E-Book, Deutsch, Band 5, 256 Seiten
Klöppel Schlangensaat
14001. Auflage 2014
ISBN: 978-3-492-98044-9
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 5, 256 Seiten
Reihe: Alexander Kilian - Ein Freiburg-Krimi
ISBN: 978-3-492-98044-9
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Renate Klöppel, geboren 1948 in Hannover, ist Kinderärztin und Diplommusiklehrerin. Sie unterrichtete zwanzig Jahre an der Musikhochschule Trossingen und war ebenso lange als Schulärztin an einer Schule für Körperbehinderte tätig. Sie schrieb vier Sachbücher, von denen Übersetzungen ins Polnische, Tschechische, Italienische, Spanische und Chinesische vorliegen. 2004 veröffentlichte sie die viel beachtete und mit dem Horst Joachim Rheindorf-Literaturpreis ausgezeichnete Lebensgeschichte einer schizophrenen Malerin unter dem Titel »Die Schattenseite des Mondes«. Von den sechs Kriminalromanen um den Freiburger Professor Alexander Kilian erschienen die letzten drei mit den Titeln »Der Kapuzenmann«, »Schlangensaat« und »Blutroter Himmel« im Piper Verlag.
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Warum er? Warum musste ausgerechnet er die Tote finden? Diese Tote. Hier in seinem Institut, wo er sie nicht einmal zu Lebzeiten hatte sehen wollen.
Alexander Kilian starrte in das leblose Gesicht. Er brauchte die Frau nicht zu berühren, um zu wissen, dass er ihr nicht mehr helfen konnte.
Sie lag auf dem Rücken vor der großen Beckmann-Ultrazentrifuge auf dem gefliesten Boden des Zelllabors, den Kopf leicht zur Seite gedreht. Der Mund war geöffnet und der Unterkiefer der Schwerkraft folgend zur Seite abgesunken. Die halb geschlossenen dunklen Augen gaben der Toten den schläfrig-sinnlichen Ausdruck, der ihn an der Lebenden gleichermaßen fasziniert wie abgestoßen hatte. Sie war sehr blass. Wie Wachs, dachte er, wie weiße Kerzen auf einem Altar, und er fragte sich, ob Tote immer so aussahen. Oder war das, was sie zu Boden geworfen hatte, doch nur eine Ohnmacht, aus der es ein Erwachen gab? Er war Mediziner, aber Wissenschaftler, und als Professor für Molekulargenetik sah er keine Toten.
Alexander Kilian beugte sich zu dem reglosen Körper herunter, berührte neben dem Kragen der engen Bluse den Hals, der noch warm war, suchte den Puls, aber da war kein Herzschlag zu fühlen, gar nichts war da mehr.
Als er sich wieder aufrichtete, stand Schweiß auf seiner Stirn. Er sank auf einen Laborschemel, stützte die Ellenbogen auf den Arbeitstisch und vergrub den Kopf in den Händen. Er musste an einen steilen Hang denken, den er immer weiter hinuntertaumelte, mit jedem Schritt, den er tat, tiefer hinab in den Abgrund, ohne Hoffnung, sich jemals wieder daraus zu befreien. Der Abgrund tat sich immer auf, wenn er an das Geheimnis dachte, das ihn mit dieser Frau verband. Er hatte sich schon aufgetan, als sie noch lebte.
Die Polizei, dachte er, aber er ging nicht zum Telefon, noch nicht. Er ließ sich neben der Toten auf die Knie sinken und strich ihr ganz sanft über das dunkle, schulterlange Haar. Er betrachtete sie lange. Entsetzen, Verzweiflung oder Trauer? Er wusste nicht genau, welches Gefühl am stärksten war. Angst? – Ja. Er hatte Angst, weil diese Frau nicht mehr lebte. Vor allem Angst.
Ein Geräusch erschreckte ihn, und er fuhr zusammen, als hätte ihn jemand bei etwas Verbotenem ertappt. Doch niemand beobachtete ihn, niemand war zu dieser späten Stunde im Labor, nur der große Kühlschrank neben der Tür war angesprungen. Er stand auf, zu hastig, denn das Zimmer fing an, sich um ihn zu drehen. Schwankend und unsicher sank er wieder auf den Laborschemel. Er fühlte sich plötzlich schlecht, als hätte er mit der zarten Berührung der Haare eine unzüchtige Handlung an der Toten vorgenommen.
