Kohl | Hitlers Prophet | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Kohl Hitlers Prophet

Historischer Kriminalroman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96041-285-4
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Historischer Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-96041-285-4
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Atmosphärisch dicht, authentisch, und facettenreich - ein glänzend recherchierter historischer Roman. Berlin 1933: Der berühmt-berüchtigte Hellseher Erik Jan Hanussen ist ein Sympathisant der SA und glühender Unterstützer Hitlers. Doch der Trickbetrüger hat zwei Geheimnisse: Er ist Jude, und er weiß, dass die SA den Reichstag in Flammen aufgehen ließ - Fakten, die niemals an die Öffentlichkeit gelangen dürfen. Eines Tages verschwindet Hanussen spurlos. Als der Journalist Stemmer Hanussens Leiche in einem abgelegenen Waldstück findet, gerät er selbst in das tödliche Netz der Nationalsozialisten.

Paul Kohl, geboren 1937 in Köln, studierte Germanistik und Theaterwissenschaft, war Buchhändler und Mitarbeiter bei Fernsehproduktionen. Heute ist er Hörfunk-und Buchautor und schreibt über geschichtliche und sozialkritische Themen, insbesondere über die NS-Zeit. 2014 erhielt er den Axel-Eggebrecht-Preis für sein Lebenswerk als Autor für Hörfunkfeatures.
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ADIEU, MEIN KLEINER GARDEOFFIZIER


Der Lechner ist weg. Plötzlich weg. Verschwunden. Seit über einer Woche meldet er sich nicht mehr aus Berlin. Verschollen in dieser Stadt. Hatte er einen Unfall? Liegt er hilflos irgendwo? Wurde er ohne seine Papiere in ein Krankenhaus eingeliefert? Vielleicht hat man ihn aus irgendeinem Grund festgenommen und in ein Gefängnis geworfen. Kein Lebenszeichen von Lechner. In der Redaktion Außenpolitik der Wiener »Arbeiter-Zeitung« breitet sich Unruhe aus, Angst um den Kollegen. Es ist normal, dass sich Lechner vier oder fünf Tage nicht meldet. Doch dass er seit über einer Woche schweigt, ist ungewöhnlich.

Auch bei seiner Frau Lotte ruft er nicht mehr an. Jeden Tag fragt sie in der Redaktion nach einer Nachricht. Voller Panik. Man weiß ja nie, in dieser Stadt, in diesen Zeiten. Redaktionsleiter Gruber vertröstet sie mit allen möglichen Argumenten. Vielleicht hat er zu viel zu tun, vielleicht reist er für eine Recherche übers Land und findet da kein Telefon. Man kann aber in jeder Kneipe, in jedem Restaurant in Deutschland telefonieren. Vielleicht ist er aus dem Volkshaus der SPD ausgezogen und sucht ein neues Zimmer. Normalerweise hätte er die Redaktion darüber informiert. Lechner war immer sehr zuverlässig. Oder er vermeidet einen Anruf aus Angst, die Berliner Politische Polizei oder die Wiener Nationalsozialisten könnten sein Gespräch abhören. Er hat aber früher immer angerufen. Alles, was Gruber Lotte Lechner gegenüber als möglichen Grund für sein Schweigen vorbringt, glaubt er selbst nicht. Auch nicht seine Redakteure. Und Lotte schon gar nicht.

Am Sonntag, dem 22. Januar 1933 sind alle versammelt, um die Montagsausgabe der »Arbeiter-Zeitung« vorzubereiten. Lechners Schweigen ist nicht mehr auszuhalten. Jetzt muss etwas geschehen. Gruber ruft das Volkshaus der SPD in Charlottenburg an, wo Lechner wohnt. Zu diesem hat die »AZ« als Organ der österreichischen Sozialdemokraten eine besonders enge Verbindung.

»Ich möcht Herrn Ludwig Lechner sprechen.«

»Herr Lechner ist nicht mehr hier«, sagt die Frau am Telefon.

»Ist er ausgezogen?«

»Nein.«

»Warum ist er nicht mehr bei Ihnen?«, will Gruber wissen.

