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E-Book

E-Book, Deutsch, 117 Seiten

Reihe: Classics To Go

Kowalewski Jugenderinnerungen


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98744-520-0
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 117 Seiten

Reihe: Classics To Go

ISBN: 978-3-98744-520-0
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
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Sehr guter Einblick in großbürgerliche russische Familie, interessante Persönlichkeit, wohl auch gut übersetzt. Interessanter Eindruck zu den Reformbewegungen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. (Amazon)

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I
Aus der Kindheit Zu gerne wollte ich wissen, ob irgend jemand jenen Augenblick seiner Existenz feststellen kann, da in ihm zum ersten Mal eine bestimmte Vorstellung von seinem eigenen Ich – der erste Schimmer des bewußten Lebens entstand? Ich kann es nicht. Wenn ich meine ersten Erinnerungen im Geiste zu sichten und ordnen beginne, wiederholt sich stets dasselbe: sie weichen gleichsam vor mir zurück. Da glaube ich schon, jenen ersten Eindruck gefunden zu haben, der in meinem Gedächtnis eine deutliche Spur hinterließ, ich brauche aber nur meine Gedanken eine Zeit lang auf ihn zu konzentrieren, so beginnen auch schon andere, einer früheren Epoche angehörende Eindrücke aufzusteigen. Das Gefährliche liegt hauptsächlich darin, daß ich selbst gar nicht bestimmen kann, an welche dieser Eindrücke ich mich tatsächlich erinnere, das heißt, welche ich tatsächlich erlebt oder von welchen ich bloß später über meine Kindheit gehört und mir eingebildet habe, daß ich mich deren entsinne, während mir bloß das im Gedächtnis geblieben ist, was mir mitgeteilt wurde. Was noch schlimmer ist – es gelingt mir niemals, auch nur eine dieser ersten Erinnerungen in ihrer ganzen Klarheit hervorzurufen, ohne ihr während des Prozesses des Erinnerns selbst unwillkürlich etwas Fremdes beizumischen. Wie dem auch sei, wenn ich mich der ersten Lebensjahre zu entsinnen beginne, tritt vor allem folgendes Bild hervor: Glockengeläute, Weihrauch, die Volksmenge, die aus der Kirche drängt, die Njanja, die mich an der Hand führt und sorgsam vor Stößen beschützt. »Gebt acht auf das Kindchen!« fleht sie die uns umdrängende Menge an . . . Ein Bekannter der Njanja in einem langen Rock – wahrscheinlich der Diakon oder der Küster – nähert sich ihr und reicht ihr das Abendmahl . . . »Gott segne's Ihnen, meine Gnädige«, sagt er. »Nun, und wie heißen Sie denn, mein braves Kindchen?« wendet er sich zu mir. Ich schweige und sehe ihn mit großen Augen an. »Eine Schande, Fräulein, seinen Namen nicht zu wissen!« neckt mich der Diakon. »Sag' mein Mütterchen: mich heißt man Sonjitschka, und mein Papa ist der General Krukowski!« lehrt mich meine Njanja. Ich bemühe mich, ihre Worte zu wiederholen, aber sie kommen wohl nicht ganz so fließend heraus, denn die Njanja und ihr Bekannter lachen. Er begleitet uns bis zum Hause. Den ganzen Weg lang hüpfe ich vor ihnen her und wiederhole die Worte der Njanja, indem ich sie nach meiner Art verdrehe. Offenbar ist dieses Faktum mir noch neu, und ich strenge mich an, es meinem Gedächtnis einzuprägen. Als wir bei unserem Haus angekommen sind, zeigt mir der Diakon das Tor. »Sehen Sie, kleines Fräulein, über dem Tor befindet sich ein Haken«, sagt er mir, »wenn Sie einmal vergessen, wie Ihr Papachen heißt, denken Sie nur daran: es ist ein Krjuk über dem Tor des Krukowski – und Sie werden sich sofort erinnern.