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E-Book

E-Book, Deutsch, 176 Seiten, Gewicht: 1 g

Reihe: Nagel & Kimche

Koch Nur Gutes

Roman
1. Auflage 2008
ISBN: 978-3-312-00435-5
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 176 Seiten, Gewicht: 1 g

Reihe: Nagel & Kimche

ISBN: 978-3-312-00435-5
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Ehepaar Mangold wird eines Sonntagmorgens böse überrascht: Die von der Polizei gesuchte Exfreundin des Sohnes steht vor der Tür und bittet um Hilfe. Mit ihrer Ankunft werden Erinnerungen aufgewühlt, die die beiden Alten tief vergraben hatten. Ein Drama um uneingestandene Schuld und unerlöstes Gewissen, erzählt mit feinem Gespür und literarischer Raffinesse von einem der brillantesten Autoren der Gegenwartsliteratur in der Schweiz.

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1 Manarola


Es müsste einem, bald zweiundsechzig, egal sein, dass es Winter ist -

Dagmar sah hinab auf die Straße, die noch beleuchtet war, halb acht Uhr im Dezember, die Straße war nass und glänzte. Ein Schatten huschte von Haus zu Haus, Dampf vor dem Gesicht, und legte Zeitungen in Kästen. Dagmar schien, als blicke er plötzlich zu ihr, zwei Sekunden lang, drei. Sie überlegte, dem Schatten zu winken. Plötzlich lief er zu seinem Auto und fuhr davon, Richtung Friedhof.

Nach zweiundzwanzig Jahren sollte es einem egal sein, wo man wohnt -

Dagmar, seit sie hier wohnte, an der Grundstraße neun in Aberwald, Kreis Geerschach, bedrückte die Nähe des Friedhofs.

An den Friedhof, sagte sie bei Gelegenheit, gewöhne man sich nie.

Immerhin macht der keinen Lärm, sagte Albert. Aber Bewusstsein, sagte Dagmar.

Wofür?

Dass man bald selbst dort liegt.

Schlimm?, fragte Albert.

Meine Mutter Dagmar, eine geborene Schorff, war einundsechzig, mein Vater Albert, Pastor der evangelisch-protestantischen Kirchgemeinde Aberwald-Lukas, drei Jahre älter, ein Jahr vor der Rente. Ich war ihr einziges Kind, Glück und Elend: Simon Mangold, Redaktor für Nachrufe beim Holdener Tagblatt, im sechsunddreißigsten Jahr seines Lebens.

Dagmar hatte geträumt. Sie stand am Fenster ihrer Küche, das Haar bauschig und fahl, sie fror, wie sie oft fror am Fenster zur Straße. Mein Vater, Albert, nannte Dagmar, wenn er sie fröstelnd in der Küche fand, Frörchen, manchmal Eiszäpfchen oder Kristall. Dann hielt er ihr die Wange hin, immer die linke, Küsse am Morgen mochte er nicht. Auch sonst war Albert kein Küsser. Dagmar schob den Kragen des Morgenrocks unter das Kinn, hielt ihn fest mit der Hand und dachte an nichts. Es war Sonntag, der elfte Zwölfte.

Sie drehte sich zum Tisch, überlegte, ein Tuch darüberzubreiten, wie sie es früher oft getan hatte. Dagmar füllte einen Topf mit Wasser, setzte ihn auf den Herd und drehte den Knopf, sie öffnete den Kühlschrank, nahm daraus eine Flasche Milch, Butter, Marmeladen, Kirsche für ihn, Feige für sie. Sie stellte einen kleinen gelben Teller an Alberts Platz, Alberts kleinen gelben Teller, und den roten an ihren. Sie holte Messer und Löffel aus einer Schublade, legte sie neben die Teller, das Messer rechts, die Klinge zum Teller gedreht, den Löffel links. Dagmar setzte sich auf den Stuhl, auf dem sie immer saß, die Hände im Schoß, noch benommen, und dachte an nichts. Weit weg lärmte die Polizei, vielleicht die Feuerwehr.

Heute kommt Simon -

Wenn Albert nun sagen wird, dass er, nach all den Jahren, Sonntage nicht mag, wird sie antworten wie immer: Du hast den falschen Beruf gewählt. Zu spät.

