E-Book, Deutsch, 315 Seiten
Koneffke Eine Liebe am Tiber
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8321-8805-4
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 315 Seiten
ISBN: 978-3-8321-8805-4
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jan Koneffke wurde 1960 in Darmstadt geboren. Er studierte Philosophie und Germanistik in Berlin und verbrachte nach einem Villa-Massimo-Stipendium sieben Jahre in Rom. Heute lebt er als Schriftsteller, Publizist und Übersetzer in Wien und Bukarest. Er erhielt unter anderem den Leonce-und-Lena-Preis für Lyrik, den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis und den Offenbacher Literaturpreis. Bei DuMont erschienen der Gedichtband >Was rauchte ich Schwaden zum Mond< (2001) und die >Abschiedsnovelle< (2006) s
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1
Es muß der zehnte Oktober gewesen sein – der zehnte Oktober 1968 –, als wir am Hauptbahnhof Termini eintrafen. Meine Schwester preßte Stirn und Nase ans beschlagene Fenster und ließ sich nicht ablenken, als ich sie kitzelte. »Wo ist Vati?« maulte sie vorwurfsvoll. Ich zog meine Hand aus Lisas gelb-weiß-gestreiftem Kleid und schmiegte mich an Mutter, die sich im Taschenspiegel betrachtete. Sie zupfte an einer blonden Locke, rieb beide Lippen gegeneinander und wandte sich seufzend dem prallvollen Beutel zu, der Geld, Papiere und Fahrkarten, Kaugummis, Pfefferminze und Zahnpasta, Zigaretten und Streichholzschachteln, Lisas Bilderbuch, Lippenstift, Kamm und tausend anderer Dinge enthielt.
Ohne diesen Lederbeutel waren wir verloren! Wer keine Fahrkarte vorweisen konnte, den zwang der Schaffner, auszusteigen, daran hatte ich keinen Zweifel. Wir sollten aufpassen, hatte uns Vater ermahnt, und uns nicht bestehlen lassen, am Stiefel wimmele es von Halunken und Dieben. Ich spitzte meine Ohren, wenn Vater vom Stiefel sprach, und in diesen Wochen und Monaten, ehe er seine Lehrerstelle in Rom antrat, sprach er andauernd vom Stiefel. Seine Stimme klang boshaft und ablehnend oder ergriffen und feierlich. Bald las ich es seinem Gesicht ab, ob er Zuneigung oder Verachtung empfand, an seinen zusammengepreßten Lippen oder diesem versonnenen Ins-Leere-Schauen.
Dreizehn Stunden machte ich kein Auge zu. Dreizehn Stunden bewachte ich angestrengt Mutter und Mutters Lederbeutel. Auf Mutter war kein Verlaß. Sie war zu zerstreut, vergaß mitunter, Gas- oder Wasserhahn zuzudrehen, und Lisa und mir war zum Umfallen schwindlig vom faden Geruch, der sich in allen Zimmern verteilt hatte. Ohne Mutter einen Vorwurf zu machen, riß Vater Fenster um Fenster auf. Oder rollte stumm unsere pitschnassen Teppiche ein und breitete sie zum Trocknen auf Hecke und Gartenzaun aus.
Ja, Mutter war zu versponnen und vertrauensselig, ließ sich von Schlawinern beschwatzen, die bei uns klingelten, Messer- und Scherenschleifern, Staubsaugervertretern, und um sie rasch wieder loszuwerden, kaufte sie nutzloses Zeug. Dank Mutter besaßen wir drei Staubsauger, einer moderner als der andere, und montags und donnerstags flatterten mehrere Zeitschriften in unseren Briefkasten.
Ich war es, der aufpassen mußte. Und wie ein Schießhund paßte ich auf! Niemand entging mir, der sich im Korridor aufhielt und zu uns ins Abteil glotzte. Ich schielte zum dicken Mann, der beim Fenster am Gang saß und pausenlos rauchte. Der war bei Verona zugestiegen und hatte Mutter vergeblich in eine Plauderei zu verstricken versucht. Wenn er nicht schnarchte mit aufgerissenem Mund, betrachtete er ausgiebig Mutters Knie, Mutters Busen und Mutters Hut, und ab und zu seine gelben Finger, betrachtete Lisa, betrachtete mich, und als er mein strenges Gesicht bemerkte, holte er rasch eine Zigarette aus seinem Jackett und steckte sie an.
