E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Kordon Hilfe, ich will keinen Hund!
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-407-75797-5
Verlag: Julius Beltz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-407-75797-5
Verlag: Julius Beltz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Klaus Kordon, geboren 1943 in Berlin, war Transport- und Lagerarbeiter, studierte Volkswirtschaft und unternahm als Exportkaufmann Reisen nach Afrika und Asien, insbesondere nach Indien. Heute lebt er als freischaffender Schriftsteller in Berlin. Kordon, der als »Chronist der deutschen Geschichte« gilt, veröffentlichte neben zahlreichen Kinderbüchern viele historische Romane, darunter den autobiographische Roman Krokodil im Nacken (Deutscher Jugendliteraturpreis; nominiert für den Deutschen Bücherpreis). Viele seiner Bücher wurden mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. Für sein Gesamtwerk erhielt Kordon den Alex-Wedding-Preis der Akademie der Künste zu Berlin und Brandenburg, den Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur und, 2016, den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises. 'Kordon versteht sich als ein Autor, der zuallererst eine Geschichte erzählen möchte. Diese Geschichte gestaltet er poetisch, spannend, aktuell. Sie soll dem Leser Spaß machen. Dies gelingt ihm vor allem wegen seiner feinen Beobachtungsgabe, verbunden mit einem ganz natürlichen Verhältnis zu den von ihm dargestellten, denkenden, fühlenden und handelnden Personen. Er lebt mit ihnen, spricht ihre Sprache, gräbt sie als Außenseiter, als Freunde, als Hilfsbedürftige oder als Helfer, als Leidende, die nicht ohne Hoffnung bleiben, in das Gedächtnis seiner Leser ein.' jugendbuch-magazin
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Ein Hund? Aber nicht für mich!
Alles begann damit, dass Miri sich einen Hund gewünscht hat. Und das schon seit fast immer.
Wer Miri ist? Na, meine Schwester. Sie ist vier Jahre älter als ich und hält sich für viel klüger. Weil sie ja schon ein bisschen länger auf der Welt ist.
Schön doof! Als ob man Klugheit nach Jahren oder Zentimetern messen kann.
Richtig heißt sie Marie. Aber alle sagen nur Miri zu ihr. Und das gefällt ihr. Miri, sagt sie, so heißt ja sonst niemand. Maries gibt’s in ihrer Klasse gleich drei.
Ich heiße Paul. Auch so heißen viele. Aber mir macht das nichts aus. Darf nur niemand Paulchen zu mir sagen. »Paulchen« klingt nach »klein«. Und ich bin ja wirklich kein Riese. Was mir manchmal ziemlich stinkt. Wie sieben oder acht sehe ich aus – und dabei bin ich schon zehn.
Aber so schnell könnt ihr gar nicht laufen, wie ihr flitzen müsstet, wenn ihr Paulchen zu mir sagt. Nur Jessy darf das.
Jessy ist unsere Mutter. Zwar lasse ich mich auch von ihr nicht gern zum Zwergplaneten machen, aber vielleicht will sie wegen meiner kleinen Größe ja nur besonders lieb zu mir sein. Sie sagt, dass manche Kinder erst später wachsen. Hoffentlich behält sie recht.
Also: Miri wünschte sich einen Hund. Und ich? Ich wollte keinen.
Wozu denn? Um dreimal am Tag mit ihm Gassi gehen zu dürfen? Und solange er noch nicht stubenrein war, vielleicht noch öfter? Da konnte ich mir Schöneres vorstellen. Hab ich auch immer wieder gesagt. Aber auf mich hört ja keiner.
Und Miri ließ einfach nicht locker. Sah sie irgendwo einen Köter, der ihr gefiel, fing sie jedes Mal von Neuem an: Nie wieder wollte sie zu Weihnachten oder zum Geburtstag etwas geschenkt bekommen, sie wollte nur endlich einen eigenen Hund haben.
