E-Book, Deutsch, Band 2, 278 Seiten
Reihe: Mord am Niederrhein
Kohl Grimm & Sohn - Der Tote im Heidesee - oder: Schwarzes Wasser
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-157-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman | Mord am Niederrhein 2 - Ein ungewöhnliches Ermittlerduo!
E-Book, Deutsch, Band 2, 278 Seiten
Reihe: Mord am Niederrhein
ISBN: 978-3-98952-157-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Erwin Kohl wurde 1961 in Alpen am Niederrhein geboren und wohnt noch heute mit seiner Frau in der herrlichen Tiefebene am Niederrhein. Neben der Produktion diverser Hörfunkbeiträge schreibt Kohl als freier Journalist für die NRZ / WAZ und die Rheinische Post. Grundlage seiner bislang 15 Kriminalromane und zahlreichen Kurzgeschichten sind zumeist reale Begebenheiten sowie die Soziologie der Niederrheiner und ihre vielschichtigen Charaktere. Die Website des Autors: www.erwinkohl.de/ Bei dotbooks veröffentlichte Erwin Kohl seine humorvolle Krimireihe um »Grimm & Sohn« mit den Bänden: »Grimm & Sohn - Das kopflose Skelett« »Grimm & Sohn - Der Tote im Heidesee« »Grimm & Sohn - Das Hornveilchen-Indiz« »Grimm & Sohn - Der tote Schornsteinfeger« Die ersten drei Fälle sind auch als Sammelband erschienen. Auch bei dotbooks erscheint seine »Kommissar Trempe«-Reihe: »Kommissar Trempe - Zugzwang« »Kommissar Trempe - Grabtanz« »Kommissar Trempe - Flatline« »Kommissar Trempe - Willenlos«
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Kapitel 1
Vier Wochen später
Die Nacht wich einer klaren, frischen Morgendämmerung. Nur ihre beruhigende Stille hielt sich noch eine Weile wie eine schützende Hand über dem Ort.
Allmählich machten sich die ersten Frühaufsteher auf den Weg zur Arbeit. In der Nähe der Bocholter Straße übertönten sie den Gesang der Vögel. Wenige Minuten später hatte Heinrich Grimm wieder den Eindruck, allein auf der Welt zu sein. Er lief über die Kanonenberge in Richtung des Schwarzen Wassers, einem Weiher am Rande des Naturparks Hohe Mark. Er genoss das Gefühl, sog die klare süßliche Luft des ausklingenden Frühlings tief ein. Unvermittelt musste er schmunzeln. Er dachte daran, wie unterschiedlich er dieses Gefühl der Einsamkeit in der letzten Zeit beurteilt hatte.
Kaum mehr als ein halbes Jahr war inzwischen vergangen, seit Engels, Leiter des Kommissariats an der Reeser Landstraße, ihm die Urkunde überreicht hatte. Ein Stück Papier, ein lapidarer Text, eine eilig hingekritzelte Unterschrift. Das war alles gewesen, was von seiner Dienstzeit übrig geblieben war. Er war ausgemustert worden, noch dazu mitten in einem Mordfall. Frühpensioniert, weil er laut dem Bericht der Polizeipsychologin nicht mehr dazu in der Lage war, eine Waffe zu halten. Dabei hatte er seine Dienstwaffe in über dreißig Jahren Polizeidienst nur einmal benutzt. Einmal hatte sich der Zeigefinger seiner rechten Hand im Einsatz um den Abzugshahn gelegt. Einmal zu viel. Als er das Dienstgebäude verlassen hatte, um über die Jülicher Straße nach Hause zu gehen, war er sich unendlich einsam vorgekommen.
Den Winter über hatte er zum ersten Mal in seinem Leben unter Depressionen gelitten. Es wollte ihm nicht gelingen, sich im Alter von dreiundfünfzig Jahren als Pensionär zu fühlen. Erst als seine Therapeutin, die er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, der Weseler Staatsanwältin Annette Gerland, aufsuchte, ihn von seiner falschen Sichtweise überzeugen konnte, trat ganz langsam Besserung ein. Seine Seele hatte bis dahin in einem stockfinsteren Raum gelegen. In kleinen Dosen flößten ihm die Therapiegespräche Optimismus und Lebensfreude ein, öffneten nach und nach den dunklen Vorhang. Anfangs drangen nur einzelne Sonnenstrahlen hinein. Zu Beginn des Frühlings kam er sich wie eine Eiche vor, die ihr altes Laub abgeworfen hatte und dem frischen Grün entgegenfieberte. Mitten in dieser euphorischen Phase wandte Frau Dr. Wesseling ein, dass bisher lediglich seine Symptome gelindert wären, er die Ursache, den Auslöser aber nach wie vor verdrängen würde. In der kommenden Woche wollte sie mit ihm in die ehemalige Kaserne des Fort Blücher im Schatten der Rheinbrücke. An den Ort, an dem sein Leben sich so folgenschwer gewendet hatte. Obwohl er etwas anderes ahnte, redete er sich ein, bereit für diese Hürde zu sein.
