E-Book, Deutsch
Krain Der Mädchensammler
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96817-870-7
Verlag: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
So tief der Abgrund
E-Book, Deutsch
ISBN: 978-3-96817-870-7
Verlag: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Menschen sind die besseren Dämonen, denn sie schaffen sich ihre Hölle selbst …
Nichts für schwache Nerven – Der düstere Thriller über tiefe, menschliche Abgründe
Für einen Locationscout übernimmt Philine von Montenbrück die Untersuchung unheimlicher Vorgänge rund um die Ruine der abgelegenen Burg. Doch was sie dort entdeckt, schockiert sie bis ins Mark: Zwei Frauenleichen – nackt und wie Puppen hergerichtet. Noch bevor sie die Polizei rufen kann, wird Philine aus einem Hinterhalt überwältigt. Als sie am nächsten Tag verwundet und mit zerrissener Kleidung erwacht, glaubt ihr niemand. Sie beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Unterstützung bekommt sie dabei vom gut aussehenden Arzt Constantin, der seine ganz eigene Blutfehde gegen den Mädchenmörder führt. Doch der Abgrund, in den die Ermittlungen sie führen, ist tiefer und grausamer, als gedacht …
Erste Leser:innenstimmen
„Nichts für schwache Nerven, aber für mich ein absolutes Thriller-Highlight!“
„erschütternd, atemberaubend und durch und durch spannend“
„Packender, psychologischer Thriller rund um die tiefen Abgründe der menschlichen Seele …“
„Unmöglich aus der Hand zu legen, ein echter page turner!“
Guido Krain hat die erste Mondlandung um ein knappes Jahr verpasst, weil er bis zum Juni 1970 zu beschäftigt war, um den Mutterleib zu verlassen. Dieses Trauma versucht er seitdem mit einer Fixierung auf die phantastische Literatur zu bewältigen. Nach dem Abitur hatte er die phantasievolle Vorstellung, mit einem Studium der Biologie, Japanologie und Medienkultur in Hamburg und Bochum einen anspruchsvollen Beruf ergattern zu können. Doch erst nach einer journalistischen Ausbildung gelang es ihm, seine ersten größeren Brötchen zu verdienen. Er veröffentlichte Sachbücher, arbeitete mehrere Jahre in Online- und Printredaktionen, wurde aber nie von seiner Besessenheit geheilt. So ergab er sich schließlich seinem Schicksal und begann seine Phantasien zu Papier zu bringen. Und da Papier geduldig ist, hat er mittlerweile einige Romane und eine ganze Flut von Kurzgeschichten veröffentlicht. Heute lebt Guido Krain als freier Autor und Journalist in Süddeutschland.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1 – Die Sache mit der Neugier
, dachte Philine. Leider war die junge Adelige zu stur, um einen einmal gefassten Entschluss für ein dummes Bauchgefühl über den Haufen zu werfen. Voller Unbehagen folgte sie dem fahlen Schein der Taschenlampe, der sie nur noch tiefer in das Gemäuer hineinführte. Die einzigen Geräusche waren das leise Klicken ihrer High Heels und ihr eigener Atem.
Stufe um Stufe stieg sie tiefer hinunter, aber die Treppe schien nirgendwohin zu führen. Wie in einem Albtraum. Statt eines Bodens wartete unter ihr nur ein undurchdringlicher Schlund aus Dunkelheit. Für einen irrationalen Augenblick fürchtete Philine, dass die alte Stiege nur dazu diente, ihre Opfer möglichst weit von der rettenden Oberfläche zu entfernen. Der Schlund wollte seine Opfer ungestört verschlingen.
„Ja, dann sind draußen die Kaugeräusche nicht so gut zu hören“, zog sie sich auf.
Philine schmunzelte über sich selbst. Wenn man nicht die Nerven für eine Geisterjagd hatte, durfte man nachts nicht allein in Ruinen herumkriechen. Sie musste sich schon zwischen Angst und Sturheit entscheiden. Wie immer gewann die Sturheit.
Selbst die Ruine beugte sich ihrem Dickkopf. Schon nach wenigen weiteren Stufen schälte das Licht der Taschenlampe das Ende der Treppe aus dem Nichts. Kurz darauf stand sie auf einem uralten Boden aus dunklem Naturstein. Die gähnende Dunkelheit wurde von gemauerten Wänden und einem kleinen Torbogen ersetzt. Dem Hall ihrer Schritte nach zu urteilen wartete dahinter ein großer, aber überschaubarer Raum.
Philine wollte schon erleichtert aufatmen, als sie das Summen bemerkte. Der Ton lag nur knapp oberhalb der Hörschwelle und klang beinahe wie ein Flüstern.
