E-Book, Deutsch, Band 1, 355 Seiten
Kohl Kommissar Trempe - Zugzwang
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-033-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman | Ein Fall für das LKA Düsseldorf 1
E-Book, Deutsch, Band 1, 355 Seiten
Reihe: Ein Fall für das LKA Düsseldorf
ISBN: 978-3-98952-033-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Erwin Kohl wurde 1961 in Alpen am Niederrhein geboren und wohnt noch heute mit seiner Frau in der herrlichen Tiefebene am Niederrhein. Neben der Produktion diverser Hörfunkbeiträge schreibt Kohl als freier Journalist für die NRZ / WAZ und die Rheinische Post. Grundlage seiner bislang 15 Kriminalromane und zahlreichen Kurzgeschichten sind zumeist reale Begebenheiten sowie die Soziologie der Niederrheiner und ihre vielschichtigen Charaktere. Die Website des Autors: www.erwinkohl.de/ Bei dotbooks veröffentlichte Erwin Kohl seine humorvolle Krimireihe um »Grimm & Sohn« mit den Bänden: »Grimm & Sohn - Das kopflose Skelett« »Grimm & Sohn - Der Tote im Heidesee« »Grimm & Sohn - Das Hornveilchen-Indiz« »Grimm & Sohn - Der tote Schornsteinfeger« Die ersten drei Fälle sind auch als Sammelband erschienen. Auch bei dotbooks erscheint seine »Kommissar Trempe«-Reihe: »Kommissar Trempe - Zugzwang« »Kommissar Trempe - Grabtanz« »Kommissar Trempe - Flatline« »Kommissar Trempe - Willenlos«
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Kapitel 1
Sie sahen sich stumm in die Augen. Seit zwei Stunden saßen sie bereits in der Küche. Tauschten Argumente aus, ohne die des anderen zu akzeptieren. Britt und David gingen betrübt hinaus, sie schienen verstanden zu haben, womit ihr Vater sich nicht abfinden konnte. Im Türrahmen drehten sie sich noch einmal um und winkten ihm traurig zu.
Das monotone Ticken der Küchenuhr schien ihm sagen zu wollen, dass seine Zeit abgelaufen war. Die eingeschaltete Spülmaschine untermalte die triste Stimmung. Er hielt ein Bild von ihrem letzten Urlaub in den Händen. Britt war so stolz, dieses Foto gemacht zu haben. Die Erinnerung wurde lebendig, lief wie ein Film vor seinen Augen ab. Sie spazierten durch Olivenhaine und endlos blühende Wiesen. Er spürte den sanften, warmen Wind dieses Sommerabends, hörte abertausende Grillen zirpen, die dem liebevollen Gesang der Vögel den passenden Hintergrund gaben. Die Musik der Toskana. Immer wieder hielten sie an und umarmten sich zärtlich. Mit schmalen Lippen und voller Melancholie legte er das Bild zurück.
Ihm war zum Weinen zumute, aber irgendwas hielt ihn davon ab. Seine Frau stand auf und räumte die Tassen fort. Er verstand und ging wortlos hinaus.
Hilflos blieb er im Türrahmen stehen, neben ihm zwei Koffer. Wochenlang hatten sie über ihre Entscheidung diskutiert, aus seiner Sicht ergebnislos. Er entschloss sich, noch einen letzten Versuch zu starten.
»Janine, bitte! Die Wohnung ist doch riesig. Ich nehme das Zimmer im Giebel. Du wirst mich gar nicht wahrnehmen.«
Sie sah ihn mitleidig an und schüttelte den Kopf.
»Joshua, du hast nichts verstanden. Tausendmal habe ich versucht, es dir zu erklären. Selbst wenn du das Zimmer im Giebel hättest, würde ich jede Nacht wach liegen. Ständig diese Angst haben – kommt er, kommt er nicht? Lebt er vielleicht gar nicht mehr. Ich halte das nicht mehr aus. Verstehst du das denn nicht? Ich liebe dich, gerade deshalb halte ich diese Angst nicht mehr aus. Manchmal wünschte ich mir …, ich könnte aufhören, dich zu lieben.«
Bei ihrem letzten Satz sah sie beschämt zu Boden. Nach einigen Sekunden der Stille blickte sie ihm in die Augen und sprach leise weiter.
»Es muss doch nicht für immer sein. Vielleicht klappt es ja mit deinem neuen Job?«
Joshua biss die Lippen zusammen. Er hatte verloren. Vorerst, aufgeben konnte er nicht.
