E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Reihe: Hanser Berlin LEBEN
Köhler Spielen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-446-28506-4
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Reihe: Hanser Berlin LEBEN
ISBN: 978-3-446-28506-4
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Karen Köhler wurde in Hamburg geboren, sie wollte Kosmonautin werden, hat Fallschirmspringen gelernt und Schauspiel studiert. Nach zwölf Jahren am Theater begann sie zu schreiben und veröffentlicht heute Theaterstücke, Drehbücher, Hörspiele, Essays, Erzählungen und Romane. Zuletzt erschienen Wir haben Raketen geangelt (2014), Miroloi (2019) und Himmelwärts (2024). Sie schreibt regelmäßig für die ZEIT und das ZEITmagazin.
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Start 8 Ende 8 Start
Als ich meinen Vater beim Sterben begleitet habe, geschah in der sogenannten Terminalphase einige Tage vor seinem Tod etwas Erstaunliches: Er begann sein Sterben zu spielen. Er war bereits in einem Zustand, wo er Dinge wahrnahm, die ich nicht wahrnehmen konnte. Er sagte Sätze wie: »Du leuchtest rot, alles um dich herum ist rot, warum leuchtest du so, ich dimme das jetzt mal auf blau.« Oder: Er müsse rausbekommen, wie er sich in der Stadt aus Licht zurechtfinde, er könne den Stadtplan noch nicht lesen. Auf meine Frage hin, welchen Stadtplan, wurde er ungehalten, da er an der Wand, seinem Bett gegenüber, einen riesigen Stadtplan aus Licht wahrnahm. Als ich ihm sagte, dass ich den leider nicht sehen könne, fragte er mich, ob ich ihn veräppeln wollte, diesen großen, leuchtenden Stadtplan da an der Wand! Den müsse ich doch wohl sehen?! Als ich verneinte und ihn fragte, wie der denn aussehe, beschrieb er ihn mir als gigantischen dreidimensionalen Plan aus flimmerndem, warmem Licht. Aber die Uhrzeit, die könne ich doch wohl bitte schön sehen? Nein, sagte ich, auch die nicht. Und er sagte: »17:75 Uhr? In blauer Leuchtschrift?« Er zeigte auf eine Stelle oben rechts an der für mich weißen Wand.
Einen Tag später begann er zu spielen. Immer wieder machten seine Hände Bewegungen, die das Halten einer Spielkonsole nachahmten, oder er sortierte etwas hochkonzentriert in der Luft vor der Lichtlandkarte. Als er dafür zu schwach wurde, griff er die Angel über seinem Bett und drückte auf dem dreieckigen Plastikgriff mit für ihn großer Anstrengung herum. Als ich ihn fragte, was er da genau mache, wurde er fast ungehalten: »Das siehst du doch! Ich muss das letzte Level schaffen und ich hab nur noch ein Leben!« Ich sagte: »Das schaffst du, Papa.«
Mit ungeteilter Aufmerksamkeit schien er eine Aufgabe zu lösen und bat schließlich stöhnend um meine Hilfe: »Da musst du mit Werkzeug ran! Kannst du mir helfen?« Ich umfasste mit ihm die Angel über dem Bett, drückte mit ihm gemeinsam darauf herum und fragte: »Passt dieses Werkzeug?« Er antwortete: »Ich versuche es.« Sein Gesicht zeugte von großer Kraftanstrengung und hoher Konzentration. Sterben ist ein sehr aktiver Prozess. Mein Vater spielte sein Leben vier Tage später zu Ende. Er nannte es Level neun.
Beim Auflösen seines Nachlasses fand ich seine Zeugnisse. In einem Grundschulzeugnis stand, dass er sich nur schwer in den Schulalltag eingewöhne, dass er während des Unterrichts meist spiele und in seinem Schulranzen stets Spielzeug zu finden sei. Im Keller entdeckte ich einen alten Karton mit Matchboxautos aus den 50er Jahren. Ich bewahre sie noch immer auf.
Mein Verhältnis zum Leben hat sich seit dieser Erfahrung verändert, alles wird mir mehr und mehr zur Möglichkeit, ich habe begonnen, mein Leben zu spielen.
Wir können eigentlich sehr wenig über unser Leben vorhersagen, im Grunde gibt es nur eine einzige Gewissheit, von der wir ausgehen können, und das ist der Tod. Er wird kommen. Unaufhaltsam. Wann er eintritt, wie und wie viel Zeit uns davor zum Leben bleibt, wie viele Level wir spielen dürfen, entzieht sich unserer Kenntnis. So wie Sandkörner durch ein Stundenglas rieseln, vergeht unser Leben Augenblick für Augenblick. Wir können den Augenblick nicht fassen, formen wir ihn zu einem Gedanken, so ist er bereits vergangen. Wir können den Augenblick nur erleben. Als Singularität, die beherbergt, was wir für möglich halten. Um gemeinsam miteinander zu spielen, wünsche ich mir ein Bewusstsein bei Ihnen dafür: Während Sie das hier lesen, leben Sie unwillkürlich und unabänderlich weiter auf Ihren eigenen Tod zu. Das soll Sie nicht beängstigen, oder gar demotivieren, ganz im Gegenteil. Ich benenne hier nur die große Rahmenbedingung, die Voraussetzung, unter der wir gemeinsam Zeit verbringen. Ich schreibend, Sie lesend. Wir begegnen uns dann in der Handlung, in der Verbundenheit, im Augenblick, im Spiel.
