E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Reihe: Niederrhein Krimi
Kohl Mörder in der Grube
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98707-096-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Niederrhein Krimi
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Reihe: Niederrhein Krimi
ISBN: 978-3-98707-096-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein fesselnder Krimi, der die Bergbaugeschichte vom Niederrhein lebendig werden lässt.
Mattes Buschmann liegt tot am Ende seiner Kellertreppe. Ein reiner Routinefall, wer sollte schon einen sterbenskranken Rentner ermorden? Doch Detektiv und Dauercamper Lukas Born findet schnell heraus, dass der ehemalige Bergmann so manchen Dreck am Stecken hatte. Die Spur führt ihn in das Zechenmilieu der siebziger Jahre – in eine Welt, in der echte Kumpel das Leder vor dem Arsch und das Herz auf der Zunge trugen. Und zu einem toten Steiger, der drei Tage später wieder quicklebendig durch den Stollen rauscht ...
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Dienstag, 6. Juni, 8.15 Uhr »Warst du heute Morgen schon bei Jo?« Linda sieht mich misstrauisch an, während sie die Kaffeetasse abstellt. Meinen Ex-Nachbarn trifft man nur sehr selten ohne einen kapitalen Joint zwischen den Lippen. Ich gebe zu, in der Vergangenheit schon einmal seine Gastfreundschaft diesbezüglich genossen zu haben. Ein Mal, ich schwöre. »Wie kommst du denn darauf?« »Normalerweise singst du den Eiern kein Liedchen vor, während sie kochen. Außerdem grinst du die ganze Zeit wie ein Honigkuchenpferd.« Ich erzähle ihr von dem bevorstehenden Treffen mit meiner neuen Klientin. Aus dem Todesfall mache ich erst mal einen Unfall mit Versicherungsanspruch. Meine Linda ist in Sachen Mord etwas?… sensibel. Wobei, steht ja auch noch nicht fest. »Na, dann dürfen die Gänseblümchen sich ja freuen.« Nach dem Frühstück will Linda ihre Mutter besuchen. Vor einem halben Jahr war der Punkt erreicht, an dem sie und ihr Vater die demenzkranke Frau nicht mehr pflegen konnten. Seitdem lebt sie in einem Seniorenstift in Xanten. Ihre Tochter und ihren Mann erkennt sie inzwischen nur noch an guten Tagen. Bis zum vereinbarten Termin ist es noch über eine Stunde. Ich stecke einen kleinen Block und einen Bleistift ein, pfeife einmal kurz und mache mich mit Manolo auf eine mittelgroße Runde durch den Uedemer Hochwald. Oben an der Reichswaldstraße angekommen, beschließe ich, auf die übliche Runde über den Wanderparkplatz an der Labbecker Straße zu verzichten und umzukehren. Hätte ich wohl locker geschafft, wenn da nicht diese Unruhe an meinen Nerven knabbern würde. Gegen halb zehn erreiche ich Lissys Bistro und nehme in einem der bequemen Sessel an der rechten Seite des Außenbereichs Platz. Die Sonne kriecht über dem Happy-Eiland-Teich in den Himmel, um den Menschen schon bald die Schweißperlen auf die Stirn zu treiben. Zweiunddreißig Grad hat sie sich dafür vorgenommen. Bis es so weit ist, legt sie einen langen Schatten über den leeren Biergarten. Als Lissy auf mich zukommt, fällt mir auf, keinen Gedanken an die Bewirtung meiner Klientin verschwendet zu haben, denn das Bistro ist nach der Brötchenausgabe um zehn geschlossen. »Kein Problem, ich muss noch das Schaschlik für heute Abend zubereiten. Ich komme zwischendurch mal zu euch.