Knecht / Catterfeld | Flaschensammeln | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 184 Seiten

Knecht / Catterfeld Flaschensammeln

Überleben in der Stadt
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7445-0984-8
Verlag: Herbert von Halem Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Überleben in der Stadt

E-Book, Deutsch, 184 Seiten

ISBN: 978-3-7445-0984-8
Verlag: Herbert von Halem Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Flaschensammler sind mittlerweile fester Bestandteil unseres Stadtbildes. Und doch wissen wir nichts über sie. In einem unorthodoxen Forschungsprojekt machten Studierende der Hochschule München das eigentlich Naheliegende: Unter der Leitung der Sozialwissenschaftler Philipp Catterfeld und Alban Knecht sprachen sie Münchener Flaschensammlerinnen und Flaschensammler auf der Straße direkt an - mit Erfolg! Denn diese erwiesen sich schnell als auskunftsfreudig - und die Studierenden als hochmotiviert: Sie führten mehr als 30 Interviews und unterzogen sich dabei aufschlussreichen Selbstversuchen. Sie beschrieben ihre Beobachtungen, transkribierten die besten O-Töne und stellten wagemutige Thesen auf. Sie sprachen mit jungen Immigranten, die vom Flaschensammeln leben, und deutschen Rentnern, die noch den Pfennig ehren. Ihre Berichte erzählen von stolzen und schamhaften Flaschensammlern, von Hobbysammlern, Sammelprofis und Sammelsüchtigen, von Einzelgängern und Flaschensammlerfamilien und von Mama Afrika. Die Analyse des Flaschensammelns weist dabei weit über sich hinaus: Eine Klasse der Unterversorgten räumt die Reste des in der Öffentlichkeit feiernden und trinkenden Mittelstands ab - und unser Umweltbewusstsein goutiert es.

Philipp Catterfeld ist Lehrbeauftragter für Sozialforschung an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in München. Er war Fahrradkurier, Barmann und Szene-Reporter. Zurzeit arbeitet er im Sommer als Rikschafahrer und im Winter als Deutsch-als-Fremdsprache-Lehrer. Dr. Alban Knecht unterrichtet als Lehrbeauftragter Angewandte Sozialforschung an der FH München und der FH Campus Wien. Er arbeitet zudem bei der Volkshilfe Österreich.
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Eine Stunde aus dem Leben eines Flaschensammlers


Inna Baklanova

Ein Mann Mitte 50 wartet bei Rewe vor den Flaschenautomaten. Beide Automaten sind voll und nehmen keine Flaschen mehr an. Der Mann hat gerade zwei eingeworfen und müsste noch zwei loswerden. Die Zeit vergeht … – ich beobachte ihn unauffällig und warte, ob er dann auch etwas einkauft oder doch nicht. Der Mann mit dem Dreitagebart sieht gepflegt aus. Er hat eine saubere Markenjacke und Jeans an. In der Hand hält er zwei Mehrweg-Einkaufstaschen. Pfandbon abgeben, Geld in den Geldbeutel rein, ohne Einkäufe raus und schon wieder auf dem Weg nach …

»Entschuldigung, darf ich Sie was fragen?«, platzt es aus mir heraus. Wenn nicht jetzt, wann dann?! »Ja, was?« Der große Mann beugt sich zu mir runter, sieht aber in eine andere Richtung. »Sammeln Sie Flaschen?«, flüstere ich unsicher, versuche aber Augenkontakt herzustellen. Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf: Wie komme ich denn überhaupt auf so was? Er wird mich doch gleich anschreien. Es ist so peinlich, ältere Leute so was zu fragen! Er sieht doch ganz normal aus! Wie kann ich diese unverschämte Frage rechtfertigen? Es kommt eine klare Antwort zurück: »Ja!« Der unbekannte Flaschensammler sieht mir fragend in die Augen. »Ich bin Studentin der Hochschule Pasing und nehme an einem Forschungsprojekt zum Thema Flaschensammeln teil. Würden Sie mir ein paar Fragen beantworten?« »Gerne, aber die Zeit bleibt ja nicht stehen«, lächelt er mich freundlich an und fängt trotzdem an, mir seine Geschichte zu erzählen. Wir gehen zur Seite. Doch ich merke seine innere Unruhe, biete ihm an, weiter zu laufen, frage, ob ich ihn begleiten dürfte.

