E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Kortmann Einhandsegeln
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-908778-86-8
Verlag: Dörlemann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-908778-86-8
Verlag: Dörlemann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christian Kortmann, geboren 1974 in Köln, studierte Kulturwissenschaften in Hildesheim und Bologna und wurde 2005 promoviert. Er arbeitete als Journalist u. a. für Die Zeit, Süddeutsche Zeitung und Die Weltwoche, war Leiter der Kulturredaktion von sueddeutsche.de sowie Chefredakteur verschiedener Magazine. Er veröffentlichte bisher neben Essays und Reportagen die Romane Der Läufer (2009), Das menschliche Optimum (2012) und Happy Hour Schopenhauer (2022) sowie den Gedichtband Als ließen die Dinge noch mit sich reden (2024). Christian Kortmann lebt in Hamburg, wo die Bühnenfassung von Einhandsegeln seit 2022 am Thalia Theater gespielt wird.
Autoren/Hrsg.
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1
Auf See
Breite = 54° 39' Süd, Länge = 63° 37' West
Tag: 100
Rau. Heute ist sie rau, die See. Eine überlegene Macht, die sich am Boot reibt und ihre Kraft spüren lässt. Draußen wogt das ewige dunkle Grau und blaustichige Grün, die Regentropfen sprenkeln die Scheiben mit den archaischen Mustern eines Naturvolks. Der Niederschlag ist in der Nacht stärker geworden, jetzt steht er konstant. Eine dunkle Wolke, die gekommen ist, um bei mir zu bleiben. Der Wind rüttelt an den Segeln. 7 bis 8 Beaufort aus Südwest. Ich komme gut voran, 6 bis 8 Knoten Fahrt, das wird ein gutes Etmal heute, um die 130 Seemeilen.
Manöver: Großsegel trimmen, Klüver reffen.
Luftdruck 995 hPa, fallend. Kate taucht ihren Bug ins Wasser und kommt unbeeindruckt sofort wieder hoch. Die See wogt unter dem Boot wie eine Unendlichkeit von schiefen Ebenen. Unser Universum ist lebendig, formt und formiert sich ständig neu. Wir gleiten darüber hinweg, haben längst verstanden, wie sinnlos es ist, nach Halt zu suchen.
Kein Wunder, wo bin ich denn unterwegs?
Kap Hoorn liegt voraus, das geht mir seit Tagen durch den Kopf. Ich muss aufpassen, dass ich nicht auf Grund laufe oder in den mächtigen Seen kentere. Oder dass mich der West einfach in den Atlantik zurückbläst wie eine Nussschale und sagt: Geh woanders spielen, Kleiner!
Beim Aufwachen in der dunklen Kajüte versichere ich mich mit einem Blick auf die Borduhr, dass schon Morgen ist. Die Gefahr von Eisbergen. Ich sollte besser Nachtwachen halten, polyphasisch schlafen wie Leonardo da Vinci, 20 Minuten alle 4 Stunden, mehr REM-Schlaf im reduzierten Gesamtschlaf.
Ich winde mich aus der behütenden Nahbarkeit der Koje und mache den Kontrollgang. Wenn ich morgens nach dem Aufstehen Lust habe aufzuräumen, also Ordnung in die unbelebte Materie zu bringen – Kleidung, Möbel, Geschirr –, dann stellt sich wenig später auch meine Lust auf belebte Materie wieder ein, also die Kraft, um weiterzuleben.
Schalte alle Lampen an Deck ein. Gehe in die Plicht und kontrolliere den Kurs. Öffne die Fenster, wo kein Wasser eindringen kann, steuerbords und achtern. Der Wind reißt an ihnen, will mit ihnen seinen Rhythmus trommeln, sie fest auf- und zuschlagen. Ich fixiere die Fensterflügel mit silberfarbenen Teleskophaken im Rahmen und höre, wie der Wind durch die ihm nun viel zu schmale Öffnung zischt. Als ich die kalte Luft an meiner nackten Brust spüre, schließe ich die Fenster und setze die Heizung auf halbe Kraft.
