E-Book, Deutsch, 266 Seiten
Reihe: Reclam Taschenbuch
Knipp Die Erfindung der Eleganz
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-15-962297-2
Verlag: Reclam Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Europa im 17. Jahrhundert und die Kunst des geselligen Lebens
E-Book, Deutsch, 266 Seiten
Reihe: Reclam Taschenbuch
ISBN: 978-3-15-962297-2
Verlag: Reclam Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kersten Knipp, geb. 1966, ist freier Journalist und Publizist. Zuletzt erschien sein Buch Paris unterm Hakenkreuz. Alltag im Ausnahmezustand.
Autoren/Hrsg.
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Einleitung: Europa, Erbe, Eleganz
»Kein vollständiges System, aber Bruchstücke, vielleicht nicht zu verwerfende Materialien, Stoff zu weiterem Nachdenken.«
Adolph Freiherr Knigge,
Es gehört zu den faszinierendsten Erfahrungen städtischen Lebens: das kunstvolle Flanieren auf Bürgersteigen und in Fußgängerzonen, jene beinahe artistische Gewandtheit, mit der Passanten einander ausweichen, indem sie ihr Umfeld weitläufig sondieren, Engpässe frühzeitig bemerken und sich minimal zur Seite drehen, einen Schritt nach links oder rechts tun, um eine kleine Kollision zu vermeiden. Man bewegt sich aufmerksam in der Öffentlichkeit, im Bewusstsein, dort nicht allein, sondern Teil eines größeren Ganzen zu sein. Dazu gehört, sich entsprechend zu verhalten, also Rücksicht aufeinander zu nehmen, einander anzuschauen, wortlose Absprachen für ein, zwei Sekunden zu treffen und so einander erfolgreich auszuweichen. Das kann per Blickkontakt geschehen oder auch ohne, in jedem Fall ist Kommunikation im Spiel, die Bereitschaft und Fähigkeit zur Verständigung. Nichts ist aber schöner als dieser kurze Blick, die stumm signalisierte Übereinkunft, die der Schrittfolge oft vorausgeht, der Beschleunigung, Verlangsamung oder dem kleinen Bogen, und die den kontaktlosen Gang durch die Menge überhaupt erst möglich macht. Dieser kleine Augen-Blick, dieser verschwindend kurze Moment, ist mehr als nur ein Akt der Koordination. Er ist Programm, Bekenntnis und Erbe, in ihm spiegeln sich die Spielregeln der Zivilisation. Es handelt sich um Grundsätze des Miteinanders, Reflex gewordenes Wissen um die Regeln angemessenen Verhaltens in Gesellschaft.
Zugleich ist dieser Blick ein Vergnügen. Nicht selten sendet er bei der Koordination ein weiteres Signal, nämlich das der Lust an urbanen Umgangsformen, der Freude an wortlos ausgetauschter Information, am reibungslosen Ablauf der Verständigung, am Sekundenbruchteile währenden Moment, über den sich Austausch und gegenseitiges Einverständnis strecken. Es liegt etwas Sportliches in dieser Begegnung, etwas Artistisches, das Teil der modernen Lebensform ist samt ihrer Neigung zu minimalen Gesten, von denen nicht wenig abhängt – in diesem Fall die wie von Zauberhand arrangierten Bewegungsabläufe der großen Menge, ihre fließend-glatten Wogen in den Straßen der Stadt, geboren aus dem Geist der Notwendigkeit – und aus der Lust an der Eleganz. Denn elegant ist es, dieses Einander-Ausweichen, die beinahe tänzerische Art des unfallfreien Fortkommens ohne jegliche Zusammenstöße, ohne jede Rempelei. Die Voraussetzungen dieses geschmeidigen Fortkommens sind keineswegs banal, und das Wissen darum spiegelt sich in dem kurzen Lächeln, das den koordinierenden Blick bisweilen begleitet. Das freundliche Nicken, der kurze Gruß vermittels kurz hochgezogener Augenbrauen enthält die Freude über das geteilte Repertoire, das gemeinsame Wissen um Normen und deren anhand minimaler Körperwendungen souverän demonstrierte Beherrschung gerade jetzt, in diesem Moment inmitten des urbanen Getümmels.