« Es ist mir peinlich, gestehen zu müssen, daß dieses schlechte Wortspiel des Diakon sich meinem Gedächtnis eingeprägt und in meinem Leben geradezu Epoche gemacht hat; von da ab beginne ich meine Zeitrechnung . . . das erste Aufkeimen einer präzisen Vorstellung davon, wer ich eigentlich bin, welche Stellung ich in der Welt einnehme. Aller Wahrscheinlichkeit nach dürfte ich damals zwei, drei Jahre alt gewesen sein und sich diese Szene in Moskau, wo ich geboren wurde, zugetragen haben. Mein Vater gehörte der Artillerie an, und wir mußten oft, ihm in den Obliegenheiten seines Dienstes folgend, von Stadt zu Stadt ziehen. Dieser ersten Szene, die sich in meiner Erinnerung treu erhalten hat, folgt wieder eine große Lücke; von dem grauen, nebligen Grunde heben sich, bloß hier und da zerstreut, wie helle kleine Punkte allerlei kleine Reiseerlebnisse ab: das Sammeln von Steinchen auf der Chaussee, die Nachtlager in den Poststationen, wie ich die Puppe meiner Schwester aus dem Wagenfenster werfe – eine Reihe unverbundener, aber ziemlich deutlicher Bilder. Einigermaßen zusammenhängende Erinnerungen beginnen bei mir von meinem fünften Lebensjahr an, als wir in Kaluga wohnten. Wir waren damals drei Kinder: meine Schwester Anjuta, um etwa sechs Jahre älter, und der Bruder Fedja, um drei Jahre jünger als ich. Vor meinen Augen erscheint unsere Kinderstube als ein großes, aber niedriges Zimmer, die Njanja brauchte nur auf den Stuhl zu steigen, und sie konnte mit der Hand die Decke berühren. Wir drei schliefen im Kinderzimmer; Anjuta sollte zwar im Zimmer ihrer Gouvernante, einer Französin, schlafen, aber sie weigerte sich und zog es vor, bei uns zu bleiben. Unsere Kinderbettchen, umgeben von Netzen, stehen nebeneinander, so daß wir am Morgen eines zum anderen hinüberkriechen können, ohne den Fuß auf den Boden zu setzen. Nicht weit davon steht das Bett der Njanja, auf welchem sich ein ganzer Berg von Daunenkissen erhebt. Das ist der Stolz der Njanja. Manchmal, während des Tages, wenn sie guter Laune ist, gestattet sie, daß wir uns auf ihrem Bett herumwälzen. Wir klettern mit Hilfe des Stuhles hinauf, aber kaum haben wir die höchste Spitze erreicht, fällt der Berg auch schon unter uns zusammen, und wir versinken in einem Meer von Daunen. Das unterhält uns sehr. Ich brauche nur an unsere Kinderstube zu denken, so spüre ich sofort in unvermeidlicher Ideenassoziation einen sonderbaren Geruch – ein Gemisch von Weihrauch, Leinöl, Balsam und Talgkerzendunst. Lange habe ich diesen eigenartigen Geruch nicht mehr wahrgenommen, ich glaube, daß man ihn jetzt nicht nur im Ausland, sondern auch in Petersburg oder Moskau selten findet; da besuchte ich aber vor ungefähr zwei Jahren meine Bekannten auf dem Lande, und als ich ihre Kinderstube betrat, schlug mir sofort der alte Geruch entgegen und weckte in mir eine ganze Reihe längst vergessener Gefühle und Erinnerungen. Die Gouvernante kann in unsere Kinderstube nicht treten, ohne voll Ekel das Taschentuch an die Nase zu führen. »Aber öffnen Sie doch das kleine Fenster!« fleht sie in gebrochenem Russisch die Njanja an. Die Kinderfrau betrachtet diese Bemerkung als eine persönliche Beleidigung. »Da sieh' mal, was die Ungläubige ausgeheckt hat! Ich werde das Fensterchen öffnen, damit sich die herrschaftlichen Kinder erkälten!