E-Book, Deutsch, 230 Seiten
Knobloch Eine Liebe in der Toskana
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-86287-120-9
Verlag: Fuego
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die unglaublichen Hindernisse bis zur Herstellung eines einvernehmlichen Geschlechtsverkehrs
E-Book, Deutsch, 230 Seiten
ISBN: 978-3-86287-120-9
Verlag: Fuego
Format: EPUB
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Peter Knobloch begann seine Karriere als Musiker. In den 80er Jahren veröffentlicht er mit seiner Band drei Alben. Ab den 90er Jahren spielt er vermehrt Theater und Kabarett (Gründungsmitglied des Theatersommers Fränkische Schweiz/Bayreuther Kulturpreis 1994, Hauptrollen in 'Ritter Unkenstein' und 'Indien'). 1996 gründet er die Musikkabarettgruppe 'Urvögel', mit denen er heute noch ca. 80 Auftritte pro Jahr absolviert. Seit 2002 ist Knobloch auch als Solokabarettist unterwegs (1. Jurypreis Hirschwanger Wuchtl, Österreich 2003). Seit 2008 lebt er mit seiner italienischen Lebensgefährtin vorwiegend in der Toskana.
Autoren/Hrsg.
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November 2005
sagte Franca und deutete auf den gedeckten Tisch.
Das war einfach zu verstehen: ich solle mich setzen, denn die Nudeln seien fertig. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich war den ganzen Tag mit dem Auto unterwegs gewesen und hatte am Morgen nicht einmal richtig gefrühstückt.
Sonst verstand ich kaum die Hälfte von dem was die alte Dame da alles auf mich einpalaverte. Ich hatte kapiert, dass sie Angela Merkel, die erst vor wenigen Wochen zur Bundeskanzlerin gewählt worden war, toll fand, und dass Signora Merkel überhaupt eine mache.
Ob Frau Merkel denn verheiratet sei, wollte sie wissen, die Frage brannte ihr ganz offensichtlich auf den Nägeln. Klaro, antwortete ich, meinte natürlich Che bello, rief sie darauf erfreut und fragte, wie er denn aussehe, der Herr Merkel, der ja eigentlich Herr Sauer heißt. Er sei ein stattlicher signore mit einem barba, antwortete ich und spürte tatsächlich so etwas wie – das muss man sich mal vorstellen – Stolz auf unseren First Man. Was Herr Merkel, der ja eigentlich Herr Sauer heißt, beruflich mache, fragte sie, worauf ich antwortete, dass er ein sei. rief sie begeistert und wollte gleich wissen, ob sie Kinder hätten. Nein, antwortete ich, worauf ihr Stimmungsbarometer wieder auf normale Werte sank. Aber es sei doch hoffentlich eine harmonische Ehe, fragte sie besorgt, wo doch Frau Merkel immer so viel unterwegs sein müsse, worauf ich sinngemäß sagte, dass sich dies meiner Kenntnis entziehe ...
Mein lieber Mann, es mag ja polyglotte Franzosen geben, alkoholabstinente Russen, ausgeflippte Schweizer und ausländerfreundliche Sachsen, aber es gibt anscheinend keine schweigsame Italienerin.
Ich hatte einen zweiwöchigen Sprachkurs in der Toskana mit Unterkunft bei einer italienischen Familie gebucht und ein bisschen Bammel davor gehabt, mich einfach so in das Leben fremder Menschen, deren Sprache ich zudem kaum spreche, zu begeben. Wirklich putzige Sorgen hatte ich damals noch, aber selbst die wurden von Francas epischem Redeschwall regelrecht hinweg gespült.
Nein, das ließ sich alles sehr gut an. Francas Redseligkeit war zwar ein bisschen anstrengend, aber gut für mein Italienisch, und deswegen war ich ja schließlich hier. Außerdem wollte ich ein paar private Studien betreiben, wollte zum Beispiel herausfinden, wie dieses Volk im Alltag, abseits von Strandliege und Luftmatratze, so tickt. Völkerkunde in Berluskonistan gewissermaßen, aber rein hobbymäßig versteht sich.
