E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Krasznahorkai Der Gefangene von Urga
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-10-402087-7
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-10-402087-7
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
»Jedes meiner Bücher soll die literarische Landkarte verschieben«, sagt László Krasznahorkai, dem 2015 der International Man Booker Prize verliehen wurde. 1954 in Gyula/Ungarn geboren, gilt er als einer der innovativsten Schriftsteller Europas, dessen Romane »Satanstango« und »Melancholie des Widerstands« überall auf der Welt begeistert aufgenommen werden. Die internationale Beachtung begann jedoch 1993 in Deutschland mit dem SWR-Bestenliste-Preis für »Melancholie des Widerstands«. In den letzten Jahren erschienen die Erzählbände »Seiobo auf Erden« (Brücke-Berlin-Preis und Literaturpreis Leuk 2010) sowie »Die Welt voran« (2014). Für seinen Roman »Baron Wenckheims Rückkehr« (2018) wurde er mit dem National Book Award 2019 for Translated Literature ausgezeichnet. 2021 erhielt er den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur sowie 2024 den spanischen Literaturpreis Prix Formentor. Zuletzt erschienen der Roman »Herscht 07769« und der Erzählband »Im Wahn der Anderen«. Heute lebt László Krasznahorkai in Triest, Italien.
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II Zwei kleine Hände am Anlassschalter
In der Nacht eines fernen Herbsttages, weit weg schon von den jetzigen fiebrigen Stunden und vom Präsens imperfectum des Niederschreibens, da das Radio auf meinem Tisch in einem fort hysterisch wiederholt, dass wieder Krieg ist, im schönen Nebel des jenseitigen Ufers des Friedens also, gegenüber dem blutig erschreckenden diesseitigen, in jener Nacht Ende September lief mein Zug, ein russischer und unterwegs von Ulaanbaatar nach Beijing, mit seinen sieben Waggons verbotenen Tätigkeiten nachgehenden mongolischen und polnischen Handelsreisenden und einem Wagen mit vierundzwanzig Fahrgästen – mich eingeschlossen –, die eine verborgene Änderung ihres Schicksals planten, aus der absoluten Finsternis der Wüste Gobi in die Station Dzamyn Uud ein. Die Bremsen kreischten, die Schlafenden schreckten hoch, die Lokomotive blies mit einem langen Seufzer seitlich den Dampf aus, und wenngleich wir wussten, dass sich die Wüste den Karten nach noch über schier endlose Kilometer fortsetzen würde, hatten wir doch alle das Gefühl, für uns sei sie hier, irgendwo bei Dzamyn Uud, zu Ende. Vielleicht, so wurde korrigierend eingewandt, ist sie wirklich zu Ende, vielleicht, so verlagerte sich der entscheidende Nachdruck von der Besorgnis auf die Zuversicht, wird das der Punkt sein, wo wir aufatmen können, und als uns das ohrenbetäubende Kreischen der Bremsen aus den Abteilen lockte und wir im durch uns selbst verursachten Gedränge schließlich doch alle einen Platz an den Fenstern des Ganges fanden, lag in dieser Verschiebung des Akzents bereits die Überzeugung, tiefer, noch tiefer könne es nun nicht mehr gehen; von hier, und wir begannen den Namen der Bahnstation zu studieren, führe der Weg ganz bestimmt nur hinaus. Zamin Uud, buchstabierte ich die kyrillische Tafel. Zhamen Aid, rief neben mir jemand ins Abteil. Tzam Ude, hörte ich weiter hinten. Die Erleichterung war allgemein.
