E-Book, Deutsch, 244 Seiten
Reihe: Rother E-Books
Tobs Thanners zweiter Fall
E-Book, Deutsch, 244 Seiten
Reihe: Rother E-Books
ISBN: 978-3-7633-0101-0
Verlag: Rother Bergverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Kletterpartner ist bei einer schwierigen Tour auf mysteriöse Weise in den Tod gestürzt. Seine Angehörigen glauben, dass es sich nicht um einen Unfall handelt und bitten Tobs, der Sache nachzugehen. Während Tobs bei seinen Ermittlungen auf ein tragisches Geflecht von Liebe, Verrat und Eifersucht stößt, ereignet sich noch mehr Schreckliches, das ihn ganz persönlich betrifft: Der Hüttenwirt Jakob Brunner macht sich auf, um Rache zu nehmen an den Vergewaltigern seiner Tochter.
Ein Horrortrip für Jäger und Gejagte. Und Thanner wird einmal mehr mit den Abgründen der menschlichen Seele konfrontiert.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Ein guter Tag Der Mann zitterte am ganzen Körper. Nackt lag er auf dem kalten Betonboden des fensterlosen Raumes, die Hände waren ihm nach hinten gebogen und mit den Füßen zusammengebunden worden, die Schultern, die Handgelenke, die Knie und die Hüfte, alles schmerzte fürchterlich und er zitterte vor Kälte und vor Angst. Er hatte keine Ahnung, wo er sich befand und wie er hierhergekommen war. Das Letzte, woran er sich erinnern konnte und was hinter den Mauern dieses furchtbaren Gefängnisses lag, war, dass er seine Freundin besucht hatte und dass er eigentlich bei ihr hatte übernachten wollen, dass sie dann aber – wieder einmal – gestritten hatten. Ich bin zum Auto gegangen, dachte er. Wollte zurückfahren. Wütend war ich und ein bisschen deprimiert auch. Und dann … Er war so wütend und so deprimiert gewesen, dass er nicht den kleinsten Hauch jener Gefahr verspürt hatte, die in seinem Rücken lauerte. Jetzt, zitternd, verbogen, voll Todesangst auf dem Beton liegend, glaubte er sich zu erinnern, dass er die Wagentür aufgeschlossen hatte – mit dem Schlüssel im Schloss (weil die Batterie der Fernbedienung lange schon leer war), dass er sodann die Tür geöffnet hatte und im Begriff war, einzusteigen. Dann aber … nichts mehr … Finsternis … kein Schmerz, keine Erinnerung. So muss der Tod sein, wenn er es gut meint mit einem, dachte er und zitterte noch mehr als ohnehin schon. Er konnte nicht sehen, dass er unbekleidet war. Die Finsternis war total. Nur spüren konnte er, dass er nackt und schutzlos war. Der Raum roch modrig und wie ewig nicht mehr gelüftet. Er spürte sein Herz klopfen. Schnell. Panisch. Und er hörte es sogar. Bumm … bummbummm … bummbumm … schlug es, und einen Moment lang glaubte er, dass man es weit hören musste, dass der Raum, in dem er sich befand, die Herzschläge wie ein großer Resonanzkörper weitertrug. Doch dieser Irrglaube hielt sich kaum länger als ein paar Sekunden. Niemand hörte ihn. Niemand war da. Niemand würde ihn finden. Grausam gefesselt, würde er hier krepieren: verhungern, verdursten, verrecken. Er spürte, wie ihm sein Urin warm über den Oberschenkel rann. Selbst hier, in dieser kalten Hölle, allein und verdammt, war ihm das peinlich. Doch die Panik drängte alles andere zurück. Die Panik, hier verenden zu müssen. Er schrie. Schrie, so laut er nur konnte. Schrie, bis er keine Luft mehr bekam, und hörte dann schwer hechelnd dem unwirklich erscheinenden Klang seiner Stimme nach: Die Schreie hallten von den Wänden wider, dumpf, bleiern, ausweglos. Er versuchte den Atem zu beruhigen, das Pochen seines Herzens nicht mehr zu hören und dafür in das schwarze Nichts zu lauschen, das ihn umgab. Wo war er? Drang von hinter den Mauern irgendetwas an ihn heran, das ihn wenigstens hätte vermuten lassen, wo er sich befand – in einer Stadt mit Verkehrslärm oder in einem Wald oder an einem Fluss, ob über der Erde oder unter ihr, ob noch halb im Leben oder schon ganz in einem Grab? Er hielt das nicht aus, schrie wieder. Und als er nicht mehr schreien konnte, begann er zu schluchzen, so heftig, dass sein ganzer Körper davon geschüttelt wurde. Kopfschmerzen hatte er und er spürte eine leichte Übelkeit aufsteigen. Doch beides, der Schmerz im Kopf und die Übelkeit, wäre erträglich gewesen. Das Schlimmste an allem war, nicht zu wissen, nicht verstehen zu können, wie er in diese Situation geraten war. Was wollte man von ihm? Ich bin doch niemand, dachte er verzweifelt. Ich bin nichts und habe nichts. Niemand könnte mich erpressen wollen. Aber was dann? Was will man von mir? Er hatte kein Zeitgefühl. Doch er spürte, dass die Phasen größter Panik mit Phasen der Beruhigung und der Klarsicht abwechselten, dass die höllische Angst wie in Wellenbewegungen daherkam – und genauso wieder verebbte. Allerdings nicht für lange … In den Minuten der Beruhigung – oder waren es nur Sekunden? – konnte er immerhin so viel Klarheit gewinnen, dass er seine Lage ein wenig besser einzuschätzen wusste. Ich