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E-Book

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Kreis Mit und ohne Feuer gegen Jugendgefährdung (E-Book)

Zur Schundbekämpfung in der Schweiz nach 1945
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-0355-1998-3
Verlag: hep verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Zur Schundbekämpfung in der Schweiz nach 1945

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-0355-1998-3
Verlag: hep verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Dieses E-Book enthält komplexe Grafiken und Tabellen, welche nur auf E-Readern gut lesbar sind, auf denen sich Bilder vergrössern lassen.
1965 wurden in der Schweiz während öffentlichen Demonstrationen haufenweise Schriften verbrannt, weil sie als Schund und darum vor allem als jugendgefährdend eingestuft wurden. Wie sind die aus heutiger Sicht schockierenden Aktionen einzuordnen? Aus welcher Tradition gingen sie hervor und wie wurden sie in der eigenen Zeit beurteilt? Die vorliegende Studie geht diesen Fragen nach. Sie erschliesst die Schunddebatte insbesondere der 1950er-Jahre und stellt fest, wer mit welchen Argumenten und welcher Resonanz aus welcher gesamtgesellschaftlichen Stimmung gegen «untergeistige» Literatur antrat. Die Studie zeigt so von der Schweiz eine bisher wenig bekannte Seite der Jahre nach 1945 und berührt die Frage, auf welche Phänomene unserer Tage allenfalls mit überschüssiger Ablehnung reagiert wird.

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1 Die Brandaktionen von 1965


Am 22. Mai 1965 wurden in Brugg in einer öffentlichen Aktion ganze Berge von «Schundheftli» verbrannt.[30] Zuvor war die Bevölkerung mit Plakaten, Merk- und Flugblättern und «in geplanter Reihenfolge», wie die Organisatoren betonten, auch durch die Lokalpresse auf das Schundproblem und die bevorstehende Veranstaltung aufmerksam gemacht worden. In der letzten der in den Medien platzierten Voranzeigen kam die Erwartung zum Ausdruck, dass der 22. Mai zu einem «denkwürdigen Tag» werde. Die Wichtigkeit des Anlasses wurde mit dem Hinweis herausgestrichen, dass das Fernsehen «mit Kameramännern und Tonbandoperateuren» anwesend sein werde und dass man Gelegenheit habe, den kürzlich gewählten und dem Erziehungsdepartement vorstehenden Regierungsrat kennenzulernen. Als zusätzliche Attraktion wurde ein «Gratisimbiss» in Aussicht gestellt.[31] Am besagten Tag wurde mit Fahrzeugen, mit Lautsprechern im Städtchen Brugg und in den umliegenden Gemeinden geächtetes Material eingesammelt und später unter Einsatz von Jazz-Musik (!) zur Brandstätte gefahren.

Für ein Kilo abgegebener Schriften konnte ein wertvolles Buch eingetauscht werden. Zu diesem Zweck stiftete der Ex-Libris-Verlag (Migros) Bücher im Wert von 5000 Franken.[32] Die ganze Aktion wurde als Wettbewerb aufgezogen, es war auch von «Olympiade» die Rede. Im Sammeleifer und im Bestreben, bei der Eintauschaktion möglichst viel Gewicht auf die Waagschale zu bringen, wurden, wie in späteren Berichten hervorgehoben wurde, auch Schriften, die eindeutig nicht zum «Schund» zu zählen waren, wie «Das Tier», «Radio + Fernsehen», «Der Sonntag», «Leben und Glauben», von der Säuberungsaktion erfasst. Selbstverständlich gehörte aber auch das Boulevardblatt «Blick» dazu.

Die Aktion mündete nach einem Umzug zur «Richtstätte» in eine nächtliche Brandfeier im Brugger Schachen. Hunderte mit Fackeln ausgestattete Jugendliche nahmen teil.[33] Ein Lehrer hatte zuvor Lieder und Texte einstudiert, um für die Versammlung einen «würdevollen» Rahmen zu schaffen. Die Migros stellte mit einer weiteren Spende 500 Würste zur Verfügung, die gemäss der Schilderung eines Beteiligten auf den Grillrosten des Festplatzes «eine Nüance folkloristischer Wärme» verbreiteten.[34] Als Redner traten der Aargauer Erziehungsdirektor Arthur Schmid (SP) und der Badener Gewerbeschullehrer Hans Keller auf. Schmid bezeichnete (gemäss Presseberichten) das Aufspüren, Sammeln und Verbrennen von Schund als wertvollen «geistigen Sport»; er gab der Hoffnung Ausdruck, dass die Aktion der Brugger Jugend zu einem (wie in der Presse fett hervorgehoben wurde) Fanal für den Aargau und für die Schweiz werde; er bemerkte aber auch, dass das Problem des süchtigen Schundkonsums nur durch «erzieherische Arbeit» gelöst werden könne.[35]

