E-Book, Deutsch, 205 Seiten
Komel Goldman oder Der Klang der Welt
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-99012-518-2
Verlag: Hollitzer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 205 Seiten
ISBN: 978-3-99012-518-2
Verlag: Hollitzer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mirt Komel ist Schriftsteller und Philosoph. Sein Romandebüt, Pianistov dotik, stand auf der Shortlist des Kresnik-Preises für den besten slowenischen Roman des Jahres 2015 und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. 2018 erschien der philosophische Detektivroman Medso?je. Mirt Komel ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten und Lehrbeauftragter für Philosophie an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Ljubljana.
Fachgebiete
Weitere Infos & Material
I Dämon
II Musikalisches Alphabet
III Unversehrt
IV "PIano, pianino"
V Nichts zu sehen
VI Knall im Kasten
VII Pause in der Brust
VIII Der einarmige Pianist
IX "Toccata e fuga"
X Finger in Freiheit
XI "Délire de toucher"
XII "Ich vertone, also bin ich"
I
DÄMON
Dunkelheit. Zeitlose, farblose, schwerelose, bleierne Leere ohne mich, dich, ihn oder jemanden oder etwas anderes. Macht nichts. Nicht gerade unausweichlich folgt die unterbewusste Bewegung des Körpers, dann das Erwachen des Bewusstseins: Schmerz, gleißende Helligkeit, Schmerz, Leere, Schmerz – Stimmen. Das eigene Ächzen und Stöhnen. Das Herz schlägt, atme, Blut rinnt, atme, die Wunde heilt, atme. Licht.
Er erwachte, den Blick auf eine Wand und die Nase in einem Beatmungsgerät auf der Reanimationsstation eines allgemeinen Krankenhauses in New York, wohin man ihn vor unbestimmbar langer Zeit gebracht hatte, nachdem er gestürzt war und das Bewusstsein verloren hatte. Später erzählte man ihm, er sei mit dem Gesicht auf den Asphalt geknallt und habe sich, verständlicherweise, verletzt, zugleich sei er gänzlich unverständlicherweise auch ins Koma gefallen, aus dem er erst jetzt erwacht war. Ungewöhnlich war die völlige Ungewissheit darüber, ob der erste Fall den zweiten bedingt hatte oder umgekehrt.
Das Erwachen nach dem Sturz erinnerte ihn an das, was jeder erlebt, woran sich aber niemand erinnern kann, geschweige denn es nacherleben: die eigene Geburt, der gezwängte Austritt aus der gemütlichen und warmen Wohnung (Vollpension à la carte) durch die schleimig beengende Tür in die larmoyant bedrückende Welt (eine warme Mahlzeit täglich wird nur bei der Mutter garantiert, die es nur einmal gibt, oder in der nächsten Kirche oder Moschee). Sieh dir das Sofa an, lege dich hin, schließe die Augen und entspanne dich beim Gedanken: Es ist am besten, gar nicht erst geboren zu werden. Doch was soll man tun, wenn dieses Glück nur selten jemandem beschert ist. Die meisten plumpsen ins Leben. Niemand hatte behauptet, das Leben sei gerecht.
Unter der Woche in die Welt geschleudert, an einem Mittwoch, zu Ende der unruhigen Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, hineingeboren in das deutlich ruhigere Heim einer jüdischen New Yorker Familie, die in einer unanständig feudalen Wohnung eines im wiederbelebten Renaissancestil erbauten Gebäudes im Herzen von Brooklyn lebte. Damals tauchten auf der Welt gleich drei im vergangenen Jahrhundert noch undenkbare neue Töne auf: das dumpfe Pulsieren eines Satelliten im tonlosen Weltall; die Rufe der Studentenproteste in allen untergehenden westlichen Hauptstädten; die Musik in Gabriels Kopf und der Klang seiner goldmanschen Stimmbänder.
