E-Book, Deutsch, 264 Seiten
Korber Die Saubermänner
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7472-0082-7
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Die Tatortreiniger ermitteln
E-Book, Deutsch, 264 Seiten
ISBN: 978-3-7472-0082-7
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Hartmut fährt Taxi, Nadine legt Tarotkarten – eigentlich haben die beiden nur eines gemeinsam: Sie brauchen Geld. Und so schlittern sie nicht nur in den Job als Tatortreiniger, sondern mitten hinein in einen Mordfall. Sie kommen einem grausigen Verbrechen auf die Spur, das schon Jahre zurückliegen muss. Zumindest lässt das der weitgehend verweste Kopf vermuten, den sie am Tatort im Haus einer verwirrten alten Dame finden. An der Polizei vorbei fördert das ungleiche Duo ein dunkles Familiengeheimnis zutage, das bis in die Zeit des Nationalsozialismus zurückreicht. Schon bald ist ihnen nicht nur eine Gruppe Neonazis, sondern auch ein weiterer dubioser Verfolger auf den Fersen …
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2. Die Aura-Angelegenheit Umständlich schüttelte Nadine ihren Schirm aus und schaute sich um. Die Baumallee vor dem Studentenwerk tropfte vor Nässe. Unter den Bäumen liefen Gruppen aktenordnerumschlingender junger Frauen, die ihre Stöckelschuhe um die Pfützen herum setzten. Der Inhaber des Fahrrad-Reparaturmobils stand mit hochgezogenen Schultern neben einem Kunden, der ihm die Macken an seinem Rennrad erklärte, während von seiner Mütze das Wasser rann. Drei Afrikaner warteten unter dem Vordach, rauchten und palaverten auf Französisch über Wohnheime und das Anatomie-Testat, das auch Nadine nächste Woche noch bevorstand. Die schienen so weit in Ordnung zu sein. Keine Muskelmänner irgendwo. Nadine warf einen letzten Blick auf den Langemarckplatz, konnte aber nichts Verdächtiges entdecken, zog die Tür auf und tauchte ein in den hallenden Lärm des Studentenwerks. Sie durchschritt das Siebzigerjahre-Ambiente, ohne sich weiter umzusehen, und klopfte an die Tür mit der Aufschrift »Arbeitsvermittlung«. Alles verlief sehr behördlich. Name, Adresse, Studentenausweis. Nach einem Blick auf die überquellende Pinnwand mit Arbeitsgesuchen bedauerte Nadine kurz, keinen Aushang vorbereitet zu haben. Stattdessen schob sie der weißhaarigen Sachbearbeiterin ihre Visitenkarte zu. »Herz-Klang«, las die zweifelnd. »Ist das ein Escort-Service? Oder irgendwas mit Telefonsex?« Nadine beeilte sich beleidigt zu erklären, dass es sich dabei um Energiearbeit handle, in deren Mittelpunkt das Herzchakra stehe. »Außerdem mache ich Tarot und Aurafotografie«, sagte sie, um ein Lächeln bemüht. »Falls Sie sich mal die Karten legen lassen möchten?« Die Frau warf Nadine einen langen Blick zu, musterte das Mädchengesicht, das mit den großen blauen Augen und der Stupsnase eher harmlos-hübsch als mysteriös wirkte. Vermutlich fand sie, das Transzendente erfordere mehr Mascara. »Wir hätten da eine Stelle als Reinigungskraft bei der UB Med«, verkündete die Sachbearbeiterin. Nadine schauderte es. »Nein, danke, da laufe ich am Ende meinem Vater über den Weg.« Das war das Letzte, was sie brauchte: ihren Vater, der Fragen stellte. Sie neigte sich vor. »Außerdem bin ich im Putzen nicht so.« Die Dame schaute über ihre Lesebrille: »Mit einem Vater bei Siemens, sind Sie sicher, dass Sie da Arbeit suchen?