E-Book, Deutsch, 450 Seiten
Korte Morgen werden wir glücklich sein
22001. Auflage 2022
ISBN: 978-3-492-98786-8
Verlag: Piper Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Gefühlvoller Frauenroman um drei Freundinnen im Paris der 1940er Jahre
E-Book, Deutsch, 450 Seiten
ISBN: 978-3-492-98786-8
Verlag: Piper Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Schon mit 12 wusste Lea Korte, dass sie später Romane schreiben will und noch heute ist das Bücherschreiben ihre große Leidenschaft. Bisher hat sie neun Romane bei Heyne, Lübbe, Aufbau und Droemer Knaur veröffentlicht, drei weitere Romane sind in Arbeit. Außerdem bildet sie in ihrer Online-Akademie »Romanschmiede« seit zehn Jahren sehr erfolgreich Autoren aus. Lea Kortes Liebe zu Frankreich und Spanien zeigt sich auch darin, dass sie dort immer wieder lange Monate mit Schreiben verbringt. Paris ist ihre große Liebe und die Heimatstadt ihres Mannes. Frankreich war schon immer ihre große Liebe - die sie dann auch vor einen französischen Traualtar geführt hat.
Autoren/Hrsg.
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2. Kapitel
Marie – Paris – 3. Juni 1940
Erneut schwoll das Heulen der Sirenen an. Marie hielt sich die Ohren zu. Trotzdem drang kurz darauf das Dröhnen der nahenden Flugzeuge in ihren Kopf. Bomber. Deutsche Bomber. Seit über einer Stunde flogen sie über die Stadt, und es nahm und nahm kein Ende. Eine Hand schob sich auf ihren Arm. Marie sah auf. Es war Geneviève. Das Flackern der Handlaterne, der einzigen Lichtquelle, die der Concierge ihres Wohnhauses ihnen hier unten im Luftschutzkeller zugestand, warf züngelnde Schatten auf ihr Gesicht.
»Die Nacht wird vorübergehen«, flüsterte die Freundin ihr zu, ein mageres Lächeln im noch magereren Gesicht, die schwarzen Augen klein vor Angst, aber trotzdem bestimmt. »Wir kommen hier raus. Lebend! Wir sind doch die drei Unbesiegbaren!«
Die drei Unbesiegbaren – das Spiel ihrer Kindheit. Geneviève, Marie, Amiel. Fast zwanzig Jahre war das jetzt her. Wann immer ihnen früher jemand oder etwas Angst gemacht hatte, hatten sie die drei Unbesiegbaren gespielt. Angefangen hatte es, als ihnen auf dem Schulweg eine Gruppe Jungs auflauerte und ihnen Wegzoll abrang. Zuerst wollten sie nur von den Madeleines oder den anderen Küchlein, die Genevièves Mutter für das feine jüdische Geschmeiß backte, wie sie höhnten. Genevièves Mutter arbeitete damals bei Amiels Familie, einer angesehenen jüdischen Arztfamilie, als Haushälterin und Köchin. Später verlangten die Burschen von Marie die Prüfungsaufgaben aus der Aktentasche ihres Vaters, die sie für teilweise mehr als einen Franc an die Abiturienten des Lycées Jean-de-La-Fontaine verhökerten, und schließlich wollten sie Amiel zwingen, aus der Praxis ihres Vaters Spritzen und Opiate zu stehlen.
Das war der Moment, in dem Geneviève befand, dass es reichte. Sie erklärte ihnen den Krieg. Und zu Marie und Amiel sagte sie: »Wir sind die drei Unbesiegbaren. Niemand hat das Recht, uns etwas zu befehlen!« – und allein ihr entschlossenes Auftreten verschaffte ihnen bald wieder Ruhe.
Die drei Unbesiegbaren – bis heute schweißte sie das zusammen. Als hätte Amiel eben Genevièves Worte gehört, kroch auch sie näher zu ihnen heran. Sie sah sie an mit ihren unerschütterlich zuversichtlichen, tiefbraunen runden Augen, legte den Arm um die Schultern ihrer Freundinnen und zog sie zu sich, bis ihre Köpfe sich berührten. Stirn an Stirn. Ja, sie waren die drei Unbesiegbaren, dachte Marie. Auch sie umarmte jetzt die anderen. Wir sind die drei Unbesiegbaren, wir sind die drei Unbesiegbaren, wir sind die drei Unbesiegbaren! Dank der beruhigenden Nähe der Freundinnen wich das Heulen der Sirenen zurück, die Angst in ihr flaute ab, sie konnte wieder atmen, seufzte auf. Allmählich nahm sie die Stimmen der anderen Menschen im Keller wieder wahr, empfand sie aber nicht als neuen Albdruck, sondern nur als bloße Hintergrundgeräusche.
Marie setzte sich wieder auf, schaute zu den Stimmen hinüber. Alle Mieter ihres Hauses waren hier unten versammelt, an die zwanzig Leute, nur Paulines Mutter fehlte. Als Maries Blick den von Pauline kreuzte, nickte sie dem Kind aufmunternd zu. Sie kannte Pauline auch aus dem Unterricht, vierte Klasse Französisch, eine eifrige, immer sehr bemühte Schülerin.
»Aber inzwischen müsste Mama doch wirklich da sein«, jammerte das Mädchen leise. »Warum kommt sie denn nicht?«
»Das wird sie schon noch«, versuchte Marie, sie zu beschwichtigen. »Ganz bestimmt wird sie das.«
»Und wenn nicht?« Dicke Tränen liefen an Paulines Wangen herunter.