In diesem Moment rollt eine Welle über das Vorschiff und bricht sich an den Scheiben. Am Himmel zeichnet ein Vogel ein Unendlichkeitszeichen. Anderswo würde man ihn für eine Krähe halten. Aber das muss ein Albatros sein, so große Flügel, dass er am Boden kaum laufen kann.
Ich fühle mich geborgen und sicher. Kate wird mich auch durch diese schweren Seen tragen.
Ich habe das Boot von einer alten Fischerfamilie übernommen und mehr als ein Jahr lang vorbereitet. Ausgebessert, verfeinert, das hölzerne Deck abgeschliffen, den Rumpf neu gestrichen. Als ich sie dann in der Marina auf der Elbe vor mir sah … Als ich ihre schlanke Silhouette sah, das weiße Großsegel, den frechen blauen Klüver und die Genua in British Racing Green … Da wusste ich, wie sie heißen musste. »Hiermit taufe ich dich auf den Namen Kate Moss«, sagte ich. Und ließ eine Flasche Edinburgh Seaside Gin und Fever Tree Tonic an ihrem hölzernen Rumpf zerschellen.
Die Inneneinrichtung, viel Holz und Radierungen mit norddeutschen Küstenszenen, habe ich belassen, wie sie war. Ich finde es angenehm, wenn nicht jedes Ding etwas mit mir zu tun hat, wenn mich nicht alles direkt anspricht und an etwas erinnert und Interaktion fordert. Die Neutralität der Wohnumgebung ist wie eine weiße Leinwand, auf der die erlebte Gegenwart präsenter wird.
Ich selbst besitze nur einen Schreibtischstuhl, eine Kaffeemühle (die ich mit verbundenen Augen auseinander- und wieder zusammenbauen kann wie Commander James Bond seine Beretta) und einen Seesack voller Bücher. Alles andere ist unnötiger Ballast. Mit einem leichten Lebensboot manövriert es sich besser.
Dann habe ich den Proviant aufgefüllt. Genug Nudeln, Kaffee (Arabica-Bohnen, 32 Minuten geröstet), Weißwein, Champagner (für jeden 10. Längengrad), Crémant (für die 5er dazwischen), Tomatensaft (für meine tägliche Virgin Mary), Zitronen und Zwiebeln für die Vitamine. Und Schokolade. Nur Salz ist nicht so wichtig, davon bekomme ich auf jeden Fall genug …
Ich liebe es, groß einzukaufen und den Proviant dann zu verbrauchen und zu sehen, wie er allmählich weniger wird, wie er im Laufe meiner Manöver dahinschmilzt. Ich öffne die äußere Sammelverpackung der Dinge und stapele sie in die Schränke, Schubladen und Fächer an Bord. Klopapierrollen, doppellagig, Tempotaschentücher in klassischen Zehnerpacks, Bierflaschen zu 0,33 Liter, Parmigiano Reggiano in 250-Gramm-Portionen verschweißt. Ich möchte von allem mehr als genug haben und das in herrlich handhabbaren Einheiten.
Ich habe meine Arche an meine Bedürfnisse angepasst, Kate Moss und ich, ein perfekt aufeinander abgestimmtes Paar. Schließlich haben wir beide dasselbe Baujahr, 1974.
Seit 100 Tagen bin ich jetzt auf See.
Von Hamburg nach Hamburg.
Allein nonstop um die Welt.
Kurs Südsüdwest – an den drei großen Kaps vorbei: Kap Hoorn, Kap Leeuwin, Kap der Guten Hoffnung.
Gegen den Wind.
Vor dem Wind gesegelt bin ich nur selten in meinem Leben, habe immer schon zum Kreuzen geneigt.
Ich wusste, dass der Moment, der den Aufbruch zu dieser langen, einsamen Reise ermöglicht hat, kommen würde. Der Moment, in dem ich es an Land nicht mehr ausgehalten habe. Der Moment, in dem mir mein Kontinent zu klein geworden ist. Der Moment, in dem ich begann, meine Mitmenschen als Tiere zu sehen: der Dachdecker, der übers Vordach huscht und sein Käsebrötchen mümmelt wie ein Eichhörnchen; die Nachbarn, die mit ihren Rechen auf der Wiese stehen wie Rinder; das Kleinkind, das wie ein Kaninchen über den Gehweg hoppelt.
