Konrad | Meine Gedanken zur Zeit | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten, Format (B × H): 168 mm x 240 mm, Gewicht: 442 g

Konrad Meine Gedanken zur Zeit

Zum Nach-Lesen
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7011-8052-3
Verlag: Leykam
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

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E-Book, Deutsch, 240 Seiten, Format (B × H): 168 mm x 240 mm, Gewicht: 442 g

ISBN: 978-3-7011-8052-3
Verlag: Leykam
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Mit der Sendereihe „Gedanken zur Zeit“ im ORF Radio Steiermark begeistert der Grazer Zeithistoriker Helmut Konrad seit vielen Jahren seine Hörerinnen und Hörer. Eine Auswahl seiner Sendungen aus den Jahren 2008–2016 kommt nun nach Themen geordnet und in gedruckter Form heraus. Nicht nur seine kritische Auseinandersetzung mit den Fragen der Zeit und den Veränderungen in der Gesellschaft, sondern vor allem seine Liebe zum Kochen, zum Kaiser-Josef-Platz und zum Fußball sind es, was seine Hörerinnen und Leserinnen bzw. Hörer und Leser an ihm schätzen.

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... zum Leben
Katzenbegleitung
Wenn man wie ich auf dem Land aufgewachsen ist, ist das Zusammenleben mit Tieren eine Selbstverständlichkeit. Selbst bei uns im Schulhaus in St. Gertraud gab es einen Hühnerstall, und wir sammelten Jausenbrotreste, um den Tieren eine Freude zu machen. Meine erste Katze, ein Kater namens Murli, hatte ich im Volksschulalter, und als sie sich an einem ausgelegten Rattenköder vergiftete und starb, begruben wir sie feierlich im Wald, was zwar verboten, inzwischen aber ganz sicher schon verjährt ist. Und seit vier Jahrzehnten umgebe ich mich nun immer wieder mit Katzen. Das hat einerseits damit zu tun, dass hier für mich ein Stück Kindheit erhalten bleibt, andererseits auch damit, dass Katzen ja sehr dominant sind und daher täglich an unsere Toleranz appellieren. Sie erziehen somit nicht nur unsere Kinder, sondern auch uns selbst zu nicht autoritären Problemlösungen. Freunde haben uns eine kleine Tafel geschenkt, auf der steht: ,,Nur Hunde haben Besitzer, Katzen haben Personal“. Das tut zwar vielen Hundebesitzern unrecht, hat aber einen wahren Kern, denn gegen den Willen einer Katze ist sehr wenig durchsetzbar, und jede Spielregel muss ausverhandelt werden. In diesen Jahrzehnten haben mich alle Arten von Katzen begleitet. Es begann mit einem Siamkätzchen aus der Tierhandlung, das sich zu einer prächtigen Katze auswuchs, die schließlich in mehreren Würfen eine ganze Dynastie von kleinen Siamkatzen begründete. Wenn da fünf ganz junge Kätzchen durch die Wohnung tollen, die Vorhänge hinaufklettern, meine Manuskripte zerreisen, mitten in der Nacht den Spieltrieb bekommen und vieles mehr, dann ist es sicher nie langweilig. Fast 20 Jahre hat mich diese Katze begleitet, und als sie schließlich starb, war für mich ein Kapitel abgeschlossen. Aber die Losung „Nie wieder ein Haustier“ hielt nur ganz kurze Zeit, und zwar so lange, bis ich im Grazer Tierheim zwei ganz junge rot-weiße Kater erblickte, die dann für 17 Jahre unsere Familie begleiteten. Nach ein paar Wochen ohne Katzen ist nun von einem Bauernhof auf der Teichalpe ein Katzenpärchen zu uns gezogen, schwarz und weiß gefärbt und vorläufig ungeheuer lebhaft und vor allem hungrig. Es ist somit wohl klargestellt, dass unser Leben auch in den nächsten Jahren sich dem Rhythmus der Haustiere anpassen wird. Solche Geschichten werden viele von Ihnen erzählen können. Wer einmal Haustiere um sich gehabt hat, der wird es immer wieder mit Tieren versuchen oder zumindest eine Sehnsucht danach haben. Die Gründe für die Haustierhaltung sind mannigfach. Dabei stand historisch der Aspekt des Nutzens im Vordergrund. Angeblich wurden schon 13.000 vor