Koontz | Schwarze Fluten | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 5, 416 Seiten

Reihe: Odd Thomas

Koontz Schwarze Fluten

Roman
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-641-08691-6
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, Band 5, 416 Seiten

Reihe: Odd Thomas

ISBN: 978-3-641-08691-6
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Odd Thomas ist zurück!

Eigentlich ist Odd Thomas ein bescheidener, sympathischer Schnellimbisskoch. Doch er hat besondere Fähigkeiten: Er kann die Geister der Toten sehen. Diesmal ist es eine ermordete Frau, die seine Hilfe sucht. Er soll ihren kleinen Sohn retten – vor dem eigenen Vater. Schon bald merkt Odd, dass noch viel mehr Menschenleben auf dem Spiel stehen.

Gemeinsam mit seiner hochschwangeren Begleiterin Annamaria gelangt Odd Thomas auf den Landsitz eines mächtigen Filmproduzenten. Da Odd geradezu körperlich angezogen wird von dunklen Geheimnissen und unmenschlicher Gewalt, überrascht ihn eine unheilvolle Geistererscheinung dort nicht: Eine ermordete Frau erscheint ihm und fleht ihn an, ihr Kind zu retten, das in tödlicher Gefahr schwebt. Also durchstreift Odd das Anwesen, findet aber zunächst statt eines Kindes nur weitere Schrecken: ein Mausoleum voller ermordeter Frauen, am helllichten Tag einbrechende Nacht und dunkle, menschenähnliche Kreaturen, die gnadenlos Jagd auf ihn machen. Offensichtlich hat sich der Hausherr mit bösen Kräften verbunden. Aber zu welchem Zweck? Als Odd Thomas seinen Schützling endlich findet, erkennt er, dass nicht nur Timothys und sein Leben in Gefahr ist. Sondern das unendlich vieler Menschen.
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1

Als ich an meinem zweiten ganzen Tag als Gast in Roseland kurz vor Sonnenuntergang über den weitläufigen Rasen zwischen dem Haupthaus und dem Eukalyptuswäldchen schlenderte, blieb ich auf einmal instinktiv stehen und drehte mich um. Der große schwarze Hengst, der auf mich zustürmte, war das mächtigste Pferd, das ich je gesehen hatte. In einem Rassebuch hatte ich es als Friesen identifiziert. Die blonde Frau, die darauf ritt, trug ein weißes Nachtgewand.

Lautlos wie ein Gespenst trieb die Frau das Pferd an. Auf Hufen, die keinen Laut von sich gaben, preschte der Hengst durch mich hindurch, ohne eine Wirkung zu hinterlassen.

Ich habe gewisse Talente. Abgesehen davon, dass ich ein ziemlich guter Grillkoch bin, habe ich gelegentlich prophetische Träume. Und wenn ich wach bin, sehe ich manchmal die Geister von Toten, die aus unterschiedlichen Gründen zögern, ins Jenseits weiterzuziehen.

Pferd und Reiterin, die schon lange tot und in unserer Welt nur noch Geister waren, wussten gut, dass niemand außer mir sie sehen konnte. Nachdem sie mir bereits zweimal am Vortag und einmal an diesem Morgen in der Ferne erschienen waren, hatte die Frau offenbar beschlossen, diesmal um alles in der Welt meine Aufmerksamkeit zu erregen.

In einem weiten Bogen jagten Ross und Herrin um mich herum. Als ich mich drehte, um ihnen mit dem Blick zu folgen, galoppierten sie erneut auf mich zu, blieben jedoch abrupt vor mir stehen. Der Hengst bäumte sich auf und schlug mit den Vorderhufen lautlos in die Luft. Mit seinen geblähten Nüstern und rollenden Augen strahlte er derart gewaltige Kraft aus, dass ich rückwärtstaumelte, obwohl ich doch wusste, er war so immateriell wie ein Traum.

Wenn ich sie berühre, sind Geister für mich körperhaft und warm wie Wesen, die am Leben sind. Ich aber bin das für sie nicht, weshalb sie mir weder das Haar zausen, noch mir einen tödlichen Schlag versetzen können.

Weil mein sechster Sinn meine Existenz ziemlich kompliziert macht, versuche ich, mein Leben ansonsten einfach zu gestalten. Ich habe weniger Habseligkeiten als ein Mönch. Ich habe keine Zeit und Muße, an einer Karriere als Grillkoch oder als irgendetwas anderes zu arbeiten. Ich mache nie Pläne für die Zukunft, sondern schreite einfach in sie hinein, mit einem Lächeln im Gesicht, Hoffnung im Herzen und aufgestellten Nackenhärchen.

