E-Book, Deutsch, 349 Seiten
Korten Mondteufel
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7521-3561-9
Verlag: tolino media
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 349 Seiten
ISBN: 978-3-7521-3561-9
Verlag: tolino media
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Das Spezialgebiet der Bestseller-Autorin sind Thriller, Psychothriller und Romane. Sie schreibt außerdem Kurzgeschichten, Drehbücher und Romane. Ihre Thriller erreichten alle die Top-Ten-Bestsellerlisten vieler Ebook-Plattformen. Die Autorin schreibt für den Verlage und veröffentlicht auch selbst.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 2
Ich erinnere mich. Mein Name ist Stella Hoffmann. Vor fast 42 Jahren gaben ihn mir meine Eltern: Ida und Erik Hoffmann. Sie hatten sich den Namen ein paar Monate vor meiner Geburt überlegt, als sie erfuhren, dass ich ein Mädchen war.
„Wenn du ein Junge gewesen wärst“, sagte meine Mutter, als ob es eine echte Option gewesen wäre, „wenn du ein Junge gewesen wärst, hätten wir dich Thomas genannt. Oder Alexander.“
Leonie kennt also meinen Namen. Was weiß sie sonst noch? Habe ich mich bei ihr bedankt? Danke für den Tee, obwohl ich ihn nicht mag. Danke für ihr Sich-um-mich-kümmern. Ein Danke. Als Ausdruck meiner Anerkennung. Ich habe es ihr gewiss schon gesagt.
Warum sagt sie nicht einfach Krankenschwester? Wie lange bin ich denn schon hier? Welches Datum haben wir heute? In welchem Krankenhaus bin ich untergebracht? Alles ist hier so unwirklich. Ich sehe mich um. Auf der Fensterbank liegt eine Zeitschrift. Wenn ich mich nicht täusche, ist es ein Klatschblatt, das Titelblatt ist ein Hochglanzfoto von Meghan und Harry und Baby Archie.
Beim Aufstehen wird mir sofort schwindelig. Ich halte mich am Bett fest und gehe ganz langsam zum Fenster, was sich nicht als einfach erweist. Der Schwindel zwingt mich, mich wieder aufs Bett zu setzen. Mein Kopf hämmert, dröhnende Kopfschmerzen foltern mich. Ich schließe kurz die Augen und versuche, meine Atmung zu beruhigen.
Eine frühe Erinnerung blitzt auf. Ich höre die Stimme meines achtjährigen Bruders Jordi: ‚ …
Ich lächle. Jordis Stimme ist eine zugleich schöne und eine traurige, schmerzliche Erinnerung. ‚
Leonie betritt in Begleitung eines kleinen Mannes mein Zimmer, sie holen mich in die Gegenwart zurück. „Hey Stella, da bin ich wieder“, sagt sie.
Der Mann kommt mit ausgestreckter Hand auf mich zu. „Ich denke, dass Sie soweit sind und wissen wollen, was mit Ihnen passiert ist. Ich bin Felix Bremen. Wir haben uns schon einmal gesehen, aber bis zum heutigen Tag haben sie mir noch keine Fragen gestellt. Ich fand es sinnvoller zu warten, bis Sie ganz bei uns sind. Übrigens nennen mich alle hier beim Vornamen. So fällt es etwas leichter, sich weniger förmlich zu unterhalten. Sind Sie einverstanden?“
Ich nicke. Felix Zwerg. Das hätte mir gefallen.
„Gut. Es hat eine Weile gedauert, aber jetzt sind Sie ja wieder da, Stella. Seit Sie hier sind, haben Sie praktisch wie ein Autopilot reagiert. Jetzt scheinen Sie Ihre Umgebung und das Geschehen um Sie herum wieder bewusst wahrzunehmen.“
Ich frage mich, was ich in einer Autopilotphase wohl angestellt haben könnte.
„Wissen Sie, wo Sie sind, Stella?“, fragt Felix.
„In … in einem Krankenhaus?“, antworte ich zögerlich.
Felix beugt sich zu mir herüber. „Sie wurden vor fünf Wochen in der Universitätsklinik operiert und haben dort zwei Wochen verbracht. Sie hatten nach einem Aneurysma eine Hirnblutung. Das Aneurysma wurde durch eine Vene aus Ihrer Leiste behoben. Nach der Operation waren Sie schnell wieder bei Bewusstsein. Sie reagierten zwar auf Anweisungen, aber Sie schienen nicht wirklich aufzuwachen. Sie konnten mit Stimulationen nicht gut umgehen und lehnten alles ab, was mit fester Nahrung zu tun hatte. Sie wollten nur trinken und infolgedessen bekamen sie flüssige Nahrung. Deshalb sind Sie körperlich auch jetzt noch sehr schwach. Ihr behandelnder Arzt hat entschieden Sie für eine Weile in einem Pflegeheim unterzubringen. Und hier sind Sie nun, in der Rehabilitationsabteilung des Pflegeheims Euphoria. Verstehen Sie, was ich Ihnen sage, Stella?“
Lastendes Schweigen breitet sich aus.
Felix sieht mich an. „Was bedrückt Sie, Stella?“
„Ich weiß nicht. Das alles macht mir Angst“, antworte ich leise.
„Verstehe. Können Sie sich an irgendetwas erinnern?“
Ich lege meine linke Hand auf die Stelle am Kopf, wo das Poltern zum ersten Mal auftrat.
