E-Book, Deutsch, Band 7, 64 Seiten
Reihe: Mythor
Kneifel Mythor 7: Die Peststadt
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8453-9759-7
Verlag: Perry Rhodan digital
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, Band 7, 64 Seiten
Reihe: Mythor
ISBN: 978-3-8453-9759-7
Verlag: Perry Rhodan digital
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Die Mächte der Finsternis, die einst die Welt beherrschten, bis sie vom Lichtboten zurückgedrängt wurden, sind wieder auf dem Vormarsch. Nachdem der Lichtbote die Welt wieder sich selbst überlassen hatte, begannen die Kräfte des Bösen, die sich nach ihrer entscheidenden Niederlage in die Dunkelzone geflüchtet hatten, wieder zu erstarken. Inzwischen greifen sie aus der Dunkelzone, einem Ring kosmischer Trümmer, der die Welt umgibt und in eine Nord- und eine Südhälfte teilt, wieder an und beeinflussen bereits weite Teile der nördlichen Länder und deren Bewohner. Das gilt besonders für die Caer, ein Kriegsvolk, das im Auftrag der dunklen Mächte einen Eroberungsfeldzug beginnt und seine Nachbarn mit Feuer und Schwert heimsucht. Mit den Caer, denen er bereits vor Elvinon begegnete, bekommt Mythor, der junge Streiter für die Sache der Lichtwelt, es nun abermals zu tun. Mythor, dem es gelungen ist, Alton, das legendäre Gläserne Schwert, an sich zu bringen, hat nach dem Untergang der Lichtburg einen beschwerlichen und gefährlichen Marsch durch ein unterirdisches Reich der Schrecken angetreten. Er und seine Gefährten ahnen noch nicht, dass am Ende ihres Marsches Nyrngor steht - Nyrngor, DIE PESTSTADT ...
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2.
Ein letztes Mal wandte er den Kopf und warf einen langen Blick hinüber nach Nyrngor. Hunderte von Fackeln, Lampen und kleinen Feuern säumten ein Drittel des Horizonts. Die wuchtigen Mauern, auf deren Kronen die Lichtpunkte der Fackeln hin und her wanderten, spiegelten sich im Wasser vor dem Hafen. Nur auf wenigen der dreiundsechzig Caer-Schiffe gab es Bewegungen und Lichter.
Coerl O'Marn hob das Visier des Helmes hoch. Der Rand des Schildes schlug klirrend gegen einen Teil der schweren Rüstung. Unter den zerzausten Adlerfedern kam ein braunes, hartes Gesicht zum Vorschein, mit kalten Augen unter grauen buschigen Brauen.
»Bringt Chelm!«, sagte er in die Finsternis zu seiner Rechten.
Als Antwort ertönte hinter den Teilen einer Belagerungsmaschine das dumpfe Wiehern seines Pferdes.
»In zwei oder drei Tagen wird Nyrngor gefallen sein«, sagte der gepanzerte Krieger. Er wusste, dass es so sein würde. Er war in ganz Tainnia gefürchtet, weil es stimmte, was man über ihn raunte. Der größte Kämpfer und Stratege, den es gab, seit die sagenhaften Albtraumritter durch die Lande gezogen waren, eine Spur der Verheerung hinter sich herziehend.
Ein Caer, die Fackel in der Hand, führte den stampfenden Chelm am Zügel vorbei. Der Caer blieb in achtungsvoller Entfernung vor O'Marn stehen.
»Caers Blut!«, sagte Coerl mit rauer Stimme. »Ich weiß, dass sie heute die Königin fangen werden. Aerinnen hat alles vorbereitet. Ich werde eine Abteilung zum Sturm auf ein Stadttor schicken.«
Das Kettenhemd rasselte und klirrte, als sich Coerl in den Sattel schwang. Das Pferd machte ein paar tänzelnde Schritte in die Richtung des schmalen Geländestreifens, der zwischen der Hafenmauer und dem sanft geschwungenen Hafenbecken mit seinen wuchtigen Magazinen, Handelshäusern, Rampen und Fischerhütten lag. Der Hafen war voller Caer-Schiffe, sie ankerten auch außerhalb und rechts und links der steinernen Leuchttürme. Das Kriegslager der Caer und O'Marns Zelt lagen rechts davon, eine unübersehbar große Menge von Zelten, Stangen und Lagerfeuern. Coerl hob den Arm, der riesige schwarze Rundschild rutschte zur Schulter. Dann spornte der Fünfzigjährige das Pferd und ritt auf das Lager zu.
