E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Koneffke Eine nie vergessene Geschichte
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8321-8806-1
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-8321-8806-1
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jan Koneffke wurde 1960 in Darmstadt geboren. Er studierte Philosophie und Germanistik in Berlin und verbrachte nach einem Villa-Massimo-Stipendium sieben Jahre in Rom. Heute lebt er als Schriftsteller, Publizist und Übersetzer in Wien und Bukarest. Er erhielt unter anderem den Leonce-und-Lena-Preis für Lyrik, den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis und den Offenbacher Literaturpreis. Bei DuMont erschienen der Gedichtband >Was rauchte ich Schwaden zum Mond< (2001) und die >Abschiedsnovelle< (2006) s
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Felix Kannmachers schwere Geburt
Clara Kannmacher hatte es niemals verwunden, die pommersche Hauptstadt verlassen zu haben. Sie litt an dem Leben im Ostseeort namens Freiwalde auf halber Strecke zwischen Stettin und Danzig, wo man nichts fand außer Wasser und Weiden, Herzog Bogislaws halb als Getreidelager, halb als Bewahranstalt dienendes Schloß, eine Luther- und eine Melanchthoneiche, eine gotische Kirche, sechs Storchenpaare und zwei oder drei Ziegeleien. Zwar spuckte der Mittagszug ab Mitte Juni reihenweise Badeurlauber aus, und zu Beginn hatte Clara sich mitreißen lassen von dem zwischen Bahnhof und Strandhotel herrschenden Trubel. Wenn in Weizen- und Rapsfeldern Dampfwolken aufstiegen und eine Lokomotive pfiff, rannte sie aus dem Haus. Leider erwiesen sich die in Freiwalde eintreffenden Familien als muffig und langweilig, mit einer Einheimischen wollten sie sich nicht abgeben. Eitle Rechnungsratsehefrauen, schnatternder Registratoren- und Amtsrichteranhang! Clara verkroch sich beleidigt und voller Groll in der Wohnung am Westlichen Stadtwall, die nie einen Sonnenstrahl abbekam, und zum wimmelnden Badestrand brachten sie keine zehn Pferde!
Nein, Abwechslung hatte der Ort nicht zu bieten. Konzertpianisten und -violinisten nahmen den Danziger Schnellzug, der nicht an jedem pommerschen Wasserturm anhalten konnte. Und in diesen besonders kalten Wintern, wenn Freiwaldes elf Straßen im Schnee versanken, den man zu mannshohen Mauern aufschichtete, und es in der Umgebung zu Wolfsplagen kam, mußte die vom Theater begeisterte Clara auf Dramendarbietungen verzichten – erst in Stolp gab es wieder ein Schauspielhaus. Im Juli konnte sie fahrendes Volk bestaunen, das auf der Bleiche am Wipperufer seine Holzwagen zu einem Kreis aufstellte, Messer warf, Feuer spie, auf einem Seil lief und Moritaten zu Schautafeln sang.
Sie bestellte Romane, paketeweise, um nicht zu vergehen vor Heimweh und in diesem trostlosen Landstrich nicht abzustumpfen, der voller Schauerlegenden war, Gruselgeschichten von schneeweißen Seeadlern, die Federvieh raubten und Zicklein erbeuteten, Hunde zerfleischten und Kinder verschleppten. Oder von den ertrunkenen Fischern und Seeleuten, die sich aus dem Meer in die Wipper verirrt hatten und in der Winterzeit, wenn sie vereist war, mit rollenden Augen und mahlenden Kiefern von unten gegen die Eisdecke preßten, als handele es sich um ein beschlagenes Fenster zwischen der Welt der Verstorbenen und Lebenden. Mit diesen Geschichten im Kopf wagte sie es nicht mehr, sich an Hochsommertagen im Flußwasser auszustrecken, aus Furcht, eine kalte Matrosenhand werde sie in die Tiefe ziehen.