Die Besucherparkplätze kurz hinter der Einmündung des Weges zum Schwarzen Wasser waren erwartungsgemäß leer. An den meisten Wochenenden reichte das knappe Dutzend Stellplätze nicht aus. Und das, obwohl sie sehr versteckt lagen und überhaupt nicht nach öffentlichem Parkplatz aussahen. Aber der fast sechs Kilometer lange Rundweg um den herrlichen Heideweiher über Holzbrücken, vorbei an riesigen Ameisenhaufen und herrlich gelegenen Aussichtspunkten, war bei Spaziergängern und Joggern sehr beliebt. Heinrich konnte den Lauf um das dunkle Gewässer nur einsam richtig genießen. Oder mit Annette. Ihre morgendlichen Joggingrunden führten sie hin und wieder hierher. Sie hatte sich heute frei genommen, war bereits unterwegs in die Eifel nach Schalkenmehren. Ihr Vater fühlte sich nicht gut. Annette meinte, er könne einfach nicht mehr alleine sein.
Bei der Weggabelung an der hölzernen Hinweistafel bog er links ab. Die meisten Läufer und Spaziergänger liefen von hier aus gesehen rechts um den See. Heinrich hatte die Erfahrung gemacht, dass es besser war, den anderen entgegenzulaufen. Auf diese Weise musste er niemanden erschrecken oder die Sorge haben, ein Spaziergänger würde unvermittelt einen Schritt zur Seite setzen und ihn behindern. Er hielt sich an diese Gewohnheit, obwohl er um diese Uhrzeit keinen Spaziergänger erwartete.
Mittlerweile hatte er die gegenüberliegende Seite des Sees erreicht, war dem geschwungenen Weg zwischen Moor- und Heidelandschaft auf der einen und dem ausladenden Uferbereich auf der anderen Seite gefolgt. Über einen mit dicken Holzbohlen belegten Steg, der die Form eines »S« hatte, gelangte Heinrich auf die Schlussgerade. Seine Laufschuhe gaben ein dumpfes Stakkato von sich. Kurz darauf sah Heinrich die Anhöhe rechts neben sich hinauf. Der Hügel war nur wenige Meter hoch, aber von dort hatte man einen wundervollen Ausblick über den dunklen See und die Tier- und Pflanzenwelt im Uferbereich. Als Heinrich sich in Höhe des Aufstiegs befand, eine Treppe aus eingegrabenen Baumstämmen, blieb er unvermittelt stehen. Die aufgehende Sonne tanzte in unzähligen Lichtreflexen durch das Laub der Birken und ließ die Gestalt auf einer der Bänke wie einen blassen Schatten erscheinen. Bei ihrer ersten Begegnung hatte er sich erschrocken, mittlerweile rechnete er fast damit, ihn hier und um diese Zeit anzutreffen. Vorsichtig stieg Heinrich den Hügel empor. Nach jedem Schritt hielt er einen Augenblick inne, beobachtete den Mann. Jeder Muskel war angespannt, konzentriert bemühte Heinrich sich darum, kein Geräusch zu verursachen. Auf der Kuppe angekommen, schlich er sich, immer noch gebückt, langsam von hinten an die Bank heran. Er freute sich diebisch. Er achtete darauf, seine Füße nur auf weiches Gras zu setzen, kein leises Knacken oder Rascheln sollte ihn verraten. Die Zielperson saß bewegungslos da und beobachtete den Uferbereich. Einen halben Schritt hinter der Bank streckte Heinrich im Zeitlupentempo den linken Arm aus, um den Mann leicht an der Schulter zu berühren. Wenige Zentimeter trennten ihn noch vom morgendlichen Erfolg.
»Morgen, Heinrich, setz dich.«
Enttäuscht zog der Angesprochene seinen Arm zurück und folgte der Anweisung. Dabei fasste er seinem Gesprächspartner in den Nacken.