Neben dem Feldzeichen an O'Marns Zelt wartete Feithearn.
Der junge Caer-Priester, den Langbogen über der Schulter, glitt wie ein Dämon um das Zelt herum und griff Coerl in die Zügel.
Chelm scheute, stieg hoch und wurde mit eiserner Hand wieder zu Boden gezwungen. Coerl knurrte:
»Was soll das? Feithearn? Gibt es Neuigkeiten?«
Die Stiefel unter den geschnürten Beinkleidern O'Marns traten auf Holz oder splitternde Knochen, als er sich aus dem Sattel gleiten ließ. Der Priester kam näher. Seine blauen Augen schienen im Licht des Lagerfeuers aufzuleuchten. Coerl zwirbelte seinen grauen Schnurrbart und betrachtete den Priester mit dem schmalen Gesicht schweigend.
»Heute soll die Königin entführt und zu uns gebracht werden.«
Der Ritter der Titanenstadt schaute in die Sterne und sah nach der Stellung des Mondes. Dann sagte er, das Gehörte mit finsterer Miene überdenkend:
»Das ist nicht neu. Hast du Schwierigkeiten mit Aerinnen?«
Er wusste, dass Aerinnen und Feithearn Statthalter der reichen Siedlung Nyrngor werden wollten. Feithearn, der jüngere und hochintelligente Priester, war Lieblingsschüler des großen Drudin, ein Mann von bestechender Eleganz und tiefer Verschlagenheit, dazu ein mehr als begabter Bogenschütze. Aerinnen jedoch – Coerl wusste es schon lange, dass ihn der sechzigjährige Intrigant bis aufs Blut hasste, ihm aber nichts anhaben konnte – konnte andere Vorteile für sich ins Feld führen. Wer letzten Endes diese Stadt beherrschen würde, interessierte ihn nur unwesentlich. Wenn dieses Ereignis eintrat, würde er längst an anderer Stelle kämpfen und siegen.
»Nein. Nicht für heute Nacht«, sagte Feithearn und schlang den silberbestickten Mantel um seinen Hals. Der nahe Winter machte sich bemerkbar. »Wir haben Fürst-Richter Carbell fest in unserer Hand.«
»Also ... was willst du von mir?«
»Uns wäre mehr geholfen, wenn du bei dem nächtlichen Sturm auf das schmale südliche Tor selbst dabei sein würdest. Die Städter kämpfen mit dem Mut einer in die Enge getriebenen Bestie.«
Coerls tiefes, dröhnendes Lachen ließ die essenden Krieger am Feuer zusammenzucken.
»Ich tät's nicht anders an ihrer Stelle, Caers Blut«, erwiderte er ungerührt. »Keine Sorge, Priester. Ich werde dafür sorgen, dass die Stadt an dieser Stelle gestürmt wird.«
»Wann wirst du stürmen lassen?«
»Wir versuchen es ununterbrochen. In einer Stunde führe ich eine frische Abteilung mit Sturmleitern zum Tor. Ihr habt doch hoffentlich dafür gesorgt, dass von innen jemand die Riegel öffnet?«
»Duldamuur half mir«, erwähnte der Priester den Namen seines persönlichen Dämons. »Und Carbell wird jemanden bestochen haben, das Tor für uns zu öffnen.«
»Dann steht unserem Erfolg in dieser Nacht nichts im Weg«, antwortete Coerl. »Allerdings habe ich ein gewisses Gefühl, das mir sagt: Es geht nicht alles so glatt, wie es die Caer-Priester geplant haben. Nyrngor wird mehr Tote fordern als jede andere Stadt, ehe es fällt.«
»Auch dies weissagte mir Duldamuur«, pflichtete ihm Feithearn bei.
»Dann geh hinüber zu den frischen Truppen und sage ihnen, dass wir an einer Stelle stürmen, die ich ihnen zeigen werde. Und du? Hilfst du uns mit deinen tödlichen Pfeilen, von Magie gelenkt?«
Der Spott war nicht zu überhören. Feithearn lächelte und warf sein schwarzes Haar in den Nacken. Er wusste, dass Coerl O'Marn ein aufrechter Mann war, der nur einen Herren kannte, nämlich sich selbst.