»Wo ist Vati?« schrie Lisa beharrlich. Mutter erwiderte nichts. Sie kramte besessen im Lederbeutel, aus dem ein Klimpern und Klingeln kam, konnte nicht finden, was sie suchte, und wischte sich fahrig den Hut vom Kopf. Er kullerte von Mutters Knie zur stickige Warmluft verbreitenden Heizung. Meine vom Fenstersitz springende Schwester stampfte auf: »Wann sind wir bei Vati?« und stand mit dem Schuh auf dem hellblauen Hut.
In Rom brauche man einen schicken Hut, hatte uns Mutter belehrt, als sie zwischen Umzugskartons, aufeinandergestapelten Schubladen, fleckigen kahlen Tapeten vorm Spiegel im Flur auf und ablief. »Vater wird staunen!« Ich schaute verlegen beiseite und wußte nicht, was meine Kehle zusammenpreßte, dieser Hut – den ich absolut scheußlich fand – oder eher Mutters Reisefieber. Mir war nicht zum Verreisen zumute. Ich wollte lieber daheim bleiben. Auf Zehenspitzen schlich ich ins Kinderzimmer und hockte weinend neben der Kiste mit meiner verpackten Modelleisenbahn.
Im Gang herrschte schreckliches Durcheinander. Leute schluchzten vor Wiedersehensfreude, winkten und beugten sich weit aus den Fenstern ins Freie, um Arme zu packen und Kinder zu streicheln, die man am Bahnsteigrand hochhielt. Eine Schirmspitze bohrte sich in mein Knie, ein Koffer knallte mit seinem Metallbeschlag schmerzhaft gegen meine Rippen.
Endlich entdeckte ich Vater. Er lief von Waggon zu Waggon und tippte sich ratlos mit einem Finger ans Kinn. »Papa!« kreischte ich, bis er sich umdrehte. Blond ragte sein Kopf aus dem Gewusel fuchtelnder, schwarzhaariger Gestalten. Wir hatten Vater erreicht, und Vater, ein Riese, verschaffte sich mit beiden Ellenbogen Platz vor unserem Fenster.
Lisa schaukelte selig in seinen Armen und weinte nicht mehr. Er beugte sich zu Mutter und mir, und ausnahmsweise erwiderte ich seinen Kuß – sonst mochte ich Vaters feuchte Lippen nicht besonders leiden. Wild bahnte er uns einen Weg um uniformierte Hotelvermittler, Taxifahrer und Kofferschlepper, die dienernd um unsere Beine fielen, am Koffer rissen, an Mutter zerrten, und streckte begeistert seinen Arm aus, als wir den Bahnhof verließen. »Servianische Stadtmauer, Elinor«, kreischte er, »Diokletiansthermen, Feelein!« Es war warm. Zwischen gelben Laternen hing dunstige Luft, eine Straßenbahn kreischte im Gleis.
Vater bei mir zu haben erleichterte mich. Ich mußte mich nicht mehr zur Wachsamkeit zwingen und meine Augen aufreißen. Im hoppelnden schwarzen Taxi, in das wir uns quetschten, fielen sie mir zu, und als wir ausstiegen, in einer dunklen Gasse, erwachte ich nicht richtig. Das letzte, was ich bemerkte, war eine Hand, die an meinen Kleidern zog, ehe ich in tiefen Schlaf fiel.
Am anderen Tag befiel mich stechendes Heimweh. Mein Zimmer, in dem ich alleine schlief – mit Bissen und Tritten hatte sich Lisa Zutritt zum Elternzimmer verschafft – war winzig, finster und fremd. Ein klotziger Spiegelschrank stieß an eine Kommode, in der der Holzwurm nagte, vom riesigen Doppelbett konnte ich meine Hand ins Emaillewaschbecken stecken. Aus Angst vor Asseln und Ohrenzwickern verstopfte ich seinen Abfluß mit Klopapier.
Schlimmere Schrecken erwarteten mich vorm Eingang der kleinen Pension, die sich »Duca d'Alba« nannte: rauhes Geschrei, das von Fenster zu Fenster flog, Motorradfahrer, die meistens zu zweit, wenn nicht zu dritt, einen Bock behockten und rudelweise vom einen Gassenende zum anderen sausten.
