E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Koenig Die Verlegerin von Paris
2. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8412-3055-3
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Historischer Roman
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-8412-3055-3
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Paris - ein Fest fürs Leben.
1921: Als Lizzie ihrer lieblosen Ehe entflieht, droht ihr nicht nur die gesellschaftliche Ächtung, auch ihre Mutter bricht mit ihr. In Paris baut sie sich ein neues Leben auf und findet in der Literaturszene neue Freundinnen, die lieben, wen sie wollen, und Lizzie mit ihrer Offenheit und Eloquenz faszinieren. Während sie als Aushilfe bei 'Shakespeare and Company' für James Joyce sein Manuskript abtippt, spürt Lizzie, dass in ihr ein Traum heranwächst: Sie will selbst Bücher verlegen - und im Zauber von Paris herausfinden, wen sie lieben kann ...
Tabea Koenig, geboren 1992, studierte Soziale Arbeit und Kulturvermittlung. 2014 fand sie auf einer Reise durch Schottland die Inspiration zum Schreiben. Sie war schon immer von der Geschichte und von starken weiblichen Persönlichkeiten fasziniert. Besonders haben es ihr das viktorianische Großbritannien sowie Paris von der 'Belle Époque' bis zu den 'Années folles' angetan. Sie liebt Tagträume, Bücher und lange Spaziergänge und lebt mit ihrem Mann in Basel. Im Aufbau Taschenbuch ist ihr Roman 'Die Maskenbildnerin von Paris' lieferbar. Mehr zur Autorin unter www.autorin-tabea-koenig.ch
Autoren/Hrsg.
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1. Kapitel
New York, Februar 1921
Lizzie Wellington fragte sich, ob das Gefühl, etwas Unrechtes zu tun, endlich nachlassen würde, sobald das Schiff mit ihr abgelegt hätte – oder ob die Schuldgefühle ihr dann erst recht zu schaffen machen würden, weil es kein Zurück mehr gab.
Noch war es möglich umzukehren, ihr ganzes Vorhaben abzublasen und Sämtliches beim Alten zu belassen. Niemand würde erfahren, was sie beinahe getan hätte. Alles würde seinen gewohnten Lauf nehmen. War ihr Leiden denn tatsächlich genug? Oder war es nicht furchtbar egoistisch, für sich selbst einzustehen?
Diese Grübelei trieb sie noch in den Wahnsinn. Sie konnte kaum stillstehen. Stechende Kopfschmerzen strahlten von ihrer Stirn bis in den Hinterkopf aus und drückten auf ihre Augen. Ständig schreckte sie auf, wenn sie jemanden sah, der ihrem Mann ähnelte.
Damit sich ihre unsicheren Hände wenigstens an etwas klammern konnten, zündete sie sich eine Chesterfield an. Einatmen, ausatmen. Das angenehme Kratzen im Hals spüren, in der Gegenwart ankommen, aufhören zu denken. Langsam kehrte Ruhe in ihr ein. Ihr Fokus richtete sich jetzt auf die Umgebung.
Es war ein winterlicher Morgen, an dem jeder Atemzug in der Lunge brannte. Blaugrauer Dunst erstreckte sich über den Hafen, einer Eiswolke gleich, die einen mit bissigen Zähnen erfasste. Lizzie kam dieser kühlende Schmerz gerade recht. Die Kälte belebte ihren Geist. Und einen wachsamen Verstand brauchte sie jetzt mehr als alles andere. Die Zigarette war schnell aufgeraucht. Sie warf den Stummel ins Meer und verfolgte mit den Augen seinen unbekümmerten Fall. Ein Anflug von Übelkeit erfasste sie, als die Reling der RMS Olympic ihr gegen den flauen Magen drückte. Passagiere drängten sich dicht an sie, die meisten plauderten aufgeregt, staunten über das prächtige Schiff oder suchten ihren Abschnitt.
Und Lizzie? Vom Deck aus überblickte sie ein letztes Mal die New Yorker Skyline. Ihr wohnte an diesem Morgen nicht der glorreiche Zauber der unbegrenzten Möglichkeiten inne, wie man es sich gern erzählte. Wie Grabsteine ragten die Gebäude in den Nebel, der ihre Enden verschluckte. Eine bedrohliche Präsenz ging von ihnen aus. Ein Sinnbild dafür, wie sich Lizzie seit drei Jahren fühlte: abgewiesen und geringgeschätzt. Nie hatte sie sich hier willkommen oder heimisch gefühlt.
Eine Geruchswolke aus Fisch, Meerwasser, Eisen und Abgasen wallte zu ihr empor, während sie auf das Geschehen im Hafen hinabblickte und der Kakophonie der rufenden Händler und Dockarbeiter lauschte. Um diese Uhrzeit herrschte Hochbetrieb. Kisten wurden geschleppt, Waren verfrachtet, Taue aufgerollt. Güter und Nahrungsmittel für eine Millionenmetropole mussten ausgeladen werden. Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr gingen die Hafenarbeiter ihren Geschäften nach. Eine Kontinuität, die etwas Trostspendendes hatte. Sie kümmerte die junge Frau am Schiffsdeck nicht, die ihren fein bestickten Musseline-Mantel enger um sich schlang und ihr Herz, zerschnitten von den Scherben ihrer zerstörten Träume, aus Amerika davontrug. Sie führten ihr Leben fort, als habe Lizzie nie existiert.