Herr M. ist 56 Jahre alt. »Ich bin Diplomingenieur«, sagt er stolz und gleichzeitig verschämt. Seine ehemalige Firma, die einmal Millionen-Geschäfte gemacht habe, ist Pleite gegangen. Nachdem er erfahren hatte, dass es der Firma nicht mehr so gut gehe, hat er versucht, einen neuen Job zu finden. Doch da ist er schon über 50 gewesen. Wie viele Flaschensammler von heute hatte er auf dem Arbeitsmarkt keine Chance mehr. Seit knapp zwei Jahren lebe er nun vom Arbeitslosengeld II: »Um die 310 Euro sind es im Monat. Zum 14. des Monats habe ich bereits kein Geld auf dem Konto. Was sind 310 Euro für München? Ich sammle, weil ich das Geld brauche! Wenn ich am Tag meine drei bis vier Euro nicht bekomme, dann habe ich am Abend auch nichts zum Essen.« Und nach einer kurzen Pause: »Morgen kommt zum Beispiel das Geld vom Jobcenter. Dann nehme ich mir zwei Tage frei. Ich brauche auch etwas Ruhe. Aber am Samstag gehe ich wieder los. Samstags habe ich die besten Einnahmen. Sonntags und montags geht gar nichts voran. Trotzdem sammle ich auch sonntags und montags. Mein Magen möchte jeden Tag gefüllt werden.«

»Ja, das ist ein harter Job!«, sage ich. »Das ist kein Job. Das ist nur eine Notlösung, die aber dreckig, ekelig, abwertend, verabscheuenswürdig und Menschen erniedrigend ist. Wenn ich eine Festanstellung hätte, wo ich genug Geld verdienen würde, so dass es dann auch nicht mit Hartz IV aufgestockt werden müsste, würde ich sofort aufhören. Ich schreibe vormittags meine Bewerbungen und verschicke sie in diesem Informationszentrum bei der Agentur. Und am Nachmittag gehe ich dann jeden Tag sechs Stunden Flaschen und am liebsten Red Bull-Dosen, sammeln. Manchmal bekomme ich sogar fünf Euro am Tag! Aber das ist eher selten der Fall.«

Wir gehen an der Sankt-Peter-Kirche vorbei in Richtung Marienplatz. Herr M. schaut zuerst in jede Mülltonne rein. Wenn er meint, dass unter dem Müll eine Pfandflasche liegen könnte, greift er mit seiner nackten Hand ohne jegliches Hilfsmittel in den Abfallbehälter: »Das Schlimmste, was uns passieren konnte, ist diese doofe Idee, leere Flaschen und Dosen auf oder neben den Müllbehälter zu stellen! So kann jede Hausfrau, die auf dem Weg zum Einkaufen ist, eine beim Vorbeigehen mitgehen lassen. Sie würde nie im Leben im Müll rumwühlen, das hat sie nicht nötig, und so kann sie unbemerkt bleiben. Seit diese Methode praktiziert wird, verdiene ich am Tag fast um die Hälfte weniger.«

Der Mann hat zwar etwas zittrige Hände, wirkt aber sehr entspannt. Ich genieße unsere Unterhaltung. Wir rennen nicht, sondern gehen in mittlerem Tempo. Ich versuche mein Tempo seinem anzupassen, nicht zu schnell, aber auch nicht zu langsam. Ab und zu wirft er einen Blick auf die Uhr: »Wir sind gut in Zeit«, sagt er. Herr M. sieht mich an, bemerkt meine vor Kälte rot gewordene Nase, die ich ständig mit einem Taschentuch putzen muss. »Heute ist es zwar frisch, aber es geht noch. Im Winter ist es dann nicht mehr lustig. Bei Minustemperaturen sind die gleichen Routen viel anstrengender. Ich bin viel an der frischen Luft. Einerseits ist das gut. Ich laufe viel, 30 Kilometer am Tag mindestens. Es sollte gesund sein. Aber ich verbrauche viel Energie und kriege dann am Abend einen Riesenhunger. Und meine Knie tun immer wieder weh. Es ist wohl doch zu viel Bewegung für so einen alten Mann wie mich«, lächelt er.

Auf dem Marienplatz treffen wir einen anderen Flaschensammler mit einem langen Stab und mehreren Plastiktüten in der Hand. »Den kenne ich. Wenn er schon hier ist, brauchen wir hier oben gar nicht weiter zu laufen. Er ist immer sehr schnell unterwegs, achtet nicht auf die Menschen. So bin ich nicht. Mir ist es hier zu hektisch. Wir zwei fahren nun mit der U-Bahn Richtung Großhadern.« Im Zug ist es relativ ruhig und jeder bekommt mit, wovon die anderen reden. Ein wichtiges Detail seiner Routen-Planung verrät Herr M. noch: »Es gibt wenige U-Bahnhöfe mit öffentlichen Toiletten. Ich muss meine Routen so legen, dass ich in gewissen Zeitabständen ein WC auf meinem Weg habe.«

»Haben Sie eine Fahrkarte?«, frage ich ihn vorsichtig. »Ja, klar! Ich bin jeden Tag mit der U-Bahn unterwegs.« »Manche fahren aber ohne Fahrkarte. Sie kostet ja Geld!?« »Das machen sie höchstens drei Mal. Danach gibt’s eine Strafanzeige, was dann auch im polizeilichen Führungszeugnis steht. Heutzutage braucht man in jedem Job das polizeiliche Führungszeugnis, und ich möchte so schnell wie möglich eine Arbeit finden. Die Monatskarte kostet zwar nicht wenig, 28 Euro, aber es ist mir wichtig, dass ich mich nicht strafbar mache.«

