Korman Jackson Opus - Im Bann des magischen Auges
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-15067-9
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 320 Seiten
Reihe: Jackson Opus
ISBN: 978-3-641-15067-9
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jackson Opus kann sich nicht beschweren: Es läuft super für ihn! Nicht nur die Lehrer sind plötzlich völlig begeistert von Jackson, sondern auch das hübscheste Mädchen der Schule. In der Schulkantine kriegt er extragroße Portionen, und auf dem Basketballfeld zeigt er sich seit Neustem als wahrer Magier … Als Jax erfährt, was hinter dieser grandiosen Glücksträhne steckt, bleibt ihm erst mal die Luft weg: Er kann hypnotisieren! Ein geheimes Institut, angeblich im Dienste der Regierung, nimmt ihn auf, und er lernt, seine Kräfte gezielt einzusetzen. Doch prompt gerät er in eine finstere Verschwörung und hat alle Hände voll zu tun, seine Freunde, seine Familie, ja, die gesamte Welt zu retten!
Gordon Korman, geboren 1963 in Montreal, Kanada, begann schon mit 12 Jahren an seinem ersten Roman zu schreiben, nahm sich dann eine kreative Pause, um zu studieren, und hat seither mehr als 55 Romane für Kinder und Jugendliche veröffentlicht, die vielfach ausgezeichnet wurden. Er lebt heute mit seiner Frau und seinen drei Kindern in New York.In der Reihe "Die 39 Zeichen" hat er Band 2 und 8 geschrieben.
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2
»Noch später ging’s nicht, was?«, blaffte Coach Knapp der Furchtlosen Westside Bullen, als Jax und Tommy in die Umkleide der Sporthalle kamen.
»Auf der Third Avenue war Chaos«, verteidigte sie Tommy und fing an, seine Straßenklamotten auszuziehen.
»Wir gehen raus zum Aufwärmen«, teilte Knapp ihnen mit. »Zieht eure Trikots an. Wir treffen uns auf dem Feld.«
Jax streifte sein Hemd ab und zog sich sein Trikot über den Kopf. Er warf einen kurzen Blick in den Spiegel. Seine Augen waren wieder blau auf dem Weg zu blassgrün. Er war sich aber ganz sicher, dass seine ständig wechselnde Augenfarbe im Bus fast violett gewesen war. Stress brachte den Lila-Farbton hervor. Manchmal war es ihm peinlich, dass er durch seine Augen wie ein Stimmungsring sein Innerstes offenbarte. Den meisten Leuten fiel der Farbwechsel nicht auf. Und doch merkten viele, dass etwas anders war. Oft fragte jemand: »Warst du beim Friseur?« oder »Hast du abgenommen?« oder sogar »Hattest du sonst nicht immer eine Brille auf?« Es war echt gewöhnungsbedürftig, ständig angestarrt oder angesprochen zu werden. Vielleicht war Tommy deshalb der ideale Freund – er war farbenblind und sah es nicht.
Wer aber auf jeden Fall etwas sah, als die Zuspätkommer auf dem Spielfeld einliefen, war Rodney Steadman, der Topscorer der Treffsicheren Schädlingsbekämpfenden Scharfschützen. Als Flügelspieler war es Jax’ Aufgabe den besten Spieler der Gothamer Liga zu decken. Obwohl der Sprungball noch nicht mal stattgefunden hatte, starrte Rodney ihn bereits an. Der Spieler mit der Doppelnull hatte bestimmt keine Angst vor dem schmächtigen Jackson Opus. Im Gegenteil: Rodney würde ihn wahrscheinlich schwindlig spielen. Davon ging zumindest Coach Knapp aus. Er hatte Jax die ganze Trainingswoche hindurch aufgebaut mit Motivationssprüchen wie: »Wenn du Steadman unter dreißig halten kannst, haben wir eine Chance« und »Egal, was du tust, lass ihn nicht sehen, dass du Angst hast. Diese Typen riechen Angst, wie ein Hai Blut im Wasser riecht«.
Also, falls man Angst riechen konnte, dann hatte Rodney die Witterung längst aufgenommen, denn Jax’ Augen hatten wahrscheinlich die Farbe von Lollis mit Traubengeschmack. Plötzlich blitzte vor Jax ein Bild auf und er sah sich selbst in seinem Basketballtrikot am Rande des Kreises stehen und auf den Sprungball warten.
