Kossdorff | Sunnyboys | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 328 Seiten

Kossdorff Sunnyboys

Roman
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-903184-19-0
Verlag: MILENA
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 328 Seiten

ISBN: 978-3-903184-19-0
Verlag: MILENA
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eigentlich hat sich Clemens Kommenda in seinem Leben bequem eingerichtet. Er führt gemeinsam mit seinem Bruder Claudio ein gut gehendes Sonnenstudio. Seine Freundin, die attraktive und fürsorgliche Volksschullehrerin Martina, wäre die ideale Kandidatin für die Rolle der Ehefrau und Mutter seiner Kinder. Aber: Erstens gibt's da noch die Affäre mit Jenny, zweitens arbeitet Clemens im Nebenjob als Privatdetektiv und drittens gerät er dadurch in die Situation, die alles verändert. Er erhascht einen entlarvenden Blick auf seine Eltern, und all die Dinge, die bisher nicht ausgesprochen wurden, drängen nun an die Oberfläche. Clemens erkennt: Nicht nur seine Eltern haben ein Doppelleben geführt.

Jan Kossdorff, geboren 1974 in Wien. Drehbuchautor, Journalist, Werbetexter. 2009 lieferte er mit 'Sunnyboys' sein Romandebüt. 2010 folgte 'SPAM'!, der E-Mail-Roman zur Dotcom-Blase. Kossdorff lebt und arbeitet in Wien und Altmünster. Für das Manuskript von 'Kauft Leute' erhielt er das Rom-Stipendium der Republik Österreich und das Aufenthaltsstipendium im Thomas-Bernhard-Archiv in Gmunden. Letzte Veröffentlichung: 'Leben spielen', Deuticke, 2016
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SO NAH, WIE ES GEHT


Mein Weg führt mich quer durch die Stadt zum Auskunftsbüro Engländer. Was mich bei meiner Zusammenarbeit mit Claudio – dieser nie endenden Konfrontation grundverschiedener Anschauungen – davor beschützt, den Verstand zu verlieren, ist der Umstand, dass ich noch einen weiteren Job habe: Seit fast fünf Jahren arbeite ich als Berufsdetektivassistent.

Zum echten Berufsdetektiv fehlt mir die staatliche Befähigungsprüfung und der Ehrgeiz, selbst jemals eine Auskunftei oder ein Sicherheitsunternehmen zu gründen. »BDA« ist angenehmer: Man muss nicht als Zeuge in Gerichtsverhandlungen auftreten, man braucht die unangenehmen Nachrichten nur selten selbst zu übermitteln (»Ihr Verdacht in Bezug auf Ihre Frau und Ihren Bruder hat sich im Zuge der Observation leider bestätigt.«), und man kann sich bis zu einem gewissen Grad aussuchen, welche Jobs man übernimmt (»Wer hat Lust auf eine etwa sechswöchige Einschleusung in ein Jagdzubehör-Expedit in Obritz an der Pulkau?«).

In der Detektei, wo ich seit ein paar Jahren arbeite, gibt es insgesamt sechs BDAs. Das ist ein Pool von sehr unterschiedlichen Charakteren, die nur ein paar bescheidene Vorzüge gemeinsam haben: Sie sind zeitlich flexibel, clever genug, um kleine Details und auch mal größere Zusammenhänge wahrzunehmen, soldmäßig nicht überanspruchsvoll, Autobesitzer, vorstrafenfrei und gerne bereit zu lügen, bis die Suppe gefriert.

Da BDAs keine anderen Befugnisse besitzen als jeder Normalmensch da draußen, ist die geschickt eingesetzte Lüge sehr häufig der effektivste oder aber auch einzige Weg, weiterzukommen. Das beginnt dort, wo man sich als Lieferant ausgibt, um an die aktuelle Adresse eines säumigen Schuldners heranzukommen, und endet bei der totalen Schizophrenie, wenn man als Informant in ein Unternehmen gesetzt wird, wo man den Kollegen einen Monat lang eine falsche Identität vorgaukelt. Schlimm, wenn die Lüge platzt: Mir passiert, als ich in das Warenlager eines Elektronikkonzerns eingeschleust war, wo HiFi-Receiver, Boxen und Endstufen mit angeblichen Transportschäden unter der Hand verkauft wurden. Die Sache endete damit, dass mir ein paar »Kollegen« das Auto aufbrachen und in die Lüftungsschlitze pissten. Nach der einzig richtigen Behandlung ist dieser Wagen mittlerweile so groß wie ein Rubikwürfel.