Am Goetheplatz steigen wir aus, überprüfen alle Mülleimer und gehen nach oben. Bis jetzt haben wir keine einzige Flasche gefunden. Doch Herr M. ist optimistisch: »Ich habe vier Routen. Wenn die eine nichts bringt, dann mache ich die zweite. Wenn auch sie leer ausgeht, dann die dritte. Spätestens nach der vierten habe ich für mein Abendessen genug Geld.«

»Nun gehen wir zum Hotel . Dort kann man oft mehrere Red Bull-Dosen finden«, sagt er hoffnungsvoll. Leider finden wir dort gar nichts und gehen zurück zur U-Bahn. Links von uns ist ein neues Restaurant. »Hier schmecken die Pommes am besten. Die sind richtig dick und saftig. Manchmal laden mich Bekannte von mir, eine ehemalige Kollegin und ihr Mann, hierher zum Essen ein. Und wenn ich so wie jetzt vorbei laufe, kriege ich einen großen Hunger. Burger schmeckt hier ausgezeichnet! Aber wenn ich am Abend meine vier Euro habe, bereite ich mir selber zu Hause einen Burger zu. Der schmeckt auch gut.«

Herr M. erzählt mir, er überlege seit längerer Zeit ein Buch über seine Erfahrungen und Erlebnisse als Flaschensammler zu schreiben. Er habe verschiedene Sachen in dieser Zeit gefunden: »Was die Leute alles wegwerfen heutzutage! Da wundere ich mich schon gar nicht …« Plötzlich wird er still und hebt triumphierend eine Fanta-Dose auf. Ich sehe, wie sehr er sich darüber freut, eine 25-Cent-Dose zu finden: »Sagte ich doch: Es wird schon werden!«

Noch bevor wir in die U-Bahn hinuntergehen, machen wie einen kleinen Abstecher zur Mülltonne vor dem McDonald’s am Goetheplatz. »Da ich leider rauche, freu’ ich mich auch über gute Zigarettenkippen. Das ist besser als gar nichts«, sagt er und nimmt eine Kippe aus dem Aschenbecher vor dem McDonald’s. An einem Tisch sitzen zwei junge Frauen. Die eine verdreht ihre Augen und schaut dann empört zur Seite. Erst jetzt bin ich wieder in unserer Wirklichkeit, aufgeweckt wie von kaltem, ins Gesicht geschüttetem Wasser. Tausende Gedanken schießen mir wieder durch den Kopf. Heiß wird es mir. Scham: Glauben die beiden jetzt, dass ich auch nach Flaschen und Kippen suche? Die ganze Strecke bis hierher habe ich die Leute um uns herum nicht wirklich wahrgenommen. Es hat mich überhaupt nicht interessiert, was wer von mir neben Herrn M. gedacht hat. Ich war so glücklich, so einen interessanten Gesprächspartner gefunden zu haben, und war völlig in seiner Welt. Er findet es zwar eklig, macht es aber jeden Tag, um am Abend etwas Leckeres zu essen. Das ist seine Wirklichkeit. Plötzlich werde ich von seiner lebendigen Stimme aus meinen Gedanken gerissen: »Das ist aber toll! 25 Cent sind das! Es wird noch besser!« Er nimmt eine große Cola-Flasche vom Tisch, in der etwas Wasser drinnen ist und freut sich sehr über diese Beute. Ich freu’ mich mit ihm und bin schon wieder ganz bei ihm. Er zündet die frisch gefundene Kippe an und wir bleiben kurz vor dem U-Bahn-Abgang stehen.

Unsere nächste Station ist die Poccistraße. Oben sind das Kreisverwaltungsreferat und das MVV-Kundencenter. »Eine tolle Station«, sagt Herr M., dreht sich um und sucht nach mir. Ich quetsche mich durch die Menschenmenge: »Alles in Ordnung. Ich bin hier!« »Ja, es ist viel los hier. Aber es ist nicht so schlimm wie am Sendlinger Tor«, grinst er. Doch hier haben wir keinen Erfolg. Für mich wird es langsam entmutigend. »Da war schon einer schneller als ich«, stellt er fest, wirft einen Blick auf die Uhr und als ob er meine Enttäuschung spürt und mich...


Philipp Catterfeld ist Lehrbeauftragter für Sozialforschung an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in München. Er war Fahrradkurier, Barmann und Szene-Reporter. Zurzeit arbeitet er im Sommer als Rikschafahrer und im Winter als Deutsch-als-Fremdsprache-Lehrer. Dr. Alban Knecht unterrichtet als Lehrbeauftragter Angewandte Sozialforschung an der FH München und der FH Campus Wien. Er arbeitet zudem bei der Volkshilfe Österreich.



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