. Hafencity hieß das jetzt. Dahinter, auf der Spitze des Kaiserkais, bauten sie die neue Staatsoper. Elbphilharmonie nannte sich das. Was für ein Blödsinn! Ausgerechnet eine Oper! Einen Musikklub mehr könnte die Stadt sicher noch brauchen, aber eine Oper? Und für so eine Summe? Das Ding kostete mehr, als Graf sich auf einem Haufen vorstellen konnte.

Wenn es wenigstens schön gewesen wäre! Aber er hatte die Entwürfe in einer Sendung im Dritten gesehen. Stahl und Beton. Neumodischer Mist.

Werner Graf wohnte in seiner kleinen Altbauwohnung in der Hein-Hoyer-Straße schon seit fast 30 Jahren. Ein Jugendstilbau mit einem Medusenhaupt über dem Eingang und geschnitzten Türen. In den Zimmern prangte Efeustuck unter den Decken und die Türgriffe waren aus Holz. Das war in seinen Augen Stil, nicht diese moderne Betongießerei.

Er bog aus dem Grasbrook nach links in die Straße Am Kaiserkai ein und die Baustelle der Oper kam in Sicht.

Werner Graf drehte sich gegen den Wind und fingerte eine neue Zigarette aus der fast leeren Packung. Das Einwegfeuerzeug flammte auf und er sog den Rauch ein.

Das Blatt klatschte ihm mitten ins Gesicht, als er sich umdrehte, um seinen Weg fortzusetzen. Seine Hand fuhr hoch und zog das Papier von den Augen fort. Fast wäre seine Brille heruntergefallen. Na danke, ohne Sehhilfe den ganzen Weg zurück! Ohne seine Brille war er nahezu hilflos. Graf schob das Gestell auf der Nase zurecht und warf einen Blick auf den Fetzen in seiner Hand. Er wollte ihn schon weiter dem Wind überlassen, aber das Papier fühlte sich seltsam zwischen den Fingern an. Dicker als normales Schreibmaschinenpapier. In einer altertümlichen Schrift war etwas darauf geschrieben. Eng schoben sich Reihen eleganter Buchstaben über das vergilbte Dokument. In der Schule hatte er Sütterlinschrift gelernt, und diese Schrift sah dem Sütterlin ähnlich, aber Werner Graf konnte sie nicht entziffern. Er faltete das Blatt zusammen, wobei er bemerkte, dass das Papier keine Knicke aufwies. Es schien vorher noch nie gefaltet worden zu sein.

Er schob das gefaltete Blatt in die Innentasche seiner Cabanjacke.

In der Ferne heulten Sirenen. Polizei und Feuerwehr. Die Einsatzfahrzeuge kamen näher. Er drehte sich um und sah die Lichter den Grasbrook herauf auf sich zukommen. Er trat an den Straßenrand, da raste schon der erste Polizeiwagen mit heulender Sirene, die in den Ohren schmerzte, an ihm vorbei, gefolgt von einem Krankenwagen und einem Feuerwehrfahrzeug. Kein Löschfahrzeug, sondern eines der kleineren Modelle. Sie hielten an der Baustelle der Elbphilharmonie und sofort sprangen die Freunde und Helfer aus den Wagen und rannten in den Bau hinein.

Langsam ging Werner Graf weiter. Am Ende des Kais führte eine Brücke hinüber zum Sandtorkai und von da kam man über die Kehrwiederspitze zur U-Bahn-Haltestelle Baumwall. Der Wind kam noch immer von vorn und trieb einen feinen Sprühregen vor sich her. Verflucht, jetzt regnete es auch noch. Dabei hatte NDR 3 einen trockenen Abend vorhergesagt …

Mit gesenktem Kopf ging Graf weiter. Den Mann, der auf ihn zugerannt kam, sah er erst im letzten Moment. Schnell sprang er zur Seite, sonst wäre der blasse, dürre Kerl glatt in ihn hineingerannt. Die Augen des anderen blinzelten und Tränen rannen ihm über das Gesicht.

„Kann ich helfen?“

Graf zog seine Hände aus der Jacke und breitete die Arme aus, aber der andere lief weiter. Ein kurzes Schluchzen, dann verschluckte ihn die Dunkelheit des Hafens. Graf schüttelte den Kopf und ging weiter.

An der Baustelle musste er rechts herum, um zum Sandtorkai zu kommen.

Die Sanitäter trugen eben eine Bahre heraus. Die Decke, die sie über den Körper auf der Trage gelegt hatten, verhüllte auch das Gesicht. Große, feuchte dunkle Flecken zeichneten sich auf ihr ab. Was da unter dem Stoff lag, bot sicher keinen schönen Anblick. Ein Arbeitsunfall? Graf hob den Blick und schaute zur oberen Kante des Bauwerks hinauf. Das war ein ganzes Stück zu tief, um einen Sturz zu überleben. Hatte der Kerl, der ihn beinahe umgerannt hätte, den Toten gekannt?

