E-Book, Deutsch, Band 519, 250 Seiten
Reihe: KBV Krimi
Kramp Tödlich währt am längsten
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-95441-675-2
Verlag: KBV
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Neue bitterböse Geschichten
E-Book, Deutsch, Band 519, 250 Seiten
Reihe: KBV Krimi
ISBN: 978-3-95441-675-2
Verlag: KBV
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ralf Kramp, geb. 1963 in Euskirchen, lebt in einem alten Bauernhaus in der Eifel. Für sein Debüt »Tief unterm Laub« erhielt er 1996 den Förderpreis des Eifel-Literatur-Festivals. Seither erschienen zahlreiche Kriminalromane und Kurzgeschichten. In Hillesheim in der Eifel unterhält er zusammen mit seiner Frau Monika das »Kriminalhaus« mit dem »Deutschen Krimi-Archiv« (30.000 Bände), dem »Café Sherlock«, einem Krimi-Antiquariat und der »Buchhandlung Lesezeichen«. Im Jahr 2023 wurde er mit dem Ehren-Glauser für »herausragendes Engagement für die deutschsprachige Krimiszene« ausgezeichnet.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Casanova und die Damen im Bade
Morgen Belinda, Morgen Roselie, Morgen Fritzi, Morgen Franzi, Morgen Casanova!« Kurt Brömmel begrüßte seine Hühner jeden Tag mit Namen. Ihr vielstimmiges Gackern, Gurren und Glucksen wertete er als freundliche Entgegnung. »Morgen Kurt«, schienen sie ihm alle zu sagen, wenn sie morgens aus dem Hühnerstall kamen, er ihnen Körner hinstreute, frisches Wasser in die Trinkstellen füllte oder in den Nistkästen nach Eiern sah.
Das ein oder andere Huhn ließ sich streicheln, was Casanova – ein stolzer Rheinländer Hahn mit leuchtend buntem Gefieder – stets skeptisch beobachtete.
»Du hast vier Frauen und ich keine«, sagte Kurt. »Also stell dich nicht so an.«
Die Hühner waren Kurts Ein und Alles. Sie machten ihm Arbeit und Freude gleichermaßen. Sie schenkten ihm schmackhafte Eier, und vor allen Dingen konnte er stundenlang auf dem alten Holzschemel an der Bretterwand sitzen und ihnen dabei zusehen, wie sie zwischen den Grasbüscheln und Steinen herumpickten, wie sie mit den Flügeln schlugen, sich sonnten und badeten.
Letzteres taten sie in den Beeten, zwischen den Stauden und Sträuchern seines Gartens, dort, wo sie die Erde von jeglichem Grün freigescharrt hatten. An diesen Stellen hatten sie im Laufe der Zeit große Kuhlen in die Erde gewühlt, in denen sie sich im Sonnenschein genüsslich wälzten. Mitunter passten zwei oder drei von ihnen gleichzeitig in solche Badeanstalten. Mit Flügelschlagen und scharrenden Beinbewegungen wanden sie sich im trockenen Staub und schüttelten sich ihn hinterher geräuschvoll aus dem Gefieder, sodass er sich in großen Wolken in die Luft erhob und dort verflüchtigte.
Kurt wollte heute nach der elektrischen Klappe sehen. Dies war eine der ersten Neuerungen gewesen, die er an dem alten Stall, in dem schon seine Eltern Hühner gehalten hatten, vorgenommen hatte. Der Gedanke daran, dass er durch irgendeinen dummen Zufall einmal abends zu spät dazu kommen könnte, die Hühner für die Nacht sicher einzusperren, hatte ihm lange Zeit große Sorgen bereitet.