Ich erlebe es natürlich hin und wieder, dass ich jemanden kennenlerne, der mich fragt, womit ich so meine Knödel verdiene, und dem ich dann – falls ich in der Stimmung bin – auch erzähle, dass ich recht regelmäßig als Detektiv arbeite (wenn ich nicht gerade einen Weltraumflughafen manage). Die Art und Weise, wie einen diese Person ganz plötzlich für den interessantesten Menschen der Welt hält, lässt mich erahnen, wie es sein muss, Filmstar zu sein. Dabei möchte ich nicht behaupten, dass es grundsätzlich ein Fehler ist, einen Detektiv für interessant zu halten. Tatsächlich habe ich einige Detektive kennengelernt, die wirklich erstaunliche Geschichten zu erzählen haben und in gewisser Weise viel mehr über wissen als der durchschnittliche Bürger. Obsessive, sture und einsame Gestalten, die sich in einen Fall hineinhängen wie Valentino Rossi in eine Kurve; die permanent gegen reale oder eingebildete politische Verschwörungen, sich auftürmende Alimenteschulden und zu ihren Ungunsten laufende Justizwillkür ankämpfen. Solche Detektive gibt es, und die haben ihre Geschichten zu erzählen. Allerdings lehrt einen die Erfahrung, dass diese Typen einen eigentlich immer zu manipulieren versuchen, weswegen man das alles besser nicht unreflektiert schluckt.

Wahrscheinlicher aber trifft man auf einen Berufsdetektiv in seinen späten Fünfzigern mit Vollbart und dem Temperament einer Weinbergschnecke, der – bedächtig und uninteressiert geworden – irgendwelche Chancen aufrechnet (tendenziell sind sie niedrig). Der alle sechs Monate Vorträge mit klangvollen Titeln wie »Wege der Beweismittelbeschaffung« oder »Rechtsschutz für Detektive« bei einem Fortbildungsseminar in Regensburg oder Eisenstadt hält und damit seine gesammelte Kollegenschaft dazu bringt, vor Langeweile leise zu schluchzen.

Die inzwischen aber wahrscheinlich größte Gruppe ist die »neue Generation«: Ehrgeizige Berufsdetektive in ihren Dreißigern, mit einem Diplom in Rechtswissenschaften oder einer soliden kaufmännischen Ausbildung, vom Auftreten und Styling irgendwo zwischen Autoverkäufer und Internet-Manager. Männer, die wissen, was gute PR bedeutet, die Kontakte zu Banken und Versicherungen suchen, die sich spezialisieren, die sinnvolle Kooperationen eingehen, die an High-Tech interessiert sind und hübsche Fitnesstrainerinnen zur Freundin haben. Die es aber gelegentlich auch voll auf den Kopf hauen kann, denn eine sichere Sache ist das Detektivgewerbe noch lange nicht. Wer – vor allem in den ersten Jahren – nicht bereit ist, 18 Stunden am Tag zu schuften (teilweise bei stark an die Klientel angepassten Preisen) oder ebenso lang auf einen Auftragsanruf zu warten, ohne gleich alles hinzuschmeißen, wird’s nicht bringen.

Ja, und dann gibt’s leider auch die wirklich linken Agenten, undurchsichtige Geschäftemacher mit einer Vergangenheit im Pyramidenspiel- oder Mehrwertnummerngenre, die per Prüfungstourismus oder Schmiergeld zu ihrer Lizenz gekommen sind, eine Truppe von ehemaligen Bodyguards, Polizisten oder Nachtwächtern engagieren und sich auf einen der »härteren« Bereiche spezialisieren, also z.B. Pfuscher-Kontrolle auf Baustellen oder Kaufhausüberwachung in sozialen Absturzzonen. Da ist dann – ethisch bewertet – alles nur noch grau gegen grau.