Unser Gehirn, dieser Supercomputer, rechnet permanent aus allen mit unseren Sinnesorganen wahrgenommenen Außenreizen und den darauf folgenden inneren Reaktionen eine Realität aus, die sich als unser Bewusstsein abbildet. Dafür braucht das Organ Zeit und die Kooperation des gesamten Körpers. Das, was wir als erfahrbare Realität begreifen, hinkt der tatsächlichen Erfahrung einen Bruchteil von Berechnungszeit hinterher und spiegelt einzig das wider, was unser Gehirn nach Auswertung aller Reize als Bewusstsein konstruiert. Das, was wir wahrnehmen, ist folglich keinesfalls das, was ist. Es ist eine subjektive Projektion, die gespeist wird aus den Sinneseindrücken und unsrem bereits erlebten Erfahrungsdatenschatz, auf den das Gehirn zurückgreift und auf dessen Basis unsere Realität dann errechnet wird. Das Gehirn ist dabei stets bemüht, uns auch in der projizierten Zukunft am Leben zu erhalten, und für uns — aus seiner Erfahrung heraus — bestmögliche Lösungen zum Überleben zu finden. Das Überleben und Sammeln von neuen Erfahrungsschätzen steht ganz oben auf der Brain-To-do-Liste.
Die Konstruktion von Bewusstsein (also das, was wir als real wahrnehmen) ist ein äußerst komplexer Prozess, bei dem die Grenze zwischen Körper und Geist nicht eindeutig zu ziehen ist. Nehmen wir den Vorgang des Sehens: Lichtwellenlängen werden von Objekten im Außen reflektiert und gelangen über unsere Augen als Reize in unseren Körper. Das Bild der uns umgebenden Welt wird dabei verkehrt herum durch unsere Linsen an die Netzhäute geworfen, auf der sich Zäpfchen und Stäbchen befinden. Zäpfchen verarbeiten Farbreize, Stäbchen sind für das Schwarz-Weiß-Sehen zuständig. Diese Information wird über den Sehnerv dann ins Gehirn weitergeleitet. Das Gehirn gleicht die Information von beiden Augen ab, rechnet eine Wahrnehmung aus, dreht das Bild um und speist es dann bearbeitet in unser Bewusstsein.
Bewusstsein verbraucht aber sehr viele Kalorien, deswegen geht unser Gehirn sparsam damit um und lässt uns nur einen kleinen Anteil von dem erfahren, was es an Reizen permanent aufnimmt und bewertet. Stellen Sie sich vor, Ihnen wäre jede Auswertung von Gerüchen bewusst, von elektromagnetischen Feldern, von Wellenlängen, von Nahrungszusammensetzung, von Mikrobiomen. Sie kämen über das Aufstehen am Morgen womöglich gar nicht hinaus vor lauter Überforderung. Stellen Sie sich vor, Sie wären sich beim Verlieben des Handlungsantriebs zum Küssen (als Austausch von Mikrobiom zur Vergrößerung der eigenen Bakteriendiversität) bewusst. Das Gehirn siebt für uns also nicht nur im Vorfeld aus, es ist auch so nett und packt alles für uns in eine nette kleine Geschenkverpackung und sagt: Willkommen in meiner errechneten Realität, ich lege noch ein paar Hormone obendrauf. Und, weil ich einen guten Tag hab, wird das Ganze auch noch ans Belohnungssystem gekoppelt, kleine Dopamindusche: Bitte wiederholen!
Unser Gehirn möchte seinen Erfahrungsschatz gerne vergrößern, es ist dafür ausgestattet, wissensinklusiv zu agieren und im Bewusstsein zu expandieren, kurz, es ist lernfähig und zu Kreativität in der Lage. Am besten lernt unser Gehirn Neues, wenn wir uns in einem spielerischen Zustand befinden. Das Spielen ist für unser Gehirn wie eine Muckibude, in der es auf vielfältige Weise trainiert wird. Es kann sich entspannen, weil es sich sicher fühlt und nicht mit Überleben beschäftigt ist. Gleichzeitig kann es seinen Motor endlich mal voll ausfahren und läuft nicht untertourig in der immer gleichen Schlafen-essen-arbeiten-schlafen-Schleife.
Wir lernen im Grunde während des Spiels das Leben, weil wir uns tief involvieren und uns den Erfahrungen des Augenblicks hingeben, statt damit beschäftigt zu sein, alten Emotionsmüll zu recyceln oder uns mit der Absicherung gegen den Tod zu befassen. Sie können sich das meinetwegen auch als liegende Acht vorstellen: Auf der einen Seite die Vergangenheit mit all ihren Erfahrungen, auf der anderen Seite die Zukunft mit allen Eventualitäten, in der Mitte der Schnittpunkt des Augenblicks, der unmittelbaren Erfahrung.
Wenn einzig der Erhalt des Alten zum Handlungsantrieb des Augenblicks wird, lernen wir nichts Neues hinzu, weil wir dann nur versuchen, uns aus Angst abzusichern. Wenn nur der sicher geglaubte Einsatz als Gewinn in der Zukunft lockt, wenn wir also nur erfahrungsoffen sind, weil wir bereits kennen, was uns erwarten wird, stagnieren wir und bleiben in Subroutinen-Loops gefangen....