»Du wirst sehen, ich bin schneller beim LKA, als du denkst. Kannst meine Bettwäsche drauflassen.«
»Dafür musst du dir aber noch ein anderes Outfit zulegen.«
Mit einer Mischung aus Lachen und Weinen sah sie ihn dabei an. Während er seine Koffer zum Auto trug, dachte er noch über ihren letzten Satz nach. Er trug praktisch zu jedem Anlass eine Jeanshose und Jeansjacke oder wie jetzt, seine alte hellbraune Lederjacke. Die besaß er schon, als sie sich vor fünfzehn Jahren kennen lernten. Mittlerweile sah sie arg mitgenommen aus. Abgewetzte Ärmel, überall Kratzer, aber immer noch sein Lieblingsstück. Janine hatte ihm schon mehrmals neue Lederjacken geschenkt. Die hingen auch jetzt noch in seinem Schrank, sie wurden gar nicht erst eingepackt. Nur unter größtem Protest trug er zur Hochzeit einen Anzug. Sie warf ihm immer vor, er weigere sich, älter zu werden. Seine zotteligen, schulterlangen dunkelblonden Haare fand sie tagsüber altmodisch und nachts verwegen. Als sie früher noch ihre Motorräder hatten, war sie so stolz auf ihren hübschen Lover gewesen. Nach der Geburt von David vor zwölf Jahren wurden die Mopeds gegen ein Kinderzimmer eingetauscht. Sein Outfit behielt er bei. Als zwei Jahre später Britt zur Welt gekommen war, kauften sie sich mit kräftigen Zuschüssen ihrer Eltern diese riesige Altbauwohnung. Die Belastungen waren erträglich und sein Polizistengehalt erlaubte ihnen auch den obligatorischen Jahresurlaub in den Ferien. Sie reisten jedes Jahr nach Italien, dieses Land war ihre gemeinsame Leidenschaft. Das sonnige Mittelmeerklima, die italienische Küche und freundliche Menschen, die scheinbar frei von Sorgen leben, faszinierten sie. Die Toskana wurde dabei immer mehr zu ihrem Favoriten. Wenngleich sie den Kindern zuliebe in der Nähe des Meeres wohnen mussten und Ausflüge ins Landesinnere nur mit der Aussicht auf Unmengen von Eis akzeptiert wurden, kam niemand zu kurz.
Joshua war Polizist aus Leidenschaft. Seine Karriere verlief außerordentlich steil. Vor vier Jahren wurde er zum jüngsten Hauptkommissar des Landes befördert. Nun sollte er versuchen, seinen so geliebten Job gegen einen Schreibtischposten beim Landeskriminalamt einzutauschen. Dass dabei eine entsprechende Beförderung inbegriffen war, reizte ihn auch nicht besonders. Schließlich kamen sie auch so klar.
Als Alternative drohte das Ende seiner Familie. Joshua liebte beides, Job und Familie. Aber es gelang ihm nicht, es unter einen Hut zu bringen. Wie oft kam es schon vor, dass er während einer laufenden Ermittlung wochenlang praktisch nur zum Wechseln der Kleidung nach Hause kam. Das war es nicht. Das machte ihm mehr zu schaffen als Janine. Es war die Angst. Die Angst um ihn, die seine Frau nachts nicht schlafen ließ. Die Vorstellung, er könnte einmal nicht wieder nach Hause kommen, machte sie wahnsinnig. Seit einem halben Jahr war sie in therapeutischer Behandlung. Seinetwegen, was ihm ein schlechtes Gewissen bereitete. In Gegenwart von David und Britt sprachen sie nie darüber, dennoch hatte er in letzter Zeit den Eindruck, die beiden veränderten sich. David wurde immer ruhiger, ging nur noch selten auf den Bolzplatz zu seinen Freunden. Britt konnte nicht mehr alleine sein, ständig suchte sie die Begleitung ihrer Eltern oder ihres Bruders.