« Sie ist ein Engel, die Lissy. Und macht das beste Schaschlik am Niederrhein. Leider nur auf Vorbestellung, was ich meistens verpenne. Um zehn Minuten vor dem vereinbarten Termin erscheint eine Frau um die vierzig und sieht sich auffällig um. Ihr kastanienrotes Haar legt sich in langen Locken über die Schultern. Ich winke sie zu mir an den Tisch. Andrea Buschmann trägt eine schwarze Bluse zu einer anthrazitfarbenen Hose und einen leicht verunsicherten Gesichtsausdruck. »Herr Born?« Ich nicke und deute auf den Sessel gegenüber. Sie hängt ein kleines Handtäschchen über die Stuhllehne und räuspert sich dezent. »Ich habe keine Erfahrung mit einem Privatdetektiv?…«, beginnt sie zögerlich. Ich nenne ihr vorsorglich meinen Tagessatz, sie nickt. »Ich habe mit meinem Bruder besprochen, dass wir diese Kosten von unserem Erbe abziehen. Wir müssen wissen, wie mein Vater?… ich meine?…« Sie wischt sich eine Träne aus dem linken Augenwinkel. »Hat Ihr Vater allein gelebt?« »Ja, in einem kleinen Zechenhäuschen in der Georgstraße in Kamp-Lintfort. Meine Mutter ist vor vier Jahren gestorben.« »Frau Buschmann, Sie sagten mir am Telefon, Ihr Vater sei die Treppe hinabgestürzt. Das hört sich für mich nach einem Unfall an.« »Das hat die Kommissarin auch gesagt«, ihre Stimme gewinnt plötzlich an Kraft, »die heißt übrigens auch Born.« »Ich kenne die Dame.« Wenn ich jetzt sage, dass es sich um meine getrennt lebende Gattin handelt, laufe ich Gefahr, für befangen gehalten zu werden. Und von da an ist es nur ein kleiner Schritt zum Rasenmäher. »Wer hat Ihren Vater gefunden?« Sie will zur Antwort ansetzen, da kommt Lissy an unseren Tisch. Wir bestellen Kaffee. »Ich besuche ihn jeden Tag, um nach dem Rechten zu sehen. So auch am letzten Samstag. Es war kurz nach Mittag, gegen ein Uhr, glaube ich. Wir haben am Morgen noch miteinander telefoniert.« Hört man immer wieder. Wenn Menschen mit dem plötzlichen Tod eines Angehörigen oder Freundes konfrontiert werden, suchen sie nach einer Erklärung, nach einem Anker, an dem sie ihre Trauer festmachen können, der das Unfassbare unvermeidlich erscheinen lässt. »Warum zweifeln Sie daran, dass es ein Unfall war?« Ihre Augen sind glasig, ihr Blick ist leer. Manolo geht zu ihr und junkert. Geistesabwesend streift ihre Hand über seinen Kopf. »Da ist so einiges. Mir war schon an der Haustür klar, dass irgendetwas nicht stimmt. Ich habe meinem Vater hundertmal gesagt, dass er abschließen soll, weil schon so viel passiert ist in der Siedlung. Er hat immer nur gelacht und gesagt: ›Einen alten Mann klaut keiner.‹ Er hat die Haustür immer nur ins Schloss geworfen. Am Samstag war sie abgeschlossen, und das gleich zweifach.« »Wie alt war Ihr Vater?« Auf der Stirn meines Gegenübers bilden sich kleine Falten. »Sechsundsechzig, aber geistig noch voll auf der Höhe, falls Sie darauf anspielen«, antwortet sie empört. Ich hebe abwehrend die Hände. »Das will ich nicht, ich trage erst mal nur Fakten zusammen. Können Sie ausschließen, dass Ihr Vater sich Ihren Rat doch noch zu Herzen genommen hatte? Vielleicht hat Ihr Bruder ihm das Gleiche gesagt und er?…« »Hat er, aber das hat meinen Vater nicht interessiert. Er konnte sehr stur sein. Bis in den Tod«, fügt sie leise, fast geheimnisvoll an. Ich verstehe nicht, was sie damit sagen will. Bis sie fortfährt. »Mein Vater hatte Lungenkrebs. Anfangs hatte er den Kampf gegen die Krankheit noch aufgenommen. Aber als die Ärzte ihm eine Chemotherapie empfahlen, hat er aufgegeben. Meine Mutter ist an Krebs gestorben. Die Chemo war eine einzige Quälerei für sie, gebracht hat sie nichts mehr. Wir haben auf ihn eingeredet, ihn angefleht, es trotzdem zu versuchen. Alles vergebens. Hat doch eh keinen Zweck, hat er gesagt. Dadurch wurde es natürlich immer schlimmer. Vor vier Wochen habe ich ihn zumindest noch mal überreden können, mit mir zum Lungenarzt zu fahren. Aber da war es schon zu spät. Drei bis sechs Monate gab er ihm noch. Wer bringt denn einen Todgeweihten um, verdammt noch mal?