Genauso war es gewesen, als er auf die Straße getreten war, um den Bus anzuhalten – ein kurzes Bild von sich selbst, als würde ihn jemand anders anschauen. Bei der Busgeschichte war das eindeutig dadurch ausgelöst worden, dass er Angst gehabt hatte, überfahren zu werden. Aber jetzt gerade hatte er nicht wirklich Angst, oder? Okay, er befürchtete, dass Rodney ihn im Spiel blamieren würde, aber das ließ sich ganz sicher nicht vergleichen mit der Aussicht, zerquetscht zu werden.
Jax hatte diese seltsamen Visionen jetzt schon seit mehreren Monaten – zu lange, um sie als Tagträume abzutun. Halluzinierte er? Vielleicht. Aber sah man bei Halluzinationen nicht Dinge, die nicht da waren? Er sah sich selbst, genau da, wo er gerade war, und genau das tun, was er gerade tat. Es war fast, als würden seine Augen von Kameras gespeist, die auf ihn gerichtet waren.
Jax hatte von etwas gehört, dass man außerkörperliche Erfahrungen nannte. War es das, was hier vor sich ging? Es war ziemlich gruselig, aber seine Internetrecherche hatte ergeben, dass so etwas jedem Zehnten schon mal passiert war. Menschen berichteten davon, dass sie ihren eigenen Körper gesehen haben, als hätten sie über ihm geschwebt, aber das war Jax noch nie passiert. Außerkörperliche Erfahrungen wurden manchmal durch Nahtod-Erlebnisse ausgelöst. Zum Beispiel, wenn man von einem Bus überfahren wird.
Aber durch Lampenfieber vor einem Spiel? Das war ja wohl total lahm.
Jax blickte Rodney finster an, tat so, als wäre er nicht eingeschüchtert, und sagte: »Was glotzt du so, Mann? Du hast Schiss – so sieht’s aus.«
Diese Taktik ging nach hinten los. Rodney sah nicht weg. Der beste Spieler der Liga wusste, dass er von solchen Typen wie Jackson Opus nur wenig zu befürchten hatte.
Ein scharfer Pfiff aus der Pfeife holte ihn zurück aufs Spielfeld. Der Sprungball, der das Spiel eröffnete, war in der Luft, und die beiden Center sprangen danach. Die Scharfschützen sicherten sich den Ball und natürlich ging der Pass an Rodney. Jax stellte sich vor seinen Gegner, federte leicht auf den Fußsohlen. Seltsamerweise konzentrierte sich der Spieler mit der Doppelnull aber mehr auf den Verteidiger als auf den Ball. Er schien abgelenkt, dribbelte langsam und zu hoch, ganz klar über dem Hosenbund.
Jax ging dazwischen und nahm ihm den Ball ab. Er war von seiner Leistung so überrascht, dass er sich den Zeh auf dem Boden anstieß und hinfiel. Zum Glück schnappte Tommy sich den Ball und passte ihn quer über das Spielfeld zu Dante Marsh, dem Kapitän der Bullen, der einen Korbleger machte und den ersten Punkt im Spiel erzielte.
Die Bullen waren den hoch favorisierten Scharfschützen weit unterlegen, und doch wurde es ein ebenbürtiges Spiel, bei dem die Führung immer wieder hin und her wechselte. Es lag nicht daran, dass die Westside Bullen so gut oder die Scharfschützen so schlecht spielten – mit einer Ausnahme: Rodney Steadman. Er schien sich in Zeitlupentempo zu bewegen und war eindeutig nicht bei der Sache. Zwar landete er ein paar Treffer. Aber zur Halbzeit, wenn der beste Spieler der Liga normalerweise längst im zweistelligen Zahlenbereich unterwegs war, hatte er mickrige vier Punkte gemacht, und sein Team klammerte sich an eine 32:31-Führung.