Sie gruselte sich vor dem Schafhirten Pressel, der zwischen gelblichem Hahnenfuß und rotem Ampfer reglos auf seinem Hirtenstock lehnte. Er erinnerte an eine Vogelscheuche mit seinem verkrumpelten Hut und im schmutzigen Schafsfell, das er niemals ablegte. Sein rechtes Auge war milchig und blind. Mit seinem anderen Auge, das umso brennender wirkte, erkannte der Schafhirte Fuchs oder Marder aus drei Kilometern Entfernung. Und was sich seinem lauernden Auge entzog, das witterte er mit der Nase.
Wenn sich die auf den Feldern beim Janckerberg stehende Scheuche schlagartig belebte, den Hut abnahm und auf den Hirtenstock hakte, konnte sich Clara zu Tode erschrecken. Pressel rief sie mit knarrender Stimme zu sich, faltete seine neun Finger vorm Bauch und starrte sie mit seinem brennenden Auge an, als wolle er sie in zwei Teile zerschneiden, um sich im Inneren umzuschauen.
Begegnungen mit Pressel waren Clara verhaßt. Sie gruselte sich vor dem Schafhirten und der in der Nachbarschaft lebenden Korbmacherwitwe, der Hexe und Heilerin Bertha Sims, von der man mit Schaudern behauptete, sie krame in Fischlebern, Kindspech und Wolfsherzen und irre sich nie, wenn sie Feuer und Sturmfluten weissage. Sie grauste sich vor dem Kanonendonner, der bei Nebel und drohenden Gewittern vom Strand kam, wo der einbeinige Offizier aus dem Siebzigerkrieg seine sieben Kanonen abfeuerte, Dunst- oder Unwetterwolken vertrieb. Es gruselte sie vorm verwachsenen Adolph Liebherr, der in St.Marien Organist war und eine vor Gottesfurcht fiebernde Seele besaß. Als sie sich bei diesem Liebherr nach einer Klavierfabrikantenadresse erkundigte – sie war neu in Freiwalde und ahnungslos –, hatte der Mann sie mit Schaum auf den Lippen beschimpft. »Frauen sind zu schwache und schwankende Kreaturen, um Gottes Gesang zu empfangen«, zischte Liebherr und rieb seinen Buckel am Stamm der Melanchthoneiche.
Clara Kannmacher litt an verzehrendem Heimweh und an der Trennung vom Bruder, der Alfred hieß und sich als junger Mann am Stettiner Hafen in schlechte Gesellschaft begeben hatte. Bald war er zwischen Bordellen und Seemannsheimen, Speichern und Anlegestellen zu Hause, wo er als Schmuggler sein Geld verdiente, das er nachts in Kaschemmen verspielte. Als beider Vater an Schwindsucht erkrankt war, Blut hustete und zum Gerippe abmagerte, hatte sich Alfred lieber verfluchen lassen, als seine Lebensgewohnheiten aufzugeben. Sein Elternhaus hatte er nicht mehr betreten. Er habe den Vater als starken, energischen Mann in Erinnerung behalten wollen, rechtfertigte er sich vor seiner Schwester, und das war eine Entschuldigung, die sie beschwichtigt hatte. Als es beim Kartenspiel in einer Hafenspelunke zum Streit kam und er einen Seemann erstach – aus purer Notwehr, beteuerte Alfred –, hielt Clara beharrlich zum Bruder. Im Maschinenraum eines Frachtschiffes hatte er sich dem Arm des Gesetzes entzogen, um erst in der Walfischbay wieder an Land zu gehen.
In Omaruru und Swakopmund zog er rasch einen erfolgreichen Handel auf und belieferte Hamburg mit Wolle und Fellen. Seine Gewinne erlaubten es Alfred, der Schwester gelegentlich Geld anzuweisen, und monatlich schickte er Briefe an sie. Er erging sich in Landschafts- und Klimabeschreibungen, schilderte spannende Jagdabenteuer oder komische Sitten, die er bei Herero-Volk und Hottentotten beobachtet hatte, wenn er nicht vergangene Zeiten beschwor, heitere Kindheits- und Jugendtage, die sie zusammen am Westendsee und in Buchheide verlebt hatten. Er versprach seiner Clara, sie bald zu besuchen, und scherzte, bei dieser Gelegenheit werde er sie aus dem Nest an der Ostsee verschleppen und in sein Haus an der Walfischbay bringen.
