Klupp | Paradiso | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Klupp Paradiso

Roman
10001. Auflage 2010
ISBN: 978-3-8270-7012-8
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-8270-7012-8
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es ist heiß. Glühend heiß. In der flirrenden Tankstellenluft wartet Alex Böhm auf einen gelben Kombi, der gleich an den Zapfsäulen halten und ihn nach München bringen soll. Von dort wird er am nächsten Morgen mit seiner Freundin Johanna nach Portugal fliegen. Das ist der Plan. Aber dann taucht Konrad auf, der »Loserkonrad« aus Schulzeiten, und diese Begegnung katapultiert Böhm auf das Minenfeld seiner Vergangenheit. Während er in atemlosen Monologen einen Zünder nach dem anderen schärft, findet er sich plötzlich am Rand der Autobahn wieder, auf sonnenverbrannten Rastplätzen und in den Kellergewölben bayerischer Provinz-Erotheken. Er begegnet bekehrten Lastwagenfahrern mit langen Messern, schwärmenden Hippiemädchen, Dostojewski-Jüngern und Jana-Hensel-traumatisierten Taxifahrern. Anarchisch und mit tiefschwarzem Humor erzählt, lässt dieser Roman den Leser mit weit aufgerissenen Augen zurück.

Thomas Klupp wurde 1977 in Erlangen geboren, war Mitherausgeber der Literaturzeitschrift BELLA triste und lehrt als Dozent am Literaturinstitut der Universität Hildesheim. Sein von der Kritik gefeiertes Romandebüt »Paradiso« wurde mit dem Nicolas-Born-Förderpreis und dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichnet. Er war Stipendiat beim 10. Klagenfurter Literaturkurs und erhielt 2011 den Publikumspreis beim Bachmann-Wettbewerb. Thomas Klupp lebt und arbeitet in Hildesheim und Berlin.
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6

Trotz der netten Unterhaltung breche ich dann ziemlich bald auf. Die Miriam ist ja nicht nur zufällig hier, sondern hat sich im Kellerloch mit einer Freundin verabredet, die sich wenig später zu uns an den Tisch setzt. Jenny Schiffner heißt die, und für eine Frau ist sie ziemlich groß und ziemlich laut, und am linken Nasenflügel hat sie eine Art Brandmal, das halbrund aus der Haut hervorsteht. Es sieht ein bisschen aus wie diese Kanonenkugeln über dem Schwedentor, als hätte ihr ein schwedischer Miniaturkanonier eine rotbraune Miniaturkugel da reingeschossen, aber wahrscheinlich stammt das Mal von einem der Piercings, die sie früher überall hatte. Ihr Nasenpiercing muss sich irgendwann entzündet haben, und als Andenken an ihre alternative Jugend hat sie diese Geschwulst behalten. Ich kann die Jenny nicht übermäßig leiden, um ehrlich zu sein, und frage mich jedes Mal wieder, wieso sie sich das Ding nicht wegschneiden lässt, ob es womöglich nostalgische Gründe hat. An sich sieht sie nämlich nicht schlecht aus. Sie ist, und das meine ich ganz neutral, ein echtes Weib: großer Busen, beeindruckende Kurven, hüftlanges Haar und alles. So eine, die später aufpassen muss, nicht in alle Richtungen zu zerfließen, aber momentan ist ihr Fleisch noch elastisch und fest. Das kann ich so sagen, weil wir uns bei der Begrüßung umarmt haben. Sie ist zwar nicht mein Typ, weil mir diese Fülle ja eher Angst macht und mich immer irgendwie unter Druck setzt, aber ich kenne eine Menge Leute, die sie sehr attraktiv finden. Vielleicht ja auch Miriam, aber das ist pure Spekulation, weil die beiden schon lange befreundet sind, schon viel länger, als Miriam lesbisch ist.