So zumindest verhielt es sich viele Jahre, nein, Jahrzehnte. Die urbane Gesellschaft entwarf ihre Spielregeln, die allermeisten verinnerlichten sie so sehr, dass sie die Spontanität von Reflexen hatten: Es handelte sich um antrainierte, anerzogene Verhaltensweisen, die so selbstverständlich und sicher umgesetzt wurden, dass sie weniger wie bewusst vollzogene Akte als wie beinahe natürliche Verhaltensweisen wirkten. Inzwischen sind diese Reflexe nicht mehr ganz so spontan und verständlich, zumindest nicht mehr so verbreitet wie früher. Es scheint, als ginge die Erinnerung an die urbanen Spielregeln verloren, als verflüchtige sich die Einsicht in deren Sinn. Jedenfalls geht es ein wenig holprig zu in den Straßen der Stadt, die Körper weichen einander nicht mehr so geschmeidig aus, so als schmelze die Wendigkeit dahin. Blicke treffen sich immer noch, aber weniger verlässlich und weniger häufig. Entsprechend steif bewegen sich die Körper, treiben aufeinander zu und kollidieren dann auch. Arm und Schulter erleben, wenn nicht einen festen Zusammenprall, so doch deutlich spürbare Berührungen.
Es scheint, als mische sich eine gewisse Weltvergessenheit in die urbane Intelligenz, als schwinde die Aufmerksamkeit für die Dinge im nächsten Umfeld. Die Blicke sind nicht selten dem Boden zugewandt, fern und unbestimmt, dem Umfeld entzogen, ein Spiegel weltvergessener Subjektivität. Oder die Gehenden sind ins Gespräch vertieft, während sich ihre Dreier- oder Viererkonstellation über den größten Teil des Gehwegs erstreckt, und sie weichen auch dann nicht aus, wenn es erkennbar eng wird. Ausweichen scheint immer Sache der anderen zu sein. Nicht, dass es böse gemeint ist. Dazu wirkt der leichte Zusammenprall allzu oft wie ein Stoß gegen ein träumend abwesendes Bewusstsein, eine tiefe – allzu tiefe – Subjektivität, die der Gegenwart auf geheimnisvolle Weise enthoben ist. Das leichte Aufschrecken oder auch die dem Aufprall oft nachgereichte Entschuldigung lassen keinen Zweifel daran: Es ist nicht böse gemeint. Und doch ist das der Gesellschaft entzogene Bewusstsein auf dem Gehweg ein Phänomen, das sich anderswo fortsetzt: im lauten Handygeplapper im Zugabteil, souverän die Mitreisenden ignorierend; im musikalischen Erlebnis an der Ladenkasse, gespeist vom digitalen Kopfhörer, das auch im Moment der Bezahlung durch Worte und Gestik kaum unterbrochen wird; in den erstaunlichen Positionen der nach dem Gebrauch zurückgelassenen E-Scooter, die quer auf dem Gehweg, in weitem Abstand zur Hausmauer daliegen wie von Fünfjährigen hingeworfen, so dass sie alle anderen zu Ausweichmanövern nötigen.
