Kossdorff | Kauft Leute | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 250 Seiten

Kossdorff Kauft Leute


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-85286-243-9
Verlag: Milena Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 250 Seiten

ISBN: 978-3-85286-243-9
Verlag: Milena Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wenn ganz in Ihrer Nähe ein Menschenmarkt aufmacht - würden Sie da nicht hinschauen? Zumal wenn es total legal ist ... Ein unterhaltsamer und spannender Roman zum Zynismus der Konsumwelt und des heutigen Arbeitsmarktes. Am größten Shopping-Gelände vor den Toren der Stadt öffnet ein neuer Markt seine Türen. Neu ist, dass seine Waren atmen, sprechen und im Schaufenster posieren: 'Hümania' ist ein Abholmarkt für Menschen. Arbeiter, Haushaltshilfen, Lover, Lebensmenschen oder den heiß ersehnten Nachwuchs - jeder kann hier kaufen, was ihm oder ihr zum Glück fehlt. Die Werbetexterin Caro ist nach Beziehungsende und Kündigung verzweifelt genug für eine 'spannende, neue Herausforderung': Sie heuert bei dem medial massiv gehypten Megamarkt an und wird Produkttexterin. Schnell kapiert sie, dass es ihr für dieses Business an Skrupellosigkeit fehlt. Sie beginnt nach den Schicksalen hinter der 'Menschenware' zu fragen und legt sich mit den Profiteuren des neuen Sklavenhandels an. 30 Millionen Menschen leben heute in Unfreiheit - mehr als zu jedem anderen Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte. In 'Kauft Leute' wird die Entwicklung weitergedacht: bis zur perfekten Vermarktung des Produkts Mensch.

Jan Kossdorff: Geboren 1974 in Wien. Drehbuchautor, Journalist, Werbetexter. 2009 lieferte er mit Sunnyboys sein Romandebüt. 2010 folgte SPAM!, der E-Mail-Roman zur Dotcom-Blase. Kossdorff lebt und arbeitet in Wien und Altmünster. Für das Manuskript von Kauft Leute erhielt er das Rom-Stipendium der Republik Österreich und das Aufenthaltsstipendium im Thomas-Bernhard-Archiv in Gmunden.
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1


ZWISCHEN DEM WEITLÄUFIGEN GELÄNDE eines Golfplatzes und der Ausstellungs-Welt eines Fertighaus-Erzeugers im Süden von Wien befand sich ein etwa zwei Hektar großer, von hohen Holzverschlägen umzäunter Grund, auf dem seit einem Jahr unermüdlich gebaut wurde. Lange wussten nur die direkt in den Planungs- und Bauprozess eingebundenen Personen, was hier entstehen sollte, und verschiedene Theorien machten unter den Uneingeweihten die Runde. So tippten viele auf ein exklusives Designermarken-Outlet. Andere glaubten zu wissen, dass ein Baumarkt aufmachen würde, möglicherweise der größte des Landes. Als hartnäckig erwies sich auch der Irrglaube, auf dem Gelände solle ein Vergnügungspark entstehen. Die Kinder konnten schon die Schreie von der Achterbahn hören und die Eltern die Steaks im mexikanischen Erlebnisrestaurant schmecken. All diese Hypothesen stellten sich als falsch heraus, wenn auch jede zumindest ein bisschen Wahrheit enthielt. Als schließlich das sechs mal drei Meter große Schild mit der Aufschrift »HIER ERÖFFNET IN KÜRZE DER GRÖSSTE HÜMANIAMARKT EUROPAS!« neben dem Haupttor des Baugeländes aufgestellt wurde, herrschte sogleich allergrößte Aufregung. All die Polemik, die Diskussionen, die Ablehnung und die enorme Spannung, die schon mit der Eröffnung der anderen großen Filialen in Mitteleuropa einhergegangen waren, traten auch hier auf – und stärker noch. Aber: Selbst jene Wiener, die mit dem enormen Erfolg von HÜMANIA nicht einverstanden waren, die ideologische Vorbehalte hatten, mussten anerkennen, dass die Entscheidung, nach Filialen in Dresden, München, Amsterdam und Turin das Flaggschiff von HÜMANIA an der Donau entstehen zu lassen, ein fantastisches Kompliment für den Standort Wien war. Es würde die regionale Wirtschaft stärken, mediales Echo generieren, Touristen anziehen. Und dies waren Argumente, die schwerer wogen als jeder moralische Einwand.

