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E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Knight Deadline

Roman - Jetzt als Serie „Disclaimer“ verfilmt mit Cate Blanchett und Kevin Kline
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-15918-4
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman - Jetzt als Serie „Disclaimer“ verfilmt mit Cate Blanchett und Kevin Kline

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-641-15918-4
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Jetzt unter dem Titel „Disclaimer“ als Serie verfilmt mit Cate Blanchett und Kevin Kline

Diesen einen Tag vor zwanzig Jahren wird Catherine nie vergessen. Was damals geschah, sollte für immer ein Geheimnis bleiben, bis zum Ende ihres Lebens. Doch dann hält sie plötzlich diesen Roman in den Händen, in dem ihre geheime Geschichte bis ins Detail erzählt wird. Bestürzt blättert sie eine Seite nach der anderen um. Wer kann so genau von den damaligen Ereignissen wissen, und was will der mysteriöse Verfasser des Buches von ihr? Als sie die letzte Seite aufschlägt, findet sie die grausame Antwort: Die Geschichte endet mit ihrem gewaltsamen Tod. Catherine gerät in Panik – und das ist genau das, was Stephen Brigstocke gewollt hat. Er kennt Catherine nicht, aber er weiß von ihrem Geheimnis. Und er hat sich geschworen – sie soll büßen für das, was sie getan hat, bis zu ihrem letzten Atemzug …

Renée Knight hat Dokumentationen für die BBC produziert, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Ihre Fernseh- und Filmdrehbücher wurden von der BBC, Channel Four und Capital Films erworben. Sie absolvierte den renommierten Schreibkurs der Faber Academy und legt mit »Deadline« ihren ersten Roman vor. Renée Knight lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in London.
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4

Zwei Jahre zuvor

Sieben Jahre waren seit Nancys Tod vergangen, und immer noch hatte ich mich nicht dazu aufraffen können, ihre Sachen auszusortieren. Ihre Kleider hingen im Schrank. Ihre Schuhe standen noch da, ihre Handtaschen. Sie hatte winzige Füße. Größe 35. Ihre Papiere, ihre Briefe lagen noch auf dem Schreibtisch und in den Schubladen. Ich mochte es, wenn ich zufällig etwas von ihr fand. Ich nahm gerne ihre Briefe zur Hand, selbst wenn sie von British Gas waren. Es gefiel mir, ihren Namen und unsere gemeinsame Adresse schwarz auf weiß auf offiziellen Schreiben zu sehen. Doch nach meiner Pensionierung hatte ich keine Ausrede mehr. Pack’s endlich an, Stephen, hätte sie gesagt. Also packte ich es an.

Ich fing mit ihren Kleidern an. Ich nahm sie von den Bügeln und aus den Schubladen und legte sie auf dem Bett zurecht, um sie später aus dem Haus zu schaffen. So, das war’s, dachte ich. Doch dann fiel mein Blick auf eine Strickjacke, die vom Bügel gerutscht war und sich in einer Ecke des Kleiderschranks versteckte. Sie hat die Farbe von Heidekraut. Eigentlich sind es viele verschiedene Farben: blau, rosa, lila, grau – aber der Effekt ist der von Heidekraut. Wir hatten sie in Schottland gekauft, als wir noch nicht verheiratet waren. Nancy hat sie immer wie ein Umhängetuch getragen, sodass die leeren Ärmel schlaff an ihren Seiten baumelten. Ich habe sie behalten – ich halte sie in diesem Moment in der Hand. Es ist Kaschmirwolle. Die Motten waren dran, und am Ärmelaufschlag ist ein Loch, durch das ich meinen kleinen Finger stecken kann. Sie hat sie mehr als vierzig Jahre lang behalten. Die Jacke hat sie überlebt, und ich vermute, dass sie auch mich überleben wird. Wenn ich weiter schrumpfe, was zweifellos der Fall sein wird, dann wird sie mir vielleicht irgendwann passen.

Ich weiß noch, dass Nancy sie oft umgelegt hat, wenn sie mitten in der Nacht aufstehen musste, um Jonathan zu stillen. Ich sehe sie vor mir, ihr Nachthemd aufgeknöpft, Jonathans winziges Mündchen an ihrer Brustwarze, diese Strickjacke um die Schultern gelegt, um sich warm zu halten. Wenn sie sah, dass ich sie vom Bett aus beobachtete, lächelte sie, und dann stand ich auf und kochte Tee für uns beide. Sie gab sich immer Mühe, mich nicht zu wecken – sie sagte, sie wolle, dass ich meinen Schlaf bekäme, und es mache ihr nichts aus aufzustehen.