« Hast du eine Ahnung, dachte Nadine. Sie brauchte Geld. Und wie sie das Geld brauchte. Sie wollte nicht noch einmal erleben, dass dieser Mensch vor ihrer Tür stand. Nadine war ein geliebtes Kind gewesen. Nie hatte sie auch nur eine Ohrfeige bekommen, und auch später in ihrem Leben war ihr nichts Schmerzhafteres zugestoßen als eine Blinddarm-OP. Vermutlich hatte sie deswegen so lange gebraucht, bis sie begriffen hatte, dass sie sich fürchten sollte. Erst als er sie wieder losließ, hatte sie es verstanden. Und war so dankbar gewesen, als sie die Tür zwischen sich und ihm zudrücken konnte, dass sie es nicht mehr bis zur Toilette geschafft hatte. »Wenn Tarot nicht geht, dann eben Altenpflege, hab ich gedacht. Weil ich doch Medizin studiere. Da muss es doch jede Menge geben. So in der Betreuung.« Ihre Stimme wurde flehender. »Es hat ja immer mehr ältere Menschen wie Sie.« Die Frau nahm ihre Brille ab. »Wenn Sie nicht mal Räume pflegen können, möchte ich mir nicht vorstellen, wie Sie da Menschen pflegen wollen. Alte, arme, hilflose Menschen. Wie mich.« »Na ja«, setzte Nadine an. Sie überlegte, wie sie den Unterschied erklären konnte. Bei Küchen und Klos gab es nur sauber oder schmuddelig, bei Menschen allerdings eine Menge Zwischenstufen, die man als charmant-leger, liebenswert-schusselig, exzentrisch-weltfremd, als zumindest eigenbrötlerisch oder auch interessant-verkommen bezeichnen konnte. So in etwa ging ihr das durch den Kopf, als ein Typ das Zimmer betrat, der eindeutig unter »Verfallsdatum überschritten« beziehungsweise »Versager mit Körpergeruch« fiel. Dabei roch er gar nicht wirklich schlecht, er sah nur so aus. Axe, dachte Nadine und musste husten. Circa eine halbe Dose. Wieder ein Opfer verfehlter Werbung. Auf den Frauenansturm, wenn er die Achsel entblößte, wartete der arme Irre vermutlich seit zehn Jahren vergebens. Warum nur traten neuerdings lauter Männer in ihr Leben, um die sie früher auf der Straße einen weiten Bogen gemacht hätte? Sie wollte hier raus. Aber erst, wenn sie eine Verdienstmöglichkeit hatte. »Ich brauche Geld«, erklärte sie. »Und ich brauche es dringend. Bitte«, setzte sie hinzu, als sie den Blick ihrer Gegnerin sah. Der Neuankömmling seinerseits ignorierte sie. »Ich suche jemanden für, äh, einen Putzjob. Und möglichst sofort.« Die Sachbearbeiterin lächelte hinterhältig. »Die junge Dame hier hat gerade gefragt.« »Was?«, entfuhr es Nadine. Der Neue warf einen kurzen Blick auf ihren Burberry und den Regenschirm mit den Michelangelo-Putten. »Jemanden, der richtig mit anpacken kann.« »Also«, schnappte Nadine beleidigt. »Ich bin schließlich Medizinerin.« Die Sachbearbeiterin konterte das mit einem Neigen des Kopfes, das »ach, wirklich« heißen konnte. Oder »was denn nun?« Oder Schlimmeres. Der Mann insistierte, ohne Nadine einen weiteren Blick zu gönnen. »Und es wäre wichtig, dass es sofort wäre. Weil …« Er ersetzte die möglicherweise langwierige Erklärung durch eine vage Geste. Lange Reden schienen nicht sein Ding zu sein. Die Sachbearbeiterin blieb unbeirrt. »Wenn Sie dann diesen Bogen ausfüllen. Ich werde ihn im Lauf des Tages mit unserem Pool abgleichen und den Interessenten Ihr Angebot per Mail zuschicken. Diese melden sich dann bei Ihnen, wenn sie das Angebot zur Kenntnis genommen haben. Danach kommen Sie mit dem Interessenten hierher und unterschreiben beide unseren Standardvertrag, der dann …« »Aber das dauert ja ewig«, unterbrach er sie. Die Sachbearbeiterin schwieg. Er schwieg. Nadine schwieg. »Aber …«, begann Nadine. »Ich zahle zweihundert den Tag. Kann einen Tag dauern oder zwei.