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E-Book

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

Knipp Die neuen Demagogen

Putin, Trump und die Kultur des Ressentiments
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-910732-96-4
Verlag: Dittrich Verlag ein Imprint der Velbrück GmbH Bücher und Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Putin, Trump und die Kultur des Ressentiments

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

ISBN: 978-3-910732-96-4
Verlag: Dittrich Verlag ein Imprint der Velbrück GmbH Bücher und Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Was vor Kurzem noch unvorstellbar war, scheint nun Realität geworden zu sein: Die Grundlagen der aufgeklärten Gesellschaft geraten zunehmend ins Wanken. Der gegenwärtige Populismus dominiert den politischen Diskurs - er ist geprägt von »fake news«, Aggressivität und Kompromissverweigerung. Protest- und Streitkultur und der kritische Diskurs haben es nicht mehr leicht im demokratischen Westen, sie werden zerrieben im Sog persönlicher Befi ndlichkeiten, unsubstantiierter Meinungen und einer Shitstorm-Mentalität. Und über allem thronen die neuen Demagogen, die dies zu ihrem Vorteil zu nutzen wissen. Die Demokratie gerät zunehmend unter Druck. Droht sie gar an ihr Ende zu kommen? Eindrücklich analysiert der Essayist und Journalist Kersten Knipp die gegenwärtigen Entwicklungen. Er misstraut Patentrezepten, zeigt aber Wege auf, wie die demokratische Zivil gesellschaft (noch) eine Chance hat.

Kersten Knipp ist Publizist und Journalist. Für die Deutsche Welle verfolgt er die politische Entwicklung der arabischen Welt. Zudem arbeitet er für die Radiosender der ARD, insbesondere den WDR. In seinen Büchern beschäftigt er sich mit der Kulturgeschichte der romanischen Länder. Bei Dittrich zuletzt erschienen: Die Kommune der Faschisten. Gabriele D'Annunzio und die Republik von Fiume (2025)
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1. Einleitung.
Abschied vom Westen, wie wir ihn kannten S. 7
2. Die Stadt, der Müll und der Zorn S. 17
3. The Great Depression S. 40
4. Wahrheitsdämmerung S. 68
5. Faschismus, made in USA? S. 92
6. Putin, die Propaganda und der Krieg S. 114
7. Deutschland im Visier S. 133
8. »Kriegslüstern« I: Deutsche Naivitäten S. 150
9. »Kriegslüstern« II: Das große Raunen S. 164
10. Anmerkungen S. 181


1. Einleitung.
Abschied vom Westen, wie wir ihn kannten


»Rage, rage against the dying of the light

Dylan Thomas, Do not go gentle into that good night

Kein Tag wohl wie der 11. September 2001, als dschihadistische Terroristen in den USA zeitgleich mehrere Flugzeuge entführten, in gewaltige Geschosse verwandelten und mit ihnen furchtbare Massaker anrichteten – besonders grausam, besonders spektakulär in New York, wo sie sie in das World Trade Center rasen ließen, die beiden Türme im Abstand weniger Minuten zum Einsturz brachten und allein dort knapp 3.000 Menschen ermordeten. Der Angriff war, was er auch sein sollte: ein Spektakel, erzeugt von Bildern, deren Wucht ihresgleichen suchte. Über Tage gingen sie um die Welt und erzeugten erstmals vielleicht einen gemeinsamen globalen Eindruck, einen gemeinsamen globalen Moment, von dem sehr viele Menschen sagen, sie könnten sich an ihn erinnern, verbänden mit ihm die Erinnerung auch an die persönlichen Erlebnisse jenes Tages, die ihnen auch nach Jahren noch im Kopf waren.

Es gibt nicht viele Ereignisse von solcher Wucht. Die Anfänge und Enden von Kriegen mögen dazu gehören, generell politische Gewalt, wohl auch große Naturkatastrophen. Aber aufgrund seiner medialen Präsenz war der 11. September 2001 vielleicht das herausragende Globalereignis überhaupt. Doch einige andere Ereignisse reichen zumindest an ihn heran. Dazu dürfte der 24. Februar 2022 gehören, der Tag des russischen Überfalls auf die Ukraine. Die mit ihm verbundenen Bilder wie von dem riesigen russischen Militäraufzug in den Tagen zuvor, angeblich nur ein Manöver, haben sich ebenfalls vielen Menschen eingebrannt. Diese Bilder und das, wofür sie standen, bündelten sich im Deutschen alsbald in einem bekannten, nun aber dramatisch nochmals aufgeladenen Wort: »Zeitenwende«.