»Morgen, Joschi. Wo ist es?«
»Was?«
»Das hintere Auge.«
Der Angesprochene drehte sich zur Seite, grinste breit.
»Brauche ich nicht, wenn ein Bulle angetrampelt kommt.«
Grimm schüttelte ungläubig den Kopf. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Joschi ihn gehört hatte.
»Meine vorderen Augen reichen.«
Kumpelhaft legte er Heinrich den Arm um die Schulter und beschrieb mit dem anderen Arm eine weitläufige Bewegung in Richtung des gegenüberliegenden Ufers.
»Damit habe ich dich auf der anderen Seite kommen sehen. Zwanzig Minuten später bist du meistens hier.«
Er sah auf die Uhr.
»Heute dreiundzwanzig, wo warst du so lange?«
Heinrichs Augen hafteten an der sündhaft teuer aussehenden Armbanduhr, die so wenig zu Joschi passen wollte wie die knallrote Baseballkappe auf seinem Kopf. Die hatte er am Berliner Tor in der Innenstadt entdeckt und für gut befunden. Ein zusammengerollter olivgrüner Schlafsack und eine zerschlissene karierte Decke neben ihm im Gras deuteten daraufhin, dass er die Nacht hier am See verbracht hatte.
Vor einem Monat waren sie sich das erste Mal begegnet, drüben an den Teichen, an denen Heinrich gelegentlich angelte. Seit der Pensionierung suchte er zunehmend die Abgeschiedenheit. In die Stadt oder zum Auesee ging er immer seltener. In den ersten Wochen konnte er der Frage nach dem Urlaub noch mit einem dumpfen Grummeln oder angedeuteten Nicken begegnen. Irgendwann wurde, so glaubte er jedenfalls, seine Version der Geschichte von der unerwartet frühen Pensionierung erwartet. Ehemalige Kollegen aus dem Schutzbereich waren förmlich aus ihren Streifenwagen gesprungen, nur um ihm schulterklopfend zu beteuern, wie sehr ihn alle vermissten und vor allem wie beneidenswert gut er es nun habe. Dann, nach Weihnachten, hupten sie im Vorbeifahren oder ließen die Seitenscheibe herunter, um ihm etwas zuzurufen. Mittlerweile beschränkten sie sich darauf, lässig zu grüßen oder freundlich zu nicken. Seine Mutter legte unauffällig Prospekte von Busunternehmern mit Sonderangeboten für Senioren auf den Tisch. Die Gewerkschaft der Polizei lud ihn gelegentlich zu gemütlichen Nachmittagen der »Ehemaligen« ein und Annette hatte einmal den Vorschlag gemacht, er solle sich eine ehrenamtliche Tätigkeit suchen, um die Tage sinnvoll zu füllen. In wenigen Wochen stand sein vierundfünfzigster Geburtstag an und es kam ihm vor, als würde der Zug der Gesellschaft in voller Fahrt an ihm vorbeirauschen und er, jenseits der Schranke, hinterherwinken.
Joschi bemerkte den Blick seines morgendlichen Besuchers. Er nahm die Uhr ab und reichte sie Heinrich.
»Bitte schön, ein Geschenk des Hauses. Fast neu und hundertprozentig wasserdicht.«
»Was?«
Heinrich zuckte unwillkürlich zurück und betrachtete Joschi erstaunt. Er trug gewelltes dunkelblondes Haar mit starker Graueinfärbung. Der Dreitagebart bedeckte fast das ganze Gesicht. Die zurückliegenden graublauen Augen blinzelten ihn an, als schienen sie ein Geheimnis bewahren zu wollen.
»Ich habe beschlossen, ganz ohne Wohlstandsballast auszukommen. Ich hab’ sie von meinem letzten Geld gekauft und nun möchte ich sie dir schenken. Ich möchte nur noch ich selber sein, verstehst du das?«
»Ehrlich gesagt, nein.«
»Macht nichts. Trage die Uhr in Ehren, vielleicht wird sie mal wichtig für dich.«
Er zwinkerte mit dem linken Auge.
»Sieh mal dort.«
An einem Grashalm am Holzzaun zwei Meter vor ihnen hatte sich eine kinderhandgroße Libelle niedergelassen. Die beiden Flügelpaare glänzten bläulich in der Sonne. Auf ihrem Körper befanden sich Punkte in verschiedenen...




