E-Book, Deutsch, 252 Seiten
Reihe: Arena Thriller
Kottmann Hassblüte
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-401-80217-6
Verlag: Arena
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Arena Thriller:
E-Book, Deutsch, 252 Seiten
Reihe: Arena Thriller
ISBN: 978-3-401-80217-6
Verlag: Arena
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
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PROLOG
»Ich bring sie alle um«, schrie der Junge in den Hörer.
Seinen Namen hatte er nicht genannt – wie die meisten Menschen, die niemanden zum Reden hatten und bei der Telefonseelsorge anrufen mussten. Der Fernseher, der seit Neuestem ganz hinten in der Ecke stand, lief gerade tonlos. Helen Marquardts Bruder hatte ihn nach seinem Umzug eigentlich nur für ein paar Tage im Büro unterstellen wollen. Nun stand er schon ganze drei Wochen hier. Aber heute war Helen dankbar dafür, weil er sie schnell mit den wichtigsten Informationen versorgte. Es flimmerten Aufnahmen vom Schulmassaker in Elbdetten über den Schirm, das gerade auf allen Kanälen Thema Nr. 1 war. Ein Junge hatte in einem Amoklauf acht Mädchen, zwei Jungen, drei Lehrerinnen und einen Lehrer erschossen.
Helen Marquardt war sofort aufgefallen, dass vor allem Mädchen die Opfer waren. Trotzdem war meistens nur von »den vierzehn Toten« die Rede, zehn Schülern und vier Lehrern.
»Ich bring sie alle um«, sagte der Junge am Telefon noch einmal, diesmal etwas leiser. »Alle, die nicht sehen wollen, wie fies und gemein Tsunami ist.« Der Junge sprach hastig, als liefe seine Zeit bereits ab.
»Von wem sprichst du, wer ist Tsunami?«, fragte Helen und überlegte, ob der Anrufer nur ein Trittbrettfahrer sein könnte, einer, der sich wichtig machen wollte.
Die meisten solcher Anrufe gingen bei der Polizei und nicht bei der Telefonseelsorge ein. Helen hatte in ihrer kurzen Zeit beim kommunalen Kummertelefon nur einen dieser Scherzanrufe erhalten: Der Anrufer wollte seine Schule plattmachen – mit Stinkbomben, wie er dann in den Hörer geprustet hatte.
»Sag ich nicht, bin ja nicht blöd«, antwortete der Junge. Helen schätzte ihn von der Stimme her auf vierzehn bis sechzehn Jahre. Es war wahrscheinlich zwecklos, nach seinem Namen zu fragen, wer er war und von wo er anrief. Seine Nummer war unterdrückt.
»Wieso willst du mir denn deinen Namen nicht verraten? Ich bin zum Stillschweigen verpflichtet. Alles was du hier am Telefon sagst, bleibt unter uns.« Sie versuchte erst mal, ein bisschen Vertrauen aufzubauen.
»Quatsch! Sie würden es sofort der Polizei melden.«
»Nein, wie denn? Auch wenn du mir deinen Namen sagst, weiß ich ja trotzdem nicht, wer du bist.« Helen war sich immer noch nicht sicher, ob sie den Jungen ernst nehmen musste. Hatte er seine Drohung tatsächlich so gemeint, alle umzubringen, oder war dies nur ein Hilferuf?
»Glauben Sie etwa, dass Sie mich aufhalten können?« Er hörte sich an, als würde er sich größer machen, als er war, als säße am anderen Ende der Leitung eine aufgeblasene Kröte, der beim Sprechen langsam die Luft ausging. Die Frage war nur, wer ihn vorher so aufgeplustert hatte.
»Ich würde dich gerne aufhalten, ja. Wenn ich das richtig verstehe, hat doch eher Tsunami die Strafe verdient, nicht du und die anderen, oder? Warum willst du Unschuldige umbringen?«
»Sie sind nicht unschuldig, sie haben mitgemacht, weggeschaut.«
»Wer denn, deine Freunde?«, fragte Helen Marquardt.
Sie hatte gelernt, wie man sich am besten auf einen Anrufer einstellte und ihn bei seinem Problem abholte. Meistens entschied sie spontan und nach Gefühl, mit welcher Taktik sie vorgehen würde. Oft reichte es, einfach nur zuzuhören. Aber manchmal konnten auch direkte Nachfragen genau das Richtige sein, besonders wenn sie provozierend klangen.
»Hören Sie auf, solche Fragen zu stellen!«, blaffte der Junge. »Vielleicht kann Tsunami ja nichts dafür, vielleicht kann Tsunami nicht anders. Aber die anderen, die zusehen, die könnten anders. Das ist noch viel schlimmer.«
»Was wissen sie denn? Hast du ihnen was gesagt?« Helen musste den Jungen möglichst lange am Reden halten und hoffte, ihn dadurch beruhigen zu können. Damit würde er vielleicht mehr Abstand zu seinem Vorhaben bekommen. Er war ihr erster Amokläufer, und das machte sie nervös.
»Nein, ich hab nichts gesagt, aber so was merkt man doch. Wenn Sie mir jetzt auch nicht glauben, leg ich sofort auf. Dann ist alles Ihre Schuld, weil Sie mich nicht gestoppt haben, obwohl das Ihr Beruf ist.«
Helen bekam schwitzige Hände, das hier war wohl wirklich weder Spaß noch ein Hilferuf. Dem Jungen war es ernst.
Alte Erinnerungen aus ihrer Anfangszeit bei Reden ist Gold kamen hoch und diese bekannte Hilflosigkeit holte Helen wieder ein. Sie hatte gedacht, sie überwunden zu haben. Das alles endlich hinter sich gelassen zu haben. Und am Telefon die nötige Distanz zu den Problemen einnehmen zu können, um dem Anrufer wirklich zu helfen. Aber so schnell war alles wieder da.