Ich breche aber nicht direkt wegen Jenny auf, sondern wegen dem Anton. Jenny hat früher im Kellerloch bedient, und deshalb bleibt er kurz an unserem Tisch stehen und plaudert mit ihr. Er erzählt ihr von so einer tschechischen Billigdroge, Kristall oder Crystal oder so ähnlich, die seit kurzem die Stadt und auch sein Café überschwemmt und gegen die er jetzt mit äußerster Härte vorgehen will. Gewisse Personen, sagt er, sollten besser auf der Hut sein, und dabei sieht er nicht Jenny sondern mich an. Ich schaue arglos zurück und frage ihn, wen er denn meint. Anton antwortet aber nicht, sondern wechselt nur den Aschenbecher aus. Bevor er wieder verschwindet, sagt er noch, dass es ihn wundert, dass ich nicht bei meinen verschnupften Spezies auf dem Filterwochenende bin, sondern hier in der Altstadt sitze. Es ist völlig klar, dass er mich damit provozieren will, aber ich würde ihm für seine Worte am liebsten um den Hals fallen. Die elektrisieren mich geradezu. Ich hatte ja vorhin schon das Gefühl, irgendetwas vergessen zu haben, einen Geburtstag oder so, und tatsächlich habe ich nicht an das Filterwochenende gedacht. Es ist mir ein Rätsel, wie das passieren konnte. Das Filterwochenende ist so ungefähr das Einzige, was Weiden noch zu bieten hat. Es funktioniert wie eine Art Zeitmaschine, die einen im Handumdrehen sechs, sieben Jahre in die Vergangenheit katapultiert. Man kann sich das so vorstellen: Irgendwo im Wald, an einem der zahllosen Baggerseen um die Stadt herum, werden ein paar große Zelte aufgebaut, Feuerstellen ausgehoben und ein Soundsystem angeschlossen. Überall stehen zerschlissene Couchen und Bierbänke im Sand, zwischen den Bäumen sind Hängematten gespannt, und es gibt Unmengen Grillsachen, Alkohol und sämtliche Drogen zum Selbstkostenpreis. Und genau die Leute, die damals immer im Alten Schlachthof waren, so fünfzig, sechzig Stück, treffen sich dort und feiern drei Tage lang durch. Es hat nichts von Altem-Kaffee-Aufwärmen, sondern es ist wirklich originell. Letztes Jahr war ich nicht dabei, weil ich mir leider ein Bein gebrochen habe, aber vor zwei Jahren war ich dort. Das Filterwochenende hat damals am Blauen Weiher stattgefunden, und es gab diese verrückte Konstruktion, mit der man Wasserski fahren konnte. Auf ein paar Steinen am Ufer wurde ein schrottreifes Auto aufgebockt, und an das abmontierte Vorderrad wurde ein langes Stahlseil gebunden. Wenn man sich auf der anderen Seite des Sees mit einem Board unter den Füßen ins Wasser gestellt hat, wurde der Motor angeworfen, die Kurbelwelle hat das Seil, an dem man sich festhielt, aufgerollt, und dann ist man über den ganzen, gottverlassenen See gesurft. Bei Tag und bei Nacht, sooft man wollte.

Es ist wirklich eine feine Sache da, deshalb trinke ich mein zweites Bier in einem Schluck leer und sage den beiden Frauen, dass ich sie nicht länger stören möchte. Ich drücke Miriam noch einen Kuss auf die Wange, lege Anton die Zeche und dazu ein dickes Trinkgeld auf den Tisch und mache mich auf den Weg. Keine zwei Minuten später laufe ich auch schon durch den Park auf den Großparkplatz zu, wo sich der Taxistand befindet. Meine Eltern wohnen am äußersten östlichen Stadtrand, und genau da muss ich hin, weil ich ja ein Auto brauche. Wir sind vor sechs Jahren da rausgezogen, obwohl unser altes Haus viel zentraler lag. Meine Mutter war aber der Meinung, dass wir auf jeden Fall mehr Platz benötigen und außerdem die Wohnsituation im Osten viel besser ist. Das ist natürlich Unsinn, aber sie hat so lange auf meinen Vater eingeredet, bis er nachgegeben hat und eben dort ein Haus bauen ließ. So läuft das immer bei uns: Meine Mutter hat irgendeine Idee, und mein Vater ist dagegen, und am Schluss tut er doch, was sie will. Weil er ein Dentallabor mit ungefähr fünfzig Mitarbeitern hat und jede Krone oder Füllung, die irgendein Mensch in Süddeutschland im Mund hat, ganz bestimmt aus diesem Labor stammt, spielt Geld dabei auch überhaupt keine Rolle. Mir war dieses neue Haus damals ziemlich peinlich. Wir sind ja nur zu viert in der Familie, mein Vater, meine Mutter, mein kleiner Bruder und ich, aber es hat ungefähr zehntausend Quadratmeter. Vierhundertfünfzig auf jeden Fall, und weil wir einen hässlichen Eisenzaun davorstehen haben, wo jede fünfte Strebe altrosa gestrichen ist, hat Simon es gleich die Villa Telekom getauft. Mit der Villa Telekom hat er genau ins Schwarze getroffen, genauso trostlos modern wie eine dieser neuen Telefonzellen sieht das Haus aus, und wenn der Garten nicht wäre, würde ich wahrscheinlich überhaupt nicht mehr nach Hause kommen. Der Garten ist aber fabelhaft. Es ist mehr ein Park mit alten Bäumen und einem großen Weiher darin, in den mein Vater Fische eingesetzt hat. An warmen Tagen schwimmen die Fische dicht unter der Wasseroberfläche, und früher bin ich stundenlang am Ufer gelegen und habe sie beobachtet. Wenn ihre Rückenflossen aus der Wasseroberfläche herausragten, aber der ganze Fischkörper noch unter Wasser war, musste ich mich beinahe schütteln vor Zufriedenheit. Solange diese Fische da schwimmen, habe ich gedacht, kann alles so schlimm nicht sein.