Aber der Reihe nach. Ich war mithilfe eines Stadtplans und ein paar Mal nachfragen vor zwanzig Minuten im ersten Stock eines Altbaus direkt an der Piazza von San Giovanni gelandet.
San Giovanni Valdarno, ein Städtchen in der Toskana mit siebzehntausend Einwohnern, vierzig Kilometer südlich von Florenz im – wie der Name »Valdarno« sagt – Arnotal gelegen.
Meine Unterkunft befand sich mitten im centro storico, in der Altstadt. Das war schon mal gut. Die Wohnküche, ein großer, hoher Raum mit Toskana-typischer Ziegeldecke und offenem Gebälk, betrat man direkt vom Treppenhaus aus. Es war das Herzstück der Wohnung, eingerichtet mit Jugendstilmöbeln und einem großen, prallgefüllten Bücherregal, deren zahlreiche Lexika – so sie nicht rein dekorativen Zwecken dienten – auf gebildete Bewohner schließen ließen. Ein Torbogen führte zu den anderen Räumen. Direkt vor dem Esstisch lief, auf einer Kommode postiert, der Fernseher.
»Meine Familie« bestand, wie sich herausstellte, nur aus Franca, einer alleinstehenden Frau, die ich auf Ende sechzig schätzte. Sie war eine schlanke, drahtige Dame, die zwar auf den ersten Blick mit ihren weißen, nach hinten geknoteten Haaren und ihrer Kittelschürze großmütterlich wirkte, dieses Bild aber mit modernen, weinroten Nike-Turnschuhen apart konterkarierte. Trotz ihres Alters bewegte sie sich erstaunlich behände und wurde sogar temperamentvoll jugendlich, sobald sie ihre Reden gestisch untermalte.
An den Wänden hingen gerahmte Schwarzweißfotos ihres verstorbenen Ehemannes, sowie eine ganze Reihe von Bildern, die ihre Tochter in verschiedenen Altersabschnitten zeigten.
Francas Kommunikationsfreudigkeit war gleich mal ein erster Härtetest für mein wackliges Italienisch. Sie kommentierte alles: das Wetter, die Weltpolitik und vor allem das laufende Fernsehprogramm.
Und der Fernseher lief immer.
»Deutschland ist ein schönes Land ...«, sagte sie, während sie einen großen Topf mit und einer Zucchini-Pomodorini-Soße auf den Tisch stellte. »Das schöne Bayern, die Alpen, die Schlösser. Vor zwei Jahren habe ich an einer Busreise teilgenommen, Romantische Straße.«
»Romantische Straße« kostete sie einige Mühe, das »st« sprach sie in plattdeutscher Manier, also buchstäblich aus.
»Die Reise ging von Neuschwanstein ...«, noch so ein Zungenbrecher, »... nach über Dinkelbul...«, Dinkelsbühl, eine Gemeinheit für eine italienische Zunge, »... und Rothenburg. Es war wundervoll.
Sie setzte sich mit an den Tisch, verspürte aber offenbar keinen großen Appetit, denn sie redete unentwegt weiter. Nach ein paar Anstandssekunden hielt ich es nicht mehr länger aus und fing schon mal zu essen an. – Die Nudeln schmeckten köstlich.
»Wir hatten hier im Sommer einen Europatag. Jedes Land hatte auf unserer Piazza seinen eigenen Stand, und rate mal, welcher Stand am beliebtesten war?«
»Mmpf?«
»Der deutsche Stand! Besonders unsere Jugend hatte ihn bis spät in die Nacht belagert, und ihr habt ja auch wirklich feine Sachen ...«, sie nahm die Gabel in die rechte Hand und begann bei angelegtem Ellbogen mit dem Essbesteck Luftkreise zu zeichnen, »das gute Bier, die das dann das gute Schwarzbrot, das es ja bei uns leider überhaupt nicht zu kaufen gibt, und der köstliche Apfelstrudel ...«
»Mmpf, brachte ich gerade noch heraus.