Christus, also 15.000 Jahre vor unserer Zeit, Hunde domestiziert. Es ging natürlich um das Sichern des Überlebens, bei den Hunden also um die Begleitung bei der Jagd oder um die Sicherung der Vorräte. Andere Tiere sollten domestiziert einen umfassenderen und gesicherten Zugriff auf Rohstoffe und Nahrungsprodukte ermöglichen. Das stand hinter der Haltung von Rindern, Schweinen, Schafen oder Ziegen. Domestizierung oder Züchtung zum Vergnügen des Menschen ist natürlich jüngeren Ursprungs. Dazu waren erste städtische Gesellschaften notwendig, in denen dann Tiere eine gewisse Exotik hatten. Wie sich der Ziergarten oder die Topfpflanze von der agrarischen Pflanzennutzung unterscheidet, so unterscheidet sich das Heimtier vom Haustier im breiteren Wortsinn. Bis heute kann man diese beiden unterschiedlichen Ansätze in der Gesellschaft erkennen, wenn sie sich auch zu mischen beginnen. Auf dem Land hat der Hund meist noch immer Jagd- oder Wachfunktion, und die Katzen am Bauernhof haben diesen mäusefrei zu halten. Wenn auch die Kinder am Hof diese Hunde und Katzen nicht anders behandeln wie es die Altersgenossen in der Stadt tun, so ist doch der funktionale Charakter der Tierhaltung unverkennbar. In der Stadt hingegen verkörpert das Haustier auf der einen Seite den romantischen Wunsch nach einem Stück Natur, eine Sehnsucht, die vor allem die erste Generation von Stadtbewohnern aus der ländlichen Vergangenheit mit ins urbane Leben genommen hat. Auf der anderen Seite sind Haustiere aber auch Zierde, da sie das Erscheinungsbild des Haushaltes bereichern. Sie können aber auch Ersatz für Partnerschaften oder für Kinder sein, und oft sind sie dazu da, Spielgefährten für Kinder zu sein und diesen ein soziales Verantwortungsbewusstsein zu vermitteln. In der kleinen Vorortsiedlung, wo ich wohne, gibt es eine Unmenge von Katzen. Die meisten können und dürfen sich frei bewegen, sie gehen durch Klappen in den Haustüren ein und aus. Da es praktisch keinen Straßenverkehr gibt, leben sie ziemlich sicher, und die meisten Bewohner kennen die Tiere und wissen, wohin sie gehören. Sie stellen daher in unserer Siedlung, die langsam überaltert, da wir alle gemeinsam vor etwa 25 Jahren eingezogen sind, ein sozial verbindendes Element dar. Die Kinder sind meist außer Haus, und so halten nun eben die Haustiere die Kontakte aufrecht. Natürlich bringen zwei kleine Katzen nicht das Land in unser Leben zurück. Aber sie haben zumindest, seit wir ihr Aufwachsen von der Geburt weg auf dem Bauernhof verfolgt haben, uns wieder in engeren Kontakt mit anderen Lebensformen gebracht. Und sie bringen junge Unbekümmertheit ins Haus, zwingen uns auch wieder, genau zu planen, wann wir wegfahren können und welche Bedürfnisse der Tiere es zu befriedigen gibt. Wer kommt wann nach Hause, wer kann Katzenfutter besorgen, wer kann einen Tierarzttermin halten, wer hat Zeit und Lust zu spielen, all das ist nun wieder zu organisieren und zwingt uns in neue, wenn auch altvertraute Muster. Ein Punkt scheint mir allerdings in der Haustierhaltung besonders wichtig: In unserer hektischen, durchgeplanten, auf Leistung und Geschwindigkeit zielenden modernen Gesellschaft, deren Teil gerade ich durchaus bin, zwingt das Stück Natur in den eigenen vier Wänden zum Brechen des Rhythmus’, zur oftmaligen Zurückstellung der engen Zeitpläne und fremdbestimmten Notwendigkeiten. Es ist ein Stück Widerborstigkeit gegen die allzu glatte Modernisierung, ein Rückgriff und ein Rückhalt, der tief in der Geschichte der Menschheit wurzelt. Und unter diesem Gesichtspunkt ist die Haustierhaltung ein wesentlicher Teil unserer Kulturgeschichte. Sendung vom 3. August 2008 Gesundheitssysteme