Nun saß er im Wagen und war auf dem Weg zu seinen Eltern, um sein ehemaliges Zimmer wieder zu beziehen. Er hatte bis zuletzt nicht daran geglaubt, dass es soweit kommen würde und sich nicht um eine eigene Wohnung bemüht. Zum Glück hatte er ein freies Wochenende und konnte sich am morgigen Samstag darum kümmern. Ihm graute vor den Vorhaltungen seiner Eltern. Ihrer Meinung nach hatte eine Frau sich hinter ihren Mann zu stellen, bedingungslos. Außerdem wusste Janine ja von Anfang an, auf was sie sich einließ. Ihm war klar, dass er es nicht lange ohne seine Familie aushalten würde. Sein Entschluss stand fest. Er würde alles dafür tun, so schnell wie möglich an diesen Posten beim LKA zu kommen, egal wie. Joshua bemühte sich darum, die Sache so positiv wie möglich zu sehen. Geregelte Arbeitszeiten, mehr Wochenenden bei der Familie. Außerdem würde er Jack wieder häufiger zu Gesicht bekommen. Jack, der eigentlich Joachim Holsten heißt, war sein bester Freund. Seit der Grundschule waren sie unzertrennlich. Sie besuchten auch gemeinsam die Polizeihochschule. Jack war schon lange beim LKA, Abteilung Wirtschaftskriminalität. Ihm gefiel es dort sehr gut. Aber was ihren Beruf betraf, gingen ihre Ansichten auseinander. Joshua musste raus auf die Straße, mit Menschen in Kontakt kommen, vor Ort ermitteln. Er war jedes Mal schlecht gelaunt, wenn es über einen längeren Zeitraum nur Schreibtischarbeiten zu erledigen galt. Wie ein Tiger im Käfig lief er dann im Präsidium herum. Seine Reizschwelle lag in solchen Zeiten sehr niedrig. Obwohl es ihn oft tief in seiner Seele berührte, sehnte er sich insgeheim und ohne es sich selbst einzugestehen, nach dem nächsten Verbrechen. Es war der Kick, den er brauchte. Janine warf ihm oft vor, seinen Beruf mehr zu lieben als seine Familie. Das sah er anders und er spürte es in diesem Augenblick so heftig wie nie zuvor.
Mühsam arbeiteten die Scheibenwischer gegen den immer stärker werdenden Regen an. Die mächtigen dunkelgrauen Wolkenberge schienen alle Hoffnungen zu erdrücken. Wie geduckt lagen Wiesen und Sträucher unter ihnen. Ihr kräftiges Grün hielt sich unter einem nebeligen Grauschleier verborgen. Seine Zuversicht auch.
Die Scheiben wurden jetzt auch von innen feucht. Er hatte Janine den Volvo überlassen und fuhr den alten Golf. Den hatte er mal günstig von einem Kollegen bekommen, als ›Winterauto‹. Im Sommer wollte Joshua wieder Motorrad fahren. Am liebsten mit David auf dem Sozius und Janine und Britt auf einer zweiten Maschine neben ihm. Schmerzlich registrierte er die Ferne zu diesem Erlebnis. Vor nicht allzu langer Zeit noch optimistisch und glücklich, trugen seine Gedanken ihn nun über den Friedhof seiner Träume.
Als Joshua auf den elterlichen Hof fuhr, lief ihm seine Mutter schon mit einem Regenschirm in der Hand entgegen. Er hatte sie unterwegs von seinem Vorhaben unterrichtet. Sie hatten es ihm vor längerer Zeit schon einmal angeboten, als er nach einem Krankenhausaufenthalt absolute Ruhe brauchte. Joshua brauchte aber seine Familie dringender.
»Das musste ja so kommen«, begann seine Mutter auch gleich, »wir haben dir immer gesagt, die Janine macht das nicht mit, die steht das nicht durch. Hättest du damals mal gleich auf uns … «
»Mutter bitte!« fuhr Joshua dazwischen.
»Wenn ich jetzt dauernd diese Vorhaltungen zu hören bekomme, fahre ich in ein Hotel. Ansonsten lasse mich bitte zuerst meine Koffer ins Zimmer bringen.«
Seine Mutter gab bei und er wusste genau, dieses Thema war noch lange nicht vom Tisch. Eine Wohnung zu suchen, würde sich nicht lohnen, war er überzeugt. Gleich morgen früh würde er mit Elsing über seine Versetzung reden.
In seinem Zimmer dachte Joshua noch einmal über alles nach. Janine hatte seinetwegen wirklich viel mitgemacht. Vor drei Jahren der schwere Unfall während einer Verfolgung. Acht Wochen Krankenhaus und die gleiche Zeit in der Reha. Das war verdammt knapp. Zu Anfang meinten die Ärzte, er müsse sich daran gewöhnen, für immer auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein. Voriges Jahr war er von einem Zuhälter niedergeschossen...