« Es klang widerwillig. Anschauen mochte er sie immer noch nicht. »Zweihundert.« Nadine schnappte nach Luft. Das war nicht schlecht für einen Putzjob, gar nicht schlecht. Dazu würde es nur zwei Tage dauern. Danach wäre sie den Typen wieder los. Und ihre Schulden dazu. Und die ganze unangenehme Geschichte wäre Vergangenheit für immer. Sie konzentrierte sich und zwang sich, den Mann intensiv zu betrachten. »Sie haben eine seltsame Aura«, stellte sie fest. »Irgendwie hellgrün.« »Dann gibt’s wohl Grund zur Hoffnung, was?« Er grinste so, als wüsste er schon, dass seine Witze meist danebengingen. Die Sachbearbeiterin nahm Nadines Visitenkarte und warf sie in den Mülleimer. »Dann wäre das ja erledigt.« Sie schien nicht vorzuhaben, sich mit dieser Angelegenheit weiter die Finger schmutzig zu machen. Zögernd streckte Nadine ihre Hand aus. Er nahm sie. »Hartmut«, sagte er. »Hartmut Auer.« »Nadine.« Sie hatte keine Lust, diesem Subjekt ihren Nachnamen mitzuteilen. Es schien ihm recht zu sein, denn er nickte. »Also dann.« Als sie aus dem Studentenwerk hinaustraten, hatte es aufgehört zu regnen. »Mein Auto steht drüben am Gefängnis«, sagte er. Ehe sie überlegen konnte, ob das ein Zeichen war, rief der Fahrradmonteur ihrem Begleiter zu: »He, Hartmut, hab gehört, du hast schon wieder ’nen Schuss gebaut?« Hartmut winkte ab. Im Weggehen murmelte er: »Mich kotzt dieses Scheißkaff an, in dem jeder jeden kennt.« »Was heißt ›einen Schuss bauen‹?«, fragte Nadine alarmiert, die mit Bombenbau und Waffen ebenso wenig zu tun haben wollte wie mit Drogen. »Das ist Taxlersprache, es heißt, ich hatte einen Unfall«, gab Hartmut mürrisch zurück. »Sie sind Taxifahrer? Aber ich dachte, du suchst eine Putzfrau.« Hartmut grinste böse. »Und schon wechselt das Pronomen.« »Pro was?« Er suchte in ihrem Gesicht nach Anzeichen von Ironie, entdeckte aber nur ehrliche Verwirrung. Ihre Augen schienen wie dafür gemacht, Verwirrung perfekt zu verkörpern. Und apropos perfekter Körper: Wenn man mal das ganze Drumherum wegließ, das dezente Make-up und die teure Frisur und die Markenklamotten, all den Kram, der einen immer ein wenig unsicher machte, ob eine Frau wirklich schön war oder nur gepflegt. Also, falls man überhaupt bereit war, das wegzulassen, und das war Hartmut nicht, er nahm es ihr im Gegenteil persönlich übel. Mainstream-Kacke nannte er das, und es war ein charakterliches No-Go in seinen Augen. Abgesehen von dem also, wovon Hartmut als Mann mit Prinzipien unmöglich absehen konnte, war Nadine die Sorte Mädchen, an der es nichts auszusetzen gab. Der pure Horror. »Pronomen, das ist Taxlersprache für persönliches Fürwort, wenn man wie ich ein paar Semester Sprachwissenschaften studiert hat.« Es hätte ein paar Dinge gegeben, fand er, die sie ihn daraufhin hätte fragen können. Wie das mit seinem Studium gewesen war zum Beispiel. Dann hätte er erzählen können, wie er es diesem bornierten Dozenten damals gegeben hatte, als der den Entwurf zu seiner Magisterarbeit ablehnte, die ja eigentlich fast schon eine Doktorarbeit gewesen war. Sagte jedenfalls Uwe. Und wie er dann zu Ethnologie und Volkskunde gewechselt hatte. Danach hätte sie doch auch fragen können. So ganz harmlos wie: »Und was hast du sonst so gemacht?« Und nach seiner Rolle bei der Studentenrevolte 1986, wo er das entscheidende Manifest mitverfasst hatte, das dann … »Und was soll ich dir putzen?«, unterbrach Nadine mit ihrer Frage seine...