E-Book, Deutsch, Band 14, 448 Seiten
Reihe: Westerwald-Krimi
Krämer Heimlich, still und Leiche
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8271-9786-3
Verlag: CW Niemeyer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Westerwald-Krimi
E-Book, Deutsch, Band 14, 448 Seiten
Reihe: Westerwald-Krimi
ISBN: 978-3-8271-9786-3
Verlag: CW Niemeyer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'Mit Micha Krämer hat ein neues Talent die Szene betreten. Ich mag seine Schreibe. Er kann etwas, das langsam aus der Mode kommt: eine Geschichte erzählen und uns fesseln', schrieb Bestsellerautor Klaus-Peter Wolf einst über Micha Krämer. Dieses Talent demonstriert der Kultautor und Musiker aus dem Westerwald nicht nur in seinen zahlreichen Romanen und Jugendbüchern, sondern auch bei seinen Lesungen, die mittlerweile ganze Hallen füllen. Wer einmal mit dem Mythos Nina Moretti angefixt ist, den lassen die Geschichten rund um die junge Kommissarin nicht mehr los.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
Montag, 10. Juli 2023, 7 Uhr 34
Wohngebiet Alsberg, Betzdorf/Westerwald
„Ja, so geht Sommer“, stellte Hauptkommissarin Nina Moretti zufrieden fest, als sie an diesem Morgen das Haus verließ, um zur Arbeit zu fahren. Es war weder zu warm noch zu kalt. Die Vögel im Wald hinter dem Haus zwitscherten um die Wette und über den Wipfeln der umstehenden Bäume lugte die Sonne von einem strahlend blauen Himmel.
Mit einer Tasse Kaffee in der Hand ging sie über den Platz vor der Villa bis zum Carport, entriegelte die Tür und warf ihre Jeansjacke zusammen mit der Handtasche auf den Beifahrersitz von Maggiolino.
Ihr Blick fiel zum Küchenfenster, von wo die Zwillinge ihr hinterherwinkten.
Sähe sie eine Szene wie diese gerade im Fernsehen, würde sie den kitschigen Mist sofort abschalten. Rosamunde Pilcher und Herzschmerz waren noch nie ihr Ding gewesen. Doch so wie es gerade im wahren Leben lief, gefiel es Nina dann doch ganz gut. Es war alles in bester Ordnung.
Sie warf den beiden eine Kusshand zu, zog die Wagentür zu und startete dann den Motor des marinablauen VW Käfer. Wie ein Uhrwerk schnurrte der betagte Volkswagen, den ihr Papa vor neunundvierzig Jahren als Neuwagen gekauft und bis zu seinem Lebensende gefahren und gepflegt hatte.
Mit offenem Fenster fuhr sie in Richtung Stadtmitte. Zum Glück waren derzeit Ferien und der Verkehr auf den Straßen daher eher mäßig.
Keine fünf Minuten später stoppte sie den Wagen auf dem Parkplatz am Hellerufer direkt hinter der Wache und sah sich erst einmal suchend um.
Von Kübler oder vielmehr dessen doch eher markantem Dienstwagen war noch nichts zu sehen. Der Kollege sollte heute eigentlich wieder aus dem Urlaub zurück sein. Nun gut, es war ja noch früh am Morgen. Sie trank den letzten Schluck aus ihrer Kaffeetasse und stellte das leere Behältnis dann zu den anderen hinter den Beifahrersitz. Sie würde dringend daran denken müssen, die Tassen abends nach der Arbeit mal wieder mit ins Haus zu nehmen, bevor der Küchenschrank gänzlich leer war. Klaus, ihr Mann, konnte es überhaupt nicht leiden, wenn sich die Kaffeepötte im Auto stapelten. Überhaupt hatte er ein Problem damit, wenn sie ihren ersten Kaffee morgens im Auto trank, anstatt sich die Zeit zu nehmen, dies zu Hause in der Küche zu tun.
„Moin, Tom“, begrüßte sie den Kollegen Thomas Kübler, als dieser um kurz vor acht das gemeinsame Büro in der Kriminalinspektion Betzdorf betrat.