»Was ist mit Steadman los?« Dante rang nach Luft und trank in großen Schlucken. »Er spielt, als würden seine Füße in Treibsand stecken!«
»Ja«, fügte der Aufbauspieler Gus Mayo hinzu. »Wir haben Glück, dass wir ihn an einem schlechten Tag erwischt haben.«
»Mit Glück hat das nichts zu tun«, widersprach Tommy. »Mein Kumpel Jax hier schaltet ihn komplett aus.«
»Ja, astreine Arbeit, Opus«, mischte Trainer Knapp sich ein. »Du scheinst echt mitzukriegen, was in seinem Kopf abgeht.«
Und Jax stimmte zu. Die Frage war nur: Wie? Wie gelang es ihm, den Spieler zu neutralisieren, der die ganze Saison über Hackfleisch aus der Verteidigung gemacht hat?
Als die Spieler sich fürs dritte Viertel bereit machten, legte Tommy seinen Arm um Jax. »Vier Punkte! So viel macht Steadman normalerweise, während er sich die Schnürsenkel bindet. Hat dir jemand ein vierblättriges Kleeblatt in deine Cornflakes geschmuggelt, oder was?«
Jax war beleidigt. »Eben hast du davon gesprochen, dass ich ihn komplett ausschalte!«
»Ich musste doch zu meinem besten Kumpel halten«, erklärte Tommy. »Aber wir beide wissen genau, dass du nicht so gut bist. Er sieht dich an, als wärest du LeBron.«
»Ich kapier’s nicht«, gab Jax zu. »Eigentlich sollte er mich zermalmen und ausspucken. Stattdessen sorgt er dafür, dass ich richtig gut dastehe.«
»Irgendwie starrt er dich an«, bemerkte Tommy. »Wahrscheinlich steht er auf Pickelgesichter.«
»Vielen Dank auch!«
»Hey, ich find’s klasse«, fügte Tommy schnell hinzu. »Solange du Steadman nicht punkten lässt, kannst du von mir aus Miss Amerika sein.«
Der Trainer der Scharfschützen erinnerte seinen Star daran, dass er sich in den Angriff einzubringen hatte. Und Rodney gehorchte, warf öfter und zog zum Korb. Und wenn er das tat, kam es einem so natürlich und mühelos vor, dass Jax sich unwillkürlich fragen musste, warum der Topscorer es nicht jedes Mal so machte, wenn er im Ballbesitz war. In vollem Tempo konnte Jax Rodney Steadman nicht aufhalten. Keiner konnte das – jedenfalls nicht in der Gotham Liga.
»Vielleicht hast du doch nicht so viel Schiss, wie ich dachte«, sagte Jax mit einem verdrießlichen Lächeln.
Rodney starrte ihn an, als würde er versuchen, ein besonders verwirrendes Rätsel zu lösen.
Aber egal, ob der beste Spieler nun Angst hatte oder nicht, etwas hielt ihn jedenfalls zurück. Erst weit im letzten Viertel schaffte er es, in den zweistelligen Zahlenbereich vorzudringen. Bis dahin hätte das Selbstbewusstsein der Bullen in ihre Konkurrenzfähigkeit nicht höher sein können. Es ging nicht mehr länger darum, einen Kantersieg zu vermeiden. Zu gewinnen war nun eine reale Möglichkeit.
»Okay, Jungs«, feuerte Trainer Knapp sie an, als sie die letzten zwei Minuten mit einer Führung von 63:62 antraten. »Macht einfach weiter so und wir gehen hier als Sieger raus.«
Aber beim Basketball ist ein Vorsprung von einem Punkt hauchdünn. Rodney übernahm mit einem Sprungwurf aus drei Metern Entfernung wieder die Führung. Die Bullen legten nach, aber der Spieler mit der Doppelnull schlug wieder zu und erhöhte seine Gesamtpunktzahl auf vierzehn. Die Scharfschützen lagen mit einem Punkt vorn, und was vielleicht noch schlimmer war, ihr bester Spieler schien endlich warm zu werden.
»Was machst du da, Mann?«, zischte Tommy. »Warum lässt du ihn punkten?«
»So spiele ich sonst auch«, keuchte Jax. »Das davor hat keinen Sinn gemacht!«
Trainer Knapps Gesicht war hochrot. »So tu doch jemand etwas!«
Die Verteidigung der Scharfschützen wurde enger, und für einen Moment sah es aus, als würde die Zeit ablaufen, während die Bullen den Ball hin und...