Sie dachte an den Brief, den sie ihrem Mann Martin in seinem Arbeitszimmer auf dem Kaminsims hinterlegt hatte. Er würde ihn hoffentlich erst lesen, wenn sie Hunderte Seemeilen trennten. Doch mit jeder weiteren Minute, die verstrich, schwand diese Hoffnung. Das Schiff hätte schon vor einer Stunde ablegen müssen. Die Verspätung entstand durch die langwierige gesundheitliche Inspektion der Reisenden. Die Spanische Grippe war erst vor wenigen Monaten abgeflacht, eine Rückkehr der Pandemie galt es von allen Seiten zu verhindern, insbesondere, wenn man einen anderen Kontinent bereiste.
Was, wenn der Brief schon vorher in Martins Hände geraten war und er sich auf dem Weg hierher befand? Er würde nicht wie ein Ehemann trauern, dessen Herz gebrochen war, denn dafür hätte er eines besitzen müssen. Lizzie und ihren Mann mochten eine Menge Vorteile verbunden haben, die in ihren Gesellschaftskreisen nicht von der Hand zu weisen waren; Vermögen und Ansehen, doch nicht Liebe. Falls er zu solcher überhaupt fähig war, verspürte er diese wohl eher für sein schnelles Auto und die kurzen Röcke der Damen aus einschlägigen Etablissements.
Aber er würde toben und alles in seiner Macht Stehende tun, um Lizzie von ihrem Vorhaben abzuhalten. Sie war seine Frau, sein Eigentum. Die Sorge, er könnte das ganze Schiff aufhalten, sie hinauszerren und zurück in ihr Stadthaus in der Park Avenue verfrachten, kam nicht von ungefähr. Lizzie wusste, wozu er fähig war, wie weit zu gehen er bereit war. Einen Martin Goldenbloom, der in vierter Generation eines der größten Eisenbahnimperien der Staaten leitete, verließ man nicht.
Alles in ihr zog sich zusammen, als sie sich nicht nur der Konsequenzen ihrer Entscheidung, sondern auch der bevorstehenden Begegnung mit ihrer Mutter bewusst wurde. Lady Alice Wellington duldete keine Vergehen in ihrer aristokratischen Familie – eine Trennung glich einem gesellschaftlichen Todesstoß. Sie war es gewesen, die diese Ehe arrangiert hatte, und war somit für ihr Scheitern mitverantwortlich. Die Enttäuschung, das Gerede, die Vorwürfe … Lizzie würde Rede und Antwort stehen, Beschimpfungen erdulden und Ratschläge hinnehmen müssen, die nicht mehr ihrem Erwachsenenalter entsprachen.
Plötzlich raste ein Studebaker so schnell an die Anlage heran, dass die Reifen quietschten. Kurz darauf kam er in der Nähe des Hafenbeckens zum Stehen. Lizzies Herz setzte aus. Der blutrote Lack war unverkennbar. Es war der Wagen ihres Mannes.
Sofort wich sie einen Schritt zurück und prallte mit einem Passagier zusammen. Rasch senkte sie den Blick, sodass ihr graublauer Glockenhut ihr Gesicht verbarg und sie Martin beobachten konnte, der nun seinerseits mit der Aufmerksamkeit eines Habichts das Schiff absuchte.
Nur seiner Eitelkeit und dem Bewusstsein ihres Ranges verdankte sie, dass er sie übersah. Denn seine Suche begrenzte sich auf das vordere Deck der ersten Klasse, nicht aber auf jenes am Heck, nahe der Rettungsboote, wo sie stand. Einem Goldenbloom käme es niemals in den Sinn, in der zweiten Klasse zu reisen. Aber Lizzie war keine Goldenbloom mehr, nicht, wenn es nach ihr ginge.
Endlich dröhnte das Schiffshorn. Vor Schreck fuhr sie zusammen und fasste sich an die Brust. Hafenarbeiter entfernten die Passagierrampen, lösten die Taue und gaben ein Zeichen. Eine Bewegung ging durch das gesamte Schiff, als die Turbinen zu rotieren begannen.
Während die Versorgungsboote die majestätische Olympic aus dem Hafen schifften, hielt Lizzie abermals den Atem an. Um sie herum herrschten Jubel und Euphorie, Passagiere winkten mit schneeweißen Taschentüchern ihren Angehörigen zu – da entdeckte Martin sie. Wie ein gezielter Schuss traf sein Blick sie ins Herz.
Unerträglich langsam fuhr die Olympic an ihm vorbei. Lizzie sah seiner Körperhaltung an, wie er um Beherrschung kämpfte. Tobende, vor Zorn lodernde Augen fixierten sie, sodass es einem Angst einjagte. Sie war froh, nicht neben ihm zu stehen.
Es erforderte ihren ganzen Mut, sich erhobenen Hauptes diesem Blick zu stellen. Sie hielt ihn aufrecht, bis sie Martin nicht mehr sah. Aber erst, als sie die Freiheitsstatue hinter sich ließ und sich das Meer vor ihr öffnete, wich die Anspannung von ihr, und das Hämmern in ihrem Kopf ließ nach.
Immer kleiner wurde die Millionenmetropole. Wie pittoreske Punkte eines impressionistischen Gemäldes tummelten sich Schlepper, Fischerboote und Privatyachten im Umkreis, bis sie ebenso verschwanden. Als frischer Wind aufkam und Lizzie die unendlichen Weiten des Ozeans sah, merkte sie, dass ihr Gesicht tränennass war. Rasch trocknete sie ihre eiskalten Wangen.
Nun, umgeben von nichts als Wasser, fühlte sie sich klein und unbedeutend. Sie war keine verheiratete Frau mehr, deren Tage als respektable Dame gezählt waren. Sie war einfach...