„Moin moin, Nina“, erwiderte er friesisch echt und bestens gelaunt. Da merkte man doch sofort, wo der im Urlaub gewesen war. Was sie aber natürlich auch sowieso wusste, da sie ihm den Aufenthalt auf dem Campingplatz an der Nordsee selbst vermittelt hatte.
„Und wie lief es bei deinen Undercover-Ermittlungen im Campermilieu?“, erkundigte sie sich amüsiert.
Martin, ein sehr guter Freund von ihr, arbeitete derzeit als Platzwart auf besagtem Campingareal und hatte gegenüber Nina behauptet, sein Vorgänger sei ermordet worden. Da sie selbst sich keinen Urlaub hatte nehmen können, um sich um den Fall zu kümmern, und Kübler samt Familie noch nach einem Reiseziel suchte, hatte sie die beiden zusammengebracht. Kostenloser Urlaub für die Ermittlungen in einem Fall, der vermutlich gar keiner war. Ein, wie Nina fand, fairer Deal.
„Hervorragend, Nina. Martin und ich konnten den Fall lösen“, berichtete Kübler nun aber und erzählte ihr brühwarm, was alles in den letzten beiden Wochen an der Küste vorgefallen war.
Nina hörte mit Erstaunen zu und stellte auch einige Fragen zu Motiv und Hintergründen. Das war ja ein Ding! Dass an Martins Mordtheorien tatsächlich etwas dran sein könnte, hätte sie nie und nimmer für möglich gehalten.
Und ja, sie war schon ein wenig neidisch, dass sie Thomas hatte schicken müssen und nicht selbst fahren konnte.
Nina und auch ihr Mann Klaus liebten die Nordsee und ihr zuweilen raues Klima. Es war ihr allemal lieber als die Sommerhitze in der Heimat ihres Vaters. Wobei sie sich auch schon auf den Urlaub am Golf von Neapel freute. Vor allem auf das Wiedersehen mit ihrer Familie – aber natürlich auch auf den herrlichen Strand und das blaue Meer. Nur, bis dahin waren es noch fast drei Wochen. Da würde noch einiges an Wasser die Sieg hinunterfließen.
Irgendwann klingelte ihr Telefon und unterbrach die Konversation mit dem Kollegen Kübler.
Während Nina das Gespräch annahm, widmete Thomas sich seinem Computer.
„Moin, Jürgen“, grüßte sie den Kollegen von der Schutzpolizei und hörte dann zu, was er zu sagen hatte. Zugegeben dämpfte Jürgens Bericht ihre gute Laune ein wenig.
„Du bist dir sicher, dass es Mord ist?“, fragte sie erstaunt, da die Kollegen sich selten zu solch klaren Aussagen hinreißen ließen.
„Ganz sicher, Nina. Der Mann scheint vor seinem Tod gequält oder gefoltert worden zu sein. Außerdem fehlt ihm die linke Hand“, erwiderte der Polizeihauptmeister.
„Okay, wir sind unterwegs“, beschied sie ihn und erhob sich. Ihr Blick fiel auf Kübler, der verträumt lächelnd irgendetwas auf seinem Computerbildschirm las. So wie der gerade guckte, war der vermutlich in seinem Kopf immer noch an der Küste oder er hatte von der selbst angebauten Medizin seiner Frau genascht.
„Thomas, jetzt komm in Wallung. Wir müssen los“, weckte sie ihn aus seinen Tagträumereien.
„Ähm … wieso … was ist denn los?“, fragte er verdattert.
„Auf dieser großen Ruhebank im Rainchen liegt ein Toter. Jürgen meint, der Mann sähe aus, als hätte man ihn gefoltert“, erklärte sie.
Thomas erhob sich schwerfällig und griff nach seiner Jacke. Ninas Blick fiel durch das Fenster auf den strahlend blauen Himmel. Nein, eine Jacke würde sie nicht benötigen.
„Wir nehmen den Dienstwagen“, beschied sie ihn auf dem Weg nach unten, da dieser im Gegensatz zu ihrem alten Käfer eine Klimaanlage besaß.
„Du willst mit dem Auto ins Rainchen fahren?“, fragte Kübler entsetzt.
„Ja klar. Womit denn sonst? Dienstfahrräder haben wir keine“, erwiderte sie, da sie seine Frage ziemlich albern fand.