Marie bat den Concierge, doch noch einmal nach ihrer Mutter zu sehen. »Was, wenn sie oben vor der Haustür steht, weil sie in der Aufregung ihren Schlüssel vergessen hat?«
Gleich beim ersten Sirenengeheul war Paulines Mutter hinüber ins Nachbarhaus gelaufen. Sie wollte ihrer ältesten Tochter mit den Zwillingen helfen. Die beiden waren erst vor wenigen Tagen geboren worden, aber eigentlich hatte sie danach gleich wiederkommen wollen.
Monsieur Dubois seufzte. Trotzdem drückte er sich von seiner Orangenkiste hoch, kurbelte an seiner mechanischen Taschenlampe, bis der Dynamo wieder neu aufgeladen war, und schlurfte im matten Schein der Lampe zur Treppe. Als er die Stufen hochstieg, hallte das unregelmäßige Pa-pam, Pa-pam, Pa-pam durch den Keller. Er zog das rechte Bein nach. Ein Andenken an den letzten Krieg. 1917. Die Deutschen. Auch damals schon. Kurz darauf erreichte er die Kellertür, öffnete sie, trat hinaus, und sie verloren den Schein seiner Lampe aus den Augen. Ein Schleifen. Die Haustür. Er sah tatsächlich vor der Tür nach. Dann schloss sich die Tür wieder mit einem satten Einschnappen. Als er zurück in den Keller kam, brummte er zu dem Kind: »Da ist niemand, Pauline. Gewiss ist deine Mutter bei deiner Schwester mit in den Keller gegangen.«
»Ja, vielleicht«, flüsterte das Mädchen, aber die Tränen liefen weiter. Marie streckte ihr die Hand hin. »Na komm, setz dich zu uns. Dann bist du nicht so allein.«
Dankbar sprang das Kind auf, lief zu ihr und schmiegte sich an sie.
Erneut näherten sich Flugzeuge. Ihr Brummen wurde unaufhörlich lauter. Schon wieder kamen sie so nah! Marie zog Pauline noch näher an sich heran. Das Kind zitterte vor Angst, aber Marie ging es nicht besser. Sie musste sich zwingen weiterzuatmen. Eisenzwingen um die Rippen. Schmerzen in der Brust. Das Pfeifen der herabfallenden Bomben. Wieder und wieder. Und Stille. Todbringende Stille. Dann der Einschlag. Weit von ihnen entfernt, aber Marie meinte trotzdem, das Beben des Bodens unter sich spüren zu können. Noch eine Detonation, diese war näher. Ohrenbetäubend. Einer der großen Steine vor den Kellerfenstern wurde von ihrem Druck weggerissen. Durch die Öffnung sahen sie die wandernden Lichter der Suchscheinwerfer und der Flaks am Nachthimmel. Noch ehe Marie realisiert hatte, dass sie trotz der Einschläge verschont worden waren, schwoll das Dröhnen erneut an. Noch mehr Flugzeuge kamen. Kurz darauf neue Einschläge. Sie waren weiter entfernt, sehr viel weiter. Aber würden nicht auch da Menschen in Kellern sitzen und um ihr Leben bangen? Dann wurde es ruhig. Erst jetzt merkte Marie, dass es auch hier drin ganz ruhig geworden war. Als könnten die Bomber sie nicht finden, wenn sie nur ganz leise waren.
Als auch in den nächsten Minuten keine neuen Flugzeuge kamen, begannen die Hausbewohner vereinzelt zu reden, ein Tuscheln nur, aber doch taten die Stimmen Maries angespannten Nerven gut. Bisher hatte es noch keine echten Bombenangriffe auf die Stadt gegeben, nur haufenweise Fehlalarme, die allerdings auch an ihren Nerven gezerrt hatten. Es herrschte derzeit das, was die Leute als drôle de guerre bezeichneten, als komischen Krieg. Ein Sitzkrieg. Ein Krieg, in dem nichts voran- und nichts zurückging. Was sich in dieser Nacht allerdings gerade zu ändern schien.
Als es still blieb, kehrte allmählich das Leben zurück in den Keller. Marie rieb Pauline über den Arm und küsste sie aufs Haar. »Siehst du, alles ist gut gegangen.«
Gerade als sich Marie bequemer hinsetzen wollte, ertönte doch wieder das Brummen von Flugzeugmotoren. Ihr Dröhnen wurde schnell lauter, geradezu infernalisch, ja, kein Zweifel, sie flogen direkt auf ihr Quartier zu. Viel zu schnell waren sie über ihnen. Marie presste Pauline an sich, und im selben Augenblick begann das Pfeifen. Dann die Stille. Auch hier unten. Noch nicht einmal mehr Atemgeräusche waren zu hören. Sie wussten es, sie alle wussten, was gleich passieren würde, obwohl sie es noch nie erlebt hatten. Dann detonierte die Bombe.
Die Explosion zerriss ihr beinahe das Trommelfell, dröhnte bis in ihren Kopf, bis in ihren Bauch hinein, alles begann zu beben und zu wackeln, sie hörte Fenster splittern, Holz bersten, aus der Decke quoll Staub, dann brachen irgendwo über, hinter, neben ihnen Mauern, und zugleich stob noch immer mehr Staub zu ihnen nach unten, eine neue Detonation, noch mehr Scheppern, Splittern, Krachen, Staublawinen, die Kerzen erloschen. Die Menschen schrien, kreischten, heulten, husteten, einige klammerten sich noch fester aneinander, wie sich auch Pauline jetzt schluchzend an Marie klammerte. Aber immerhin waren sie beide unverletzt.
Jemand am anderen Ende des Kellers zündete eine Gaslampe an, kurz darauf leuchtete auch eine Taschenlampe durch die staubverhangene Luft. Die Ersten sprangen auf, stürzten zur Tür, wollten hinaus, hinaus, hinaus, ehe noch das ganze Haus über ihnen...