Erheblich weniger spektakulär kam im Frühjahr 2025, ebenfalls Ende Februar, ein weiteres Ereignis daher: die Unterredung zwischen dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und US-Präsident Donald Trump sowie dessen Vize J.D. Vance. Auf den ersten Blick wirkte sie wie ein Routine-Gespräch: unauffällig, kaum mehr als eine gemeinsame Pressekonferenz. Erst auf den zweiten Blick stellte sich aber heraus, dass nichts an dieser Unterredung Routine war: weder das Setting, noch die Atmosphäre, noch die Argumentation des US-Präsidenten und seines Vizes. Die beiden stellten Selenskyj als Hauptverantwortlichen für den Krieg dar. »Sie spielen Karten. Sie setzen das Leben von Millionen Menschen aufs Spiel. Sie riskieren einen Dritten Weltkrieg«, blaffte Trump seinen Gast an. Kein Wort hingegen zu dem Aggressor, zu Putin. Trump und Vance sahen in dem ukrainischen Präsidenten und nicht in Putin das Haupthindernis für Frieden, zumindest taten sie so.1 Laut und erregt redeten sie auf Selenskyj ein, fragten ihn, ob er sich jemals für die Waffenlieferungen der USA bedankt hätte. Selenskyj bejahte, aber schon nahm das Gespräch eine andere Wendung. Vance bezichtigte Selenskyj der Propaganda, die er nun, in diesem Moment, aus dem Weißen Haus heraus, den amerikanischen Bürgern aufzudrängen versuche. »Sie spielen mit dem dritten Weltkrieg«, herrschte Trump ihn an, um kurz darauf den für ihn zentralen Punkt zu nennen, nämlich den Eindruck, den das bizarre Gespräch auf die Öffentlichkeit mache, jedenfalls machen soll: »Ich denke, es ist gut für das amerikanische Volk zu sehen, was vor sich geht«, sagte Trump. »Ich denke, es ist sehr wichtig. Deshalb habe ich das [die Pressekonferenz] so lange weitergeführt. Man muss dankbar sein.« Kurz darauf zog Trump eine ganz eigene Bilanz: »This is going to be great television. I will say that

Auch diese Rede hat sich eingebrannt. Denn auch sie markiert einen entscheidenden Moment mit gleich mehreren Implikationen. Zum einen eine Verdrehung der Tatsachen: Es war Selenskyj, der in diesem Augenblick mit einem Mal als wesentliche Gefahr für den Weltfrieden dastand, eine postfaktische, genauer: kontra-faktische Darstellung ersten Ranges. Und damit einhergehend die unverkennbare Distanzierung der USA zu Europa, ihrem über Jahrzehnte wichtigsten Verbündeten. Sicher, die Differenzen hatten sich zuvor bereits angekündigt, in den bereits seit Jahren anhaltenden Diskussionen über den finanziellen Beitrag der Europäer zur Finanzierung der NATO, ein Beitrag, der längst hätte höher ausfallen können und müssen. Doch an diesem Tag zeigte sich in aller Deutlichkeit der Riss, der durch dieses Verhältnis ging – ein Verhältnis, auf dem so unendlich viel gründete, allem voran Stabilität, Frieden und Sicherheit in Europa seit 80 Jahren (die Gewalt im ehemaligen Jugoslawien nicht mitgerechnet). Die USA, eine Ordnungsmacht im Großen, und Europa, eine Ordnungsmacht im Kleinen: Zusammen hatten sie viel erreicht seit 1945, vielleicht – gelegentlich – auch darüber hinaus. Doch diese Zeit schien vorbei an jenem 28. Februar 2025. Von einer zweiten »Zeitenwende« war fortan die Rede, auf dem Umstand gründend, dass Europa fortan ganz wesentlich selbst für seine Sicherheit würde sorgen müssen. »Der Westen, wie wir ihn kannten, ist weg«, stellte der Historiker Norbert Frei trocken fest.2 Was das heißt, umriss Heinrich August Winkler, ebenfalls Historiker. Nichts, deutete er an, wird fortan mehr so sein, wie es war. Alles habe sich geändert, wir müssten lernen, die Dinge gänzlich neu zu sehen, denn: »Das Jahr 2025 dürfte zur tiefsten Zäsur der Weltgeschichte seit dem Untergang des Sowjetimperiums in den Jahren 1989 bis 1991, ja vermutlich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren werden«.3 Die Diagnose deutet nicht nur einen politischen Bruch an, sondern auch eine erhebliche intellektuelle und psychische Zumutung. Denn fortan müssen sich die Europäer – müssen wir – uns massiv umstellen, müssen zumindest in Teilen politisch Abschied nehmen von einem Land, dem wir uns seit 1941, als die USA in den Zweiten Weltkrieg eintraten und so ganz wesentlich zum Sieg über Nazi-Deutschland beitrugen, auf das Engste verbunden fühlten. Das taten die USA unter höchsten Verlusten: Gut 400.000 US-Soldaten starben in diesem Krieg.4 Die Verbundenheit wuchs vor allem aber nach Kriegsende, auch auf Grundlage der mehr als freundlichen Gesten der Amerikaner. Wenn etwa die US-Soldaten – die »GIs«, wie sie voller Bewunderung für die fremde Sprache und fremde Kultur genannt wurden – Kaugummis und Schokolade unter der Zivilbevölkerung verteilten. Oder wenn sie 1948/49 mit den berühmten »Rosinenbombern« das westliche Berlin vor dem Fall in den sowjetischen Machtbereich bewahrten. Unvergessen auch andere Szenen: Etwa der Ruf von John F. Kennedy im Juni 1963 in die vor dem Schöneberger Rathaus versammelten Menge einige Monate nach Beginn des Mauerbaus. »Ich bin ein Berliner«, bekannte er. Die USA würden West-Berlin auch dieses Mal nicht der Sowjetunion überlassen – eine fast beiläufig geäußerte, aber sofort verstandene Garantie, die Ronald Reagan 25 Jahre später erweiterte, indem er die Freiheit auch des ostdeutschen Landesteiles forderte: »Mr. Gorbachev, open this gate«, rief er im Juni 1987 am Brandenburger Tor. »Mr. Gorbachev, tear down this wall

