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E-Book

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Konar Mischling

Roman

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

ISBN: 978-3-446-25765-8
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Seele in zwei Körpern – Perle und Stasia sind zwölf und unzertrennlich, als sie 1944 deportiert werden. Doktor Mengele sucht eineiige Zwillinge für seinen "Zoo". Um zu überleben, flüchten sich die Geschwister in magische Welten, schmeicheln sich sogar beim Arzt ein. Doch eines Tages, kurz vor der Befreiung, verschwindet Perle und ein unheilbarer Riss geht durch Stasia. Zusammen mit Feliks, einem weiteren Opfer Mengeles, reist sie durch die verwüsteten Landschaften Polens auf der Suche nach ihrer Schwester. In der eindringlichen Sprache eines Märchens behauptet Affinity Konars „Mischling“ noch im Abgrund des Grauens die Kraft der Fantasie, des Widerstands und der Hoffnung.
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STASIA
1   
WELT UM WELT
  Wir wurden geschaffen, einst. Meine Zwillingsschwester Perle und ich. Genauer gesagt, Perle wurde geformt, und ich spaltete mich von ihr ab. Sie prägte sich der Gebärmutter ein, ich kopierte ihre Signatur. Acht Monate lang trieben wir in Fruchtwasserschneefall, zwei rosige Fäustlinge, die am Innenfutter unserer Mutter lagen. Ich konnte mir nichts Großartigeres vorstellen als den Mutterleib, den wir uns teilten, doch als das Gerüst unserer Gehirne stand und unsere Milzen fertig waren, wollte Perle die Welt jenseits von uns sehen. Und daher katapultierte sie sich mit dem Mut des Neugeborenen aus unserer Mutter hinaus. Obwohl zu früh geboren, war Perle ein Witzbold und schlau obendrein. Ich redete mir ein, es sei nur einer ihrer Tricks; sie würde gleich wieder zurückkommen und mich auslachen. Doch als Perle nicht wiederkam, ging mir die Luft aus. Haben Sie mal zu leben versucht, wenn der beste Teil von Ihnen davontreibt und irgendwo in ungewisser Ferne verweilt? Wenn ja, wissen Sie sicher um die Gefahren dieses Zustands. Nachdem mir die Luft ausgegangen war, zog mein Herz gleich nach, und mein Hirn wurde von einem undenkbaren Fieber erfasst. Als rosiger Fötus hatte ich folgende Erkenntnis: Ohne meine Schwester war ich ein abgetrenntes, unwürdiges Ding, ein liebesunfähiges Wesen. Also heftete ich mich an ihre Fersen und ließ mich von behandschuhten Arzthänden herausziehen und nach einem Klaps auf den Hintern ans Licht halten. Es sei hier darauf hingewiesen, dass ich während der gesamten Prozedur dieses ungewollten Übergangs kein einziges Mal schrie. Auch dann nicht, als sich unsere Eltern kurzerhand über meinen Wunsch hinwegsetzten, ebenfalls Perle genannt zu werden. Stattdessen wurde ich Stasia. Und als die lästige Geburtsarbeit hinter uns lag, betraten wir die Welt aus Familie, Klavierspiel und Büchern, der in Schönheit und Staunen vorüberziehenden Tage. Wir waren uns so ähnlich – dauernd ließen wir Murmeln vom Fenster aus auf die Pflastersteine fallen und sahen ihnen mit dem Fernglas nach, wie sie hügelabwärts davonrollten, wollten wissen, wie weit ihr kleines Leben sie trüge. Auch diese Welt, diese vor Ehrfurcht wimmelnde Welt, endete. So wie die meisten Welten. Aber ich muss Ihnen auch erzählen, dass wir noch eine andere Welt kannten. Manche meinen, es sei die Welt, die uns am meisten formte. Das würde ich als Irrtum bezeichnen, aber vorläufig lassen Sie mich davon sprechen, wie wir in unserem zwölften Lebensjahr in diese Welt eintraten, indem wir uns ganz hinten in einem Güterwaggon aneinanderdrängten. Während der Fahrt, die vier Tage und vier Nächte dauerte, schummelten wir uns unter Mamas und Sejdes Anleitung ins Überleben. Unsere Nahrung bestand