bin entführt worden. Betäubt und entführt. Als ich aus Tesis Wohnung kam … nein, als ich zum Auto ging … vielleicht in dem Augenblick, als ich einsteigen wollte. Ja, ich glaube, so war es: Als ich einsteigen wollte, genau in dem Moment, müssen die mich überfallen haben. Er roch seinen Urin. Und er spürte die Nässe jetzt kalt auf seiner Haut. Wenn die mich töten wollen, dachte er weiter, dann hätten sie es gleich getan. Am Auto. Oder hier. Dann hätten die mich doch nicht nur gefesselt und hierher gelegt, oder? Nein, das hätten die gleich gemacht. Jede Verzögerung wäre für die doch gefährlich. Aber warum? Warum sollten die mich überhaupt töten wollen? Ihm kam der Gedanke, dass dieses Verließ, seine Nacktheit, die völlige Finsternis Teil des Mordes sein könnten, der an ihm begangen wurde. Da schrie er wieder. Mit all der Kraft, die seinem nach hinten gebundenen Körper zu entlocken war. Er schrie, schrie, schrie, bis seine Stimme leiser und leiser wurde und schließlich nichts mehr da war als ein klägliches, weinendes Wimmern. Er versuchte, seine Lage zu verändern, aber es gelang ihm kaum. Die schmerzende Hüfte konnte er ein wenig entlasten, aber es dauerte nicht lange, bis der Druck genauso stark, wenn nicht noch vehementer, zurückkam. Wer? Wer macht das? Was wollen die von mir? Ich hab kein Geld. Meine Alten haben auch kein Geld. Da ist nichts zu holen. Die wollen was anderes von mir. Die wollen was – aber ich weiß nicht was. Plötzlich hörte er ein Geräusch: laut, metallen, brachial. Und dann fiel Licht in sein Gefängnis. Es war so grell, dass er die Augen schließen musste. Und es kam durch eine Öffnung – war es eine Tür? War es ein Fenster? War es sonst irgendwas? –, die sich hinter seinem nackten Rücken befinden musste. Das Licht war gleißend. Sobald er die Augen wieder ein klein wenig öffnen konnte, sah er es beinahe weiß auf kahlen Betonwänden. Ein scharfkantiges Lichttrapez fiel auf die gegenüberliegende Wand, drei oder vier Meter von ihm entfernt. Luft, nicht kühl und dennoch erfrischend, erfüllte den Raum. Betonwände, hart, kalt und wahrscheinlich meterdick – das sah er jetzt, erkannte es als sein Gefängnis, als seine Gruft, aus der er vielleicht niemals wieder herauskommen würde, nicht lebend zumindest. Er versuchte den Kopf zu drehen, über die Schulter zu schauen, dorthin, wo das Licht einfiel. Irgendjemand musste dort sein. War es eine Einladung, sich zu befreien? Oder würde jetzt jemand zu ihm ins Verließ kommen, gebückt wahrscheinlich, denn auch das konnte er erkennen: dass der Raum nicht hoch war, kein Zimmer wie bei ihm zu Hause oder in Tesis kleiner Wohnung. Ob Tesi wusste, dass er entführt worden war? Er dachte an seine Freundin und die Tränen liefen ihm über die Wangen. Nimm dich zusammen, dachte er. Tesi ist jetzt nicht wichtig. Wichtig ist, dass die Tür offen ist, dass ich Luft bekomme, dass dort draußen die Freiheit ist. Einen Moment lang stiegen Zweifel in ihm auf – was ist, wenn dort nicht die Freiheit ist, sondern nur ein Stück Brachland, umgeben von Stacheldraht? Doch es gelang ihm, die Zweifel zu verdrängen und stattdessen jenen allerletzten Rest an Optimismus wachzurufen, der in seiner Situation noch verfügbar war. Er horchte. Horchte hinein in die Stille. Sein Herz hörte er schlagen. Ein Vogel zwitscherte. Ganz fern das Geräusch eines Automotors. Aber niemand kam. Keine Schritte auf dem kalten Boden. Kein Schatten, der in den Lichtschein fiel. Nicht der geringste Laut. Er spannte seine Muskeln an und versuchte mit den Handgelenken Druck auf seine Fesseln auszuüben. Die Tür stand offen, er konnte sie nicht sehen, aber er sah das Licht und er atmete die Luft, die den strengen Geruch seines Urins beinahe überdeckte. Das Licht war Hoffnung. Dort draußen konnte die Rettung sein. Er wusste, dass er jede Chance ergreifen musste, um hier rauszukommen. Aber es gab keine. Er hörte Metall auf dem Steinboden. Es klang wie ein blecherner Hundefressnapf. Und Sekunden später hörte er, dass noch etwas hinter ihm abgestellt wurde. Plastik, dachte er. Ein Plastiknapf. Dann wurde das Licht von der Wand gewischt, eine Tür (oder irgend so etwas) fiel schwer ins Schloss, er lag wieder in völliger Dunkelheit und er hörte, wie ein starker Riegel vorgeschoben wurde. Die Freiheit war draußen. Herinnen roch es nach Essen. Gulasch? Hackfleisch? Spaghetti Bolognese? Er würde dorthin robben müssen, mit Händen und Füßen, die ihm hinter dem Rücken zusammengebunden waren. Seiner Nase folgend, würde er den Napf suchen müssen – in völliger Dunkelheit. Und dort würde er einen Fraß fressen müssen, gedemütigt wie ein geprügelter Hund. Nur, dass er nicht den geringsten Hunger hatte. Warum?, fragte er sich. Warum bin ich hier? Er fand keine Antwort. Nur Angst und Verzweiflung. Sein Magen rebellierte, verkrampfte sich, sein Darm wollte sich entleeren. Er hörte...