Helen Marquardt atmete tief durch: Jetzt bloß ruhig bleiben und nichts Falsches sagen! »Was denn?«, fragte sie vorsichtig. »Was … hätten die anderen merken müssen?«
»Dass Tsunami mich … ach vergessen Sie’s. Sie glauben mir ja doch nicht.«
»Doch, ich glaube dir. Du würdest nicht hier anrufen, wenn es dir nicht ernst wäre«, sagte Helen.
Der Junge flüsterte plötzlich, so als könnte Tsunami ihn sonst hören. So als wäre alles, was er laut aussprach, für immer unwiderruflich. »Tsunami hat mich … gebrochen … hat aus mir ein Nichts gemacht und deshalb behandeln mich auch alle wie ein Nichts.« Das hörte sich zu erwachsen an für einen pubertären Jungen. Aber Helen wusste genau, was er meinte, und genau deshalb war es so schmerzhaft.
»Die anderen helfen dir bestimmt, wenn du ihnen sagst, was los ist.«
»Nein, Tsunami macht mit ihnen dasselbe und dann bringt Tsunami sie um.«
Vermutlich war Tsunami der Vater, ein Verwandter, Nachbar, Trainer, Lehrer oder Priester. Er hat den Jungen auf typische Weise eingeschüchtert, dachte Helen. Leider funktionierte das viel zu oft, weil jugendliche Opfer meistens die Allmacht des Täters überschätzten.
»Wieso willst du die anderen bestrafen, wenn sie genauso Opfer von Tsunami sind?«, wandte sie ein.
Stille in der Leitung, darauf wusste der anonyme Anrufer nicht sofort etwas zu sagen.
»Besser sie sterben durch mich als durch Tsunami«, antwortete er nach einer kleinen Pause.
Neben dem Rachegedanken hatte er offensichtlich auch Erlösungsfantasien, schoss es Helen durch den Kopf. Das machte es nicht unbedingt einfacher. Sie musste einen klaren Kopf bewahren, konnte sich noch nicht auf ihre Routine verlassen. Ihr erster Amokläufer war alles andere als ein Trittbrettfahrer.
»Wer soll sterben?«, fragte sie sachte.
»Meine Freunde, meine …«, er stoppte. Ob er Eltern sagen wollte, wusste Helen Marquardt nicht.
»Und was ist mit ihm und mit dir?« Sie wartete, ob er jetzt widersprechen würde, dass Tsunami ein Mann war.
Aber er reagierte nicht, stattdessen sagte er: »Tsunami lass ich am Leben und dann gibt’s lebenslänglich. Im Knast geht’s nicht gerade gemütlich zu. Das ist viel schlimmer, als tot zu sein. Dann weiß Tsunami auch mal, wie das ist.«
Ob er ihn missbraucht hatte, vergewaltigt? Bei Kinderschändern kannten Knackis keine Gnade. Das wusste der Junge offenbar. »Aber du bist der Täter, wenn du Amok läufst - nicht er. Und du lässt ihn davonkommen.«
»Ich mach das ja nicht ohne Grund und Tsunami weiß es.«
»Aber er wird alles dir in die Schuhe schieben.«
Wieder war es still in der Leitung.
Hatte Helen ihn überzeugt? Jetzt musste sie schnell nachhaken.
»Geh zur Polizei und zeig ihn an. Sie werden auf dich aufpassen, sodass er dir nichts tun kann«, sagte sie.
»Aber ich kann nichts beweisen, Tsunami macht es so, dass man nichts sieht.«
»Was macht er?«
»Sag ich nicht. Das hat doch alles keinen Zweck. Ich muss es tun, es ist besser so, für alle, auch für Tsunami. Ich muss auch … Tsunami befreien.«
Der Junge musste sich inzwischen anscheinend sehr konzentrieren, um das Geschlecht des Täters nicht zu verraten. Alles verwies für Helen auf einen Mann, aber man konnte nie wissen. Zumal auch Gewalt von Frauen und Müttern gegenüber Kindern immer öfter in den Schlagzeilen zu finden war.
Helen wusste, dass sie auf diesen letzten Satz schnell reagieren musste, bevor der Junge wie nach einem Schlusssatz plötzlich auflegte und sie ihn vielleicht für immer verloren hatte. »Und dann? Wie soll es dann weitergehen?«, fragte sie hastig. »Willst du seinetwegen dein Leben zerstören?«
»Mein Leben ist schon zerstört, ich bin sowieso tot«, murmelte er und Helen schrak etwas zusammen.
»Ist doch egal, wenn ich auch dabei draufgehe.«
»Willst du dich umbringen?«, fragte sie. »Willst du alles aufgeben, nur seinetwegen? Lass dir helfen! Dieser Tsunami muss gestoppt werden und er muss bestraft werden, für das, was er dir angetan hat. Du kannst diese Situation nicht alleine lösen. Schon gar nicht, indem du dich selbst tötest!« Helen schlug jetzt einen anderen Ton an und versuchte, energischer und fester zu klingen.
»Wenn ich sterbe und die anderen auch, dann ist es seine Schuld. Ich weiß, dass sie es herausfinden werden. Es reicht mir, dass ich weiß, dass … Tsunami … dass es so sein wird.«
»Und wenn er auf freiem Fuß bleibt, weil man ihm nichts nachweisen kann? Weil du alle Zeugen umgebracht hast! Dann sind alle tot, die du gernhattest – nur er nicht. Er ist frei und du hast dich und die anderen für ihn geopfert!«
Wieder Stille in der Leitung. Mein Gott, was für ein Gespräch führte sie hier eigentlich? Helen betete wieder, dass der...