Manchmal reichen im Leben ein paar Zehntelsekunden, um sich plötzlich mit einer völlig geänderten Situation konfrontiert zu sehen und mittelfristige Planungen ganz neu vornehmen zu müssen. Mir ist es vor gut zwei Wochen so gegangen, als ich am letzten Arbeitstag vor dem ge­planten Urlaub mit dem Fahrrad von der Uni nach Hause fuhr. Im Kopf war ich schon weg von der Arbeit, und ich machte gerade Pläne für das Kochen. Da kam mein Rad in die Straßenbahnschienen und ich landete mit voller Wucht auf der Straße. Meine Arbeitsunterlagen lagen verstreut um mich, das Rad war kaputt und mein Körper hatte einiges abbekommen. Vorerst sah ich nur die blutigen Hände, schließlich stellten sich doch Brüche im Handgelenk und an den Rippen heraus. An Urlaub war natürlich nicht mehr zu denken, aber das ist wohl verschmerzbar. Ich erzähle diese unerfreuliche Geschichte, die von meinem Ungeschick und meiner Unvernunft handelt, aber vor allem deshalb, weil ich an diesem Tag wieder einmal Gelegenheit hatte, unser Gesundheitssystem zu erfahren. Mein Hausarzt schickte mich nach einer Erstversorgung weiter ins Unfallkrankenhaus. Natürlich war mir diese Institution nicht fremd. Wer Kinder großgezogen hat und in Graz lebt, für den gab es manche Gelegenheit, den einen oder anderen Notfall versorgen zu lassen. Aber nunmehr war ich der Patient. Im UKH werden pro Tag bis zu 200 Patientinnen und Patienten versorgt, also gut zehn pro Stunde, wohl sehr ungleich über den Tag verteilt. Ich musste mich also in die Schlange der Wartenden eingliedern. Da gab es Schicksale, viel dramatischer als mein kleines Missgeschick. Kinder, Verletzte nach Unfällen, Schlägereien und vieles mehr. Schließlich saß ich einer Ärztin und einer Krankenschwester gegenüber. Obwohl deren Tag schon lang war und obwohl alle zehn Minuten schlimme Dinge und verzweifelte Menschen zu sehen sind, war das Team freundlich, geduldig, ruhig und kompetent. Auch das Röntgen, die Computertomographie und schließlich das Eingipsen wurden mit Routine durchgeführt und mit tröstenden Worten begleitet. Ich verstehe die medizinische Fachsprache nicht, aber sie wurde angemessen übersetzt. Selbst die Ausländerfamilie, die nach mir dran war und deren Kenntnis der deutschen Sprache als eingeschränkt bezeichnet werden kann, wurde mit diesen Informationen gelassener, die Spannung fiel ganz sichtbar von ihnen ab. Dabei stammte die Verletzung des Mannes aus einer gröberen körperlichen Auseinandersetzung. Es war ein beruhigendes Gefühl, in den Händen des österreichischen medizinischen Systems zu sein. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten unter schweren Bedingungen großartige Arbeit. Wohl dauerte der ganze Ablauf über zwei Stunden, aber alle Wartezeiten wurden erklärt und alle Maßnahmen begründet. Und im UKH sind alle Patientinnen und Patienten gleich. Niemand wird vorgezogen, niemand wegen seiner Herkunft oder seiner sozialen Situation schlechter behandelt. Das war für mich in diesen Stunden ein sehr schönes Beispiel, dass dieses Gesundheitssystem einen großen Wert darstellt, der nicht zum Spielball der Politik werden sollte. Hier ist kein politisches Kleingeld zu wechseln, sondern das System ist mit allen Anstrengungen zu sichern. Ich kenne durch meine Lebensphasen im Ausland auch andere...


Helmut Konrad, O.Univ.-Prof. Dr.phil. Dr.h.c. Geboren 1948 in Wolfsberg, hat in Wien Germanistik und Geschichte studiert, lebt in Graz. Seit 1984 ordentlicher Professor für Allgemeine Zeitgeschichte an der Karl-Franzens-Universität Graz. Von 1993 bis 1997 Rektor. Seit 1984 Leitung des Ludwig Boltzmann Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung, später Ludwig Boltzmann Institut für Gesellschaftsund Kulturgeschichte. Seine Forschungsschwerpunkte sind Sozial-, Arbeiter-, Kultur- und Allgemeine Zeitgeschichte. Sendereihe „Gedanken zur Zeit“ im ORF Radio Steiermark. Zahlreiche Publikationen und Auszeichnungen.



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