Wilde rote Bänder aus Blut liefen über das weiße, mit Spitze verzierte Seidengewand der blonden Schönheit, die barfuß und ohne Sattel auf dem Friesen saß. Auch ihr langes Haar war blutverschmiert, obwohl ich keine Wunde ausmachen konnte. Ihr Gewand war bis an die Hüften hochgerutscht, die Knie hatte sie an die schwer atmenden Flanken des Hengstes gepresst. Mit der linken Faust umklammerte sie dessen Mähne, als hätte sie sich selbst im Tod an ihrem Pferd festhalten müssen, damit die beiden Geister vereinigt blieben.

Wäre es nicht undankbar, ein Geschenk zu verschmähen, dann würde ich meinen übernatürlichen Blick sofort zurückgeben. Ich wäre damit zufrieden, meine Tage mit der Zubereitung von Omeletts zu verbringen, bei denen ihr vor Vergnügen stöhnen würdet, und mit dem Backen von derart luftigen Pfannkuchen, dass selbst die sanfteste Brise sie von eurem Teller wehen würde.

Allerdings ist jedes Talent unverdient und mit der Pflicht verbunden, es so vollständig und weise einzusetzen wie nur möglich. Würde ich nicht an diese heilige Pflicht glauben, so wäre ich inzwischen bereits so verrückt geworden, dass ich für zahlreiche hohe Regierungsposten infrage käme.

Während der Hengst auf seinen Hinterbeinen tanzte, streckte die Frau den rechten Arm aus und deutete auf mich, als wollte sie sagen, sie wisse, dass ich sie gesehen hatte, und habe mir eine Botschaft zu überbringen. Ihr wunderschönes Gesicht war grimmig vor Entschlossenheit, und in den kornblumenblauen Augen leuchtete zwar kein Leben, aber dafür große Qual.

Als sie abstieg, sprang sie nicht zu Boden, sondern schwebte von ihrem Pferd und schien über das Gras in meine Richtung zu gleiten. Von ihrem Haar und ihrem Nachtgewand verschwand das Blut, und sie erschien nun so, wie sie im Leben vor ihrer tödlichen Verwundung ausgesehen hatte. Vielleicht fürchtete sie, die grausigen Flecken würden mich abstoßen. Sie hob die Hand an mein Gesicht, als wäre es ihr, einem Geist, schwerer gefallen, an mich zu glauben als umgekehrt. Ich spürte die Berührung.

Hinter ihr versank die Sonne im fernen Meer. Darüber glühten merkwürdig geformte Wolken wie eine Flotte aus alten Kriegsschiffen, deren Masten und Segel in Flammen standen.

Als ich sah, wie der qualvolle Ausdruck der Frau sich in eine zaghafte Hoffnung verwandelte, sagte ich: »Ja, ich kann dich sehen. Und wenn du es zulässt, kann ich dir helfen, auf die andere Seite zu gelangen.«

Sie schüttelte heftig den Kopf und trat einen Schritt zurück, als fürchtete sie, ich könnte sie mit einer Berührung oder einem Zauberspruch von dieser Welt lösen. Aber eine solche Kraft habe ich nicht.

Ich glaubte, den Grund für ihre Reaktion zu verstehen. »Man hat dich ermordet, und bevor du diese Welt verlässt, willst du dafür sorgen, dass Gerechtigkeit geschieht.«

Sie nickte, schüttelte dann jedoch den Kopf, als wollte sie sagen: Ja, aber nicht nur das.

Da ich mit den Verstorbenen vertrauter bin, als mir eigentlich lieb ist, kann ich euch aus langer persönlicher Erfahrung sagen, dass die Geister der zögerlichen Toten nicht sprechen. Ich weiß nicht, warum. Selbst wenn sie brutal ermordet worden sind und verzweifelt versuchen, den Mörder seiner gerechten Strafe zuzuführen, sind sie nicht in der Lage, mir wichtige Informationen mitzuteilen, ob telefonisch oder von Angesicht zu Angesicht. Sie senden auch keine SMS-Nachrichten. Vielleicht liegt das daran, dass sie sonst etwas über den Tod und die Welt im Jenseits verraten würden, das wir Lebenden nicht wissen sollen.

Jedenfalls kann der Umgang mit den Toten noch frustrierender sein als der mit einer ganzen Reihe von Lebenden, was erstaunlich ist, wenn man in Betracht zieht, dass es Lebende sind, die in der Kfz-Zulassungsstelle ihr Unwesen treiben.

Ohne im letzten direkten Licht der versinkenden Sonne einen Schatten zu werfen, stand der Hengst mit hoch erhobenem Kopf da, stolz wie ein Patriot beim Anblick der geliebten Flagge. Das Einzige, was im Wind wehte, war jedoch das goldene Haar seiner Herrin, und grasen würde er erst wieder auf Wiesen, die nicht von dieser Welt waren.