Während ich noch über die Fische nachdenke und meine seltsam freundschaftliche Beziehung zu ihnen, komme ich auch schon auf den Taxistand zu. Ich gehe die Reihe entlang bis zum vordersten, so einem cremefarbenen Mercedes, öffne die Tür, und als ich mich auf den Beifahrersitz fallen lasse, erschrecke ich halb zu Tode. Mit meinem Körper befinde ich mich bereits im Wagen, aber mit meiner Hand halte ich noch den Rahmen fest, und um ein Haar hätte ich die Tür wieder aufgestoßen, um hinauszuspringen. Mein verfluchter Rucksack liegt aber bereits auf der Rückbank, den habe ich zuerst hineingeworfen, deswegen bleibe ich sitzen und lächle dem Klaus Bergler eine Millisekunde lang ins Gesicht. Der Bergler verzieht keine Miene und fragt mich nur, wo ich hinwill, und ich sage: In den Fliederweg, bitte. Dann schaltet er das Taxameter ein, lässt den Motor an und fährt los. Wir sprechen kein einziges Wort, und ich schwöre, dass ich noch nie so deutlich das Geräusch eines Blinkers gehört habe oder mit einer solchen Intensität die roten Zahlen des Taxameters betrachtet habe wie jetzt. In meiner Panik sage ich beinahe, wie lässig es ist, nachts Taxi zu fahren, und wie toll ich den Scorsese-Film finde und auch Night on Earth, aber es gelingt mir gerade noch, meinen Mund zu halten. Als wir an einer Ampel stehen bleiben müssen, zündet er sich eine Zigarette an, und während das Feuerzeug aufflammt, riskiere ich einen Seitenblick. Dabei sehe ich, dass er tatsächlich ganz aufgeschwemmt ist. Irgendjemand hat mir schon erzählt, dass er vor kurzem wieder in der Anstalt war, aber es ist trotzdem ein erschreckendes Bild. Im Profil hat sein Gesicht die Form eines gequetschten Ballons, und weil es so heiß ist, er aber trotzdem seine dunkle Strickjacke trägt, schwitzt er wie verrückt. An seinen Schläfen und auf den Backen haben sich dünne Schlieren gebildet, und weil er auch noch so fürchterlich blass ist, so eine wächserne Blässe ist das, ist er die unheimlichste Erscheinung, die ich je gesehen habe. Wie ein Geist oder ein Serienmörder sieht er aus, ungelogen. Ich bin mir sicher, dieses Schweigen keine Sekunde länger auszuhalten, aber weil ich unmöglich etwas sagen kann, reiße ich mir ein paar Haare aus. Ich zwirbele sie zwischen meinen Fingernägeln zu kleinen schwarzen Kügelchen zusammen, die ich dann in den Mund stecke und kaue. Bei den ersten Bissen knackt es ein bisschen, und obwohl mich das sonst immer beruhigt, hilft es im Moment überhaupt nicht. Ich warte nur darauf, dass er irgendwann das Lenkrad herumreißt und den Wagen rechts gegen eine Hauswand setzt, und ich könnte es ihm noch nicht einmal verübeln, glaube ich. Der Bergler, sosehr er mich auch anwidert, hat wirklich einstecken müssen in den vergangenen Jahren, und obwohl ich ja eigentlich mit ihm noch eine Rechnung offen habe, ist er einer der wenigen Menschen, die mir aufrichtig leidtun. Er ist ja nicht immer in Weiden Taxi gefahren, sondern hatte auch einmal so etwas wie eine Zukunft,...



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