»Ach der kommt aus Österreich? Egal, ist ja sowieso dasselbe ...«
»Mmmpfff!!!!«
»Deutschland ist wirklich ein tolles Land. Und dann das Oktoberfest! Warst du schon mal auf dem Oktoberfest?«
Ich nickte.
»Schmeckt es dir?«
Ich nickte.
weißt du, was ich heute im Fernsehen gesehen habe?«
Ich zuckte mit den Schultern.
»Die neurenovierte Frauenkirche in Dresden. Die habt ihr wirklich toll wiederaufgebaut!« Sie legte die Gabel wieder beiseite und bildete mit Daumen und Zeigefinger ein »o«, Und Frau Merkel war übrigens auch da«, strahlte sie. »Sie machte wie immer eine
Du lieber Gott, wenn ich ihr erzählen würde, was sich unsere Angela in ihrer Heimat schon alles wegen ihrer »bella figura« von totwitzigen Kabarettisten anhören musste ...
Franca nahm ihre Gabel wieder in die Hand, und ich dachte, es sei nun an der Zeit, auch mal was zur Unterhaltung beizusteuern, was aber arg wenig wertvoll geriet:
»Aber Berlusconi macht doch auch eine oder nicht?«
Franca ließ die Gabel sinken und sah mich entgeistert an: (bist du verrückt)?«
Sie legte die Gabel beiseite und formte ihre Hand zu einem Ei, indem sie die Fingerspitzen zusammenpresste. Da war er, der C-Dur-Akkord der italienischen Gestiktonleiter, kleine Kinder lernen ihn noch vor dem Sprechen. Sie schüttelte den Unterarm heftig auf und ab: »Willst du mich veralbern? Berlusconi mit zu vergleichen? (was redest du)?«
Sie öffnete die rechte Hand, als lasse sie eine Taube fliegen. »Berlusconi ist ein Hallodri, ein Betrüger, Berlusconi und Merkel, das sind doch Welten ...«
Sie schüttelte den Kopf, griff wieder zur Gabel und schien sich zu fragen, was für einen Idioten man ihr da nur diesmal ins Haus geschickt hatte. Dabei war ich doch nur neugierig. Silvio hatte in Deutschland eine derart verheerende Presse, da wollte ich einfach herausfinden, wo in diesem doch scheinbar zivilisierten Land seine Wähler steckten.
»Aber wer war denn in der italienischen Politik noch kein hielt ich dagegen, so schnell ließ ich mich nicht unterkriegen. »Andreotti vielleicht?«
Sie wackelte mit dem Kopf. »Auch wieder richtig, im Grunde sind sie alle mafiosi!«
Offenbar hatte sie keine große Lust, das Thema Politik weiter zu vertiefen, denn sie schwieg und fing nun tatsächlich zu essen an. Mein erster Versuch, in die Abgründe der italienischen Politik einzudringen, wurde abgeschmettert. Ich würde dranbleiben.
Ihr Schweigen gab mir die Möglichkeit, meine Aufmerksamkeit den Abendnachrichten des staatlichen Senders RAI zu widmen, womit wir gleich wieder beim Thema waren, denn als Toppnachricht kam gerade ein Bericht über die aktuelle Regierungskrise. Eben genannter Berlusconi war nicht mehr, beziehungsweise noch nicht wieder Ministerpräsident und setzte dem Zwischendurchregierungschef Prodi und seiner mühsam zusammengehaltenen Linkskoalition mächtig zu. Schwarze Limousinen fuhren vor, und Politiker gaben vor Mikrofonwäldern wichtige Statements ab.
Die Tatsache, dass sich ihre Regierung in einer dramatischen Krise befand, stieß bei Franca auf totale...




