E-Book, Deutsch, 179 Seiten
Krall Dem Herrgott zuvorkommen
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-8015-0566-0
Verlag: Neue Kritik
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 179 Seiten
ISBN: 978-3-8015-0566-0
Verlag: Neue Kritik
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hanna Krall wurde 1935 in Warschau geboren, wo sie bis heute lebt. In Polen sorgte sie mit ihren Veröffentlichungen für Aufsehen, das auch durch ein jahrelanges Publikationsverbot in den achtziger Jahren nicht unterbunden werden konnte. Sie hat zahlreiche nationale und internationale Preise erhalten; ihre Werke wurden in siebzehn Sprachen übersetzt.
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»Du hattest an jenem Tag einen flauschigen roten Wollpullover an. ›Einen herrlichen Pullover‹, sagtest du noch, aus Angorawolle. Ein sehr reicher Jude hatte ihn hinterlassen…‹ Zwei Lederriemen kreuzten sich mitten auf der Brust, und daran trugst du eine Handlampe. ›Lass dir erzählen, wie ich aussah!‹ sagtest du zu mir, als ich nach dem 19. April fragte…«
»Das habe ich gesagt?–Es war kühl. Im April sind die Abende kühl, vor allem wenn man nicht ausreichend ernährt ist. Darum trug ich den Pullover. Es stimmt, ich hatte ihn in den Sachen eines Juden gefunden. Eines Tages hatte man sie aus dem Keller geholt, und ich nahm mir den Angorapullover. Es war gute Qualität. Der Mann besaß einen Haufen Geld, vor dem Krieg hatte er dem Nationalen Verteidigungsfonds ein Flugzeug oder einen Panzer gespendet.
Ich weiß, dass du solche Geschichten magst. Sicher habe ich es deswegen erwähnt.«
»O nein. Du hast es erwähnt, weil du etwas zeigen wolltest. Nüchternheit und Gelassenheit. Darum ging es.«
»Ich rede einfach so, wie wir alle damals über diese Dinge gesprochen haben.«
»Also der Pullover, über Kreuz die beiden Riemen…«
»Setze noch zwei Revolver hinzu. Die gehörten zum Schick–an diesen beiden Riemen. Wir glaubten damals, jemand brauche nur zwei Revolver, dann habe er alles.«
»Der 19. April: Schüsse weckten dich, du zogst dich an…«
»Nein, noch nicht. Die Schüsse hatten mich geweckt, aber es war kalt. Außerdem war die Schießerei weit weg, es gab noch keinen Grund aufzustehen.
Um zwölf habe ich mich angezogen.
Ein Bursche war bei uns, er hatte von der arischen Seite Waffen gebracht. Er sollte gleich wieder zurück, aber es war zu spät. Als die Schießerei anfing, sagte er, seine kleine Tochter sei im Kloster in Zamosc, er wisse, dass er das hier nicht überleben würde, ich aber würde durchkommen und solle mich nach dem Krieg um diese Tochter kümmern. Ich sagte: ›Schon gut, red jetzt keinen Quatsch.‹«
»Und?«
»Was ›und‹?«
»Ist es dir gelungen, die Tochter zu finden?«
»Ja, das ist gelungen.«
»Hör zu, wir haben ausgemacht, dass du erzählen wirst, nicht wahr? Es ist immer noch der 19. April. Es wird geschossen. Du hast dich angezogen. Der junge Mann von der arischen. Seite spricht von seiner Tochter. Was war dann?«
»Wir gingen los, weil wir uns in der Nachbarschaft umsehen wollten. Als wir einen Hof überquerten, waren dort mehrere Deutsche. Eigentlich hätten wir sie töten sollen, aber darin waren wir noch nicht geübt. Außerdem hatten wir ein bisschen Angst. So haben wir sie also nicht getötet.
Drei Stunden später verstummten die Schüsse.
Es wurde still.
Unser Gelände war das sogenannte Ghetto der Bürstenfabrik: das Gebiet zwischen den Straßen Franciszkanska, Swietojerska und Bonifraterska.
Das Fabriktor war vermint.
Als am nächsten Tag die Deutschen anrückten, lösten wir den Kontakt aus, an die hundert wird es erwischt haben. Das musst du übrigens irgendwo nachprüfen, ich weiß es nicht mehr genau. Überhaupt erinnere ich mich an immer weniger. Von jedem meiner Patienten könnte ich dir zehnmal soviel erzählen.
Als die Mine hochgegangen war, bildeten sie eine Schützenkette, um uns anzugreifen. Das gefiel uns. Wir waren vierzig, sie hundert, eine ganze Kolonne in Gefechtsordnung, und sie hielten sich geduckt. Man sah, sie nahmen uns ernst.
Gegen Abend schickten sie drei Mann mit gesenkten Maschinenpistolen und einer weißen Armbinde. Sie riefen, wir sollten die Waffen niederlegen, dann würden sie uns in ein Sonderlager schicken. Wir schossen auf sie; in Stroops Berichten habe ich diese Szene später wiedergefunden: Sie, die Parlamentäre, tragen eine weiße Flagge, und wir, die Banditen, eröffnen das Feuer. Übrigens haben wir keinen einzigen getroffen, aber das ist unwichtig.«
»Was soll das heißen–unwichtig?«
»Wichtig war einzig und allein, dass geschossen wurde. Das musste gezeigt werden. Nicht den Deutschen. Die konnten das besser. Der Welt mussten wir es zeigen, dieser anderen Welt, die nicht die deutsche war. Die Menschen haben immer geglaubt, das Schießen sei das größte Heldentum. Darum haben wir geschossen.«
»Wieso habt ihr ausgerechnet diesen Tag, den 19. April, dazu bestimmt?«
»Nicht wir, sondern die Deutschen haben das getan. An diesem Tag sollte die Liquidierung des Ghettos beginnen. Von der arischen Seite wurde uns telefonisch mitgeteilt, man bereite alles vor, die Mauern seien schon umstellt. Am Abend des 18. versammelten wir uns bei Anielewicz, alle fünf, der ganze Stab. Ich war mit meinen zweiundzwanzig Jahren wohl der Älteste, Anielewicz war ein Jahr jünger. Insgesamt, zu fünft, brachten wir es auf hundertzehn Jahre.