Sie war glücklich. Wir waren beide glücklich. Es war die Freude über das unerwartete Geschenk eines Kindes in einem Alter, in dem wir fast schon jede Hoffnung aufgegeben hatten. Da gab es keine kleinlichen Diskussionen darum, wer aufstehen sollte oder wer wem den Schlaf raubte. Ich will nicht behaupten, dass es fifty-fifty war. Ich hätte mehr getan, aber die Wahrheit ist, dass Jonathan Nancy am meisten brauchte, mehr als mich.

Schon vor diesen mitternächtlichen Gelagen war diese Strickjacke eines ihrer Lieblingsteile. Sie trug sie beim Schreiben – über einem Sommerkleid, über einer Bluse, über ihrem Nachthemd. Wenn ich von meinem Schreibtisch zu ihrem hinüberschaute, sah ich sie auf ihre Schreibmaschine einhämmern, dass die schlaffen Ärmel an ihrer Seite zitterten. Ja, bevor wir Lehrer wurden, waren Nancy und ich beide Schriftsteller. Nancy hörte bald nach Jonathans Geburt damit auf. Sie sagte, sie habe den Geschmack daran verloren, und als Jonathan in die Vorschule kam, beschloss sie, dort als Lehrerin anzufangen. Aber ich wiederhole mich.

Weder Nancy noch ich waren sonderlich erfolgreich als Schriftsteller, auch wenn wir hie und da einmal eine Story unterbringen konnten. Alles in allem würde ich sagen, dass Nancy mehr Erfolg hatte als ich, und doch war sie es, die darauf bestand, dass ich weitermachte, nachdem sie es aufgegeben hatte. Sie glaubte an mich. Sie war sich so sicher, dass es eines Tages passieren würde, dass ich irgendwann meinen Durchbruch erleben würde. Nun ja, vielleicht hatte sie ja recht. Es war immer schon Nancys Vertrauen in mich, das mich angetrieben hat. Allerdings war sie die bessere Schriftstellerin. Das war mir immer bewusst, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollte. Sie unterstützte mich jahrelang, während ich ein Wort nach dem anderen, ein Kapitel nach dem anderen hervorbrachte, sogar ein oder zwei Bücher. Alle abgelehnt. Bis sie Gott sei Dank eines Tages endlich begriff, dass ich nicht mehr schreiben wollte. Ich hatte es satt. Es fühlte sich einfach nicht richtig an. Es kostete mich einige Mühe, sie davon zu überzeugen, dass es wirklich eine Erleichterung für mich war aufzuhören. Aber ich meinte es ernst. Es war eine Erleichterung. Ich habe nämlich immer schon lieber gelesen als geschrieben. Ein Schriftsteller, ein guter Schriftsteller, muss vor allem Courage haben. Man muss bereit sein, sich zu exponieren. Das verlangt Mut, und ich war immer schon ein Feigling. Nancy war die Mutige von uns beiden. Und das war der Beginn meiner Laufbahn als Lehrer.

Es brauchte allerdings Mut, die Sachen meiner Frau auszuräumen. Ich faltete ihre Kleider zusammen und stopfte sie in Einkaufstaschen. Ihre Schuhe und Handtaschen legte ich in alte Weinkisten. Wer hätte damals, als der Wein ins Haus kam, geahnt, dass die Kisten, in denen er verpackt war, es eines Tages mit den Sachen meiner toten Frau wieder verlassen würden? Ich brauchte eine Woche, um alles zu verpacken, und noch länger, um es aus dem Haus zu schaffen.

Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, alles auf einmal loszulassen, und verteilte es deshalb auf mehrere Gänge zum Sozialladen. Dabei lernte ich die zwei Frauen im All Aboard recht gut kennen. Ich erzählte ihnen, dass die Kleider meiner Frau gehört hatten, und danach unterbrachen sie jedes Mal ihre Arbeit, wenn ich in den Laden kam, und nahmen sich Zeit für mich. Wenn ich zufällig während ihrer Kaffeepause vorbeischaute, machten sie auch eine Tasse für mich. Bald fühlte ich mich auf eigenartige Weise getröstet in diesem Laden voller Habseligkeiten von Toten.