Es ist merkwürdig: Auf der einen Seite hat die Gesellschaft ihre Sensibilität enorm entwickelt und ihr Bewusstsein dafür geschärft, wie andere Menschen denken und empfinden – gerade in einer zusammenwachsenden Welt ist das eine unverzichtbare kulturelle Leistung. Immer mehr Menschen versuchen, den anderen zu verstehen, zu begreifen, was in ihm vorgeht, wie er empfindet und wie er die Welt deutet, insbesondere in Zeiten von Flucht und Migration. Kulturelle Unterschiede können Gesellschaften stark belasten, und in Zeiten, in denen Vorstellungen über das, was gut und richtig, schlecht und falsch ist, immer weiter auseinandergehen, kommt es sehr darauf an, die Motive des oder der jeweils anderen zur Kenntnis zu nehmen und sie nachzuvollziehen. So ist gerade in den multikulturellen Gesellschaften des Westens ein neuer kommunikativer Standard entstanden, der allen Beteiligten enorm viel abverlangt. Wenn immer weniger selbstverständlich wird, wenn Verhaltensweisen sich ändern und Lebensweisen teils deutlich auseinanderklaffen – dann kommt es umso mehr darauf an, einander zu verstehen oder es zumindest zu versuchen.
Voneinander verschieden sind Menschen nicht nur durch ihre Herkunft, ihre Sprachen, ihre Konfessionen und Gewohnheiten. Sie unterscheiden sich zudem durch das Geschlecht, und zwar recht genau im Verhältnis 50 zu 50. Rund die Hälfte der Menschen sind Frauen, die andere Hälfte Männer, einige verstehen sich weder als das eine noch das andere. Vor allem aber sind diese beiden Hälften gleichberechtigt, und das einzugestehen hat die westliche Gesellschaft als ganze nicht wenig Mühe gekostet: Der im vorletzten Jahrhundert begonnene Kampf um Gleichberechtigung ist immer noch nicht endgültig ausgefochten. Und obwohl wir uns immer mehr bemühen, möglichst alle Menschen in unsere Gesellschaft zu integrieren, gehen wir im Alltag oft rüde und wenig achtsam miteinander um.
Umso mehr kommt es auf Verständigung an, auf Aufmerksamkeit und den Willen, einander zu verstehen. Wer ist der Mensch mir gegenüber, was empfindet er, wie gehe ich am besten auf ihn ein? Und umgekehrt: Wie wird er auf mich zugehen? Gefragt ist eine Annäherung, eine Verständigung, die im Zweifel viel mehr bewirkt, als dass wir nur halbwegs erträglich, vielleicht sogar gut miteinander auskommen. Die Höflichkeit, die in Momenten der Begegnung so entscheidend ist, entstammt einem ganz anderen Register als die sonst üblichen Alltagszwänge. 1885 schrieb der französische Philosoph Henri Bergson (1859–1941): »Wie die Anmut trägt sie [die Höflichkeit] die Idee einer grenzenlosen Geschmeidigkeit; wie die Anmut setzt sie zwischen den Seelen eine flinke, bewegliche Sympathie in Bewegung; wie die Anmut schließlich enthebt sie uns aus einer Welt, in der das Wort an die Handlung und die Handlung an den Nutzen gebunden ist, in eine andere, ideale Welt, in der Worte und Bewegungen sich von der Frage nach ihrem Nutzen befreit haben und kein anderes Ziel haben als zu gefallen.«1
In der Höflichkeit zeigt sich der Mensch ganz anders als in jenen Momenten, in denen er selbstvergessen durch den Alltag trottet. Der höfliche Mensch ist ein Mensch voller Eleganz, ein Mensch auf der Höhe seiner Möglichkeiten, ästhetisch, aber auch und vor allem hinsichtlich seiner Intelligenz. »Können wir nicht sagen, dass diese Höflichkeit in ihren tausenden unterschiedlichen Aspekten, die gewisse Qualitäten des Herzens und viele Qualitäten des Geistes voraussetzt, der seinerseits in der völligen Freiheit der Intelligenz besteht – dass diese Höflichkeit also eine ideale ist und dass der strengste Kritiker Unrecht hätte, wollte er mehr oder Besseres verlangen?«
Bergson schrieb seine Zeilen als junger Mann in einer Zeit, in der die Spielregeln der Höflichkeit ihren festen Rahmen verloren oder, positiver formuliert: das enge Korsett früherer Zeiten gesprengt hatten. Höflichkeit stand zu Bergsons Zeit...




