E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Kolb State Of The Art:
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7481-9911-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Spinne Menschwerdung
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-7481-9911-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jonas Kolb, Jahrgang 1993, ist ein freischaffender Künstler und Ghostwriter, der vorwiegend literarisch tätig ist und in Schöningen am Elm lebt. In seiner Schaffensphase, die seit 2006 keine Pause gesehen hat, sind Bücher wie der HEARTDOOM-Gedichtzyklus, Musikprojekte wie Lyrik meets Piano oder the berenice soundproject entstanden. Von 2009 bis 2016 hat Kolb zusammen mit André Hebig den gleichnamigen Heartdoom-Verlag geführt und im Juni 2016 das letzte Buch unter diesem Label herausgegeben. Die vielfältigen künstlerischen Projekte veröffentlicht Jonas Kolb hin und wieder unter den Namen Berenice Leitner, Jakob Lenike oder MACHYYRE.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Der anatomische Garten
Am Ende der Dinge steht jemand und wartet. Am Ende der Straße steht und wartet ein altes Haus,
dessen verfallene Fassade dem Trostsuchenden spottet, das kein Licht hergibt und den Regen in sich
aufnimmt. Der Putz bröckelt und es fallen große Stück der einst stolzen Platten auf das weitläufige
Gartengrundstück zu seinen Füßen. Wenn vereinzelte Sonnenstrahlen, einer Waise gleich, einsam im
Grün des Frühjahres darin spielen, dann bildet man sich manchmal ein, die Vögel zu hören, die sich
selbst an den stillen Wasserspiegeln tränken. Wie der Herzschlag des Hauses schmutziges Blut durch
seine Adern pumpt und unter der Last der Ewigkeit ab und an kaum vermerklich stöhnt. Dann bin ich
hier und höre die Bäume erschreckend laut seufzen, das Tuscheln ihrer Blätter und eine ferne
Wehklage aus dem Schilf nahe des kleinen Teichs. Etwas daran gibt mir Ruhe, lässt mich zu mir
finden und wenn ich meine Augen schließe, dann spüre ich wie verspielter Efeu an meinen Armen
empor klettert.
Wie lange ich hier teilweise bin, bemerke ich erst, wenn die Sonne über den Dächern der fernen Stadt
ihren Rückzug antritt. Doch auch dann mag ich noch nicht gehen, denn etwas hält mich hier, etwas
lockt mich, völlig unaufdringlich, zu sich hin. Einmal habe ich mir eingebildet, dass ein Klavier am
Grund des Teiches nur für mich spielt und ich lauschte seinen verzerrten Tönen, die sich durch die
grünen und algenschwangeren Gewässer empor zur Oberfläche kämpfen mussten, um dann einem
Ohr zu schmeicheln, das scheinbar alles hört und in sich aufnehmen möchte. Man weiß fast gar
nichts über die Menschen, die hier einst gewohnt haben müssen. Nirgendwo finden sich Namen,
niemand wusste etwas und wenn doch, so sprach er nicht darüber. Bei vielen bin ich mir nicht mal
sicher, dass sie um die Existenz dieses Hauses überhaupt wissen. Ich kann jedoch nicht sagen, dass
dieser Gedanke mich je negativ tangiert hätte. Ganz im Gegenteil: Hier herrscht das höchste Maß an
Ruhe, fern ab von Trubel und Hektik einer Großstadt. Hier, wo der Schlamm an klammen Tagen
durch die unterirdischen Rohre gurgelte und das Grundstück ein Asyl für lichtscheue Kreaturen und
seine ganz eigene, irgendwie groteske, Fauna zu bieten hatte.
Nachdem die Nacht Einzug erhalten und sich die Sterne am Himmel entzündet hatten, wirkte es hin
und wieder so, als würde ihr Licht durch mehrere Lagen Milchglas ganz zähflüssig heruntersickern,
bevor es – leicht verfälscht und weniger intensiv – den Garten ringsherum erhellte. Unter diesen
Voraussetzungen habe ich sie, vor circa einem Monat, das erste Mal um mich herum wahrgenommen.