»Ich werde versuchen, einige unserer toten Krieger zu rächen«, versprach er. »Bis bald, O'Marn.«
Coerl murmelte etwas Unverständliches und schlug den Eingang des Zeltes zurück. Er konnte sich ohne Mühe ausrechnen, dass die Caer vielleicht einen einzelnen Kampf gewannen in dieser Nacht, nicht aber die entscheidende Schlacht um Nyrngor. Und überdies hatte er ein böses Gefühl, wenn er an den ungebrochenen Willen der Verteidiger dachte.
Die Stellen vor den Mauern waren übersät mit den steifen Körpern toter Caer.
*
Zuerst waren die Ratten verendet; sie kamen auf ihrer Wanderschaft nach Nyrngor und trugen die Seuche mit sich. Pestflöhe stachen die Menschen, und die Erkrankten steckten die Gesunden an. Nach mehreren Tagen entstanden überall auf der Haut eitrige Geschwüre, die Stellen unter den Armen und in den Leisten schwollen an, und während die Menschen schwächer wurden, von bohrenden Schmerzen gepeinigt, brachen die Geschwüre auf und zeigten ihren brandigen Inhalt. Hitziges Fieber schwächte die Körper und rief Erscheinungen hervor, die man als dämonisch bezeichnen musste: wirre Träume, Angstzustände und innere Blutungen. Im letzten Stadium der Pest verließen die Sterbenden ihre Lager und krochen, solange sie sich noch bewegen konnten, in dunkle Winkel. Dort starben sie, weil ihr Herz zu schlagen aufhörte.
Bei den drei Einwohnern von Nyrngor hatte es ebenso angefangen. Eines Tages zeigte sich ein eitriges Geschwür, das nicht heilen wollte. Jetzt lagen sie nebeneinander auf dem schwankenden Karren, der von einem dürren Klepper gezogen wurde. Die Glocke am Halsband des Zugtiers warnte jedermann. Die Städter sprangen zurück in die Häuser, sobald sie die Glocke hörten. Das Tier kannte den Weg und hielt vor der niedrigen Treppe an.
Von rechts ertönten Hufschläge.
Der Kampfwagen der Königin und zwei Reiter kamen heran und blieben ebenfalls stehen. Elivara sprang aus dem Wagenkorb, und die Gardisten folgten ihr dichtauf.
Ein Greis und zwei alte Frauen halfen dem Arztschüler, die Todkranken vom Wagen zu heben und ins Haus zu schleppen.
»Ich rühre sie nicht an!«, knurrte Dhorkan und schüttelte den Kopf. »Und auch du, Königin ... ich kann dich immer wieder nur zur Vorsicht mahnen.«
Sie sahen die Gestalten nicht, die in der Dunkelheit lauerten. Einige rußende Fackeln und Licht aus wenigen Fenstern erhellten vage den Platz. Nebel nässte die Steine unter ihren Sohlen. Der Anführer der Wache zog aus einer Satteltasche zwei Leinentücher und tauchte sie in den großen Krug neben dem Eingang. Die heruntertropfende Flüssigkeit, die sauer und beißend roch, war zu Essig vergorener Wein.
»Nimm diesen Lappen, Königin«, bat Dhorkan barsch. »Wenigstens das solltest du tun!«
Die Tür knarrte. Aus dem Innern des ersten Hauses kamen jammervolle Laute. Stöhnen, Wimmern, tappende Schritte und kurze, schrille Schreie erfüllten den Raum und schufen eine Kulisse, die gespenstisch war. Aber Elivara blieb hartnäckig. Sie band die Zipfel des feuchten Tuches in ihrem Nacken zusammen, nahm eine Fackel und folgte den Trägern.
Dhorkan stieg hinter ihr die Stufen hinauf, stieß mit der Schulter die Tür auf und blieb neben dem Eingang stehen. Der zweite Wächter hielt die Zügel der Tiere. Vor den Augen der Ankömmlinge breitete sich eine Szenerie des Grauens aus.
Viele kleine Räume gingen ineinander über. In Fensternischen standen Öllampen, auf Metallplatten ruhten Feuerschalen, auf die immer wieder Harz oder getrocknete Kräuter geworfen wurden. Die Schalen verbreiteten rote Helligkeit, Hitze und einen Geruch, der zum Teil den Hauch des Todes überdeckte, zum anderen aber betäubend wirkte. Mutig ging Elivara bis in die Mitte des ersten, großen Raumes und sah sich um.
Auf einfachen Lagern, auf Decken und auf dem nackten Boden lagen ausgestreckt oder zusammengekrümmt die Kranken und Sterbenden. Kinder, Heranwachsende, Frauen und Männer in den...