»Weiß ich nicht.«

»Seit wann ist er weg?«

Pause. Die Frau scheint in ihrem Gästebuch nachzusehen. Dann: »Seit dem 12. Januar.«

»Haben Sie das der Polizei gemeldet?«

»Ja.«

»Und?«

»Nichts. Vielleicht kommt er wieder, sagten sie.«

»Hat er eine Nachricht hinterlassen?«

»Nein. Er ist am Morgen wie üblich aus dem Haus gegangen, mit seinem Auto weggefahren und nicht mehr zurückgekehrt. Zuerst haben wir sein Zimmer so bewahrt, wie er es verlassen hat. Wir dachten ja, er kommt zurück. Dann haben wir es ausgeräumt und seine Sachen in seinen Koffer gepackt. Der steht jetzt mit seiner Schreibmaschine im Keller. Das muss mal jemand abholen.«

»Wir schicken jemanden. So schnell wie möglich.«

Gruber legt auf und teilt den bestürzten Kollegen mit, was er gehört hat. Er ruft beim Chef der Auslandspresse der NSDAP an, bei Ernst Hanfstaengl, fragt nach Lechner und bekommt zu hören: »Ich weiß von nichts.« Er telefoniert mit den Krankenhäusern Charité, Urban, Westend und Virchow. Am Apparat gäben sie keine Auskunft, man müsse persönlich vorsprechen und sich ausweisen, heißt es. Die gleiche Antwort erhält er vom Leichenschauhaus und von der Gerichtsmedizinischen Abteilung der Charité.

Gruber wendet sich an Martin Stemmer. Ihn hält er für den geeigneten Mann, nach Lechner zu forschen. Stemmer ist trotz seiner dreißig Jahre nicht verheiratet, ist ungebunden und kann problemlos für längere Zeit nach Berlin. Außerdem ist er mit Lechner durch eine besondere Freundschaft eng verbunden. Da mit Lechner vorerst nicht zu rechnen ist, soll er als neuer Berlin-Korrespondent dessen Arbeit übernehmen, bis Lechner wieder auftaucht. Die wöchentlichen Berichte soll er wie bisher unter Pseudonym schicken. Gruber schlägt für ihn ein neues Pseudonym vor: »Servus«. Er ist jetzt der »Servus« der Redaktion und soll morgen mit dem Nachtzug nach Berlin.

Stemmer ist zumute, als habe man ihm mit einem Knüppel auf den Kopf geschlagen. Morgen nach Berlin! Als neuer Korrespondent. Und Lechner suchen. Damit hat er nicht gerechnet.

Das Zimmer, in dem Lechner gewohnt hat, ist noch frei. Gruber lässt es für Stemmer reservieren und schreibt ihm eine Akkreditierung, mit der er sich beim Auslandspresseamt registrieren soll. Dazu eine Vollmacht für seine Nachforschungen über Lechner. Er schlägt vor, für den Nachtzug einen Platz im Schlafwagen zu reservieren. Das mag Stemmer gar nicht. Er möchte nicht mit Fremden so eng zusammenliegen. Vielleicht stinken sie oder belästigen ihn mit stundenlangen Quasseleien. Also bestellt Gruber für ihn einen Fahrschein erster Klasse ab Nordwestbahnhof. Er kann das Billett vor seiner Abreise am Reservierungsschalter abholen. Schließlich bittet Gruber Lotte, ein paar Fotos ihres Mannes herauszusuchen, die Stemmer bei seiner Suche helfen sollen. Er werde sie morgen Nachmittag bei ihr abholen.

Schon seit einiger Zeit waren der Redaktion große Lücken in Lechners Beitragslieferungen aufgefallen. Um den Zugriff der Berliner Politischen Polizei und auch der österreichischen Nationalsozialisten zu verhindern, versteckte er die Berichte, die er bei seinen Anrufen angekündigt hatte, in den abonnierten Berliner Zeitungen, manchmal auch im »Völkischen Beobachter« oder im »Angriff«. Eingetroffen waren jedoch nur harmlose Artikel.

Im Archiv blättert Stemmer Lechners Beiträge der letzten drei Monate durch. Vielleicht findet er darin einen Hinweis auf einen Grund für sein Verschwinden. Er liest über die Reichstagswahl im November 1932, bei der die Nazis gewaltig verloren, die internationale Segelbootausstellung in den Messehallen, ein Avus-Rennen und den Abriss der alten Häuser am Werderschen Markt, wo das neue Gebäude der Reichsbank errichtet wird. Er liest über ein »Biograph-Theater« im Berliner Scheunenviertel und über die Uraufführung der Operette »Glückliche Reise« von Künneke im Theater am Kurfürstendamm. Eine glückliche Reise wünscht er auch sich selbst. Als Nächstes findet Stemmer Lechners Artikel über die Vorstellungen des Hellsehers Hanussen im »Wintergarten« und in der »Scala« und sein Interview mit ihm. Auch Stemmer will Hanussen in Berlin endlich auf der Bühne erleben. Er ist ein Bewunderer dieses genialen und berühmten Hellsehers. In Wien konnte er ihn noch nicht bestaunen. Seit Jahren ist Hanussen nicht mehr hier gewesen. Überall trieb er sich herum, nur nicht in Wien und auch nicht sonst in Österreich. Man munkelt, er sei 1923 für zehn Jahre aus Österreich verbannt worden. Warum, das kann ihm keiner sagen.