aus einer Zwiebel, die wir einander hin- und herreichten und deren gelbe Haut wir ableckten. Zur Ablenkung spielten wir das Spiel, das Sejde sich für uns ausgedacht hatte; es hieß Einteilung der Lebewesen. Eine Art Scharade, bei der man ein Lebewesen darstellen musste, und die Mitspieler mussten Spezies, Geschlecht, Familie und so weiter erraten, bis hin zur Pracht eines ganzen Reichs. Wir mimten unendlich viele Lebewesen in diesem Güterwaggon, vom Bären bis zur Schnecke und zurück – wir müssten unbedingt, sagte Sejde mit seiner vor Durst brüchigen Stimme, das Universum so gut organisieren, wie es uns in unserer allzu menschlichen Beschränktheit möglich sei –, und als der Güterwaggon endlich anhielt, brach ich auch meine Scharade ab. Meiner Erinnerung nach wollte ich Mama eben davon überzeugen, ich sei eine Amöbe. Kann sein, dass ich ein anderes Lebewesen darstellte und die Amöbe nur deshalb in Erinnerung behalten habe, weil ich mich in jenem Moment so winzig fühlte, so durchscheinend und zerbrechlich. Ich weiß es nicht mit Sicherheit. Als ich mich schon geschlagen geben wollte, wurde die Waggontür aufgeschoben. Und das eindringende Licht erschreckte uns so sehr, dass uns die Zwiebel hinfiel und über die Rampe hinunterrollte, ein scharf riechender, halbgegessener Mond, der vor den Füßen eines Aufsehers landete. Seine Miene stelle ich mir angewidert vor – ich kann sie mir nur vorstellen, denn ich sah sie nicht. Er hielt sich ein Taschentuch vor die Nase und nieste mehrmals, dann hob er seinen Stiefel über unsere Zwiebel; der Schatten, den er warf, verfinsterte die kleine Kugel. Wir sahen die Zwiebel weinen, während er sie zermalmte, ihre Tränen waren bitterer Brei. Dann trat er noch näher, und wir suchten schleunigst in Sejdes weitem Mantel Deckung. Eigentlich waren wir dafür längst zu groß, doch die Furcht ließ uns schrumpfen, und wir wühlten uns in die Mantelfalten um seinen abgemagerten Körper, sodass unser Großvater zu einer unförmigen, vielbeinigen Gestalt wurde. In seinem Schutz blinzelten wir. Dann hörten wir ein Geräusch – ein Stampfen, ein Poltern – die Aufseherstiefel waren direkt vor uns. »Was soll denn das für ein Insekt sein?«, fragte er Sejde und klopfte mit seinem Stock an jedes Mädchenbein, das unter dem Mantel hervorschaute. Unsere Knie brannten. Der Aufseher schlug auch auf Sejdes Beine. »Sechs Beine? Eine Spinne?« Es war klar, dass der Aufseher keine Ahnung von Lebewesen hatte. Er hatte schon zwei Fehler gemacht. Aber Sejde hielt es nicht für nötig, darauf hinzuweisen, dass Spinnen keine Insekten sind und dass sie in Wirklichkeit acht Beine haben. Was er sonst sehr gern tat – in einem spielerischen Singsang pflegte er unsere Irrtümer über Lebewesen zu korrigieren, denn für ihn musste alles seine Ordnung haben. Hier aber, hier war es zu gefährlich, detailliertes Wissen über kriechendes oder als niedrig geltendes Getier zu äußern, sonst wurde man womöglich zu vieler Gemeinsamkeiten mit ihnen bezichtigt. Wir hätten es besser wissen und aus unserem Großvater kein Insekt machen sollen. »Ich hab dich was gefragt«, wiederholte der Aufseher und versetzte unseren Beinen abermals einen Stockhieb. »Was für eins?