Ich hatte Sorge, dass ich, wenn ich mit dem Ausräumen von Nancys Sachen fertig wäre, wieder in die Lethargie verfallen würde, die mich seit meiner Pensionierung gelähmt hatte, doch es kam anders. So traurig es war, wusste ich doch, dass ich etwas getan hatte, was Nancy gutheißen würde, und ich fasste einen Entschluss: In Zukunft würde ich mir alle Mühe geben, mich so zu verhalten, dass Nancy, wenn sie plötzlich ins Zimmer träte, Liebe für mich empfinden würde und nicht Scham. Sie würde meine Lektorin sein, die unsichtbar im Hintergrund wirkte, objektiv blieb und dabei immer nur mein Bestes wollte.

Eines Morgens, nicht lange nach dieser Entrümpelungsphase, war ich auf dem Weg zur U-Bahn. Ich war voller Tatendrang erwacht: Ich war aufgestanden, hatte mich gewaschen, rasiert und angezogen, hatte gefrühstückt und war um neun Uhr schon ausgehfertig. Ich war guter Laune und freute mich auf den Tag, den ich in der British Library verbringen wollte. Ich hatte darüber nachgedacht, wieder zu schreiben. Keinen Roman diesmal, sondern etwas Handfesteres, ein Sachbuch. Nancy und ich hatten ein paarmal an der Küste von East Anglia Urlaub gemacht, und eines Sommers mieteten wir einen Martello-Turm, einen jener runden Befestigungstürme aus der Zeit der napoleonischen Kriege. Ich hatte schon immer mehr über diesen Ort in Erfahrung bringen wollen, aber alle Bücher zum Thema, die ich finden konnte, waren so furchtbar trocken und blutleer. Auch Nancy hatte mehrmals versucht, etwas zu finden, was sie mir zum Geburtstag schenken könnte, aber alles, was sie auftreiben konnte, waren öde Wälzer voll mit Daten und Statistiken. Wie dem auch sei, ich beschloss, dass dies mein neues Projekt werden sollte: Ich würde diesen wunderbaren Ort zum Leben erwecken. Diese Mauern hatten sich im Lauf von Jahrhunderten mit dem Atem anderer Menschen vollgesogen, und ich war entschlossen herauszufinden, wer alles zwischen damals und heute Zeit in dem Turm verbracht hatte. Und so hatte ich an jenem Morgen geradezu beschwingt das Haus verlassen.

Und dann hatte ich eine Geistererscheinung.

Ich konnte sie nicht deutlich sehen, es waren andere Leute zwischen uns. Eine Frau mit einem Kinderwagen, zwei Jugendliche, die gemächlich dahinschlenderten und rauchten. Und doch wusste ich, dass sie es war. Ich hätte sie überall erkannt. Sie ging schnell und zielstrebig, und ich versuchte, mit ihr Schritt zu halten, doch sie war jünger als ich, mit kräftigeren Beinen, und mein Herz raste von der Anstrengung, sodass ich mich gezwungen sah, einen Moment stehen zu bleiben. Der Abstand zwischen uns wuchs, und als ich mich endlich wieder aufraffen konnte, war sie schon in der U-Bahn-Station verschwunden. Ich eilte hinterher, zwängte mich unbeholfen durch die Schranke und fürchtete schon, sie würde in einen Zug steigen und mich endgültig abhängen. Die Treppe war steil, zu steil, und ich hatte Angst, ich könnte stürzen in meiner Eile, sie noch auf dem Bahnsteig einzuholen. Ich hielt mich am Geländer fest und verfluchte meine Gebrechlichkeit.

Sie war noch da. Ich lächelte, als ich auf sie zuging. Ich dachte, sie habe auf mich gewartet. Da drehte sie sich um und sah mir direkt ins Gesicht.

Mein Lächeln wurde nicht erwidert. Ihre Miene war besorgt, vielleicht gar ängstlich. Natürlich war es kein Geist. Es war eine junge Frau von vielleicht dreißig Jahren. Sie trug Nancys Mantel, den Mantel, den ich in den Sozialladen gebracht hatte. Sie hatte die gleiche Haarfarbe wie Nancy in diesem Alter. Oder zumindest hatte ich das so wahrgenommen. Als ich näher kam, sah ich, dass die Frau ganz und gar nicht die gleiche Haarfarbe hatte wie Nancy. Braun, ja, aber nicht echt. Ein mattes, stumpfes, totes Braun. Es hatte nicht die kräftige, lebhafte Tönung...


Knight, Renée
Renée Knight hat Dokumentationen für die BBC produziert, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Ihre Fernseh- und Filmdrehbücher wurden von der BBC, Channel Four und Capital Films erworben. Sie absolvierte den renommierten Schreibkurs der Faber Academy und legt mit »Deadline« ihren ersten Roman vor. Renée Knight lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in London.



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