Als BDA spielst du aber selten in einer dieser Ligen. Der durchschnittliche BDA ähnelt mehr einem Callcenter-Agent: relativ ahnungslos, oft nur für Wochen oder Monate dabei, um dann in einen anderen McJob abzutauchen, immer nervös, übervorteilt zu werden, emotional wenig in die tatsächliche Causa verstrickt und dazu eine einzige, wandelnde Sicherheitslücke. Während Berufsdetektive laufende Fälle betreffend wirklich erstaunlich schweigsam sein können, plaudern BDAs zumindest im Freundes- und Bekanntenkreis immer gleich alles aus, was mitunter für echte Probleme sorgen kann. Meine Kollegen vom »Auskunftsbüro Engländer« und ich sind da eine rühmliche Ausnahme. Das hat mehrere Gründe: Zum einen sind einige von uns schon ziemlich lange dabei, was neben der Erfahrung auch ein recht großes Stück Sensibilität (zwischenmenschlich, rechtlich) mit sich bringt. Zum anderen ist unser Chef Ernst-Peter Engländer ein maßvoller und moralisch einwandfreier Vorzeige-Unternehmer, der Diskretion, Gewissenhaftigkeit und persönlichen Einsatz einfach erwartet.

Um 13 Uhr bin ich bei Ernst-Peter im Büro. Er sitzt mir in seinem überbreiten Chefsessel gegenüber, der ihn von fast allen Seiten mit gediegenem Leder umgarnt, ihn jedoch wie ein Kind aussehen lässt, das im Arbeitszimmer seines Vaters einen erregenden Rollentausch probiert. Ernst-Peter ist so alt wie ich, wirkt aber um Jahre jünger. Er hat einen strohblonden, bei jeder Gelegenheit errötenden Sportreporterkopf mit nervösen wasserblauen Augen und fast bartlosen Wangen. Er wirkt ungefährlich und permanent eine Spur überfordert, was beides eigentlich nicht zutrifft. Ernst-Peter instruiert mich hinsichtlich der Observation, die heute Abend ansteht, und überreicht mir den Schlüssel zum Haus mit einer Anfahrtsbeschreibung.

Eigentlich ist zu der ganzen Angelegenheit kein Wort mehr zu verlieren, alles so oder ähnlich schon da gewesen, trotzdem scheint Ernst-Peter dem noch irgendetwas nachschicken zu wollen.

Er rubbelt mit dem Finger an einer Unterlage herum, dann wetzt er ein bisschen in seinem Sessel, kontrolliert besorgt die Anzahl seiner Bleistifte, um sich schließlich seufzend zurücksinken zu lassen und unpassend onkelhaft zu verlautbaren:

»Clemens, wir zwei haben schon Glück, oder?«

»So im Allgemeinen, meinst du?«

»Nicht nur. Auch mit unseren Mädchen zum Beispiel …«

»Mädchen? Yvonne? Irina und …«

»Nein, nein, nicht die Agentur-Mädels! Andrea. Und Martina!«

»Ach so, ja, da hätten wir es vielleicht übler erwischen können.«

»Wollt ihr eigentlich Kinder haben, Clemens? Das würde mich wirklich sehr interessieren. Würdest du mir das verraten?«

»Ja, da können wir schon drüber reden, Ernst-Peter. Ähm, nein.«

»Keine Kinder?«

»Nein, nein, im Moment sicher nicht.«

»Weißt du, ich bin mir da nicht so sicher. Überhaupt nicht sicher. Und Andrea … Sie ist irgendwie sphinxenhaft dahingehend. Weißt du, ich glaube, sie wartet irgendetwas ab. Irgendetwas, hm.«

»Schwer zu sagen …«

»Absolut. Sie spricht...


Jan Kossdorff, geboren 1974 in Wien. Drehbuchautor, Journalist, Werbetexter. 2009 lieferte er mit "Sunnyboys" sein Romandebüt. 2010 folgte "SPAM"!, der E-Mail-Roman zur Dotcom-Blase. Kossdorff lebt und arbeitet in Wien und Altmünster. Für das Manuskript von "Kauft Leute" erhielt er das Rom-Stipendium der Republik Österreich und das Aufenthaltsstipendium im Thomas-Bernhard-Archiv in Gmunden. Letzte Veröffentlichung: "Leben spielen", Deuticke, 2016



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