Eine lange Fahrt lag hinter uns, wie lang, konnten wir nicht wirklich wissen, denn der Maßstab, mit dem wir es hätten bestimmen können, hatte unterwegs versagt. Das heißt, eigentlich ging es nicht um den Maßstab und auch nicht um die Länge, sondern darum, dass uns diese Wüstenreise in ein Wissen einführte, das niemand besitzen wollte, dass sie uns eine Erfahrung schenkte, auf die wir alle nicht vorbereitet waren – ich muss sogar sagen, dass mit dieser Erfahrung Unwürdige belohnt wurden, dass für dieses Wissen Ungeeignete eingeweiht wurden. Wir hatten nämlich nicht einmal damit gerechnet, dass zwischen Ulaanbaatar und der mongolisch-chinesischen Grenze überhaupt mit irgendetwas zu rechnen sei, im Gegenteil, wir meinten, wenn es lang wird, dann wird es eben lang, wir halten es aus, die Kupees sind den Umständen entsprechend bequem, die Heizung ist gut, das Einzige, worauf wir uns einstellen müssen, ist die Langeweile – und diese kleine Unannehmlichkeit, so hatten wir uns schon auf dem Bahnhof von Ulaanbaatar gesagt, ist wahrhaftig zu ertragen, wenn man bedenkt, was einen hernach erwartet. Unsere Vorstellungen waren also recht naiv; kein Wunder, dass es uns überraschte, ja geradezu verblüffte, dass unsere Fahrt durch die Wüste nicht die Geschichte beschwerlicher Erlebnisse und Prüfungen wegen eingeschlafener Gliedmaßen, sondern die des Bewusstwerdens einer Ausnahmesituation sein würde: die Erkenntnis einer Tatsache, die, wie wir glaubten, mit der Alltagswelt unseres Lebens deshalb nicht in Verbindung zu bringen war, weil wir in uns vor allem die vermutete abstrakte Allgemeinheit zu entdecken vermochten, auf die sich dieses weniger in unerwarteter Erkenntnis oder Bewusstwerdung, wie zuvor behauptet, sondern in eher langsamem Bemerken erworbene Wissen auf das entschiedenste bezog. Ich will durchaus nicht verschweigen, dass gegen die bisherige und nachfolgende, ein wenig willkürliche Benutzung des Plurals wahrscheinlich alle meine dreiundzwanzig Mitreisenden protestieren würden, führte uns in ihn – und damit vorerst genug hierzu – doch tatsächlich nicht die gegenseitige Bekanntschaft; beim Einsteigen hatten wir uns nur flüchtig gemustert und uns dann wortlos mit dem Partner oder allein in unser jeweiliges Abteil zurückgezogen; aber auch sie würden nicht bezweifeln, dass wer sich als an sich schon auffälliges Zeichen unserer Verwandtschaft eine Karte für den Zug nach Beijing gekauft hatte, die eigenen Ziele und eigenen Schwierigkeiten nicht mehr – wie es so bedrückend häufig zu geschehen pflegt – mit den poetischen Zielen und Schwierigkeiten eines der Phantasie entsprungenen Helden verwechselte. Denn in unserem Fall handelte es sich – und auch darin würden sie mir vielleicht alle zustimmen – um langweilige, trockene, verdrießliche Menschen, nicht nur dadurch verbunden, dass sie nicht mehr hinters Licht zu führen waren, sondern auch durch das Gegenteil, durch die über bloße Verbitterung hinausreichende, letztendlich nicht ausgeschlossene Möglichkeit, dass diese vierundzwanzig, mich eingeschlossen, unter bestimmten unverhofften Umständen – und solchen uns auszusetzen waren wir ja im Begriff – und gerade in den empfindlichsten Dingen einmal noch, ein letztes Mal, zum Abschied gleichsam – sehr wohl hinters Licht zu führen waren. Zwischen uns bestand eine Ähnlichkeit, die uns in ihrer entwickeltsten Variante anstatt mit Freude oder Stolz eher mit Unruhe erfüllte, vermuteten wir doch einen Angriff auf unsere behütete Einsamkeit; andererseits war es aber eine so verräterische, so offenkundige Ähnlichkeit, dass ich mich jetzt noch ermächtigt fühle, zwar nicht bestätigbare, aber doch wahre, sogenannte freie Aussagen dazu zu machen … beispielsweise dazu, dass wir, sofern wir nach dem Grund der Reise gefragt wurden (»Wozu fahrt ihr bloß nach China …!