Sie funkelten traut aus den Büschen, schienen – in mir nicht erkennbaren Mustern – manchmal bis
hin zum Haus zu führen und machten selbst vor einigen Pflanzen nicht halt. Überall erkannte ich ihre
kleinen messingfarbenen Konturen: Wo ich schaute, sah ich kleine Zahnräder. Sie bewegten sich
langsam und völlig geräuschlos. Mal griffen sie ineinander und mal drehten sie sich unabhängig
voneinander in Rythmen, die nicht aufeinander abgestimmt waren. Nach und nach schien es mir
dann, als würde die Umgebung wanken, als würde sich hier und da ein Spalt auftun, weil die
einzelnen Elemente des Grundstückes anfingen, sich um sich selbst zu drehen. Es war, als würde ich
augenblicklich zu schaukeln anfangen. Da jedoch ein jeder Meter Erde sich diesem Zwang beugte
und die Umgebung zu weitläufig war, um sie von hier oben ganz im Blick zu behalten, fragte ich mich
bei Zeiten, ob alles oder nichts gerade in Bewegung war. Als ich schon fast nicht mehr daran
glaubte, hörte ich es wieder. Unter der Wasseroberfläche klang etwas hervor, stieg auf in die feuchte
Luft und trug sich hin bis zu meinen Ohren. Dieses kontinuierliche Pochen, gedämmte
Trommelschläge, schwanger von einer Unterschwelligkeit, so vertraut und doch nicht recht
einzuordnen. Dieses Geräusch wollte und wollte mir keine Ruhe lassen, wälzte sich durch leere
Gedankengänge und verpestete dort die Böden mit all seinem Unrat. Obwohl ich mir einbildete, dass
es von Mal zu Mal lauter werden würde, sah ich mich nicht dazu imstande, diesem Grundstück den
Rücken zu kehren. Diesen Ort umhüllte etwas, dass ihn für Außenstehende fast unsichtbar machte,
ihn abschottete von der Welt und sich nur entpuppte, wenn man lang genug dazu bereit war, sich
dieser eigentümlichen Magie hinzugeben. In meiner Verlorenheit fing auch ich an, mich langsam
aber sicher um mich selbst zu drehen und den Boden unter meinen Füßen zu verlieren. Wieder sah
ich sie, wieder funkelten sie in der Nacht: Zahnräder.
So schwerelos und doch gebunden, wie ich mich gerade fühlte, war es kaum möglich zu sagen, wie
lange ich für eine viertel oder halbe Drehung um mich selbst gebraucht hatte. Ich schwankte hin und
her, fühlte kurzzeitigen Schwindel und als ich gänzlich zum Halten kam, blieb mir die Luft im Halse
stecken. Tote Augen glotzten mir weit aufgerissen aus einem der Fenster im oberen Geschoss
entgegen. Die Höhlen dieser Augen waren fast komplett leer und nur Rudimente ihrer Augäpfel
verblieben stierend darin. Dieser schreckliche Anblick ließ mich in mir erschaudern, doch konnte ich
mich nicht sofort abwenden, da ich nicht Herr über meinen eigenen Körper zu sein schien. Unter
unsagbarem Kreischen schienen sich nun die Zahnräder zu bewegen und immer lauter und lauter zu
werden. Als ich mit aller Macht, wenig erfolgreich, versucht hatte, mir die Ohren zu zuhalten, fand
ich mich selbst – im Wissen mich nicht vom Fleck bewegt zu haben – oberhalb des Hauses wieder
und erblickte eine Frau so schön, dass sie nur Teil einer Halluzination sein konnte. Sie saß, die Beine
übereinander geschlagen, auf einem kleinen Hocker und bürstete ihr langes und tiefschwarzes Haar,
das ganz sacht auf ihre weichgezeichnete Haut herunterfiel. Sie selbst nahm mich nicht wahr, denn da
ich genau hinter ihr stand, hätte sie mich im Spiegel erblicken müssen, doch nicht mal ich sah mich