Die Frau trat wieder auf mich zu und blickte mir so intensiv ins Gesicht, dass ich ihre Verzweiflung spüren konnte. Sie bildete mit den Armen eine Wiege, die sie hin- und herschwang.

»Ein Baby?«, fragte ich.

Ja.

»Dein Baby?«

Wieder nickte sie, um dann den Kopf zu schütteln.

Die Frau runzelte die Stirn und biss sich auf die Unterlippe. Sie zögerte, bevor sie die Hand ausstreckte und sie knapp eineinhalb Meter über den Boden hielt.

Da ich mit den Rätseln von Geistern inzwischen ziemlich gut vertraut bin, ahnte ich, dass sie die heutige Größe ihres Kindes anzeigte, das jetzt kein Baby mehr war, sondern neun bis zehn Jahre alt. »Es ist nicht mehr dein Baby«, sagte ich, »sondern dein Kind

Sie nickte heftig.

»Dein Kind ist noch am Leben?«

Ja.

»Hier in Roseland?«

Ja, ja, ja.

Die Farbe der am Himmel lodernden Wolkenschiffe verwandelte sich aus einem feurigen Orange in blutiges Rot, während der Himmel langsam in Violett überging.

Als ich fragte, ob es sich um ein Mädchen oder einen Jungen handle, bejahte die Frau Letzteres.

Obwohl mir hier bisher kein Kind begegnet war, sah ich die Qual, die das Gesicht der Frau zerfurchte, und stellte die naheliegende Frage: »Und dein Sohn ist hier in Schwierigkeiten?«

Ja, ja, ja.

Ein ganzes Stück östlich des Haupthauses befand sich, hinter einem Wäldchen aus Lebenseichen verborgen, eine mit Unkraut überwucherte Reitbahn. Ein verfallener Zaun umrahmte sie.

Die Ställe hingegen sahen aus, als wären sie erst letzte Woche errichtet worden. Merkwürdigerweise waren sämtliche Boxen makellos rein. Kein Strohhalm und keine einzige Spinnwebe waren darin zu sehen, nicht einmal Staub. Offenbar wurde der Boden regelmäßig geschrubbt. Angesichts der Sauberkeit und einem Geruch, so frisch und rein wie der eines Wintertags nach einem Schneefall, wurden dort schon seit Jahrzehnten keine Pferde mehr gehalten. Offensichtlich war die Frau in Weiß schon lange tot.

Wie konnte ihr Kind dann erst neun oder zehn Jahre alt sein?

Manche Geister erschöpft ein längerer Kontakt mit mir, oder er strengt sie zumindest dermaßen an, dass sie für Stunden oder Tage verschwinden, bevor sie wieder genug Kraft gesammelt haben, um zu erscheinen. Der Wille dieser Frau schien jedoch stark genug zu sein, um ihr Bild aufrechtzuerhalten. Plötzlich aber, als ein Schimmern in die Luft trat und ein seltsames zitronengelbes Licht die Landschaft überflutete, waren sie und der Hengst der vielleicht zur selben Zeit getötet worden war wie seine Herrin verschwunden. Sie verblassten nicht von ihrer Peripherie zur Mitte hin, wie es andere ruhelose Seelen manchmal tun, sondern verschwanden in dem Augenblick, in dem das Licht sich veränderte.

Genau als die rote Dämmerung in Gelb umschlug, erhob sich im Westen ein Wind, peitschte das Eukalyptuswäldchen hinter mir, rauschte durch die Kalifornischen Lebenseichen im Süden und wehte mir das Haar in die Augen.

Ich blickte in einen Himmel, aus dem die Sonne noch nicht ganz verschwunden war, so...


Kleinschmidt, Bernhard
Bernhard Kleinschmidt hat in München und den USA Deutsche und Amerikanische Literatur studiert, über die Wiener Jahrhundertwende promoviert und fünf Jahre in Japan gelebt. Seit über dreißig Jahren übersetzt er Belletristik und Sachliteratur von Stephen King bis Jack Kornfield. Er lebt in einem kleinen Dorf südlich von München.

Koontz, Dean
Dean Koontz wurde 1945 in Pennsylvania geboren und lebt heute mit seiner Frau in Kalifornien. Seine zahlreichen Romane – Thriller und Horrorromane – wurden in 38 Sprachen übersetzt und sämtlich zu internationalen Bestsellern. Weltweit wurden bislang über 400 Millionen Exemplare seiner Bücher verkauft. Zuletzt bei Heyne erschienen: "Abgrundtief".



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