Sosehr Stemmer in Lechners Beiträgen sucht, nirgends kann er etwas Brisantes, Gefährliches entdecken. Nirgends ein Sprengstoff, der Lechners Verschwinden erklären könnte. Wo sind seine angekündigten Berichte über die immer mächtiger werdenden Nazis und ihre brutalen SA-Schlägertrupps? Gruber hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, dass das Gespräch abgehört werden könnte. Lechner scherte sich einen Dreck darum. Weiterhin fehlt sein Artikel über den anderen Adolf, den Ganovenboss »Muskel-Adolf« und dessen kriminelle Bande. Stemmer vermisst auch das Interview mit dem Redakteur der »Roten Fahne« der Berliner KPD und seine Reportagen über die katastrophalen Zustände in Berlin. Wo ist das alles geblieben? Wer hat die Artikel in den Bündeln der abonnierten Zeitungen aufgespürt und beschlagnahmt? Sehr merkwürdig.

In seiner Wohnung in der Doderergasse bereitet Stemmer noch am Abend alles vor, was er für seine Zeit in Berlin braucht. Zuerst seine Reiseschreibmaschine, die alte Tornado, sein Schreibzeug, Akkreditierung und Vollmacht, auch warme Wäsche, die dunkle Wollmütze, den dicken Schal und zwei Paar feste Schuhe. In Berlin wird viel Schnee liegen, und es wird sehr kalt sein. Hier in Wien ist es schon seit Langem eisig und die Stadt zugeschneit.

Am nächsten Tag absolviert er seine Abschiedstour. Seit einer Ewigkeit steht bei seiner Mutter alles unverändert herum. Seit vielen Jahren steht auch in ihrem Leben alles still. Ist erstarrt und leblos. Draußen dreht sich die Welt immer schneller, aber davon will sie nichts wissen und hält sich am Krimskrams in ihrer Wohnung fest. So ist alles noch genauso wie das letzte Mal, als er bei ihr war. Und das ist schon eine Weile her. Warum er immer seltener zu ihr kommt, wissen beide.

Im Wohnzimmer welkt noch immer der hochgewachsene Gummibaum in seiner Ecke dahin. An der Wand hängen immer noch das grell kolorierte Herz-Jesu-Bild und der Stephansdom. Auf der Kommode steht seit achtzehn Jahren das eingerahmte Foto seines toten Vaters in K.-u.-k.-Uniform, daneben eines von Stemmer als gesitteter, artiger Junge, das dunkle Haar glatt gekämmt und lachend, so wie ihn seine Mutter gern sieht. Eigentlich hat er strubbeliges, wuscheliges Haar, doch für die Aufnahme musste er seine Frisur mit Pomade einschmieren und ordentlich scheiteln. Ihn hat schon immer gestört, dass seine Mutter sein Foto neben dem Toten aufgestellt hat. Er ist doch noch nicht tot. Er lebt noch. Neben dem Bild seines Vaters leuchtet ein frischer Strauß brauner Astern.

»Neue Blumen?«, bemerkt Stemmer nebenbei.

»Hast du das vergessen?«, fragt seine Mutter vorwurfsvoll.

»Was?«

»Heute vor achtzehn Jahren ist dein Vater gefallen.« Ihr Mund verzieht sich bitter.

Das war 1915 im Krieg gegen Serbien. Stemmer war zwölf. Seine Mutter nimmt es ihm übel, dass er dieses Datum nicht mehr weiß. Sich...


Paul Kohl, geboren 1937 in Köln, studierte Germanistik und Theaterwissenschaft, war Buchhändler und Mitarbeiter bei Fernsehproduktionen. Heute ist er Hörfunk-und Buchautor und schreibt über geschichtliche und sozialkritische Themen, insbesondere
über die NS-Zeit. 2014 erhielt er den Axel-Eggebrecht-Preis für sein Lebenswerk als Autor für Hörfunkfeatures.



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