Seine Eltern hatten früher darauf nicht viel gegeben. Bei ihnen waren mehr als einmal Marder und Fuchs plündernd und mordend eingefallen. Das sollte ihm nicht passieren. Und so hatte er eine teure Apparatur mit einem Dämmerungsschalter besorgt, in der sich bei schwindendem Tageslicht ein Mechanismus in Gang setzte, der eine metallene Falltür nach unten vor das Einstiegsloch gleiten ließ und mögliche Räuber aussperrte. Irgendwas hatte sich jetzt dort anscheinend verhakt, wie Kurt am Vorabend mitbekommen hatte. Die Klappe hatte sich heftig ruckelnd nach unten bewegt. Das hieß es zu beheben, bevor sich am Ende noch alles verkeilte. Kaum auszudenken, wenn so etwas passierte, wenn er einmal nicht zu Hause wäre.
Er wollte gerne einmal in Urlaub fahren. Eine Reise nach Rom machen oder nach Athen, zu den historischen Stätten, aber seine Hühner konnte er unmöglich alleinlassen.
Kurt holte Schraubenzieher und Öl und begann, an der Klappe herumzuwerkeln. Dabei stellte er fest, dass die beiden senkrechten Führungsschienen ganz leicht verzogen waren. Während er schraubte und klopfte, sahen ihm die Hühner zu. Das taten sie immer, wenn er im Garten arbeitete. Wenn er grub, scharrten sie in der frisch aufgeworfenen Erde nach Würmern, wenn er Laub harkte, durchforsteten sie die welken Blätter nach Käfern.
Kurt Brömmel liebte seinen Garten sehr. Er hegte und pflegte ihn, ohne jedoch einen Park daraus machen zu wollen. Das hätten ja auch die Hühner gar nicht erlaubt. Es gab wilde Ecken und schattige Plätze, eine kleine Wiese und ein Goldfischbecken mit türkisblau gemusterten Mosaiksteinchen. Fische hatte Kurt keine mehr. Dafür waren die Nachbarskatzen verantwortlich. Deren Besuch duldete er, da man sowieso nichts dagegen machen konnte.
Ansonsten war alles, was aus der Nachbarschaft kam, eher ein Übel. Die alte Reihenhaussiedlung aus den Fünfzigern bestand aus jeweils sechs baugleichen Gebäuden rechts und links der Straße. Kurt Brömmel wunderte sich immer wieder, wie unterschiedlich doch diese Häuser bewohnt und die Gärten bewirtschaftet wurden. Links von ihm lebte die alte Frau Gramstettner mit ihrem scheußlichen Hund, der oft stundenlang kläffte und den ganzen Zaun des Grundstücks hinauf- und hinunterrannte, wenn Kurt Brömmel im Garten war. Und bellte, klar. Warum er dabei nicht endlich mal einen Herzinfarkt kriegte, war Kurt nicht klar. Im Laufe der Jahre waren die Sträucher und Büsche größer und üppiger geworden, sodass man den Hund nicht mehr so gut sah. Aber hören konnte man ihn immer noch sehr gut. Frau Gramstettner war eine alte Gewitterziege, die keine Gelegenheit ausließ, einen Nachbarschaftsstreit vom Zaun zu brechen. Früher hatte Kurt versucht, sie ab und zu mit ein paar köstlichen Hühnereiern milde zu stimmen. Als das aber auch nichts nützte, hatte er es aufgegeben. Das war aber noch nichts gegen das Ungemach, das von der anderen Seite des Gartens drohte.
Zur Rechten lebte die Familie Waserke, das heißt, jetzt war es nur noch Marco Waserke, der dort wohnte, denn seine Frau war mit den vier Kindern vor anderthalb Jahren ausgezogen. Seitdem hatte wenigstens das Gebrüll und Gekeife der streitenden Eltern aufgehört. Die Kinder hatten Kurt immer leidgetan.
Marco Waserke wurde von allen nur Macke genannt. Kurt Brömmel glaubte, dass das nicht nur vom Vornamen kam.