„Aus“, raunte sie sich selbst zu, als rede sie mit einem Hund. In dieser Situation Angst zu haben, war einfach dumm. Sie war schließlich hier, um unheimliche Vorgänge zu untersuchen. Ein Flüstern war da ein guter Anfang. Besonders wenn man als aufgeklärte Mitteleuropäerin wusste, dass Gespenster nicht flüstern konnten. Sie existierten nämlich nicht. Ärgerlich überwand sie die abergläubische Furcht und durchschritt den Torbogen.
Tatsächlich lauerte keine gemarterte Seele in der Dunkelheit, sondern die Errungenschaften der Neuzeit. Das Blinken blauer Dioden markierte den Standort eines Computers. Es gab weder einen Monitor noch eine offensichtliche Bedienmöglichkeit. Dafür war das Gerät in Begleitung mehrerer turmartig gebauter Maschinen, deren Zweck Philine nicht einmal ansatzweise erahnen konnte. Es war genau die Art Technik, die man im Labor von Dr. Frankenstein oder Dr. Doom erwarten würde.
, rief sie sich erneut zur Ordnung. Offenbar waren Kinobesuche für fantasiebegabte Menschen mit gewissen Nebenwirkungen verbunden. Ihre überreizte Einbildungskraft war aber keine Erklärung dafür, was diese wahrscheinlich sündhaft teure Ausstattung in einer verfallenen Ruine zu suchen hatte. War das eine Art Spukausstattung, mit der irgendein Spaßvogel diese Phänomene erzeugte? Immerhin entdeckte Philine den Ursprung des unheimlichen „Flüsterns“. Es war nur das leise Summen diverser Gerätelüfter, das unheimlich verzerrt von den Wänden zurückgeworfen wurde.
Der Maschinenpark war beachtlich. Immer neue Geräte wurden vom Licht der Taschenlampe aus der Dunkelheit geschält. Je länger sie den Raum erkundete, desto durchdringender wurde der Geruch von Ozon. Vergiftete sie sich gerade selbst?
Eine berechtigte Frage, die sie nur einen Herzschlag später wieder vergaß. Ein glitzerndes Augenpaar schien sie aus der Dunkelheit heraus zu beobachten. Philine erstarrte. , versuchte sie sich einzureden.
Sie glaubte sich nicht.
Aber wenn dort wirklich jemand im Dunkeln hockte, durfte sie sich nichts anmerken lassen. Der Gedanke brachte sie immerhin dazu, ruhig weiterzuatmen. Sie tat, als hätte sie den vermeintlichen Beobachter nicht bemerkt, und schwenkte die Taschenlampe in eine andere Richtung. Angespannt horchte sie, ob sich hinter ihr jemand bewegte.
Stille.
, sagte sie sich erneut. Und wenn es welche waren, gehörten sie wahrscheinlich zu einem Tier. Einer Katze vielleicht?
Der Gedanke ließ Philine ruhiger werden und sogar schmunzeln. Als Kind hatte sie sich einmal vor einem Katzenbaby im Dunkeln gefürchtet. Leises Schnaufen und ein glitzerndes Augenpaar hatten ausgereicht, um sie für Stunden in ein ängstliches Bündel unter der Bettdecke zu verwandeln.
Heute war sie erwachsen.
Ansatzlos fuhr sie herum. Erbarmungslos riss das kalte Licht der Taschenlampe den vermeintlichen Beobachter aus der Dunkelheit. war eine und konnte ihr noch weit weniger gefährlich werden als ein Katzenbaby. Denn sie war tot.
Wie versteinert sah Philine auf die nackte Leiche eines jungen Mädchens hinab. Jemand hatte sie auf eine mit roter Seide gepolsterte Liege gelegt.
Nein, das war das falsche Wort.
Jemand hatte sie . Die blonden Locken waren sorgfältig auf dem Seidenkissen ausgebreitet worden. Unaufdringliche Schminke brachte die fein geschwungenen Lippen und die hohen Wangenknochen perfekt zur Geltung. Eine sorgfältig manikürte Hand lag mit elegant gespreizten Fingern auf dem flachen Bauch. Die Beine waren nicht einfach ausgestreckt, sondern um eine Nuance gedreht, als wolle jemand ihre Länge und Biegsamkeit unterstreichen.
Obwohl sie vor Grauen kaum atmen konnte, drang die unirdische Schönheit des Mädchens zu Philine durch. Sie war perfekt. So perfekt, dass die junge Frau daran zu zweifeln begann, eine Leiche vor sich zu haben. Dann bemerkte sie den Blick des Mädchens. Sie schien sie . Philine hatte noch nie einen Toten gesehen, aber sie wusste, dass Leichen niemanden mehr ansahen. Ihr Blick . Die leuchtend grünen Augen des Mädchens schienen ihr jedoch direkt in die Seele zu schauen.