Werner Graf ging weiter. Hinter ihm wurden Wagentüren zugeworfen. Mit eingeschaltetem Blinklicht, aber ohne Sirenen fuhren die Einsatzfahrzeuge ab.

Graf stieg am Baumwall in die U3 und fuhr bis St. Pauli. Das Heiligengeistfeld lag verlassen da und er kam ungehindert quer über den Platz zur Fußgängerampel. Er ging die Clemens-Schultz-Straße entlang und nahm sich wieder einmal vor, nachzuschlagen, wer zum Henker dieser Clemens Schultz gewesen war. Nach ein paar Metern stand er vor dem Eingang seines Wohnhauses in der Hein-Hoyer-Straße und schüttelte sich die Wassertropfen von der Jacke. Seine Wohnung lag im fünften Stock und einen Aufzug gab es nicht. Aber das hält fit, sagte sich Graf und stieg klaglos die knarrenden Stufen hoch.

Illu 1: Die alte Polizeiwache am Brooksfleet. Werner Graf geht über die Wilhelminenbrücke, die die Kehrwiederspitze mit der Straße Am Sandtorkai verbindet.

Seine Wohnung war klein, aber gemütlich. Auf drei Zimmer verteilte 24 Quadratmeter, die voller Poster von Grateful Dead, Pink Floyd und Deep Purple hingen, alle schön gerahmt und in der gleichen Höhe aufgehängt. Die Möblierung war eher spärlich, mit Ausnahme des Wohnzimmers. Bücherregale, eine gewaltige Stereoanlage, ein kleiner Fernseher, der an den Verstärker angeschlossen war. Und eine Menge kitschiger Engel. Zu Dutzenden hingen bronzene, irdene, hölzerne und einige aus Porzellan in allen Größen und Formen an einer Wand, aber alle waren mehr oder weniger vergoldet.

Graf hängte die nasse Jacke sorgfältig auf ihren Bügel und zog sie gerade, damit der Wollstoff des Cabans keine Beulen bekam. Es war noch kaum halb zehn Uhr abends. Im Fernsehen liefen die üblichen Samstagabend-Sendungen. Auf Gottschalk und Konsorten hatte Graf noch nie Lust gehabt. Er setzte einen Kessel auf den Gasherd und holte die Flasche Rum aus dem Schrank. Hinter den geschwungenen Scheiben der Seitenfächer bewahrte er seine Alkoholika auf. Der 70-Prozentige ergab mit heißem Wasser und einem Löffel Zucker einen hervorragenden Grog, der die Wärme in seine ausgekühlten Füße zurückbringen würde.

Graf schlurfte auf Socken in den Flur, zog das Papier aus der Innentasche des trocknenden Cabans und ging dann ins Wohnzimmer. Ein wohlüberlegter Griff in die CD-Sammlung lieferte die passende Musik. Mit der Fernbedienung und dem Grog machte er es sich auf der kleinen Couch gemütlich, drehte sich eine Zigarette aus dem Halbschwarzen, den er in der Porzellandose auf dem Tisch aufbewahrte. Zu Hause rauchte er immer Selbstgedrehte. Das war zum einen billiger und zum anderen mochte er den Geschmack. Ein Druck auf die Fernbedienung und die CD lief an. Jethro Tull, Too Old to Rock ’n’ Roll: Too Young to Die!. Das passte zu seiner Stimmung. Er rauchte die Zigarette an und legte sie in den indischen Messingaschenbecher, nahm einen Schluck von dem heißen Grog und wendete sich dann dem Flugblatt zu, das er ins Gesicht bekommen hatte.

Er strich das Papier so glatt es ging und legte es vor sich auf die Tischplatte. Jetzt wollen wir doch mal sehen, was das ist! Papier war es jedenfalls nicht. Es hatte eher die Farbe und das Aussehen von Pergamin, diesem Backpapier, das seine Mutter immer auf die Bleche gelegt hatte, wenn sie zu Weihnachten ihre Zimtsterne gebacken hatte. Graf strich mit dem Finger über die samtig glänzende Oberfläche. Es fühlte sich aber anders an. Stumpfer, rauer. Nicht glatt und fettig wie Backpapier.

Er fand es auch sehr verwirrend, dass das Papier oder Pergament oder was es nun auch immer war, nicht den Eindruck erweckte, es sei sehr alt.

Graf befeuchtete seinen Zeigefinger und tupfte auf die gräulich aussehende Tinte, mit der das Pergament beschrieben war. Sie löste sich nicht auf. Frische...



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