E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Kramer Die Nachsichtigen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7152-7569-7
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-7152-7569-7
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Roman erza¨hlt, wie dieses fu¨r alle einschneidende Ereignis jahrzehntelang nachwirkt, und beleuchtet eine unfreiwillige Komplizenschaft der Frauen: Cle´mence, von ihrer Eroberung fasziniert wie verunsichert; Judith, ihre Mutter, der alles entgleitet; Anne-Lise, die Vincent jeden Seitensprung verzeiht; Nancy, beharrlich die schu¨tzende Hand u¨ber den Sohn haltend.
Mit der ihr eigenen Kunst, Geheimnisse und Zweideutigkeiten in Szene zu setzen, sto¨ßt Pascale Kramer in das komplexe Innenleben einer Familie vor. Sie erkundet nicht nur weibliches Begehren, sondern auch die Nachsichtigkeit der Frauen; Nachsichtigkeit gegenüber Feigheit, Taktlosigkeit, Verrat und Kälte der Männer, Männer, die heutzutage wegen Vergewaltigung oder Missbrauch vor Gericht stehen wu¨rden.
Weitere Infos & Material
Lausanne, letzte Tage in Beausobre
Oktober 1977
Es war vielleicht die erste Erinnerung, die Clémence anihren Onkel Vincent bewahrte, oder zumindest ihre erste verliebte Erinnerung. Sie war dreizehn. Ihre Eltern hatten sie früh bei ihrer Großmutter in Beausobre abgesetzt, bevor sie weiterfuhren, um an der neuen Adresse die Möbel in Empfang zu nehmen. Das ausgehängte eiserne Tor war in den Kirschlorbeer gekippt. Der kleine Louis wartete da, ganz allein peitschte er mit einem Seil die Blätter. Sie hatte sie alle, die ganze Familie aus Delémont, seit dem letzten Sommer im Chalet am See nicht mehr gesehen. Louis war noch ein Kind mit glänzenden Wangen gewesen, dessen Überfälle sie geduldig ertrug: wenn er in ihr Zimmer platzte, um zu fordern, dass sie in seines kam, oder um ihr zu helfen, ihren strammen Turnerinnenknoten mit Haarklammern zu spicken. In einem Jahr war er ein richtiger Junge geworden, mit breiter Stirn und den hellen Brauenbüscheln seiner Mutter, und mit dieser Art, die Küsschen über sich ergehen zu lassen.
Jean-Philippe war ein paar Tage vor Karine und den drei Kleinen gekommen und hatte das Gröbste erledigt. Von ihrer aller Fotos war nur eine Girlande von Nägeln an der Wand der Treppe übrig. Das Haus roch nach dem staubigen Holz der ausgeräumten Schränke, überall offene Müllsäcke, Stapel von Dingen und auf dem Boden der fahle Abdruck der Teppiche. Clémence hatte selbst darauf bestanden, zum Helfen nach Beausobre zu kommen, ohne zu ahnen, was für ein Schock die Räumung für sie sein würde.
Den ganzen Vormittag hatte sie ihrer Großmutter geholfen, all die Erinnerungsstücke auf dem Esszimmertisch auszubreiten, aus denen die drei Söhne sich etwas aussuchen sollten: Zinnbecher und -schalen, zwei Kästen mit fast schwarzem Silberbesteck in den Satinfächern, Stapel von Bettwäsche und Tischtüchern mit Monogramm, Vasen jeder Größe, Atlanten, ein Lexikon, Spieleschachteln, Hunderte Notenhefte. Selbst die goldenen Manschettenknöpfe ihres Großvaters waren zu vergeben, sogar die Krawatten, bemerkte Clémence, der diese Warenauslage zu schaffen machte. Für den Verkauf, den Vincent bei einem Kollegen organisierte, waren die schönsten Stücke bereits nach Zürich geschickt worden. Auch er sollte im Lauf des Tages vorbeikommen, Clémence erstarrte bei jedem Auto, das sie durch die Öffnung zwischen den Pfeilern des Tors erspähte. In der Schule hatte sie behauptet, bei den Dreharbeiten zu einem Filmbeitrag, den ihm vor ein paar Monaten ein französischer Sender gewidmet hatte, dabei gewesen zu sein. Niemand hatte je versucht, sie zu entlarven, aber bei der Vorstellung, die Lüge könnte bis zu ihm gedrungen sein, hatte sie Bauchweh vor Scham.