Es war Hans Kellers Rede, die, wenn man Presseberichten folgt, dazu führte, dass der Anlass mit der Nazi-Vergangenheit in Verbindung gebracht wurde. Keller rechtfertigte die Aktion mit dem Argument, Hitler habe Geist verbrannt, «wir verbrennen Schund, Schmutz und Dreck».[36] Ein Blatt bemerkte, dass der Klamauk nur komisch gewesen sei; «doch als Schulmeister Keller ins Mikrophon röhrte, es sei zu hoffen, dass am nächsten 1. August anstelle der ‹blöden bengalischen Feuer› Schund und Schmutz verbrannt werde, blieb einem das Lachen im Hals stecken».[37] Ein anderes Blatt zitierte einige Schüler, die an Kellers Rede den «grössten Plausch» gehabt hätten, «weil man endlich so recht aus vollem Hals brüllen konnte».[38]

Abb. 1a & b: Aufsehenerregende und den Aktionswillen der Organisatoren veranschaulichende Vehikel, am Morgen für die Sammlung eingesetzt, am Abend wichtige Elemente des Umzugs. (Quelle: Keystone)

Abb. 2a & b: Mit Fackeln den Demonstrationswillen zum Ausdruck bringen und zugleich Aufmerksamkeit erzeugen, am Abend selbst und mindestens so sehr für die Medien und ihre Berichterstattung in den Tagen danach. Ein Fotograf dokumentiert das grosse Brandfeuer. (Quelle: Keystone)

Wer war diese zentrale Figur der Brugger Veranstaltung von 1965? Hans Keller, Jahrgang 1903, war seit 1930 Hauptlehrer an der Gewerbeschule Baden und langjähriger Redaktor der Lesehefte der Zeitschrift «Gewerbeschüler», er war Mitglied der Aargauer Konferenz für Berufsschulen und der kantonalen Lehrlingskommission.[39] Schon seit Jahren hatte sich Keller im Kampf gegen die Schundliteratur engagiert. Bereits zwölf Jahre vor der Brugger Aktion, im Oktober 1953, hatte er in den Leseheften unter dem Titel «Eine trübe Flut» eine grössere Sammel- und Eintauschaktion gestartet.[40] Er ermunterte seine Leser, sich zu einer «tapferen Tat» aufzuraffen und in Schubladen und auf Büchergestellen nach «faulen» Schriften zu suchen und ihm diese zuzustellen. Gegen mindesten fünf Hefte erhalte man eine Jugendschrift aus dem Sauerländer-Verlag (der auch den «Gewerbeschüler» verlegte).[41] Wenn man mehr abliefere, könne es auch zu einem «schönen Buch» aus dem gleichen Verlag reichen. Alles in allem stünden Preise bis zum Höchstbetrag von hundert Franken zur Verfügung. In der folgenden Nummer werde er über die Rückmeldungen berichten. Und noch im selben Jahr hatte Keller erklärt (und für sich in Anspruch genommen), dass er sich seit vielen Jahren mit dem Schundproblem beschäftige und auch den Umgang mit der Frage im Ausland verfolgt habe.[42] In der nächsten Ausgabe des «Gewerbeschülers» vom Februar 1954 berichtete Keller über den Erfolg seiner Aktion. Das sei eine grosse Belohnung für die «gewaltige Mehrarbeit» gewesen, und damit meinte er die Verarbeitung von 126 Einsendungen mit 4600 Heftchen, insgesamt 300 Kilo Gewicht, und die anerkennenden Begleitbriefe, aus denen er ausführlich zitierte.[43]

Abb. 3: Hans Keller, Jahrgang 1903, in den 1950er- und 1960er-Jahren als Schundbekämpfer unterwegs. (Quelle: Weltwoche Mai 1965)

