E-Book, Deutsch, 461 Seiten
Knoll Bright Young Women
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7517-6459-9
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman – »Geschickt konstruiert, psychologisch scharfsinnig und umwerfend geschrieben.« THE SUNDAY TIMES
E-Book, Deutsch, 461 Seiten
ISBN: 978-3-7517-6459-9
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Samstag im Jahr 1978 in Florida: Mitten in der Nacht dringt ein Mann in ein Studentinnenwohnheim ein. Er geht von Zimmer zu Zimmer und tötet mehrere Bewohnerinnen. Schon bald wird er als einer der bekanntesten Serienmörder der USA bekannt sein. Doch er wurde bei seiner Tat beobachtet.
Die Überlebenden, darunter Hauptzeugin Pamela Schumacher, wird diese Nacht für immer verändern. Sie sind alle zum Opfer geworden. Aber sie erzählen hier ihre Perspektiven, sie bleiben Herrinnen ihrer Geschichten. Und sie jagen den Täter auf eigene Faust - gegen Widerstände aus Justiz und Polizei; gegen die öffentliche Meinung, die den Serienmörder idolisiert.
Jessica Knoll ist New York Times-Bestsellerautorin. Ihr Buch ICH.BIN.SO.GLÜCKLICH. ist mittlerweile eine NETFLIX-Verfilmung mit Mila Kunis in der Hauptrolle. Sie war leitende Redakteurin bei COSMOPOLITAN und schrieb für das SELF MAGAZINE. Aufgewachsen in einem Vorort von Philadelphia, absolvierte sie die Shipley School in Bryn Mawr, Pennsylvania, und die Hobart and William Smith Colleges in Geneva, New York. Zusammen mit ihrem Mann und ihrer Bulldogge Beatrice lebt sie inzwischen in Los Angeles.
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Tallahassee, Florida
14. Januar 1978
Sieben Stunden vorher
Samstagabends ließen wir unsere Türen offen stehen, wenn wir uns zurechtmachten. Mädchen betraten die Zimmer mit einem Outfit und kamen mit einem kürzeren wieder heraus. Die Flure waren eng und voll wie die Gänge auf einem Schiff der Navy, überall wurde besprochen, wer was wo vorhatte und mit wem. Der Dunst von Haarspray und Nagellack wurde zu unserer persönlichen Ozonschicht, die Hitzewellen der Föhne ließen das Quecksilber in dem analogen Thermometer an der Wand vier, manchmal sogar fünf Grad nach oben wandern. Wir öffneten die Fenster, um frische Luft hereinzulassen, und machten uns über die Musik in der Bar nebenan lustig; samstags war Disco-Nacht, das war etwas für alte Leute. Statistisch gesehen war es doch unmöglich, dass etwas Schlimmes passierte, während Barry Gibb mit seiner charakteristischen Fistelstimme Stayin’ Alive sang, aber wir sind wohl das, was Mathematiker als Ausreißer bezeichnen.
Ich hörte ein Klopfen an meiner Tür, begleitet von einer gespielt schüchternen Stimme. »Es könnte sein, dass es heute noch schneit.« Ich blickte von meinen Plänen für unsere ehrenamtliche Arbeit auf, die mein gebrauchtes Schreibpult bedeckten, und sah Denise Andora mädchenhaft mit brav vor dem Körper verschränkten Fingern im Türrahmen stehen.
»Netter Versuch.« Ich lachte. Denise hatte es auf meinen Lammfellmantel abgesehen. Auch wenn der Winter 1978 bereits eine solche Kälte in den Nordwesten Floridas getrieben hatte, dass die Azaleen an der Grenze zu Georgia erfroren waren, war es hier nie kalt genug für Schnee.
»Bitte, Pamela!« Flehend faltete Denise die Hände und wiederholte ihr immer dringlicher werdendes Anliegen über die rot lackierten Fingernägel hinweg. »Bitte. Bitte. Bitte. Ich hab nichts anzuziehen.« Zum Beweis drehte sie sich um die eigene Achse. Ich kann mich nur so genau an ihre Kleidung an diesem Abend erinnern, weil sie später in der Zeitung beschrieben wurde: dünner Rollkragenpullover, in die Jeans mit Druckknöpfen gesteckt, Gürtel und Stiefel aus kastanienbraunem Wildleder, Opalohrringe und ihr geliebtes silbernes Bettelarmband. Meine beste Freundin war gefühlte zehn Meter groß und wog weniger als ich in der Grundschule, aber inzwischen hatte ich meinen Neid so gut im Griff wie meine Migräne. Die Schmerzattacken überkamen mich immer dann, wenn ich sah, wie Denise die Aufmerksamkeit von Männern suchte.