Schon als sie noch ganz klein war, soll das so gewesen sein. Weil es – ich konnte zu der Zeit noch nicht mal richtig laufen – damals eine Fernsehserie gab, in der ein Hund die Hauptrolle spielte. Vier Kinder erlebten mit ihm immer wieder irgendwelche Abenteuer. Miri durfte die Serie kucken, weil jede Folge nur eine halbe Stunde dauerte. Und da verliebte sie sich in den Hund – und wollte auch so einen haben. »Ich will einen Hund-Hund-Hund!«, soll sie immerzu gesagt und dabei manchmal sogar mit dem Fuß aufgestampft haben.
Ein Hund hätte damals aber nur gestört, wie Jessy mir mal erzählt hat. Miri und ich machten ihr schon genug Arbeit und unsere Wohnung war nicht gerade groß. Zwar bekam Miri dann doch noch einen Hund, der genauso aussah wie der aus der Fernsehserie, aber der war nur aus Stoff.
Was das für ein Hund war, in den Miri sich verliebt hatte? – Ein Mittelschnauzer, ganz schwarz, lustig und verspielt.
Den Stoffhund, okay, den liebte Miri auch bald. Aber lustig und verspielt war der nun gerade nicht. Doch musste er wenigstens nicht Gassi geführt werden. Den ganzen Tag lag er auf Miris Bett und kuckte sie mit dunklen Knopfaugen an. Und wenn wir irgendwo hinfuhren, nahm Miri ihn mit und hielt ihn fest, als wollte ihr den jemand klauen.
Na ja, das weiß ich alles nur, weil es mir erzählt wurde. Aber an die Poster, die Miri sich über ihr Bett gehängt hatte, erinnere ich mich noch genau. Auf jedem war ein schwarzer Mittelschnauzer abgebildet. Einer sprang über einen bunten Ball, einer machte Männchen, weil ihm ein Leckerli hingehalten wurde, einer schmuste mit einem kleinen, blonden Jungen. – Nur gut, dass ich nicht dieser Junge bin, dachte ich immer. Der Gedanke, dass mir so ein Köter das Gesicht ableckte – wie eklig!
Waren alles nur Reklame-Poster von einer Firma, die Hundefutter herstellte. Jessy hatte sie Miri mitgebracht, weil dort, wo sie arbeitet, ja auch Werbeplakate gedruckt werden.
Jedenfalls roch schon damals in Miris Zimmer alles nach Hund, auch wenn sie noch gar keinen hatte. Um Miri zu ärgern, hielt ich mir oft die Nase zu. Andere Mädchen pinnten sich Fotos von irgendwelchen Musik- oder Filmstars übers Bett, Miri aber stand auf Hunde. Und schwarz mussten sie sein und einen Schnauzbart haben.
Miri und ich wurden größer – und der echte, lebendige Hund, mit dem Miri von morgens bis abends hätte kuscheln und tuscheln können, blieb ihr Lieblingstraum. Aber das nur bis voriges Jahr. Da war ich dann schon neun und Miri dreizehn Jahre alt. Und irgendwie, so fand ich, war meine Kindheit damit vorbei. Und schuld daran war Mo.
Mo ist unser Vater. Eigentlich heißt er ja Moritz, aber alle, die ihn nicht Herr Billib nennen, sagen Mo zu ihm.
Mo hatte in seiner Firma gekündigt.
Warum?
Weil er seinen Nebenberuf endlich zum Hauptberuf machen wollte.
Was Mos neuer Hauptberuf ist?
Er erfindet Spiele. Aber nicht solche, bei denen man vor dem Computer sitzt, bis einem der Rücken wehtut. – Er erfindet Brettspiele. Würfelspiele. Mit Rausschmeißen und Vorrücken und so. Jede Menge Schikanen müssen da rein, damit es viel zu lachen und zum Ärgern gibt. Also so was Ähnliches wie Monopoly, Risiko oder Mensch ärgere dich nicht.
Aber natürlich sind seine Spiele viel schwieriger zu spielen. Sind ja supermoderne Spiele. Spiele »von heute«, wie er das nennt. Und sie verkaufen sich gut. Nicht nur Kinder lieben seine Spiele. Eins heißt Tausend Teufel, eins Weg zu den Sternen, eins Hukabaluka.