Die Kleinen begannen sich schon zu langweilen. Louis wartete draußen auf den Laster; Clémence sah ihn auf die Grundstücksmauer klettern und die Äste der Kornelkirsche schütteln, deren Früchte als roter Hagel auf den Kies prasselten. Bald erschien eine der Zwillingsschwestern auf der Freitreppe und rief ihrem Bruder zu, das werde Ärger geben. Sie stand da in ihrer Empörung, die Schulterblätter spitz wie Klingen zu beiden Seiten ihres langen braunen Zopfs. Louis antwortete mit einer neuen Salve von Früchten, dann sprang er von der Mauer, wischte seine Hände an der Hose ab und humpelte bis zur Tür.
Er hat alles runtergeschüttelt, stellte Clémence laut genug fest, um ihre Großmutter aus der Amnesie zu wecken, in die sie beim Nachzählen all der Dinge verfallen zu sein schien. Doch Nancy, mager und aufrecht in ihrem wallenden Kleid, eine erloschene Zigarette zwischen den beiden perlmuttschimmernden Strichen ihrer schmalen Lippen, reagierte nicht, schien nicht mehr zu wissen, was sie mit ihrem Feuerzeug tun sollte. Mehr noch als die Plünderung des Hauses, realisierte Clémence, war es das, was Louis aufstachelte und sie selbst niederdrückte: die plötzliche Verletzlichkeit, diese Art von Niederlage ihrer englischen Großmutter, die Dunhill rauchte und immer verlangt hatte, dass sie sie bei ihrem Vornamen nannten.
Der Abtransport des Klaviers begann gegen Mittag. Louis wartete seit dem Morgen auf diesen Augenblick; er stürzte aus dem ersten Stock herbei, sobald das gähnende Heck des Umzugswagens sich langsam auf die Toröffnung zuschob. Karine fing ihn ab und hielt ihn fest an ihre rötliche Körperfülle gepresst, während die Möbelpacker ihre Gerätschaften auf dem Parkett abstellten. Es waren drei, zu denen sich die Kumpel von Jean-Philippe gesellten, die am Vormittag gekommen waren, um die Bücherschränke abbauen zu helfen. Clémence sah zu, wie sie die Gurte befestigten und inmitten von Decken das Instrument mit unendlicher Vorsicht auf die Seite kippten. Nancy war nähergekommen, um den Frevel mitzuerleben. Sie ging langsam bis zum Kamin, suchte dort mit tastender Hand Halt. Clémence mochte es nicht, sie nun so beunruhigt und unbeachtet oder zumindest von den Entscheidungen ausgeschlossen zu sehen. Also lief sie zu einem letzten Rundgang nach oben, in das blaue Zimmer, in dem sie seit der Grundschule jeden Mittwoch geschlafen hatte. Der Verkauf des Hauses folgte einige Monate auf den Tod ihres Großvaters und kaum ein Jahr auf den Ausbruch der Krankheit ihrer Mutter. Es hatte etwas Begeisterndes, etwas Kühnes, so früh aus der Kindheit entlassen zu werden.
Die Kommode war schon ausgeräumt; auf dem Boden der offenstehenden Schublade zerbröselten ein Lavendelsäckchen und die aschtrockenen Reste eines Nachtfalters. Neben dem Fenster reflektierte der abgehängte Wandspiegel den abgewetzten Stoff des Matratzenbezugs. Auf den beiden ungemachten Betten erkannte Clémence die Zwillingspuppen, die ihre Mutter den Cousinen zum Geburtstag gestrickt hatte. Sie schaute auf die Straße hinunter, der Umzugswagen schien sich beim Zurücksetzen im Kirschlorbeer verfangen zu haben. Jean-Philippe kam mit Gurten zurück. Er hatte sich einen Schnurrbart wachsen lassen, seit er arbeitslos war, einen dichten, langen Schnurrbart, etwas abstoßend, fand Clémence, die nun gern nach Hause gefahren wäre. Sie warf noch einen Blick auf die Sachen der Kleinen, legte die Puppen Mund an Mund auf die Bettdecke und kehrte dann auf den Flur zurück, wo sie mit ausgestrecktem Arm eine nach der andern die Türen der Wandschränke zuklappte. Die Tür zum Zimmer ihrer Großmutter am Ende des Flurs war zu. Sie war abgeschlossen.
