Rollenfindung in einer Welt digitaler Ökosysteme – Positionierung von Versicherern und Maklern
Gerrit Böhm
1 Einleitung
Die moderne Welt wird in der Literatur als volatil, unsicher, komplex und mehrdeutig (VUCA
[1]) beschrieben.
[2] Innerhalb dieser VUCA-Welt werden Versicherer und Makler regelmäßig mit dem Vorwurf konfrontiert, sie würden ihre Geschäftsmodelle nicht schnell und konsequent genug an sich verändernde Umweltzustände anpassen.
[3] In der Folge würden sie durch agile Unternehmen, die den digitalen Wandel annehmen und für sich nutzen, verdrängt. Agile Fähigkeiten werden häufig jungen Unternehmen zugeschrieben, während etablierten Unternehmen aufgrund von trägeren Strukturen tendenziell weniger zugetraut wird.
Verwiesen wird in diesem Zusammenhang auf die zunehmende Verbreitung von Plattformgeschäftsmodellen, die – eingebettet in digitale Ökosysteme – lineare Geschäftsmodelle zunehmend ersetzen oder ergänzen. Folgt man diesem Narrativ, stehen Versicherer und Makler derzeit vor enormen Herausforderungen.
In diesem Beitrag wird für Versicherer und Makler diskutiert, wie sich diese Unternehmen in einer digitalisierten und zunehmend durch Plattformen und Ökosysteme geprägten VUCA-Welt behaupten können. Die Herausforderungen und Risiken werden zunächst vor dem Hintergrund der genannten Trends analysiert, bevor anschließend Handlungsempfehlungen abgeleitet werden. Die Analyse differenziert sowohl bei der Risikoanalyse als auch bei der Ableitung von Handlungsempfehlungen nach Versicherungsunternehmen und Maklerunternehmen.
2 Positionierung von Versicherungsunternehmen
2.1 Risikoanalyse
2.1.1 Beurteilung anhand der VUCA-Kriterien
Unsere heutige Geschäftswelt gilt als volatil, unsicher, komplex und mehrdeutig. Jede einzelne dieser Eigenschaften ist für sich genommen bereits eine große Herausforderung für Unternehmen. Zusammengenommen, sich überlappend und gleichzeitig auftretend erscheint die Bewältigung dieser Eigenschaften kaum möglich zu sein. Betrachten Unternehmen die genannten Eigenschaften jedoch einzeln, ist eine gezielte Vorbereitung bzw. ein dauerhaft konstruktiver Umgang mit den sich ableitenden Herausforderungen möglich.
Im Folgenden wird ein Überblick über die Risiken gegeben, die für Versicherungsunternehmen aus der VUCA-Welt entstehen, bevor die einzelnen Aspekte versicherungsspezifisch diskutiert werden.
2.1.1.1 Volatilität
Volatile Situationen zeichnen sich dadurch aus, dass sich die Ausprägungen bestimmter Parameter (z.B. Preise) unerwartet ändern bzw. instabil sind. Volatile Situationen sind nicht notwendigerweise komplex und es besteht ein ausreichendes Verständnis der Wirkungszusammenhänge. Das genaue Ausmaß der Schwankungen sowie deren Dauer sind hingegen nicht sicher vorhersehbar. Risiken können durch eine mangelnde Vorbereitung auf Schwankungen von Parametern entstehen. Beispielsweise könnte die Nachfrage nach Versicherungsschutz aufgrund externer Schocks plötzlich einbrechen. Ist das Unternehmen auf solche Nachfrageschwankungen nicht vorbereitet, können wirtschaftliche Schäden entstehen, z.B. durch nicht ausgelastete Vertriebs- oder Antragsbearbeitungsmitarbeiter.
Ein weiteres Beispiel sind Großschadenereignisse, die durch Naturkatastrophen hervorgerufen werden. Es ist absehbar, dass wegen des Klimawandels vermehrt Ereignisse mit Starkregen eintreten werden. Es ist ebenso klar, dass Starkregen die Schadenzahlungen beeinflussen wird; auch die Richtung dieser Beeinflussung ist klar. Unklar ist aber, wann genau diese Ereignisse eintreten und wie deren genaue Ausprägung sein wird.
Ein Ansatz, um Risiken aus Volatilität zu mindern, ist – abstrakt formuliert – die Lagerhaltung. So könnte ein Unternehmen z.B. verstärkt Ressourcen beschaffen (z.B. Headsets, Notebooks), um in einer Krisensituation, in der Mitarbeiter von zu Hause arbeiten müssen, handlungsfähig zu bleiben – also auch dann, wenn es aufgrund des externen Schocks zu Lieferengpässen kommt. Lagerhaltung kann als Lösung ziemlich teuer sein, z.B., wenn man viele hochqualifizierte Talente an sich binden möchte, um nicht in einen Talent-Engpass zu laufen. Daher ist ein Matching von Risiko und Lagerhaltungsmaßnahmen erforderlich.
[4] Alternative Maßnahmen sind das Absichern von Risiken durch Versicherungen, z.B. Swaps am Kapitalmarkt, sowie das Herstellen von Skalierungsfähigkeit, z.B. durch die Unterstützung externer Dienstleister.
2.1.1.2 Unsicherheit
Unsicherheit zeichnet sich dadurch aus, dass man in Bezug auf ein Ereignis zwar dessen grundlegenden Gegenstand und die mögliche Wirkungsweise kennt, man aber nicht sicher sein kann, ob, wann und wie genau das Ereignis eintreten wird. Das Risiko, das aus Unsicherheit entsteht, ist die Möglichkeit, dass das Unternehmen einschlägigen Veränderungen schlecht oder gänzlich unvorbereitet gegenübersteht.
Ein Beispiel ist die unter dem Stichwort „Provisionsdeckel“ diskutierte Einführung weiterer Regeln in Bezug auf Abschlusskosten, Provisionen und Courtagen. Aus Sicht eines Versicherungsunternehmens ist nicht klar, ob überhaupt, wann und in welcher Form derlei Regelungen vom Gesetzgeber eingeführt werden. Gleichwohl gibt es bereits Gesetzesentwürfe, sodass der grundlegende Inhalt etwaiger Regelungen sowie mögliche Instrumente bereits antizipiert werden können.
Versäumt ein Versicherungsunternehmen die rechtzeitige Vorbereitung (z.B. Anpassung von Verträgen oder Überarbeitung von IT-Systemen), kann das schwerwiegende Folgen z.B. für die Neugeschäftsentwicklung haben; insbesondere wenn es den Wettbewerbern gelingt, die notwendigen...