»Gib dir einen Ruck.« Sie stampfte zaghaft mit dem Fuß auf. »Roger hat rumgefragt, ob ich heute Abend auch komme.«
Ich legte den Bleistift aus der Hand. »Denise«, sagte ich mahnend.
Ich hatte schon längst zu zählen aufgehört, wie oft Denise und Roger Schluss gemacht hatten, nur um sich dann nachts wieder über den Weg zu laufen und sich nach viel lauwarmem Bier und langen, liebestollen Blicken die ganzen boshaften Dinge zu verzeihen, die sie zu- und übereinander gesagt hatten. Doch die letzte Trennung hatte sich nicht wie eine Trennung angefühlt, sondern vielmehr wie das Zerschneiden mithilfe eines schmutzigen Küchenmessers, wodurch Denise sich buchstäblich infizierte, fast eine Woche lang nichts bei sich behalten konnte und sogar wegen Dehydrierung ins Krankenhaus musste. Als ich sie dort abholte, schwor sie mir, sie sei für immer mit Roger fertig. Ich hab zur Sicherheit zweimal auf die Spülung gedrückt, hatte sie mit einem schwachen Lächeln gesagt, während ich ihr aus dem Krankenhausrollstuhl und ins Auto half.
Denise zuckte jetzt mit den Schultern, gab sich plötzlich verdächtig desinteressiert und schlenderte zu meinem Fenster hinüber. »Es sind ja nur ein paar hundert Meter bis zur Party. Und für heute Nacht sind zehn Zentimeter Schnee angesagt. Ich werde ein bisschen frieren, aber« – sie legte den Hebelverschluss um, schob das Fenster nach oben und hinterließ dabei einen Handabdruck auf der Scheibe, zu dem es schon bald kein lebendiges Gegenstück mehr geben würde – »vielleicht kann Roger mich dann aufwärmen.« Sie wandte sich mir zu, stand mit durchgedrückten Schultern im eiskalten Zimmer. Denise ließ ihren BH in einer Schublade verstauben, es sei denn, ihre Eltern kamen am Wochenende zu Besuch.
Ich konnte spüren, wie meine Willenskraft zu bröckeln begann. »Versprichst du mir, ihn danach zur Reinigung zu bringen?«
»Jawohl, Ma’am, Pam Perfect, Ma’am.« Denise schlug militärisch die Hacken zusammen. Pam Perfect war ihr ironischer Spitzname für mich, abgeleitet von der beliebten Fernsehwerbung, in der eine Frau mit fransigem Pony von pflanzlichem Kochspray schwärmt, mit dem sie Zeit, Geld und Kalorien sparte. Mit PAM, flötet sie, während sie einen silbrig geschuppten Fisch von der Pfanne auf den Teller gleiten lässt, wird ihr Abendessen immer Pam Perfect.
Denise war meine erste Freundin an der Florida State University, aber in letzter Zeit schienen wir uns festgefahren zu haben. Vetternwirtschaft war immer schon die Fäulnis im Kern der studentischen Verbindungen gewesen, und ehemalige Vorsitzende hatten sich bei einigen Mitgliedern streng an die Regeln gehalten, während ihre Freundinnen sich alles erlauben durften. Als ich mich für die Position aufstellen ließ und die Wahl gewann, erwartete Denise, dass ich sie mit Nachsicht behandeln würde. Stattdessen war ich so fest entschlossen, es besser zu machen als meine Vorgängerinnen und eine faire, unparteiische Vorsitzende zu sein, dass Denise mehr Verwarnungen kassiert hatte als irgendjemand sonst in diesem Quartal. Jedes Mal, wenn sie die Montagsversammlung unseres Hauses schwänzte oder einen ehrenamtlichen Auftrag verschob, schien sie es darauf anzulegen, von mir rausgeschmissen zu werden. Auf die anderen Mädchen wirkten wir vermutlich wie zwei Hirsche, die ihre Geweihe mit gesenkten Köpfen ineinander verhakt hatten. Unsere Schatzmeisterin, eine brünette Finalistin des Miss-Florida-Wettbewerbs, die schon als Kind in Franklin County das Jagen gelernt hatte, meinte dazu, eine von uns müsse sich unterwerfen, bevor wir feststeckten und man uns nur noch mithilfe einer Säge trennen könnte. Sie habe das schon in freier Wildbahn erlebt.
