Knor DSA 76: Der Tag des Zorns
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-86889-883-5
Verlag: Ulisses Medien und Spiel Distribution GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Schwarze Auge Roman Nr. 76
E-Book, Deutsch, Band 76, 276 Seiten
Reihe: Das Schwarze Auge
ISBN: 978-3-86889-883-5
Verlag: Ulisses Medien und Spiel Distribution GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Daniela Knor wurde am 30.10.1972 in Mainz geboren. Zunächst studierte sie Anglistik, Ethnologie und Vor- und Frühgeschichte, wechselte dann aber zu Geschichte, Neuerer deutscher Literaturwissenschaft und Psychologie. Zusammen mit ihrem Mann hatte sie einen biologisch bewirtschafteten Obstbaubetrieb gepachtet und lebt nun in Würzburg. Sie ist hauptberuflich Schriftstellerin geworden und in insbesondere für ihre Fantasy- und historischen Romane bekannt.
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Prolog
Das Echsenreich Zze Tha, 3075 v. BF
Der Zwerg starrte angestrengt durch die Sehschlitze der Echsenmaske in die Dunkelheit. Seine Augen konnten bei Nacht zwar besser sehen als die jedes Menschen, aber so gut wie Eulenaugen waren sie auch nicht. Und die Maske, aus dem Schädel eines Echsenwesens gefertigt, machte die Sache nicht einfacher.
Er fragte sich, ob eine echte Echse auch nur einen Augenblick auf diese lächerliche Verkleidung hereinfallen würde. Schließlich gab es keine Marus, die so klein und stämmig waren wie ein gestandener Angroschim. Der Mann hinter ihm, Assaf Sohn des Kasim, trug ebenfalls eine Maske, aber er mochte mehr Glück haben, denn er war groß und schlank wie viele Menschen seines Stammes.
„Was ist los, Calaman?“, fragte Assaf leise. „Warum bleibst Du stehen?“
Calaman Sohn des Curthag hob die Hand und gebot seinem Gefährten zu schweigen. Voller Ungeduld, diese Menschen, dachte er missbilligend. Sie sind so kurzlebig und haben niemals Zeit. Wobei er sich eingestand, dass Ungeduld auch einfach Assafs persönlicher Makel sein konnte, denn Calaman kannte sonst keinen Menschen näher. Bis vor wenigen Jahren hatte er nicht einmal von der Existent dieser Wesen gewusst.
„Ich dachte, ich hätte eine Bewegung gesehen“, flüsterte er Assaf zu. „Dort, hinter dem kleinen Felsbrocken.“
Assaf blickte in die angegebene Richtung. Zumindest drehte sich die Maske dem Felsen zu. Mehr konnte Calaman nicht erkennen.
„Da ist nichts“, behauptete der junge Menschenmann.„Sei zuversichtlich! Feqz ist mit denen, die in Dunkelheit und heimlich handeln.“
„Bei Angrosch bin ich mir da nicht so sicher“, brummte der Zwerg und huschte dann, so leichtfüßig wie das in schweren Stiefeln möglich war, zu dem bezeichneten Felsbrocken hinüber. Der Echsenschwanz, der zu seiner Kostümierung gehörte, schleifte hinter ihm über den Sand. Bei Angroschs Bart, dachte Calaman angewidert, ich muss lächerlich aussehen! Außerdem schwitzte er unter der schweren, geschuppten Haut sogar in dieser kalten Nacht.
Vorsichtig spähte er um den Felsen herum und zog rasch den Kopf zurück. Assaf war ihm mittlerweile gefolgt und wandte ihm die Maske zu. Wahrscheinlch blickte er ihn darunter fragend an. Calaman schloss dies jedenfalls aus dem schief gelegten Echsenkopf. Lautlos ahmte er den watschelnden Gang eines Marus nach und deutete energisch über den Steinblock. Assaf nickte verstehend.
Calaman zog seine Streitaxt unter der Tarnung hervor, ein Meisterstück zwergischer Schmiedekunst, das er von seinem Großvater Curoban geerbt hatte. Curoban war einer der acht Urväter der Angroschim gewesen, was diese Axt um so wertvoller machte. Calaman fand den Menschen mit seiner primitiv gehämmerten Speerspitze ziemlich bemitleidenswert. Wenn das alles hier vorbei war, würde er Assafs Stamm einen Schmied schicken, der ihn unterweisen konnte. Diese Entweihung des ehrwürdigen Stahls musste ein Ende haben.
Assaf deutete auf sich und nach rechts, dann wies er auf Calaman und nach links. Der Zwerg nickte kurz und machte sich zum Angriff bereit.
„Jetzt!“, raunte Assaf.
Calaman sprang los, um den Felsblock herum und landete den ersten Hieb. Der Maru brach blutend zusammen. Die Zwergenaxt hatte ihm den schmalen Schädel gespalten. Assaf brauchte seinen Speer gar nicht einzusetzten.
„Hat wahrscheinlich hier geschlafen“, vermutete Calaman leise.