Mit der Hand auf der Klinke wartete Clémence ein paar Sekunden, bevor sie noch einmal drückte und sich mit der Schulter gegen die Tür stemmte. Lass uns, wir kommen gleich! Das war Vincent, Clémence hatte keine Ahnung, wann er eingetroffen war und warum er sich eingeschlossen hatte, ihr wurde heiß. Kein Laut drang aus dem Zimmer, in dem Vincent offenbar wartete, dass sie sich entfernte. Lass uns jetzt, bitte, erregte er sich, wir kommen gleich. Clémence fragte sich, an wen er sich zu richten glaubte. Sie wich zurück bis ans Geländer, erklomm ein paar Stufen Richtung Dachgeschoss, sodass sie die Tür beobachten konnte. Unten rollte mit durchdringendem Quietschen der beinlose Korpus des Flügels durch den Flur. Aus dem Weg gescheucht, flüchteten die drei Kleinen auf die Treppe.
Stört Vincent nicht, rief Nancy ihnen mit einem Blick nach oben zu; sie schien wieder bei sich zu sein und teilzunehmen. Karine war auch herbeigelaufen, um zu sehen, was sie anstellten. Sie herrschte sie an zu gehorchen, aber Louis hörte nicht. Mit dem Rücken zur Wand stieg er weiter die Treppe hinauf und ärgerte seine Schwestern, ein komisches Lächeln auf den blassen Lippen. Als eine der beiden ihm den Weg versperren wollte, riss er ihr grob das verzwirbelte Gummi vom Zopf. Die Kleine stieß einen Schrei aus. Hinter ihnen hatte sich die Tür geöffnet: das Zimmer lag im Dunkeln.
Vincent blieb auf der Schwelle stehen, die Hände in die Hüften gestemmt, gespielte Entrüstung auf seinem schmalen Gesicht, in das lange, nur mit Wasser zurückgekämmte Strähnen fielen. Ihr schießt aus dem Boden wie Pilze, spottete er, während er leise die Tür hinter sich schloss. Er trug eine schokoladenbraune Samthose und einen schlichten schwarzen Rollkragenpullover wie auf dem Titel der Zeitschrift, die lange in der Veranda herumgelegen hatte. Nichts war übrig von der Verärgerung, mit der er Clémence vorher weggeschickt hatte. Anne-Lise ist müde, sagte er zu den Kleinen, die er mit flachen Händen zur Treppe scheuchte, stört sie nicht.
Clémence war wieder ein paar Stufen hinabgestiegen und stand jetzt reglos da, den Arm auf dem Geländer, mit klopfendem Herzen; zu sehen, wie er aus diesem dunklen Zimmer trat, das kam ihr dermaßen verboten vor.
Wie alt bist du eigentlich? Er hatte es im Flüsterton gefragt. Clémence antwortete, sie werde demnächst dreizehn. Dreizehn, wiederholte Vincent und sah sie mit einem Lächeln glücklicher Zärtlichkeit an. Ich verlasse mich darauf, dass du diese Räuber davon abhältst, Anne-Lise zu belästigen. Dann wies sein Zeigefinger, der auf die Tür gerichtet war, einen Augenblick auf sie, bevor er ihn auf ihr Handgelenk legte und über die zarte Vertiefung strich.
Clémence bewegte sich nicht. Die Überraschung dieser kurzen Berührung durchfuhr sie heftig. Vincent war auf der Treppe verschwunden, und Louis provozierte sie, indem er sich weiter der Tür näherte und so tat, als wollte er dagegentreten, bevor er die Stufen hinuntersprang. Die eine Schwester folgte ihm, ihr Zopf löste sich im Rücken, während die andere ihren Schuh zuschnürte und ihnen zurief, sie sollten warten. Clémence bemerkte, dass sie beide sehr rot waren. Sie fragte sich, was auch ihnen mit ihren sieben Jahren Unbehagen bereitet haben mochte.
Als Clémence hinunterging, hörte Vincent gerade aufmerksam...