Erleichtert begriff sie, tatsächlich eine Puppe vor sich zu haben. Nein, nicht einfach eine Puppe. Ein makelloses, monströs realistisch aussehendes Meisterwerk!
Morbide fasziniert trat sie näher an das Mädchen heran. Zaghaft berührte sie die Schulter der Nachbildung. Die bleiche „Haut“ war weich wie ein Blütenblatt. Philine bemerkte winzige Fältchen um die Augen und sogar Papillarleisten auf den Fingerkuppen. Bei genauem Hinsehen waren feinste Härchen auf den Oberarmen zu erkennen. Alles wirkte so unglaublich echt. Einzig die steil aufgerichteten Brustwarzen schienen nicht zur entspannten Körperhaltung der Kleinen zu passen.
Eine Sexpuppe?
Philine war in ihrem Leben auch schon mal mit Frauen im Bett gelandet und konnte sich der Schönheit des Mädchens nicht entziehen. Dennoch stieß sie die Vorstellung ab, dass jemand derartige Gelüste hegen mochte. Dafür war die Puppe einer Leiche viel zu ähnlich. Sie war ein Kunstwerk. Aber selbst als Kunstwerk erschien sie zu monströs, als dass man ihren Anblick lange ertragen konnte. Es war, als berühre das Mädchen etwas im tiefsten Innern des Betrachters. Etwas, von dem Philine nicht wusste, ob sie es berühren lassen wollte.
Mit gemischten Gefühlen riss sie sich von dem Anblick los und ging an der Liege vorbei. Sie kam nicht weit. Nach kaum drei Schritten nagelte sie das Grauen erneut an Ort und Stelle fest.
Sie sah ein weiteres nacktes Mädchen. Dieses schwamm jedoch in irgendeiner Flüssigkeit und war offensichtlich eine Leiche. Der Blick der toten grauen Augen würde sie noch in hundert Jahren in ihren Albträumen heimsuchen. Aus den Körperöffnungen des Mädchens schien irgendein rotbraunes Zeug in die klare Flüssigkeit des Tanks überzutreten.
Philine überwand ihr Entsetzen und wirbelte zu der „Mädchenpuppe“ herum. . Die junge Adelige spürte, dass sie kurz vor einer Panikattacke stand. Sie ertrug den Blick der toten Augen in ihrem Rücken nicht, sie wollte aber auch nicht noch einmal so nah an der monströsen „Puppe“ vorbeigehen.
„Mist, Mist, Mist“, murmelte sie hyperventilierend.
Plötzlich hörte sie eine hastige Bewegung hinter sich. Ehe sie sich Gedanken über aus Becken steigende Leichen machen konnte, wurde ihr etwas in die Augen gesprüht. Der Schmerz war so überwältigend, dass Philine sicher war, für immer entstellt zu sein. Sie verlor die Taschenlampe und schlug blind um sich, doch sie traf nur irgendeine Maschine, die scheppernd zu Boden ging.
Wie aus dem Nichts legte sich eine Art Riemen um Philines Hals und wurde gnadenlos zugezogen. Kopflose Panik machte die Gräfin zu einer leichten Beute. Sie zappelte eher, als dass sie kämpfte, aber ihrem Angreifer schien auch das noch zu viel Gegenwehr zu sein. Mit einem Ruck zog er sie noch näher an sich heran. Die junge Frau verlor den Boden unter den Füßen und wurde regelrecht erhängt. Die erschreckende Brutalität ließ ihren Adrenalinspiegel in unerreichte Höhen schießen und schenkte Philine einen Moment allumfassender Klarheit.
Mit aller Kraft trat sie nach hinten aus. Sie traf so heftig, dass ihr linker Absatz im Fleisch des Angreifers stecken blieb und der Schuh von ihrem Fuß glitt. Die Verletzung musste unglaublich schmerzhaft sein. Die einzige Reaktion war jedoch ein dumpfes Schnaufen.
Wie von einem Tier.
Bunte Flecken begannen vor Philines Augen zu tanzen.
Verzweifelt schlug sie hinter sich. Dorthin, wo sie das Gesicht des Angreifers vermutete. Tatsächlich spürte sie, wie ihre langen Fingernägel auf etwas Weiches trafen. Eine Flüssigkeit spritzte über ihre Hand, und ein furchtbarer Schrei zerriss ihr beinahe das Trommelfell.
Plötzlich war sie...