Zur gleichen Zeit, als alle Welt erfuhr, welche Art von Attraktion die Stadt und ihre Bewohner erwartete, wurden in den größten Tageszeitungen des Landes Job-Inserate geschaltet, in denen vom Kundenberater über Verkaufsraumgestalter bis zum Buchhalter eine komplette Firmenbelegschaft gesucht wurde. Eines der Inserate war die Ausschreibung der Stelle »Texter und Produktgestalter«, und genau dieses fiel Carolin Novara ins Auge, als sie die Online-Jobbörse einer Wiener Tageszeitung durchforstete. Sie hatte vor fast einem Jahr einen bestens bezahlten Job bei einer großen Werbeagentur in Wien hingeschmissen, hatte dann für einige Monate den Großteil ihrer Wachzeit in einem Multiplayer-Online-Game verbracht, bis zur völligen Isolierung und finanziellen Erschöpfung, um sich dann in einem Moment der Selbsterkenntnis in ein Entzugsprogramm zu stecken, bei dem sie drei Monate lang ohne Zugang zu Handy, Fernsehen oder Internet einen Bauernhof mitbewirtschaftet, Kühe gemolken, Kartoffeln gezogen und Marmelade eingekocht hatte. Tagsüber hatte sie Schweinemist geschaufelt und Erde aus den Reifen eines Traktors gekratzt, in ihren Träumen aber war sie immer noch die zähe Raumtransporterpilotin mit dem langen roten Zopf gewesen, die auf dem Dschungelplaneten Handel mit Iridium betrieb. Man bekam diesen Irrsinn einfach nicht mehr aus dem Kopf.

Caro schickte ihren Lebenslauf, ein paar Arbeitsproben und ein kreatives Bewerbungsschreiben, an dem sie feilte, als wäre es die Magna Charta, an die Human-Resources-Stelle von HÜMANIA und wartete ab. Es war die zehnte Bewerbung, die sie in den letzten Wochen verschickt hatte, und niemand hatte sich bei ihr gemeldet. Diesmal war es anders: Eineinhalb Wochen später erhielt sie eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Am selben Tag ging auch die Online-Auktion zu Ende, bei der Caro die Zugangsdaten zu ihrem Profil bei dem Webgame, und damit auch ihren Avatar, ihre unfassbar hohen Kommunikationspunkte und ihr virtuelles Vermögen von 6 Millionen Dollar in Form von reinstem Iridium versteigerte. Die Auktion erzielte über 400 Euro. Die ganze Angelegenheit schien nun ausgestanden, und Caro konnte sich daranmachen, das zurückzuerobern. Innerlich aufgewühlt von diesen Entwicklungen, hatte sie das Bedürfnis, jemandem davon zu erzählen. Da sie ihre früheren Freunde in Zeiten erhöhten Handelsaufkommens auf ziemlich schmählich ignoriert hatte und später auf der Farm sowieso völlig aus der Welt gewesen war, traute sie sich nicht, jemanden anzurufen, der ihr wirklich nahestand. Stattdessen meldete sie sich bei ihrem Reha-Genossen Max, der das halbe Vermögen seiner Eltern beim Online-Pokern durchgebracht und mit dem sie es hin und wieder auf der Rückbank eines Scheunen-Oldtimers getrieben hatte. Max freute sich von ihr zu hören, seine Stimmung änderte sich aber schlagartig, als sie erzählte, sie sich beworben hatte. Er führte die üblichen Argumente ins Treffen, die man hörte, wenn HÜMANIA-Gegner zu Wort kamen, und warf ihr vor, sich zu prostituieren. Caro erwiderte, dass Max sie eben nur in Regenstiefeln und abgeschnittenen Jeans kannte, sie davor aber ein seelenloses Werbeflittchen gewesen war und nun am besten Weg sei, wieder eines zu werden, kurz: alles nach Plan lief. Tatsächlich aber machte es sie ein klein wenig bestürzt, dass Max so heftig auf ihre Neuigkeit reagierte, sie war eigentlich der Meinung gewesen, dass HÜMANIA einen, nun ja, humanen Grundansatz vertrat. Der Text über die Unternehmensausrichtung auf der Homepage hatte sie jedenfalls überzeugt, auch wenn sie natürlich wusste, dass ein Texter wie sie hier einfach gute Arbeit geleistet hatte. Sie nahm sich vor, beim Bewerbungsgespräch selbst ein paar Fragen zu stellen, um mehr über das Unternehmen zu erfahren. Gleichzeitig wollte sie den Job aber unbedingt haben. Sie wusste, dass sie einen geregelten Arbeitsalltag brauchte, um wieder Halt zu finden, sonst war das nächste Abtauchen in virtuelle Sphären vorgezeichnet. Und vielleicht würde sie dann für immer in der Anziehungskraft eines von russischen Studenten programmierten Planeten gefangen bleiben … Wobei die Programmierer ja genauso wenig Schuld traf wie sie selbst. Der Grund dafür, dass sie vor einem Jahr ihren Job gekündigt und ihren Lebensmittelpunkt vorübergehend in eine andere Galaxie verlegt hatte, war natürlich Roman. Der Mann, von dem sie sich so oft getrennt hatte und den sie so oft wieder in ihr Leben gelassen hatte, dass sie irgendwann dachte, es wäre einfach unmöglich für sie, ihn endgültig zu verlassen, so wie man sich selbst ja auch nie wirklich loswird. Und an diesem Punkt machte er Schluss, einfach so. – Natürlich war da eine andere. Und natürlich war es irgendwie gut, dass es endlich vorbei war. Aber für Caro war es leider zu viel – sie funktionierte nicht mehr. Wer in der Kreation einer großen Werbeagentur sitzt, macht sich mit Heulkrämpfen und Schreibhemmung bei Kollegen und Vorgesetzten auf längere Sicht keine Freunde. Sie nahm sich Urlaub – aus dem sie nicht mehr zurückkehrte. Doch jetzt waren die Ferien zu Ende.