„Ich sagte dir doch, dass sie nachts steif und träge werden. Genau wie Schlangen und Eidechsen“, flüsterte Assaf. „Es ist ein Kinderspiel, sie dann zu töten.“
Der Zwerg sah nachdenklich auf den Echsenleichnam zu seinen Füßen hinab.
„Ich weiß“, erwiderte er ernst. „Ich habe es ja selbst schon gesehen. Aber was ist mit dem eigentlichen Drachengezücht? Sie haben heißes Blut, die echten Drachen. Wie sollten sie da von der Kälte starr werden?“ Assaf wiegte ungeduldig den Kopf. „Sind wir bis hierher gekommen, um jetzt zu zaudern?“, fragte er eine Spur zu laut. Er schien die eigene Angst überspielen zu wollen. „Ich werde Zze Tha nicht verlassen, ohne einen
Blick auf Pyrdacors Hort geworfen zu haben.“
„Schon gut, schon gut“, beschwichtigte ihn Calaman.
„Kein Grund, so zu schreien. Die finden uns früh genug. Los, lass uns weitergehen!“
Der Angroschim watschelte im Licht der Sterne auf die Felswand zu, die sich sechzig Schritt vor ihnen in den Nachthimmel erhob. Wahrhaft die pummeligste Echse auf Dere, dachte Assaf grinsend und folgte dem Zwerg, wobei er weniger wackelte. Man musste die Maskerade ja nicht übertreiben.
Calaman lehnte sich gegen das kühle Gestein, ohne es durch die dreilagige Kleidung zu spüren. Unter der Echsenhaut trug er das Kettenhemd, das er nicht mehr abgelegt hatte, seit er und Assaf vor zwei Monaten zu diesem Wahnsinn aufgebrochen waren. Darunter schwitzte er in der wollenen, gepolsterten Unterwäsche. Angrosch sei Dank, dass Assaf mich wenigstens überredet hat, den Umhang zurückzulassen, sagte Calaman zu sich, während ihm unter der Maske der Schweiß herunterrann.
Wahrscheinlich bin ich auch der einzige Maru im ganzen Drachenreich, der einen schwarzen Vollbart trägt, fügte er in Gedanken hinzu und musste fast lachen.
Assaf übernahm nun die Führung. Scheinbar brauchte er keine Verschnaufpause. Im Schatten der Felswand war es noch finsterer, aber irgendwo vor ihnen, ein paar Hundert Schritt weiter am Fuß dieser Klippe entlang, glaubte der Zwerg, einen Lichtschein zu erkennen.
„Da vorne muss es sein“, flüsterte er. „Der Hintereingang.“
Der „Hintereingang“ zur Residenz des selbsternannten Drachengottes Pyrdacor. Der Ort, an dem dieser riesige goldene Drache einen unvorstellbar großen Hort an Reichtümern angehäuft haben musste.
Aghira, meine schöne Aghira, heute Nacht werde ich es wagen, dachte Calaman. Vor seinem geistigen Auge entstand das Gesicht dieser schönsten aller Zwerginnen und lächelte ihm verliebt zu. Die strahlend blauen Augen leuchteten mit ganz besonderem Licht in Aghiras ebenmäßigen Zügen. Ihre rundlichen Wangen waren leicht gerötet, ihre Lippen luden zum Kuss ein. Heute Nacht werde ich für dich ein Stück aus Pyrdacors Hort stehlen oder sterben, beteuerte Calaman dem von dicken schwarzen Zöpfen umrahmten Antlitz, bevor er in die kühle, sternklare Nacht des Echsenreiches Zze Tha zurückkehrte. Zurück zu Assaf und der Gefahr, die in jedem Felsspalt lauern mochte.
Mittlerweile hatten sie den Lichtschein fast erreicht, der aus einer Öffnung in der Gesteinswand hervordrang. Eine Höhle, die wahrscheinlich zu Pyrdacors Hort führte – führen musste!
Assaf wandte zu Calaman . „Wenn ich mit der Maske versuche, um die Ecke zu schauen, blitzen die Zähne schon im Licht, bevor ich den Kopf weit genug habe, um etwas sehen zu können“, meinte der junge Krieger.
„Nimm du sie solange! Und meinen Speer.“
Er reichte dem Zwerg seine Waffe, zog die Maske vom Kopf und hielt auch diese dem Angroschim hin. Calaman war zutiefst befriedigt, als er sah, dass Assafs dunkles Haar feucht am Schädel klebte und Schweißperlen auf der Stirn des Mannes glänzten. Ich schwitze also nicht allein, beruhigte er sich.
Assaf schlich, mit der rechten Schulter dicht an die Felsen gedrückt, bis an den Rand der Öffnung und schaute vorsichtig hinein. Ein kurzer Blick genügte ihm schon, dann bewegte er sich lautlos zu Calaman zurück.
„Der Echsenmensch hat die Wahrheit gesagt“, berichtete er leise. „Der Eingang ist recht klein....