Den Willen, für den diese Worte stehen, müssen die Europäer fortan ganz wesentlich selbst aufbringen. Und das in einer Zeit, die dramatische Änderungen verzeichnet, außen- wie innenpolitisch. Beide Aspekte sind verknüpft mit einem Phänomen: dem Aufkommen populistischer, vor allem aber autokratischer Kräfte. Außenpolitisch ringt Europa insbesondere mit dem Regime im Kreml, verantwortlich für einen massiven Zivilisationsbruch, nämlich einen offenen Angriffskrieg. Europa hat das einzig Richtige getan: Es hat sich an die Seite der Ukraine gestellt und unterstützt sie militärisch. Doch Europa sieht sich nicht nur Russland gegenüber. Denn Russland seinerseits wird von Staaten unterstützt, die den Rechtsstaat ebenfalls mit Füßen treten und jegliche Opposition im Keim ersticken: Iran, Nordkorea, Belarus – sämtlich diktatorisch oder, in den Worten der Historikerin Anne Applebaum, »autokratisch« regierte Staaten. Die iranischen Drohnen, die nordkoreanischen Soldaten, die Verwandlung belarussischen Bodens in russisches Aufmarschgebiet: All dies verlieh Putins Krieg erst seine eigentliche Wucht. »Doch wenn Putin die Einigkeit der demokratischen Welt unterschätzt hatte, dann hatten die demokratischen Staaten die Dimension der Herausforderung unterschätzt. Wie die Oppositionellen in Venezuela oder Belarus mussten sie allmählich erkennen, dass sie in der Ukraine nicht nur gegen Russland kämpften. Sie kämpften gegen die Achse der Autokraten.«5, so Applebaum. Und mit der Ukraine, auch das ist eine der Thesen meines Essays, versucht Putin einen Staat zu zerschlagen, dessen – nun vorerst brutal gestoppter – Kurs Richtung Westen der russischen Bevölkerung zeigen könnte, dass ein anderes Leben – ein ökonomisch befriedigenderes und demokratisch wie rechtstaatlich unendlich weiter entwickeltes – durchaus möglich ist, jedenfalls dann, wenn Russland nicht von Autokraten wie Putin und seinen Helfern regiert würde. So verstanden, ist die Ukraine für die Russen ein Maßstab des Möglichen und damit eine Inspiration, ein Hinweis auf eine bessere Zukunft. Eben darum muss sie, wie Syrien, wie Tschetschenien, zerstört werden. »Russland, so könnte man sagen, ist dieser Sicht...


Kersten Knipp ist Publizist und Journalist. Für die Deutsche Welle verfolgt er die politische Entwicklung der arabischen Welt. Zudem arbeitet er für die Radiosender der ARD, insbesondere den WDR. In seinen Büchern beschäftigt er sich mit der Kulturgeschichte der romanischen Länder. Bei Dittrich zuletzt erschienen: Die Kommune der Faschisten. Gabriele D'Annunzio und die Republik von Fiume (2025)



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