« Auf Deutsch gab Sejde ihm Auskunft: dass er Tadeusz Zamorski heiße. Fünfundsechzig Jahre alt. Polnischer Jude. Dann schwieg er, als wäre damit alles gesagt. Und wir hätten gern an seiner Stelle weitergemacht, jedes Detail erzählt: dass Sejde mal Professor für Biologie gewesen sei. Dass er jahrzehntelang sein Fach an Universitäten unterrichtet habe, aber auch Experte in vielen anderen Dingen sei. Dass man ihn fragen müsse, wenn man ein Gedicht erklärt haben wollte. Oder wenn man wissen wollte, wie man auf den Händen läuft oder einen Stern findet: Er zeigte es einem. Mit ihm sahen wir mal einen Regenbogen, der in einer einzigen Farbe leuchtete, in Rot, wir sahen ihn einen Berg und ein Meer überspannen, und oft wollte Sejde auf die Erinnerung daran anstoßen. Auf die unerträgliche Schönheit!, sagte er, und seine Augen standen voller Tränen. Er liebte Trinksprüche so sehr, dass er sie wahllos, beinahe zu jeder Gelegenheit ausbrachte. Auf morgendliches Schwimmen! Auf die Linden vor dem Tor! Und in den letzten Jahren war dies sein beliebtester Spruch: Auf den Tag, an dem mein Sohn lebendig und unverändert zurückkehrt! Aber nichts davon sagten wir dem Aufseher, so sehr wir es uns gewünscht hätten – es blieb uns in der Kehle stecken, und der Zwiebeltod in unmittelbarer Nähe hatte uns die Tränen in die Augen getrieben. Daran war die Zwiebel schuld, sagten wir uns, nichts sonst, und wir wischten die Tränen weg, damit wir durch die Löcher in Sejdes Mantel sehen konnten, was draußen geschah. Durch diese Löcher sahen wir, wie von Bullaugen eingefasst, fünf Gestalten: drei kleine Jungen, ihre Mutter und einen Mann in weißem Kittel, der einen Stift über einem kleinen Buch gezückt hielt. Die Jungen faszinierten uns – wir hatten nie zuvor Drillinge gesehen. In Lódz hatte es außer uns noch ein weiteres Zwillingspaar gegeben, ebenfalls Mädchen, ein Trio aber war nur etwas aus Büchern. Ihre Zahl beeindruckte uns, allerdings übertrumpften wir sie an Übereinstimmung. Alle drei hatten die gleichen dunklen Locken und Augen, den gleichen schlaksigen Körper, doch ihr Ausdruck war unterschiedlich – einer blinzelte in die Sonne, während die anderen beiden die Stirn runzelten, und ihre Gesichter fielen erst in eins, als der Mann im weißen Kittel in alle drei Handflächen ein Bonbon legte. Die Mutter der Drillinge war anders als alle anderen Mütter im Güterwaggon – ihre Sorge hatte sie gut verborgen, und sie stand so reglos da wie eine angehaltene Uhr. Eine Hand schwebte wie in nicht enden wollendem Zögern über den Köpfen ihrer Söhne, als habe sie kein Recht mehr darauf, sie zu berühren; eine Auffassung, die der Mann im weißen Kittel nicht teilte. Er war eine einschüchternde Gestalt, mit blitzblank polierten schwarzen Schuhen und ebenso glänzendem dunklen Haar, und seine Ärmel waren so weit, dass sich der herabhängende Stoff bauschte und flog, wenn er den Arm hob, und unverhältnismäßig viel Himmel verdeckte. Er sah aus wie ein Filmstar und neigte zur Theatralik; Freundlichkeit quoll so augenscheinlich über sein Gesicht, als wollte er die gesamte Umgebung wissen lassen, wie außerordentlich seine guten Absichten waren. Zwischen der Mutter und dem Mann im weißen Kittel wurden Worte gewechselt. Es schienen umgängliche Worte zu sein, allerdings redete der Mann sehr viel mehr als sie. Wir hätten gern gehört, was gesprochen wurde, aber vermutlich reichte es schon, dass wir sahen, was danach geschah: Die Mutter strich mit den Händen über die dunklen Wolken der drei gleichen Haarschöpfe, dann wandte sie sich ab und überließ ihre Kinder dem Mann im weißen Kittel. Er sei Arzt, sagte sie, ehe sie mit wankenden Schritten davonging....


Schaden, Barbara
Barbara Schaden studierte Romanistik und Turkologie in Wien und München. Nach einigen Jahren in der Filmbranche und im Verlagslektorat seit 1992 freiberufliche Übersetzerin. Sie übersetzte Sachbücher von Siddharta Mukherjee, Allen Frances, Amy Chua, Peter Demetz, Amana Fontanella-Khan und Umberto Eco u.v.a.

Konar, Affinity
Affinity Konar, 1978 geboren, wuchs in Kalifornien auf. Sie studierte an der San Francisco State University und der Columbia University und lebt heute in Los Angeles. Bei Hanser erschien ihr Roman Mischling (2017).


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