Viel wurde dort nicht mehr geredet. ›Wie sieht es aus?‹–›Jetzt sind aus der Stadt die Anrufe gekommen.‹ Anielewicz übernimmt das zentrale Ghetto, seine Stellvertreter–Geller und ich–die Bürstenfabrik und die Werkstätten von Toebbens.–›Na, auf morgen dann!‹ Nur dass wir uns verabschiedeten, was wir bis dahin nie getan hatten.«
»Warum ist gerade Anielewicz Kommandeur geworden?«
»Er wollte es so gern, da haben wir ihn gewählt. In seinem Ehrgeiz war er etwas kindlich, aber sonst begabt, belesen und voller Vitalität. Vor dem Krieg hatte er im Stadtteil Solec gewohnt. Seine Mutter handelte mit Fischen, und wenn sie sie nicht los wurde, schickte sie ihn nach roter Farbe, er musste die Kiemen färben, damit sie frisch aussahen. Er hatte immer Hunger. Als er aus dem Steinkohlenrevier kam und wir ihm zu essen gaben, schirmte er den Teller mit der Hand ab, damit ihm keiner etwas wegnahm.
Er hatte viel jugendlichen Eifer, viel Feuer, nur eine ›Aktion‹ hatte er vorher nie erlebt Er hatte noch nie gesehen, wie auf dem Umschlagplatz Menschen verladen wurden. Und so etwas–mit ansehen zu müssen, wie vierhunderttausend Menschen ins Gas geschickt werden–, das kann einen kaputtmachen.
Am 19. April trafen wir uns nicht. Erst am Tag darauf sah ich ihn wieder. Er war ein anderer Mensch geworden. Celina sagte: ›Weißt du, das ist gestern mit ihm geschehen. Er saß da und wiederholte nur: Wir werden alle umkommen…‹ Nur einmal kam wieder Leben in ihn: Als wir von der AK1 die Mitteilung erhielten, wir sollten im nördlichen Teil des Ghettos warten. Wir wussten nicht genau, worum es ging, übrigens kam nichts dabei heraus, den Jungen, der dort hingegangen war, verbrannten sie auf der Mila bei lebendigem Leibe. Den ganzen Tag hörten wir ihn schreien. Was meinst du, kann das noch jemanden beeindrucken: ein verbrannter junger Mann nach vierhunderttausend Verbrannten?«
»Ich glaube, dass ein verbrannter junger Mensch einen größeren Eindruck macht als vierhunderttausend, vierhunderttausend aber wiederum einen größeren als sechs Millionen. Ihr wusstet also nicht genau, worum es ging…«
»Er dachte, es käme Verstärkung, und wir redeten auf ihn ein: ›Hör schon auf, dort ist totes Gelände, da kommen wir nicht durch.‹
Weißt du was? Ich denke, im Grunde seines Herzens hat er an einen Sieg geglaubt.
Freilich, vorher hat er nie darüber gesprochen. Im Gegenteil. ›Wir gehen in den Tod‹, rief er, ›es gibt keine Umkehr, wir sterben für die Ehre, für die Geschichte…‹ Dergleichen Dinge sagt man ja in solchen Fällen. Aber heute meine ich, dass er die ganze Zeit über eine kindliche Hoffnung in sich trug.
Er hatte ein Mädchen, Mira, ein hübsches, hellhaariges, gutherziges Mädchen.
Am 7. Mai waren sie zusammen bei uns auf der Franciszkanska.
Am 8. Mai, auf der Mila, erschoss er zuerst sie, dann sich selbst. Jurek Wilner hatte gerufen: ›Sterben wir gemeinsam!‹ Lutek Rotblat erschoss Mutter und Schwester, dann begannen alle zu schießen, und als wir hinüberkamen, fanden wir nur wenige am Leben. Achtzig hatten Selbstmord begangen. ›So hat es sich auch geziemt‹, sagte man uns danach. ›Ein Volk ist gestorben und mit ihm seine Soldaten. Ein symbolischer Tod.‹ Dir gefallen solche Symbole sicherlich auch?
Ein Mädchen war dabei, Ruth. Siebenmal schoss sie auf sich selbst, ehe sie traf. Ein hübsches großes Mädchen mit pfirsichfarbener Haut, aber sechs wertvolle Patronen sind uns ihretwegen verlorengegangen.
An dieser Stelle ist jetzt eine Grünanlage. Ein Hügel, ein Stein, eine Aufschrift. Bei schönem Wetter kommen die Mütter mit ihren Kindern hierher, am Abend die Burschen mit ihren Mädchen. Eigentlich ist das ein Gemeinschaftsgrab, denn wir haben sie nie geborgen.«
»Du hast vierzig Soldaten gehabt. Ist euch nie der Gedanke gekommen, es ebenfalls zu...