„Ah, Sie erinnern sich also an den Moment, als es passierte. Hatten Sie Kopfschmerzen?“
„Ja … Aber Freddy war damals noch nicht da.“ Ich klammere mich noch fester an das Bett, als würde es unter meinem Gewicht schwanken, aber vielleicht verliere ich auch gerade den Boden unter den Füßen. „Da waren zuerst Paukenschläge.“
Felix nickt zufrieden. „Freddy?“
„Dieses Hämmern vergleiche ich mit einem Straßenarbeiter, der mit einem Schlagbohrer mein Hirn bearbeitet. Ich nenne ihn Freddy.“
Er schmunzelt. „Sie haben also ein Hämmern wahrgenommen. Und wissen Sie, wo Sie in diesem Moment waren?“
„Bei meiner Mutter. Ich wollte eine Vase aus dem Keller holen. Ich habe etwas fallen lassen, wollte meine Mutter rufen, aber mein Kiefer war angespannt. Die Worte weigerten sich zu kommen. Das Hämmern in meinem Kopf hielt mich davon ab, die Treppe hinunter zu gehen.“
„Eine weise Entscheidung“, lobt Felix. „Sind Sie danach sofort gestürzt?“
„Ich weiß es nicht mehr genau. Aber da war plötzlich ein Gedanke Ich habe einen Schlaganfall Ich versuchte aufzustehen, aber meine Beine knickten ein und dann … Ab da ist alles weg.“
Er nickt. „Sie haben damals das Bewusstsein verloren. Ihre Mutter wählte sofort den Notruf und ein Krankenwagen brachte Sie in die Universitätsklinik, wo ein Scan ein Aneurysma zeigte.“
Ich schließe die Augen ganz fest.
Felix berührt meinen Arm. „Sind es zu viele Informationen auf einmal?“
Ich öffne meine Augen wieder. „Ja.“
Er geht auf die Fensterbank zu und nimmt die Zeitschrift in die Hand. „Können Sie lesen, was hier geschrieben steht, Stella?“
„GALA. Das Foto zeigt die abtrünnigen Sprösslinge des britischen Königshauses.“
Felix grinst und legt das Magazin wieder beiseite. „Ich habe mich vorhin vorgestellt. Sagte ich, dass mein Name Paul sei?“
Ich bin nicht in der Stimmung für irgendwelche dämlichen Spielchen.
Felix hört nicht auf. „Oder habe ich gesagt, mein Name sei Felix?“
Ich nicke brav. .
„Sie verstehen mich, Sie können also Informationen speichern. Sie sind wirklich wach, Sie sprechen zusammenhängend, wir können also anfangen“, sagt Felix.
„Ich habe es verloren.“
„Was haben Sie verloren, Stella?“
„Irgendeine Erinnerung. Irgendetwas. Ich kann es noch nicht sehen. Aber ich spüre es. Es zerreißt sich … Es entzieht sich. Ich musste vorhin daran denken.“
„Sie werden sich wieder erinnern, Stella. Nach einer solchen Operation muss sich das Gehirn mit seinen Erinnerungen neu sortieren. Machen Sie sich keine Gedanken. Das Verlorene kommt zurück.“
„Aber ich weiß nicht, ob ich das unbedingt möchte.“
Ich sehe, dass der Zwerg seine Ohren spitzt. „Warum nicht?“, fragt er.
„Weil es nichts Gutes ist. Ich glaube, es ist böse und das macht mir Angst.“
„Haben Sie heute zu Mittag gegessen?“
„Nicht so richtig.“ Ich kann nicht anders, ich muss gähnen. Wie mache ich ihm klar, dass ich nur erschöpft bin und nicht unhöflich sein will?
Felix lächelt. „Ich sehe, Sie sind müde. Ruhen Sie sich ein bisschen aus.“ Er schaut auf die Armbanduhr. „Ich bin für ein paar Stunden außer Haus, aber ich komme später wieder. Dann erzählen Sie mir von dem Verlorenen. Leonie wird bei Ihnen bleiben.“ Er hebt zum Abschied die Hand und verlässt das Zimmer.
Leonie schüttelt die Kissen auf meinem Bett. „Legen Sie sich jetzt bitte hin, Stella. Sie brauchen ein Päuschen. Ich bin ganz in Ihrer Nähe. Wenn Sie sich nicht gut fühlen, dann drücken Sie den Knopf, und dann bin ich sofort bei Ihnen, okay? Ich sehe in einer halben Stunde wieder nach Ihnen, Stella.“
Ich gehorche und lege mich brav ins Bett.
Als feststand, dass die Frucht im Mutterleib weiblich war, sollte ich nur einen Namen bekommen: . Stella bedeutet ‚Stern‘, das wurde mir schon früh erklärt.
„Wolltest du, dass ich ein werde“, habe ich Mom einmal gefragt, als ich sechzehn war und bei weitem kein Star, sondern eine zurückgezogene, lahme Jugendliche, und voller Wut. Mein bester Freund war der Videorekorder, den ich mir als Aushilfe im Supermarkt verdient hatte.
„Natürlich nicht“, hatte Mom geantwortet. „Dein Vater suchte nach einem Namen, der schön klang.“
Ja, das hatte Mom gesagt, daran erinnere ich mich.
Meine Gedanken verlieren sich, jene, die Widerstand leisten, die urteilen, die vergiften. Wohin gehen die Gedanken nur, die aufbauen und zerstören, wenn die Welt zerfließt?
Ich würde liebend gern das Böse seinem Schicksal überlassen. Kann ich das? Muss man sich dem nicht widersetzen? Der Gedanke ist wie ein Schlag in den Magen.
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