An einem schwülen Dienstagmorgen Mitte August stand Carolin Novara, Anwärterin für die Position der Texterin und Produktgestalterin bei HÜMANIA, vor einem Bürogebäude in der Wiener Innenstadt. Sie war mit dem Fahrrad gekommen, was sie jetzt bereute, denn sie schwitzte unter den Armen und am Rücken. Auch im Nacken spürte sie die Feuchtigkeit unter ihrer dunklen Naturwelle und sie wünschte sich sehnlich, sie könnte noch mal duschen. Trotz der harten körperlichen Arbeit am Hof hatte Caro in den letzten Monaten an Gewicht zugenommen: Während die fetten Computerfreaks auf einem anderen Hof strenge Diät halten mussten, bekam Caro Eier, Speck, Milchbrot und Kakao zum Frühstück, zu Mittag wurde ein monströser Auflauf serviert und abends gab es Variationen von Leberstreichwurst und Schweineschmalz auf dreifingerdickem Brot. Nach einer kurzen Umgewöhnungsphase von drei, vier Tagen, in denen sie sich unter röchelnden Todeslauten auf den Acker übergab, begann sie den neuen Speiseplan zu lieben! Als sie sich nach vier Wochen in dem fleckigen Spiegel im Badezimmer nackt betrachtete, im Licht einer Glühbirne, die von einer Schnake umkreist wurde, kam sie allerdings zu dem Schluss, dass ihr auch diese Liebe wieder mal nur Unglück brachte, und sie verbannte jede köstliche Variation von Schmalz, die sie in den letzten Wochen kennengelernt hatte, von ihrem Teller. Die Transformation ließ sich aber nicht mehr aufhalten: Als sie wieder nachhause kam, war aus dem schlanken, grünäugigen Mädchen in lässigen Londoner Gammel-Chic-Klamotten, mit dem jeder Artdirektor und Kontakter ins Bett wollte, eine dralle, gebräunte, sommersprossige Naturparkführerin geworden. Auf der Straße drehte sich nun ein ganz anderer Typ Mann nach ihr um, Studenten vom Land, Öko-Typen, und Caro fühlte sich, als müsste sie ein Faschingskostüm einen ganzen Sommer lang tragen. Sie hatte jetzt muskulöse Oberarme statt der zarten Gliedmaßen, die früher nur dazu dienten, eine Zigarette zu halten und in die Tastatur ihres Macs zu klopfen. Ihre Waden waren stark und sehnig, und ihre Körperhaltung aufrecht. Es kam ihr sogar vor, als hätte ihre Sehkraft zugenommen, im Supermarkt...



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