«), weiteren Fragen mit großer Wahrscheinlichkeit auf genau die gleiche Weise vorbeugten, indem wir sagten, weil wir Vergessen für unsere Sorgen suchten, und dass, wenn die ungläubigen und ein wenig gekränkten Fragenden hierauf brummelten, zur anderen Seite der Erde zu wandern, das sei nicht gerade die normale Art des Vergessens, wir mit noch größerer Wahrscheinlichkeit antworteten, o ja, das stimme, aber unsere Sorgen seien auch nicht das, was man normal nenne. Das alles mag als einseitige Charakteristik unserer Verhältnisse und als Information für die Daheimgebliebenen so zutreffen; anders gesehen sind unsere Motive jedoch – und ich komme auf die Angelegenheit zu sprechen, um darüber berichten zu können – bescheidener, erdverbundener, sogar kleinlicher, würde ich sagen, wenn es nicht zu schonungslos wäre, als die desjenigen, der uns in sein ewiges schreckliches Reich, denn das geschah mit uns vor Dzamyn Uud in der Gobi, einführte. Wenn überhaupt etwas, erwarteten wir hier nicht mehr als die überraschungsfreien Phrasen der Wüste und unser gelangweiltes Abwinken ob »ihrer Unendlichkeit«, »ihres dürstenden Sandes«, »ihrer mondgleichen Verlassenheit«; stattdessen gerieten wir ganz unerwartet in einen gespenstischen Raum der Zeitlosigkeit und der Unsterblichkeit, in deren, um es geradeheraus zu sagen, für Menschen unerträgliche Provinz – wenn ein verblasstes Wörtchen wie »unerträglich« überhaupt noch etwas von dem auszudrücken vermag, wovor wir alle sehr erschraken und von dessen unmittelbarem Druck befreit zu sein uns jetzt bei Dzamyn Uud, als wir aus dem Fenster blickten, so wohltat. Denn durch die Gobi zu reisen, denn die Wüste in russischen Waggons Richtung Beijing zu durchqueren, denn an einem Herbsttag mit der Durchschnittsgeschwindigkeit der russischen Züge sich aus dem Bogd-Gebirge bis zur mongolisch-chinesischen Grenze in die leblose Leere der Wüste Gobi zu wagen, das bedeutete, in sie einzugehen, es bedeutete, spurlos zu werden, sich für verschwunden zu erklären, sich vorübergehend aus dem irdischen Dasein zu verflüchtigen; unter solchen Umständen nämlich behauptete diese Wüste – eine mehrtausendjährige, paradiesische Metapher des märchenhaften Entkommens zerstörend –, dass die Ewigkeit zwar Wirklichkeit ist, für uns aber eine albtraumhaft abschreckende Wirklichkeit, dass die Ewigkeit zwar die Provinz der Götter ist, diese Götter aber starr, unnahbar, kalt und höllisch sind, dass die Ewigkeit nichts anderes ist als bis zum Wahnsinn erhitzte vollkommene und schicksalhafte Symmetrie, dass die Ewigkeit nichts anderes ist als die ideale, unzerrüttbare Perfektion der Wiederholung. Wir standen im Gang an den Fenstern und betrachteten das Blau, das Gelb und das Rot der riesigen Neonröhren, die kyrillischen, uigurischen und chinesischen Schriftzeichen des Stationsschildes an der Fassade des ohnehin schon recht sonderbaren Bahnhofsgebäudes, aber bis wir uns darüber ins Klare kommen konnten, was wir mit diesem Wissen nun anfangen und welchen Preis wir für dieses Eingeweihtsein zahlen sollten und wie wir hiernach überhaupt zu unseren eigenen, ursprünglichen Maßstäben zurückfinden könnten, hatten wir auch schon zu ihnen zurückgefunden, hatte die Erleichterung über die Ankunft aus unseren außergewöhnlichen Erfahrungen schon die bedrückenden Schattierungen herausgelöst, und während in wachsendem Maß Dzamyn Uud unsere Aufmerksamkeit fesselte, blieb von diesen außergewöhnlichen Erfahrungen allmählich nicht mehr übrig als eine sich selbst induzierende, uns am Rückgrat kitzelnde, wohlige Erregung, wenn also die bisher ziemlich romantische Geschichte der Annäherung an das chinesische Reich mit einer solchen Einführung versehen sei, dann würden wir in unseren Erwartungen bestimmt nicht enttäuscht werden, dann werde China mit seinen noch nicht erahnten Schattierungen tatsächlich ein Reich des Vergessens und etwas Großartiges...