dort. Mein Innerstes fand darin noch mehr Bestätigung für diesen absolut unwirklichen Traum, den
ich gerade durchleben musste. Mit einem lauten Schwung knallte die Tür auf und ein kleiner Junge,
gefolgt von seiner größeren Schwester, wie es mir schien, kam in den Raum getollt und warf sich an
den Rockzipfel der Frau, die sich soeben als als seine Mutter offenbart hatte. In den Augen ihrer
beiden Kinder nistete etwas Naives und gleichsam Trübes. Der Junge machte mit seiner bleichen
Haut einen furchtbar kränklichen Eindruck, wohin gegen sie seiner Schwester die kühle Schönheit
der Mutter auf das junge Gesicht legte. Ein großer Mann betrat energischen Schrittes den Raum, ging
an der Schwester vorbei und beugte sich zu dem Jungen herunter. Was er genau sagte, konnte ich
nicht verstehen, doch der Klang seiner Stimme jagte eiskalte Schauer durch mich, ohne dass ich hätte
sagen können, dass ihr etwas Ungeheueres innewohnen würde. Mein Sichtfeld begann vor meinen
Augen erneut zu verschwimmen und wieder hörte ich den Lärm der Zahnräder, der nun wesentlich
schriller und furchteinflößender geworden war, als ich mir selbst eingestehen wollte.
Das war eindeutig Schnee, den ich da auf mir spüren konnte. Noch immer stellte sich kein Erwachen
ein und zu meinen Füßen, ich musste gut drei bis vier Meter über dem Geschehen schweben, kniete
die Frau, die einen Moment zuvor noch vor dem Spiegel gesessen hatte. Die Luft war eisig und wehte
mir unbarmherzig mitten ins Gesicht. Meine Hände waren taub und so konnte ich mich vor der
zunehmenden Kälte nicht schützen. Die Frau, die dort im Schnee kniete schien zu weinen und als ich
genauer hinsah, was mir unerklärlicherweise von Sekunde zu Sekunde schwerer fiel, sah ich auch
wovor. Der Wind jagte heulend am Grund um zwei Grabsteine, die sich wie schiefe graue
Schneidezähne in die Höhe stellten und innerhalb des Gartens nun, von oben aus betrachtet, wie eine
teuflische Fratze wirkten, deren Augen die zwei kleinen und bereits gefrorenen Teiche nahe der
Vogeltränke bildeten, die ich sofort aus meinen Erinnerungen wiedererkannte.
Erst als der Mann von vorhin, nun sichtlich ergraut, neben sie trat und versuchte ihr einen Mantel
überzulegen, den sie mit aller Kraft von sich stieß, dämmerte mir, dass sie dort den Tod ihrer beiden
Kinder betrauerte. Es fiel kein Wort aus ihrem Mund, es rannen nur die Tränen über ihren schmalen
Mund und kamen mit so einer überraschenden Wucht im Schnee auf, dass es dumpfen
Trommelschlägen gleichkam. Mit einer verächtlichen Geste wusste sie auf jeden
Annäherungsversuch des Mannes zu reagieren und als er die Hand ausstreckte um ihr aufzuhelfen
aus dem Schnee, da schlug sie sie weg, hämmerte mit ihren Fäusten gegen die Grabsteine (einen
kühnen Moment fragte ich mich wirklich, ob ihnen das ihre leichte Neigung nach hinten gegeben
hatte) und wippte danach, von der eigenen Kraft verlassen, hypnotisch und paralysiert auf der Stelle
hin und her. Plötzlich war der Schnee einem hölzernen Boden gewichen und wo sich gerade noch die
grauen Grabsteine in die Luft geschraubt hatten, dort stand jetzt ein Bett vor einem weit geöffneten
Fenster. Im Rahmen des Fensters stand die Frau barfuß. Sie trug nun äußerlich auch ihre Trauer auf
der Haut, denn diese war aschgrau, zeigte sich verzerrt und unterhalb der Augen aufgeschwämmt. Sie
hatte sich Büschel ihrer Haare ausgerissen und spielte damit zwischen ihren Fingern,...