Der Neuankömmling auf dieser Welt war bloß eines von eintausendvierundvierzig Kindern, die sich in einer heißen Augustnacht in die Welt geheult hatten, als Mars den Sternenhimmel dominierte, Hades noch immer über die unterirdischen Schatten herrschte und in New York achtundachtzig Verkehrsunfälle geschahen, sechzehn bewaffnete Raubüberfälle, drei Morde und ein einziger Selbstmord, den ein gewisser Michel Levy beging. Überraschend wenig für die Saison, wie der Bürgermeister voll Eigenlob anmerkte: Hitze eben, Menschen gebären, Menschen sterben, Menschen töten einander im Laufe eines einzigen Tages in solch hoher Zahl, dass die Bedeutung dieser Zahl in so stark besiedelten Breiten verschwimmt, ebenso wie ein Bild verschwimmt, wenn einem während der Fahrt die Brille von der Nase fällt. Warum sollte man denn überhaupt Sandkörner am Strand zählen, Grashalme auf einer Wiese, Autos auf der Straße, Auflagenhöhen von Zeitungen, die Noten von Bachs Präludium in C-Dur? Es hat nicht den geringsten Sinn. Vor allem, wenn man die Brille nicht wieder unter dem Sitz hervorangeln kann.
Jedes Neugeborene ist für seine Eltern und die Umgebung unendlich weniger als die Masse, zugleich jedoch auch unendlich mehr als bloß eine Zahl: Wenngleich es aus Sicht der Welt nur ein kleines Ereignis ist, geschieht es doch immer wie ein immenses Ereignis im Kleinen. Gabriel? Natürlich, auch er. Auf den ersten Blick war er nur einer von vielen, glich allen anderen, die bloß anhand der unterschiedlichen Namen auf den Schildern auseinanderzuhalten waren, die anfangs am Bettrand hängen und dann, viel später, an den Eingangstüren. Wenn man in der glücklichen Lage ist, überhaupt eine eigene Tür zu haben, versteht sich.
Doch keinem, nicht einmal dem grobsten Gehör, entging, dass sich seine Stimme – sowohl was den Ton als auch was die Klangfarbe betraf – so sehr von den anderen unterschied, dass er die Krankenschwestern, die jeden Tag mit ihm zu tun hatten, damit nicht wenig in Verlegenheit brachte. Die Ärzte schrieben die Deformation seiner Stimmbänder, ebenso wie die blauen Flecken, die auf eine deutlich sensiblere Haut als üblich hindeuteten, den Geburtsproblemen der jungen, entschieden zu jungen, Mutter zu. Ihr zarter, im Grunde genommen noch mädchenhafter Körper gebar das Kind unter größten Mühen, sodass ihn die feuchten Wände, entlang derer er in die Welt gekrochen kam, geraume Zeit eingeengt auf halbem Wege zurückgehalten hatten, ehe er zum ersten Mal mit der eigenen Lunge einatmete und eine Stimme ertönen ließ, vor der alle Anwesenden erstarrten.
Etwas in ihm brodelte bereits seit früher Kindheit an, viel heißer noch als jene Sommernacht, eine besondere Hitzigkeit, die mit Sicherheit in einer viel größeren Zahl an Menschen in dieser Welt brodelt, als es sich die veraltete elitäre Minderheit vorstellt, die nach einer willkürlichen Auswahl den Großen zu große Denkmäler setzt, aber dennoch in kleinerer Zahl, wie es sich die moderne Mehrheit wünschen würde, die in jedem untalentierten Kind bloß ein unrealisiertes Talent sieht. In Gabriels Fall könnte es sich beispielsweise so äußern, dass er eine Leinwand bemalen, ein Standbild aus Stein befreien oder ein Blatt Papier mit Tinte (Feder im neunzehnten, Schreibmaschine im zwanzigsten, Tastatur und Drucker im einundzwanzigsten Jahrhundert) vollschreiben würde. Doch etwas außerhalb seiner Selbst, außerhalb seiner Macht, verhinderte, dass sich diese Sache in ihm, dieser noch intimere Funke als seine eigenen Gedanken, anders ausdrücken könnte als durch Musik.