„Nina, es sind gerade einmal dreihundert Meter bis zu dieser Bank. Einen Parkplatz gibt es da auch nicht direkt daneben. Bis du jetzt am Wagen bist, bin ich dreimal zu Fuß vor Ort.“
Nina blieb abrupt stehen.
„Okay. Dann geh du zu Fuß“, fand sie und hielt ihm die Hand hin.
Er blickte sie fragend an.
„Die Wagenschlüssel. Ich fahre mit dem Dienstporsche und du gehst zu Fuß“, beschied sie ihn, worauf er die Augen verdrehte und einfach weiterging.
Gerichtsmedizinerin Kim Kunze sah sich um. In diesem Rainchen, wie die Betzdorfer den kleinen Park mit dem Bachlauf nannten, war sie zuvor noch nie gewesen.
Aber doch, es gab wahrlich hässlichere Orte, um zu sterben. Überall links und rechts des Bachlaufes blühten Blumen und summten Bienen. Ein Paradies für Insekten, die sich aber auch bereits an dem leblosen Körper zu schaffen machten, der auf der breiten Liegebank lag und, so wie sie das sah, schnellstens aus der Sonne musste.
Kim stammte nicht aus dem Westerwald. Die Gegend, in der sie seit nun einem Jahr versuchte, heimisch zu werden, war ihr, bevor sie herzog, gänzlich unbekannt gewesen. Sie hatte sich nach dem Studium auf so einige Stellen beworben, eine Menge Absagen kassiert und war dann schlussendlich in der Pathologie des Uniklinikums Bonn gelandet.
Derzeit wohnte sie immer noch in einer WG in Altenkirchen. Das Haus mit Garten gehörte einer Studienfreundin. Der Plan, oder vielmehr der Wunsch, einen Partner zu finden, um mit diesem eine wie auch immer geartete Zukunft aufzubauen, wollte nicht wirklich aufgehen.
Kim war nicht kontaktscheu. Nein, ganz bestimmt nicht. Sie hatte gelegentlich sogar Dates. Den einen oder anderen Typen hatte sie auch bereits mit nach Hause genommen. Dummerweise war aber noch niemand dabei gewesen, der ihr wirklich zusagte und mit dem sie sich hätte vorstellen können, eine feste Bindung einzugehen.
Die meisten Kerle nahmen im Übrigen schon Reißaus, wenn sie hörten, was Kim beruflich trieb. Frauen, die täglich mit Leichen hantierten, standen, so zumindest ihre Erfahrung, nicht eben hoch im Kurs bei den Männern. Warum auch immer!
Hinter der Hecke auf der an den Park angrenzenden Straße hielt, dem Motorgeräusch nach zu urteilen, nun ein hubraumstarker Wagen. Durch das Blattwerk erspähte sie den roten Porsche der Kriminalinspektion. Als sie den Wagen im letzten Jahr zum ersten Mal sah, hatte sie noch geglaubt, dass bei den Kripoleuten in Betzdorf wohl der Wohlstand ausgebrochen wäre, dass die so eine Nobelkarre als Dienstwagen fuhren. Doch der Wagen war ein Blender. Ein Unfallwagen, der zuvor einem Zuhälter gehört hatte, der darin im Streit und bei voller Fahrt einen anderen Mann abgestochen hatte. Bei näherem Hinsehen rundum verbeult und zerkratzt. Ganz zu schweigen von den Blutflecken, die sich in das hellbeige Leder förmlich eingebrannt hatten und nun von zwei Lammfellbezügen verdeckt wurden.
Sie entdeckte Oberkommissar Thomas Kübler und Kriminalhauptkommissarin Nina Moretti, die aus dem 911er stiegen und ihr nun zuwinkten.
Kim winkte zurück.
Kim war schon irgendwie enttäuscht, dass Kriminalhauptkommissarin Moretti mit ihrem Kollegen Kübler aufschlug. Mit dem wurde sie überhaupt nicht warm. Ein Wiedersehen mit dem jungen Kriminalkommissar Marcello Berlutschi wäre ihr doch lieber gewesen. Ja, Kim war schon ein wenig...