« Tränen fließen über ihre Wangen. Sie tupft sie mit einem Papiertaschentuch ab. Diese Frage müsste in der Tat gestellt werden. Ob ich das machen werde, erscheint mir zunehmend ungewisser. Denn die Tatsache, dass die Haustür an diesem Tag verrammelt war, kann allenfalls in einem größeren Kontext relevant werden. Ich hoffe inständig, dass ihre weiteren Hinweise von mehr Gewicht sind. Sie nimmt einen Schluck Kaffee, die Tasse wackelt leicht. »Sie sagten, da wäre so einiges, das Sie zweifeln lässt.« Ich sehe sie auffordernd an. Sie schnäuzt in ihr Taschentuch, richtet sich auf und starrt mich verschwörerisch an. »Mein Vater ist seit Jahren nicht mehr im Keller gewesen. Er litt an Polyneuropathie, einer Nervenkrankheit. Es kam vor, dass er plötzlich kein Gefühl mehr im rechten Unterschenkel hatte. Treppensteigen war kaum noch möglich, schon gar nicht diese steile Stiege mit ihren alten Holzstufen. Mein Bruder und ich haben die Vorräte, die dort gelagert waren, und den Gefrierschrank schon vor Jahren im Erdgeschoss untergebracht. Es gab für ihn also keinen Grund mehr, in den Keller zu gehen.« Nach allem, was meine neue Klientin mir bisher erzählt hat, muss es sehr wohl einen Grund gegeben haben. Manche Leute lagern ihre Erinnerungen im Keller. Fotoalben, alte Briefe, Dinge, die man gedanklich aus dem Alltag verbannt hat. Den Tod vor Augen, wollte ihr Vater in einem sentimentalen Augenblick vielleicht noch einmal auf sein Leben zurückblicken. »Möglicherweise befand sich etwas im Keller, dem Sie und Ihr Bruder keine Aufmerksamkeit geschenkt haben. Vielleicht etwas, das dort schon viele Jahre liegt?« Die innere Unruhe ist ihr anzumerken. Mit Daumen und Zeigefinger massiert sie ihr linkes Ohrläppchen. Ihr Gesicht wirkt farblos, die Augen schwer. Langsam dreht sie den Kopf hin und her. »Da liegen nur alte Aktenordner mit Lohnabrechnungen und Dokumenten aus seiner Zeit bei der Zeche. Er wollte nicht, dass wir sie wegwerfen. ›Fressen doch kein Brot da unten‹, sagte er. Ansonsten jede Menge Zinnkrüge, die hat er mal gesammelt. Zinnkrüge.« Sie lächelt gequält. »Hm?… fehlt irgendwas davon?«, frage ich ohne jeden Hintergedanken, einfach nur so. Und um das Gespräch in Gang zu halten. Oft ist es so, dass Klienten im Vorfeld abwägen, was wichtig sein könnte und was nicht. Im Gegensatz zu ihnen reicht es mir jedoch nicht, an der Oberfläche zu schwimmen, ich muss abtauchen, Hinweise finden, die im Verborgenen liegen und auf den ersten Blick völlig nebensächlich erscheinen. Wenn ein Gespräch im Fluss bleibt, findet diese Abwägung nicht mehr statt, und es kommt vor, dass ein solcher Hinweis unbewusst fällt. Aktenordner beispielsweise, die jahrzehntelang im Keller Staub ansammeln, sind völlig uninteressant. Fehlt aber mittendrin einer, muss das einen Grund haben. »Das weiß ich nicht.« »Sie haben nicht nachgesehen?« Andrea Buschmann schnaubt. Dann senkt sie den Blick und schüttelt verständnislos den Kopf. »Mein Gott, mein Vater lag dort unten. Ich?… ich kann da nicht vorbeigehen, wo er gelegen hat. An der Wand ist noch sein Blut?…« Sie bricht in Tränen aus. Ich gebe ihr Zeit. Nach einer halben Minute...