Zwar kam er nie zu Besuch und verschob seine Reise von Monat zu Monat – mal war es ein Unwetter, das sie verhinderte, mal war er einem Gorilla begegnet und kurierte eine Gehirnprellung aus. Clara nahm es dem Bruder nicht krumm, den sie um sein aufregendes Leben beneidete. Und was sie an Alfred im Innersten fesselte, das war sein rebellisches Wesen, eine Zielstrebigkeit und Kraft, die sie nicht aufbrachte.
An den Marken mit der »SMS Hohenzollern« auf hoher See konnte man Alfreds Briefe auf Anhieb erkennen, die Clara dem Postkutscher aus seinen Fingern riß, wenn er vor der Hausschwelle hielt. Sie rannte ins Schlafzimmer und verriegelte es von innen, um sie in Ruhe zu lesen. An diesen Tagen war Clara besonders munter, schnappte sich einen Schlitten und eilte zum Schloß, wo sie mit den Kindern vom Hof bis zum Burggraben rodelte, vor einen Baum knallte und in den Schnee plumpste. Wenn es warm war, lief sie mit dem Picknickkorb zum Kolonialwarenladen von Willi Barske, der Schleckereien einpacken mußte, und mit den Jungs an der Hand ging es hoch zum Wald!
Umso beunruhigter war sie, als keine Briefe von Alfred mehr eintrafen und man in der Zeitung vom Herero-Aufstand las. Berlin, hieß es, sei alarmiert und habe schleunigst ein Expeditionskorps entsandt, das Anfang Februar in Swakopmund landete, um Hauptmann Franke zu Hilfe zu eilen, der das von Herero-Rebellen belagerte Okahandja inzwischen befreit und Omaruru entsetzt hatte.
Andauernd hetzte sie in diesen Wochen zum Telegrafenamt, um zu erfahren, ob man keine Nachricht von Alfred erhalten habe. Erst im April traf ein Telegramm ein, das sie wieder ins Gleichgewicht brachte. Und bald folgte seiner Depesche ein Brief, in dem er grausige Dinge vom Aufstand berichtete. Hunderte wehrloser Siedler und Siedlerfrauen seien den Rebellen zum Opfer gefallen.
Um am Herero-Volk Rache zu nehmen, hatte er sich einer Truppe von Freiwilligen angeschlossen, einer Einheit aus Kaufleuten, Handwerkern, Großgrundbesitzern, Verwaltern und Abenteurern. Er kommandierte sie mittlerweile, was er seiner Schußsicherheit verdankte und einer aufsehenerregenden Trefferzahl, die niemand sonst aus der Truppe erreichte. Mit seiner Tapferkeit hatte er sich beim Oberbefehlshaber Lothar von Trotha empfohlen und sein Vertrauen erworben.
Und er versicherte seiner Schwester, es bestehe kein Anlaß, sich Sorgen zu machen, er habe es mit einem Gegner von minderwertiger Rasse zu tun. Diese vom Blutrausch befallenen Tiere seien sprechende Affen mit walnußgroßem Gehirn, das sei wissenschaftlich erwiesen. Man werde sie gnadenlos niederschießen – bissige Hunde erschieße man eben. Moralisch und kriegstechnisch sei man im Vorteil, er rechne mit einer entscheidenden Schlacht im August. Seine Vermutung erwies sich als richtig, und Clara war selig, als sie erfuhr, mit 1500 Mann habe Oberbefehlshaber Lothar von Trotha am Waterberg 40000 Hereros besiegt.
Eine andere Liebe als zu Bruder Alfred verband sie mit dem Ehemann Leopold Kannmacher. Dem war sie im Mai 1896 bei einem Spaziergang zur Hakenterrasse begegnet, zusammen mit Frieda, der Stettiner Tante.
In dieser Zeit hatte Clara den Vater verloren, Alfred lebte am Hafen in einem Versteck, um seine Flucht auf dem Frachtdampfer vorzubereiten, und sie wohnte bei den Verwandten am Quistorpark. Onkel Heinrich, der nicht auf den Pfennig schauen mußte, hatte nichts zu beanstanden an der Idee seiner Frau, der Nichte ein neues Zuhause zu bieten. Tante Frieda bot auf,...