Landrattenleben eben.
Für mich: kein Leben.
Ich hatte auf mich gehofft. Gehofft, dass ich den Mut haben würde, trotz des lächerlich schmerzhaften letzten Blicks zurück, in See zu stechen.
Und jetzt bin ich hier, an der brodelndsten Stelle des Südatlantiks. Die Seen schäumen am Steven, die Ideen in meinem Kopf.
6. Dezember. Das Hinschreiben des Datums ist die erste Herausforderung und Selbstvergewisserung.
Heute ist Nikolaustag. Die Menschen an Land feiern ihre Gemeinschaft. Eltern zeigen ihren Kindern mit aufmerksam ausgewählten Geschenken, dass sie sie lieben. Arbeitgeber versuchen, ihren Angestellten gegenüber mit einem Schokoladennikolaus und einer Mandarine, die morgens auf deren Schreibtisch liegen und einen Gesamtwert von 1,50 Euro haben, einen ähnlichen Eindruck zu erwecken. Work-Wife-, Work-Husband-, Work-Parents-and-Children-Gefühle, die Rute bleibt erst mal im Sack.
Ich werde mir keine Kleinigkeit schenken, auch heute nicht.
Ich habe mir eine Großartigkeit geschenkt.
Ein Säuger nähert sich bugseits. Er kreist seihend um mein Boot, viel Grünzeug hier. Dann legt sich das Tier in Lee auf den Rücken. Ab und zu hebt es den Kopf aus dem Wasser und blickt zu mir hinauf. Ich beobachte es mit dem Glas und schaue in seine nachtblauen Augen: Hallo, Wesen!
Es weiß, dass es sich Zeit lassen kann. Im Vergleich zu ihm bin ich die lahmste Ente und noch länger in der Gegend. Ich wünsche ihm einen guten Fang. Doch das Tier will nichts mit mir zu tun haben, es hat eine schöne Strömung gefunden und zieht sich zurück. Ein Wellenkamm und ich sehe noch seinen Kopf, zwei Wellenkämme und es ist wieder verschwunden.
Der Südwest ist stärker geworden. Der Windmesser zeigt 9 Beaufort. Solide 6-Meter-Dünung. Böenwetter. Beweg-dich-Wetter.
Manöver: Großsegel reffen, den Klüver bergen und das Try und die Sturmfock setzen.
So viel zu tun an Bord, ich komme kaum zum Nichtstun und zum Segeln-Genießen …
Eine Morsenachricht trifft ein. Ah ja, ich sehe, von wem sie stammt. Die Lektüre hebe ich mir für später auf und verlängere die Vorfreude auf einen gesellschaftlichen Höhepunkt in meinem Leben.
Ich liebe die Rauheit dieser Tage.
Die Gischt, den Gegenwind, die Gnadenlosigkeit, mit der mir die Natur begegnet.
Rau, wie die schönsten Stimmen.
Rau, wie die ernste Seite der Feile.
Rau, wie das Rough beim Golf, wenn das Spiel stockt und du nicht einfach weitermachen kannst wie geplant. Erst wenn du im Spiel der Naturgewalten auf dich allein gestellt bist, merkst du, was du wirklich kannst.
Einhandsegeln stellt die höchsten Ansprüche. Ans Material und an den Segler, der segeln können muss wie im Schlaf und als Kind auf dem Wasser aufgewachsen ist. Aber es gibt auch die, die zur Weltumrundung aufbrechen, ohne jemals zuvor gesegelt zu sein. Die Dinge, die du nicht lernen kannst, sondern die zu lernen bedeutet, sie zu tun. Denn noch wichtiger als deine fachliche und körperliche Eignung ist deine psychische Disposition: Wir Einhandsegler verbringen Wochen, Monate, manchmal gar Jahre allein auf See. Wir berühren, umarmen, küssen, schmecken, riechen keinen anderen Menschen. Wir sehen andere unserer Art nur, wenn wir zufällig einem Handelsschiff begegnen und Besatzungsmitglieder uns von der Reling aus zuwinken. Land kennen wir nur noch...