Nein, das waren nicht seine Eltern, noch weniger seine Verwandten, Freunde der Familie oder Lehrer. Trotz des seit Jahrhunderten andauernden Stereotyps, es gäbe kein jüdisches Ohr, das keine Musikalität habe, hatte seine Familie väterlicherseits nicht ein einziges starkes Musiktalent hervorgebracht, und mütterlicherseits bloß ihren Vater, einen alten russischen Pianisten, der niemals die Schwelle des Amateurspiels übertreten hatte. Das Heim der Goldmans war nicht annähernd eine Musikschule im Kleinen, in der es vor Meistern und Schülern nur so wimmelte, wie es üblicherweise der Fall war, wenn dieses oder jenes Haus einen Musiker vom Format Mozarts oder einem etwas kleineren Format heranzog (schließlich gibt es kein größeres).
Es war nichts Menschliches daran, das Gabriel daran hinderte, dass er sich nicht nur nicht mit etwas anderem ausdrücken durfte als mit Musik, sondern dass er sich überhaupt nicht nicht ausdrücken durfte: Es trieb ihn sogar an, so wie ein unerbittlicher Reiter sein Pferd mit der Gerte antreibt und ihm weder Rast noch Ruh gewährt, bis er am Ziel ist, selbst wenn es dort an Ort und Stelle stirbt, erschöpft und zermürbt von der Anstrengung. Um die Wahrheit zu sagen und im Namen der Liebe zur künstlerischen Täuschung soll fürs Protokoll festgehalten werden, dass es sich in Gabriels Fall um einen Dämon handelte, der sich ihm im Laufe seines Lebens sogar ein paarmal flüchtig als Silhouette im Lichtspiel der Schatten zeigen sollte.
Zum ersten Mal hatte er ihn als Kind gesehen, als er sich aufgrund einer flüchtigen Erfahrung zumindest ein notdürftiges Bild gemacht hatte, an das er diese unerbittliche Präsenz heften konnte, die ihn sein ganzes Leben begleiten sollte. Gegen Ende einer Nacht, als beinahe schon der Tag anbrach, weckte ihn ein ungewöhnliches Geräusch; etwas, das wie der Wind klang, der durch eine Baumkrone weht. Im Halbschlaf folgte er dem Rascheln ins Wohnzimmer, wo er den Dämon oben auf der alten Kredenz entdeckte, hockend, wie eine Statuette zwischen kitschigen Ziergegenständen: die Arme über die Knie gelegt, die Hände verschränkt, mit langen dunklen Haaren und noch dunkleren Augen, wie die Figur eines Malers, jetzt todernst und entschlossen, jetzt heiter und lächelnd, den Konturen nach für das Auge als überaus menschlicher wehmütiger Junge zu erkennen (Der Dämon, Öl auf Leinwand, 1890).
Sofort lief er ins Schlafzimmer, in die Umarmung seiner Mutter, die ihn wieder in sein Zimmer begleitete, ihm ein Schlaflied vorsang und sich selbst tröstete, ihr Kind habe nur geträumt, wie sie es schon oftmals zu sich gesagt hatte, wenn ihr etwas ausgesprochen Ungewöhnliches untergekommen war, dessen Existenz in dieser Welt sie nicht eingestehen wollte. – „Ich habe nur geträumt!“ – der Trost vieler, die etwas außerhalb der alltäglichen Ordnung der Menschen und Dinge erleben, und dann entweder an ihrem oder dem Verstand aller anderen zu zweifeln beginnen (ein wenig wie jemand, der auf der Autobahn fährt, im Radio hört, ein Verrückter fahre in die falsche Richtung, und kommentiert: „Nicht einer – alle!“). Tatsächlich, man muss verrückt sein – oder zumindest Künstler –, um an Dämonen zu glauben, die den Menschen ein Schicksal spinnen, in etwa so wie es ein Schriftsteller seinen Figuren erfindet.
An dieser Stelle, als Zwischenbericht und Einwurf für empfindlichere Leserinnen und Leser sowie direkt an all jene gerichtet, die ein Buch nach seinem Ende beurteilen und deswegen der letzten Seite entgegeneilen: All diesen sei bereits im Vorfeld versichert, dass der Roman nicht mit dem Tod des Protagonisten enden wird (Änderungen des Schlusses vorbehalten im Namen der kapriziösen künstlerischen...