« brummt sie, während die Gouvernante hinausgeht. Ihre Scharmützel mit der Erzieherin wiederholen sich jeden Morgen in schöner Regelmäßigkeit. Die liebe Sonne blickt schon längst in unsere Kinderstube. Wir öffnen, eines nach dem andern, die Äuglein, beeilen uns aber keineswegs, aufzustehen und uns anzukleiden. Zwischen dem Augenblick des Erwachens und dem, da wir uns anziehen müssen, vergeht noch eine lange Zeit mit Herumbalgen, Kissenwerfen, in die nackten Beine zwicken, Unsinn schwätzen. Im Zimmer verbreitet sich ein appetitlicher Kaffeegeruch; die Njanja selbst, erst halb angekleidet, vertauscht bloß die Nachthaube mit dem Seidentuch, welches sie tagsüber zu tragen pflegt, bringt das Servierbrett mit der großen kupfernen Kaffeekanne und wartet uns, die wir ungekämmt in den Bettchen liegen, mit Sahne, Kaffee und Butterbrötchen auf. Manchmal schlafen wir, vom vorhergegangenen Herumbalgen ermüdet, nach diesem Frühstück wieder ein. Aber da öffnet sich geräuschvoll die Tür der Kinderstube, und auf der Schwelle erscheint die erzürnte Gouvernante. »Comment! Vous êtes encore au lit, Annette! Il est onze heures. Vous êtes de nouveau en retard pour votre leçon!« ruft sie empört. »So lange dürfen die Kinder nicht schlafen, ich werden mich beklagen beim General«, wendet sie sich an die Njanja. »Nu lauf' beklage dich, du Schlange!« brummt die Njanja ihr nach und kann sich noch lange nach ihrem Fortgehen nicht beruhigen und brummt weiter: »Selbst Herrschaftskinder darf man nicht ausschlafen lassen! Deine Stunde versäumt! Ein großes Unglück das! Du wirst auch warten können, wichtigtuerische Person, du!« Ungeachtet des Brummens hält es die Njanja nun für angezeigt, sich ernstlich an unsere Toilette zu machen, und das muß man zugeben – wenn auch die Vorbereitung sich verzögert, so geht dafür das Ankleiden selbst sehr rasch vor sich. Die Kinderfrau wäscht uns mit einem feuchten Handtuch Gesicht und Hände, fährt mit dem Kamm ein-, zweimal durch unsere zerzausten Mähnen, streift uns die Kleidchen über, an denen nicht selten einige Knöpfe fehlen – und fertig sind wir. Die Schwester begibt sich zur Lektion, ich und der Bruder bleiben in der Kinderstube. Die Njanja läßt sich durch unsere Gegenwart nicht stören, wirbelt beim Kehren ganze Staubwolken vom Boden auf, deckt unsere Bettchen zu, schüttelt ihre eigenen Kissen und dann heißt das: das Kinderzimmer ist für den ganzen Tag in Ordnung gebracht. Ich sitze mit dem Bruder auf dem Lederdivan, an dem stellenweise der Bezug weggerissen ist und das Roßhaar in großen Büscheln hervorquillt, und wir beschäftigen uns mit unserem Spielzeug. Man führt uns nur selten spazieren, nur bei schönem Wetter oder an großen Festtagen, wenn die Kinderfrau mit uns in die Kirche geht. Wenn die Lektion zu Ende ist, eilt die Schwester sofort wieder zu uns, bei der Gouvernante ist es ihr langweilig, bei uns ist es lustiger, umsomehr als zur Njanja oft Gäste kommen, andere Kinderfrauen oder ein Stubenmädchen, denen sie mit Kaffee aufwartet und von denen man viel Interessantes erfahren kann. Manchmal wirft die Mutter einen Blick in unsere Stube. Wenn ich mich der Mutter aus dieser ersten Zeit meiner Kindheit erinnere, erscheint sie mir immer als eine ganz junge, wunderschöne Frau, fröhlich und geschmückt. Am häufigsten erinnere ich mich ihrer...



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