Macke legte oft seine tätowierten Oberarme auf den oberen Rand des Zauns, sodass der Maschendraht sich nach unten bog. Meistens war eine Dose Bier im Spiel. Dann beobachtete er Kurt beim Gärtnern und feixte rum. Dass jemand freiwillig Gartenarbeit verrichtete, wollte ihm offenbar nicht in den kantigen Schädel. »Mach mal locker, Brömmel«, blaffte er manchmal. »Chill mal’n bissken. Bierchen?«
Kurt Brömmel lehnte diese Einladungen stets ab. Waserke hatte ihn auch schon mal zu einem seiner Grillabende rüberrufen wollen. Die machte er jetzt öfter, seit seine Familie weg war. »Kannste ja’n Huhn mitbringen. Kommt dann fix auf’n Rost.«
Kurt hatte gar nicht geantwortet. Sowieso wäre er da niemals hingegangen. Da hingen Typen rum, bei denen es Kurt mit der Angst zu tun bekam. Ein paarmal war auch die Polizei gekommen – was ja bei Macke sowieso keine Seltenheit war. Irgendjemand aus der Nachbarschaft hatte sie wohl gerufen, weil es ihm zu laut geworden war. Auch wenn das nicht Kurt gewesen war, schien Macke ihn doch in Verdacht zu haben. Er war seitdem jedenfalls immer unverschämter geworden.
Heute hatte Kurt den Hühnerstall gereinigt, das alte Streu ausgetauscht und die Nistkästen gesäubert. Roselie, das New Hampshire Huhn, hatte es kaum abwarten können, weil sie endlich ein Ei ablegen wollte. Sie sprang gleich in den mittleren Kasten. Die anderen scharrten und badeten draußen in ihren Erdkuhlen.
Kurt schrubbte noch rasch den elektronischen Wasserspender sauber. Den hatte er irgendwann im Hühnerstall eingebaut, als er an einem heißen Sommertag einmal später als geplant nach Hause gekommen war. Die Hühner hatten um den ausgetrockneten Wassernapf gestanden, richtig gehechelt und ihn dabei vorwurfsvoll angeguckt. Sie beherrschten die Kunst, ihm ein schlechtes Gewissen einzureden, hervorragend.
Kurt träumte auch davon, einen Futterautomaten zu kaufen. So einer würde ihm vielleicht einmal einen kleinen Wochenendausflug erlauben. Keine große Reise, nur zwei, drei Tage mal woanders sein. Aber diese elektronischen Geräte waren nicht ganz billig, und von dem bisschen Rente, das Kurt kriegte, konnte er sowieso keine großen Sprünge machen.
Kurt erhob sich ächzend. Sein Rücken schmerzte. Franzi, die etwas hellere von den Barnevelder Zwillingshennen, kam in den Stall und machte sich über das frische Wasser her.
»Die Bar ist eröffnet«, sagte Kurt lächelnd und ging hinaus. Da vernahm er von rechts das wohlvertraute Zischen einer Bierdose.
»Hömma Brömmel, hasse ma’n paar Eier?« Macke lehnte am Zaun und kratzte sich am stoppeligen Kinn. »Morgen hab ich’n Date mit ’ner Ische.«
»Wollen Sie ein Omelett machen?«, fragte Brömmel unschuldig.
»Nee, ich brauch Eiweiß, verstehste? Gibt Tinte auf’n Füller!« Macke Waserke lachte sein dreckigstes Lachen. »Bierchen?«
»Nein, danke.« Kurt Brömmel drehte sich um und widmete sich wieder der Reinigung des Hühnerstalls. Mit dem Handfeger staubte er die Tür ab.
Irgendwann zog Macke ab. Dann drehte er irgendwann laute Rockmusik auf und verbrannte wieder irgendwas in seinem Grill, das eigentlich in die Mülltonne gehörte, die aber mal wieder, wie immer, randvoll war.
Als der Hühnerstall schließlich schön sauber war, inspizierten auch Casanova und die restlichen...