Schon zweimal hat Mo den Preis Spiel des Jahres gewonnen. Sogar in Amerika wird Hukabaluka gespielt. Deshalb will er nichts anderes mehr arbeiten, sondern nur noch Spiele erfinden. Der Beruf, den er mal erlernt hat – Zahntechniker –, interessiert ihn nicht mehr. Wenn er mit etwas, das ihm viel mehr Spaß macht, Geld verdienen kann, sagt er, dann sei das »um Welten« besser, als jeden Tag an irgendwelchen künstlichen Zähnen oder Gebissen herumfummeln zu müssen.
Jetzt arbeitet er zu Hause und hat Zeit, sich um Miris Hund zu kümmern. So wurde es vorher jedenfalls verabredet. Aber in Wahrheit, das weiß ich längst, sollen nur wir uns kümmern – Miri und ich.
Was Miri betrifft, war das ja auch okay. Wer sich einen Hund wünscht und wirklich bekommt, der hat ihn am Hals. Aber wieso ich? Hatte ich nicht gesagt, dass ich keinen wollte? Und jetzt sollte auf einmal auch ich mich kümmern?
Was so ein Spieleerfinder eigentlich den ganzen Tag macht?
Er sitzt an seinem Schreibtisch und denkt nach. Über möglichst knifflige Spielzüge und witzige Spielfiguren. Einen Raumfahrtschlitten hat er schon erfunden. Und eine Dschungel-U-Bahn. Mit dem Schlitten kommt man schnell voran, mit der Dschungel-U-Bahn eher im Schneckentempo. Lauter solche Sachen.
Manchmal zeichnet er etwas auf und oft hilft ihm der Computer beim Nachdenken oder Aufzeichnen. Er kann dann oft an gar nichts anderes mehr denken. Sogar beim Fernsehen oder in den Ferien tüftelt er an irgendwelchen raffinierten Spieleschikanen herum – und schiebt alles wieder beiseite, wenn er damit nicht zufrieden ist.
Monatelang geht das so. Das neue Spiel soll ja immer noch verzwickter, lustiger und spannender werden.
Manchmal will er dann seine Einfälle an Miri und mir testen. Ein »großer Vertrauensbeweis«, wie er sagt. Weil seine Spiele ja eigentlich so geheim bleiben müssen wie ein neu entwickeltes Auto. Sonst klaut ihm vielleicht die Konkurrenz seine Idee und kommt früher als er mit einem ähnlichen Spiel in die Geschäfte. Er ist bei diesem »Testspielen« auch immer ganz scharf auf unser »Feedback«, denn das hilft ihm, die Spiele zu verbessern.
Mittags geht er in die Küche und kocht. Für Miri und mich und für sich selbst. Er kann das ziemlich gut, kocht viel besser als Jessy. Wenn Miri und ich aus der Schule kommen, hauen wir jedes Mal rein, bis wir kaum noch »piep!« sagen können.
Jessy findet das alles supercool. Weil sie jetzt endlich wieder ganztags arbeiten kann. Das hat sie sich schon lange gewünscht. Sie geht ja so gern arbeiten. In ihrer Firma hat sie oft die besten Ideen. Einmal hat sie für ein riesengroßes Plakat eine Waschmaschine gezeichnet, die hatte ein richtiges Gesicht und wollte vor lauter Freude über ihre Waschkraft Walzer tanzen. Sie hielt ein blitzweißes Hemd in den Armen, und das Hemd hatte auch ein Gesicht und spitzte die Lippen, als wollte es die Waschmaschine küssen. Ich glaube, die Waschmaschine sollte ein Mann sein und das Hemd eine Frau.
Die Firma, die diese Waschmaschine herstellt, hat danach viel mehr verkauft als vorher. Und Jessys Chef, der hatte Jessy immer wieder gedrängt, doch endlich wieder ganztags ...