Sie wartete, sah zur Uhr, die neben dem hohen blauen Kühlschrank hing, sah zum Tisch, schraubte die Deckel von den Marmeladen, legte die Deckel aufeinander.

Kirsche für ihn, Feige für mich -

Dagmar stieß den Löffel in ihre Marmelade, sie leckte den Löffel ab, leckte ihn sauber, damit Albert, wenn er nun in die Küche käme, nicht sah, dass sie genascht hatte.

Feigen, als Marmelade, aß man zum ersten Mal am Meer vor sechsunddreißig Jahren.

Verliebt und schwerelos waren sie ans Meer gefahren, nach Manarola in Ligurien, Dagmar war zum ersten Mal am Meer, das kleine Hotel, in dem sie wohnten, hieß Flora, vielleicht Florida. Das Brot zum Frühstück war hart wie Zwieback, die Marmelade, aus frischen Feigen, ein Glück.

Sie badeten im Meer, er Student der Theologie, sie Lehrerin, Grundstufe eins.

Dagmar konnte nicht schwimmen.

War sie mit Albert im Meer, um zu schwimmen, streckte Dagmar ihr rechtes Bein, ihren rechten Fuß, stützte sich auf den rauhen felsigen Grund und ruderte mit den Armen und dem freien linken Bein, als könne sie schwimmen. Sie hüpfte und schrie und lachte und tat vieles, um Albert zu blenden. Als der große Zeh des rechten Fußes blau war und schmerzte, wechselte sie zum linken. Dagmar lachte laut und spritzte Wasser in Alberts Augen.

Als Knabe, erzählte Albert, als man am Strand saß, habe er seiner Schwester einmal fünfzig Rappen geboten für einen gewissen Handel.

Er schwieg, bis Dagmar fragte: Was für einen Handel? Der war bestimmt von Angebot und Nachfrage, wie alles auf der Welt, selbst Gott und die Frauen unterliegen diesem Gesetz.

Sie saßen im Sand, es war früher Herbst, noch warm in Ligurien, Albert nahm Dagmars Hand und zog sie auf seinen haarigen Schenkel.

Mein Angebot, sagte Albert, war unmoralisch, aber verständlich.

Erzähl, bat Dagmar.

Wir hatten zu Hause fünf Zimmer, ein Wohnzimmer, das Schlafzimmer meines Vaters, das verlassene Zimmer meiner Mutter, das meiner Schwester und meins. Zwischen ihrem und meinem war eine Tür, die ständig geschlossen war, ich glaube, es gab keinen Schlüssel dazu, diese Tür, solange ich dort lebte, stand nie offen.

Und?

Ich war sechzehn, vielleicht etwas jünger, meine Lenden, auf jeden Fall, hellwach.

Deine was?, fragte Dagmar.

Meine Lenden. Hellwach.

Dagmar musste lachen.

Und dann?, fragte sie.

Noch nie hatte ich eine Frau nackt gesehen. Und deshalb, eines Tages, als Vater nicht zu Hause war, versprach ich meiner Schwester fünfzig Rappen, wenn ich zuschauen dürfe, wie sie sich wäscht. Wir hatten kein Badezimmer, man wusch sich in der Küche. Sie sagte, ich sei ein Schwein.

Was nicht stimmt, flüsterte Dagmar und rieb ihre Stirn an Alberts Schulter.

Sie sagte: Ich erzähle es Vater.

Ich bot sechzig.

Jetzt erzähle ich es ihm erst recht, sagte meine Schwester.

Siebzig, sagte ich.

Achtzig, sagte sie, dann denke ich darüber nach.

Tage später gab sie mir Bescheid. Sie sei einverstanden, sagte sie. Aber sie zeige sich mir nicht in der Küche und nicht ganz, sondern durchs Schlüsselloch zwischen ihrem Zimmer und meinem und beschränkt auf die Krausen am Bauch, nicht länger als zwei Minuten.

Achtzig Rappen, die Hälfte als Vorschuss, sagte sie.

Ich bezahlte, sie ging in ihr Zimmer, ich in meins, Cecile klopfte, als sie so weit war, an die Tür, ich bückte mich zum Schlüsselloch und sah. Mir gefiel, was ich sah, ich sparte mein Taschengeld, um es zu sehen, bald dreimal in der Woche.