»Du kannst den Mantel nehmen«, lenkte ich ein.
Denise hüpfte mit so kindlicher Freude zu meinem Kleiderschrank, dass ich mir vorkam wie ein alter Hausdrache. Genießerisch ließ sie ihre Arme in den mit Seide gefütterten Mantel gleiten. Dank meiner Mutter, die schon immer eine große Leidenschaft für solche Dinge hatte, besaß ich wunderschöne Kleidungsstücke, die sich wie eine zweite, weichere Haut anfühlten. Vielleicht hätte ich mich auch mehr für Mode interessiert, wenn mir Kleidung nur halb so gut stehen würde wie Denise. Ich hatte jedoch ein rundes, irisches Gesicht, das meiner Figur gänzlich widersprach. So war das bei mir – ich hatte keinen Körper, sondern eine Figur. Die Kluft zwischen den sommersprossigen Apfelbäckchen und den Proportionen eines Pin-up-Girls war so extrem, dass ich oft das Gefühl hatte, mich dafür entschuldigen zu müssen. Ich sollte hübscher sein oder weniger hübsch, je nachdem, wer mich gerade ansah und wohin derjenige schaute.
»Kannst du das Fenster zumachen, bevor du gehst?« Ich schlug mit der flachen Hand auf meinen Schreibtisch, als ein Windstoß durch das Zimmer ging und meine farblich sortierten Kalenderblätter aufzuwirbeln drohte.
Denise ging zurück zum Fenster und inszenierte eine übertriebene Show, drückte und ächzte, als müsse sie all ihre Kraft aufwenden. »Es klemmt«, sagte Denise. »Du kommst wohl besser mit, bevor du hier erfrierst, während du die dreiunddreißigste Blutspendeaktion planst. Was wär das für ein Ende.«
Ich seufzte, allerdings nicht, weil ich mich danach sehnte, auf eine laute Studentenparty zu gehen, und es mir nicht erlauben konnte, weil ich tatsächlich die dreiunddreißigste Blutspendeaktion organisieren musste. Ich seufzte, weil ich nicht wusste, wie ich Denise klarmachen sollte, dass ich nicht gehen wollte, dass ich mich an einem Samstagabend nirgendwo wohler fühlte als an meinem zerkratzten Schreibtisch, während sich vor meiner offenen Tür das Getümmel und Getöse von achtunddreißig Mädchen abspielte, die sich aufbrezelten, und ich das Gefühl hatte, meinen Job erledigt zu haben, wenn alle am Ende der Woche die Musik aufdrehten, Mascara auftrugen und sich gegenseitig über den Flur hinweg ärgerten. Was ich da alles mitbekam. Wie unglaublich fies wir zueinander sein konnten. Der einen wurde geraten, sich die großen Zehen zu rasieren, der anderen, sie solle niemals in der Öffentlichkeit tanzen, wenn sie den Wunsch habe, sich irgendwann fortzupflanzen.
»Ohne mich hast du mehr Spaß«, lautete meine dürftige Antwort.
»Weißt du, eines Tages«, sagte Denise und schloss nun wirklich das Fenster, während ihre langen dunklen Haare nach hinten geweht wurden wie das Cape einer Superheldin, »wirst du Hängetitten haben, und dann wirst zu zurückblicken und dir wünschen –«
Denise unterbrach sich selbst mit einem Kreischen, das mein Nervensystem mittlerweile kaum mehr als solches wahrnahm. Wir waren einundzwanzigjährige Studentinnen in einem Verbindungshaus; wir kreischten nicht, weil etwas schrecklich Schlimmes passiert war, sondern weil wir samstagsabends ausgelassen und übermütig waren. Inzwischen hasse ich den Tag, auf den die meisten Leute sich die ganze Woche über freuen, und der uns Spaß, Freiheit und Sicherheit vorgaukelt.
Zwei unserer Verbindungsschwestern schleppten keuchend ein in Laken gewickeltes Etwas von...