Ich haßte diesen Portier, der andauernd in meine Backe kniff und mir Bonbons schenkte, die ich ins Klo warf. Er konnte Fliegen und Kakerlaken fangen, was Lisa zum Jauchzen brachte. Er tat, als wolle er sie verspeisen, rieb seinen Bauch und ließ seinen Magen knurren, bis Lisa schrie: »Nein, nicht essen!« Er konnte mit beiden Ohren wackeln und mit seiner Zunge eidechsenschnell in ein Nasenloch fahren, Lisa war selig. Er jonglierte vor Lisas staunend aufgerissenen Augen mit vier Tomaten, und als er eine nicht rechtzeitig auffing, die auf den Tresen klatschte und seine Livree rot bespritzte, kicherte Lisa sich scheckig.
Um mein Vertrauen rackerte er sich vergeblich ab. Mag sein, es war seine schlecht verheilte Narbe am Auge, die mich vergraulte. Es dauerte Monate, bis wir erfahren sollten, wo er sich verletzt hatte. Das war beim Krawall, Mitte Februar, gewesen, als Tausende von Studenten das Architekturinstitut im Villa-Borghese-Park zu besetzen versucht hatten, Steine flogen, Autos und Omnibusse brannten und schlagstockschwingende Polizisten zwischen schweigenden Pinien aufmarschierten. Ins Krankenhaus wagte er sich nicht. Es hieß, man zerre verletzte Studenten ohne viel Federlesens aus dem Bett und verfrachte sie in eine Zelle. Luca ließ sich seine Braue von einem Freund, der Mediziner im ersten Semester war, mehr schlecht als recht zusammenflicken.
Aus Furcht, seine Anstellung zu verlieren, behauptete er vor Giulio Picciotti, dem grantigen Besitzer des »Duca d'Alba«, der von seiner Beteiligung am Villa-Borghese-Radau nichts erfahren durfte, seine Narbe stamme von einem Badeunfall im Tiber. Als er sich vor einer der Putzfrauen verplauderte, er habe das Schwimmen nie erlernt und ersaufe im Wasser wie eine Katze, kam das Giulio Picciotti zu Ohren, und Luca mußte dringend bei einer anderen Ausrede Zuflucht suchen. Er sei in einen Eifersuchtsstreit verwickelt gewesen, beteuerte er, mit einem Landsmann aus Kalabrien, und der habe beim Handgemenge sein Messer aufblitzen lassen und Luca verletzt.
Giulio Picciotti fand das plausibel. Sizilianer und Kalabresen waren in seinen Augen nichts als arabische Finsterlinge und Bastarde, die kein Vertrauen verdienten. Mochte er Lucas Ausrede Glauben schenken – zutiefst mißtraute er Luca, dem Kalabresen. Er kitzelte seinen Portier mit einer rostigen Weltkriegspistole am Kinn und drohte, falls der auf dumme Gedanken kommen solle, werde er mitleidlos schießen.
Luca mußte es sich gefallen lassen. Ohne das Geld, das er von Picciotti erhielt, war sein Studium nicht zu bezahlen. Nachts, wenn er sich ausnahmsweise nicht vom Besitzer beschimpfen und kommandieren lassen mußte, kauerte er im zugigen Eingang, beugte sich tief in ein Buch und zwang sich tapfer, nicht einzuschlafen. Dieser Picciotti, den wir anfangs beinahe nie zu Gesicht bekamen, verbrachte seine Tage im Hinterzimmer und scherte sich wenig um seine Pension. Bloß wenn ein Gast seine Rechnung verlangte, schlurfte er mit saurem Gesicht zum Empfang. Bisweilen war er im ersten Stock zu sichten, wo er einer der Zimmerfrauen auflauerte, um sie von hinten an Busen und Po zu packen und sich eine Abreibung abzuholen. Wischlappen klatschten um seinen Kopf, er mußte niedersausenden Besen und fliegenden Klobürsten ausweichen und schmetterte selig am Treppenabsatz: »Pfundsweiber, hach, echte Pfundsweiber sind das«, ehe er sich naß und staubig wieder im Hinterzimmer verkroch.
Was Picciotti zum Besten gab, erfuhren wir...