Kellers Aktion wurde von interessierten Kreisen wahrgenommen und publizistisch weitergetragen. Im «Pro Juventute»-Heft vom Januar 1954 übernahm Zentralsekretär Otto Binder den Titel «Die trübe Flut» für einen eigenen Beitrag und räumte einem Ausschnitt aus Kellers Artikel von 1953 Platz ein.[44] Und im Februar 1954 berichtete die NZZ mit anerkennenden Worten über Kellers «verdienstvolle» Aktion und schloss sich auch dessen Einschätzung der Verhältnisse an: «Eine trübe Flut wälzt sich über unser Land dahin, eine Flut, die aus dem Ausland hereingeschleust wird und in die auch einige einheimische Editoren ihr Schlammbächlein leiten.»[45] Im März 1954 würdigte Emmy Moor in ihrer stark verbreiteten Schrift der Gewerkschaft VPOD (s. unten) Kellers «bahnbrechende» Aktion gegen Schundliteratur und seine Forderung, dass die Schweiz wenigstens ein Einfuhrverbot für Schriften erlasse, die auch in Westdeutschland verboten seien.[46]

Im Juni 1954 wandte sich Keller an die drei Landeskirchen und brachte zustande, dass diese am 27. November eine grosse Konferenz zur Schundbekämpfung durchführten und ihn das «grundlegende Referat» halten liessen. Im Protokoll ist notiert, dass das Zustandekommen dieser Konferenz der persönlichen Initiative Hans Kellers zu verdanken sei. Keller vertrat in dieser Runde die Meinung, nicht der Staat, sondern vor allem die Kirche müsse den Kampf gegen die «grosse Gefahr» führen. In den weiteren Ausführungen war erstaunlich wenig vom Schund die Rede; Keller brandmarkte vor allem die gesellschaftlichen Defizite: «Es ist höchste Zeit, dass wir die Augen aufmachen, um die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Unsere Jugend hat auch in der Familie kaum mehr den nötigen Rückhalt und ihre Arbeit kommt ihr oft sinnlos vor. Die moderne Vergnügungs- und Unterhaltungsindustrie hat die geistige Leere und Verödung erkannt und nützt sie nun aus, indem sie uns mit einer Reizüberflutung überschwemmt.» An weiteren Defekten wurden genannt: schreiende Reklame, Film, Fussballweltmeisterschaften, Rennsport, Alkohol, Sonntagsentheiligung, Dominanz der Wirtschaft. Das im Protokoll als «flammend» gewürdigte und offenbar mit grossem Applaus aufgenommene Referat endete mit dem Appell: «Der Worte sind genug gewechselt, lasst uns Taten tun!»[47] Der Resolutionstext der Kirchenkonferenz, der an die Presse ging und von dieser weitergegeben wurde, hatte eine doppelte Funktion: In erster Linie diente er gewiss der Warnung vor dem Schund, in zweiter Linie aber auch der Selbstdarstellung von Institutionen, die sich um das Gemeinwohl Sorgen machten.[48]

Keller liess sich im November 1954 auch von der parakommunistischen Organisation «Zürcher Frauenvereinigung für den Frieden und Fortschritt» zu einem Referat einladen, was ihm den Vorwurf eintrug, sich von diesen gesellschaftsfeindlichen Kräften missbrauchen zu lassen.[49] Und im Dezember 1954 war Keller einer der Referenten der ersten vom Zürcher Jugendamt veranstalteten Konferenz zur Schundliteratur. Die zentralen Aussagen seines Referats konnte man in der Presse nachlesen: «Jahrelange Versuche in Schulen zeitigten eine einzige Möglichkeit, in die geistige Phalanx der Schundliteratur einzubrechen, die Ursache zur Lektüre zu verstehen suchen und sie ebenfalls zu lesen! Nur...


Kreis, Georg
Georg Kreis, Jg. 1943, em. Prof. für Neuere Allgemeine Geschichte und Schweizer Geschichte der Universität Basel, 1993 Gründungsdirektor des interdisziplinären Europainstituts, 1995–2011 Präsident der neu geschaffenen Eidg. Kommission gegen Rassismus, 1996–2001 Mitglied der Historikerkommission «Schweiz Zweiter Weltkrieg». Zahlreiche Publikationen zu verschiedensten Themen des 20. Jahrhundert. Herausgeber des Handbuches «Die Geschichte der Schweiz».

Georg Kreis, Jg. 1943, em. Prof. für Neuere Allgemeine Geschichte und Schweizer Geschichte der Universität Basel, 1993 Gründungsdirektor des interdisziplinären Europainstituts, 1995–2011 Präsident der neu geschaffenen Eidg. Kommission gegen Rassismus, 1996–2001 Mitglied der Historikerkommission «Schweiz Zweiter Weltkrieg». Zahlreiche Publikationen zu verschiedensten Themen des 20. Jahrhundert. Herausgeber des Handbuches «Die Geschichte der Schweiz».



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