Du bist doch ein Schwein, flüsterte Dagmar und küsste Albert auf den Hals.

Nur einmal in meinem Leben, sagte Albert, habe er seine Schwester geschlagen, als er entdeckte, dass, was Cecile ihm offenbarte, Teil einer Näharbeit war, billiges schwarzes Katzenfell.

Dagmar musste sehr lachen, sie hauchte: Mein Theologiestudent, seine Lenden hellwach.

In Ligurien am Meer, entzündet von Marmelade aus Feigen, wurde Dagmar Schorff schwanger mit mir, Simon Mangold, Nachrufer von Beruf.

Meine Eltern heirateten heimlich und schnell.

Sie hörte eine Tür gehen, ahnte Alberts Schritte.

‹Du hättest nicht zu warten brauchen›, sagte er.

Dagmar hob die Hände aus dem Schoß, stand auf, Albert hielt die linke Wange hin, sie küsste und trat zur Kaffeemaschine.

‹Es ist dunkel heute›, sagte er.

‹Es wird schneien›, sagte sie.

Sie stellte eine Tasse unter die Düse der Maschine, drückte einen Knopf, sie wartete, bis die Tasse voll war, trug die Tasse zum Tisch.

‹Danke›, sagte er.

Sie zog den Topf vom Herd und rührte Kräuter ins kochende Wasser, getrocknete Pfefferminze.

‹Fang ruhig an›, sagte sie.

‹Heute kommt Simon›, sagte er.

‹Mit Tim und Charlotte›, sagte sie.

Eine Tasse Tee in der Hand, trat sie an den Tisch und setzte sich Albert gegenüber. Dagmar sah zum Fenster, dann zu Albert, der eine schwarze Hose trug, ein weißes Hemd mit blauen Streifen, die graue Strickjacke, die sie ihm gekauft hatte, um ihn zu trennen vom Pullover, den er seit Jahren trug.

Pastor Mangold, mein Vater, ein treuer Mensch, trennte sich schwer von den Dingen seines Lebens, les choses de la vie, aus Achtung dafür, dass sie so lange in seiner Nähe blieben, als Füllfederhalter, als Stimmgabel, Pullover, als Brille, Hundeleine oder Schreibmaschine oder Notenständer. Ich fand, in Alberts vielen Kisten wühlend, um Stoff für diesen Abschied zu sammeln, die Zeichnungen, die ich ihm gezeichnet hatte, die Briefe, die ich ihm geschrieben hatte, als ich ihm noch Briefe schrieb. Jede Zeichnung, jeden Brief hatte er mit meinem Namen versehen, Simi oder Simon, und mit dem Tag, da er sie in seine Kisten legte. Hunderte von Visitenkarten fand ich in einer kleinen hölzernen Kiste unter Vaters Pult, und einen Zettel darin, nicht größer als eine Hand. Drei Herzen hatte ich darauf gezeichnet, jedes mit Augen und einem lachenden Mund, die Herzen hatten lange dünne Arme, sie reichten sich die Hand, eins war überschrieben mit Papa, eins mit Mama, das mittlere mit Simon: Lieber Papa, Ich wünsche Dir ein langes Leben, Simon.

Ich wunderte mich, wie viele Briefe ich ihm geschrieben hatte, wie viele Zeichnungen zugedacht.

Dagmar nahm das Messer und zog es über die Butter, strich die Butter auf ein schmales Stück Brot, legte das Brot in seinen gelben Teller und schob ihn zu Albert, der bald sagen würde, dass er, im Grunde, Sonntage nicht mochte.

Albert stieß sich vom Stuhl, bucklig stand er am Tisch und bettete das Luftkissen um, auf dem er saß, ließ sich darauf fallen.

‹Danke›, sagte er.

Sie zog das Messer über die Butter und strich die Butter aufs Brot und legte das Brot in ihren Teller.

‹Es riecht nach Schnee›, sagte sie leise.

Albert sah zum Fenster und nickte.

‹Man muss›, sagte er, ‹am Wagen die Reifen wechseln.›

‹Ja›, sagte...



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