Endlich hob er den Hörer ab und rief die Polizei. Dann wartete er. Er war froh über die Minuten, die ihm blieben. Er brauchte sie, um sich Antworten auf die Fragen zurechtzulegen, die man ihm stellen würde. Wie gut kannte er die Tote? Er konnte nicht leugnen, sie überhaupt gekannt zu haben. Xenia Elytis. Frau Brändle hatte ein gutes Gedächtnis. Seine Sekretärin würde sich erinnern, dass sich die Tote wegen einer Doktorarbeit bei ihm beworben hatte. Er hatte abgelehnt, weil er Verwicklungen befürchtete, schon damals. Sieben oder acht Monate lag ihr erster Auftritt in seinem Institut zurück. Und seither? Er würde zugeben müssen, dass es nicht bei dieser einen Begegnung geblieben war.
Aber was auch immer ihn mit dieser Frau verband, mit ihrem Tod hatte er nichts zu tun. Gar nichts. Die Polizei würde ihm glauben und ihn nicht mit unangenehmen Fragen in die Enge treiben. Nicht in dieser Sache. Er war ja nicht einmal da gewesen, als sie noch lebte, noch viel weniger im Augenblick ihres Todes.
Dieses bleiche Gesicht! Er hatte nicht die geringste Ahnung, woran sie gestorben sein konnte. Plötzlicher Herztod bei einer so jungen Frau? Oder ein Verbrechen? Mord? In ihrem Alter hörte man nicht einfach auf zu leben. Er hatte keinen Augenblick gezögert, gleich die Polizei anzurufen und nicht den Notarzt. Weil er gar nichts anderes in Erwägung gezogen hatte als ein Verbrechen? Gift vielleicht? Sah man so aus, wenn man vergiftet worden war?
Eine Sektflasche und eine fast volle Flasche Orangensaft standen unter der Spüle neben dem Papierkorb auf dem Boden, vier leere Gläser auf den Arbeitstischen, ein noch halb gefülltes auf einem Photometer. Daneben lag eine aufgerissene Tüte mit Kartoffelchips. In den Laborräumen war Essen und Trinken verboten, aber offenbar kümmerte sich niemand darum, wenn er nicht im Haus war. Nein, nicht einmal dann, wenn er anwesend war. Nicht einmal er kümmerte sich immer darum.
Er stand auf und hob die Sektflasche hoch. Sie war leer. Als er sie zurückstellte, wurde ihm bewusst, dass er seine Fingerabdrücke auf dem Glas hinterlassen hatte. Wie dumm war er eigentlich, sich auf diese Weise in das Geschehen hineinziehen zu lassen? Er nahm sein Taschentuch und wischte die Flasche ab, wo er sie eben berührt hatte. Den Rest ließ er unverändert.
Plötzlich hatte er das Bedürfnis, sich die Hände zu waschen. Er machte einen Bogen um das Waschbecken im Labor und ging zur Toilette, um nicht noch mehr Spuren in dem Raum zu hinterlassen, wo er die Tote gefunden hatte. Minutenlang ließ er warmes Wasser über seine Hände laufen. Ein schmales Gesicht sah ihm im Spiegel dabei zu. Im Neonlicht erschien ihm sein Gesicht wie das eines Fremden. Bei dieser Beleuchtung wirkte es wie aus Wachs, geradeso wie das der Toten. Ein ebenmäßiges Gesicht unter vollen grauen Haaren, aber wie künstlich schien es ihm, dabei älter, als er es in Erinnerung hatte, und mit einem bläulichen Schimmer auf der fahlen Haut. Sechsundfünfzig Jahre war er vor Kurzem geworden, dreißig Jahre älter als die Tote. Unzufrieden zeigte er seinem Ebenbild die Zähne. Es drohte mit der gleichen abstoßenden Gebärde zurück. Er wandte sich ab von dem alternden Mann, der er selbst sein sollte.
Als Alexander Kilian ins Labor zurückkehrte, hörte er in der Ferne ein Martinshorn. Es näherte sich rasch und verstummte.
Warum war er hier, jetzt, eine halbe Stunde vor Mitternacht? Was würde er der Polizei sagen? Dank moderner Technik war heute so vieles offensichtlich und überprüfbar. Die SMS von Xenia hatte er sofort gelöscht, weil er jede Nachricht löschte, nachdem er sie gelesen hatte. Das würde er jedenfalls behaupten, wenn sie ihn danach fragten. Ob auf dem Handy der Toten noch zu lesen war, was sie ihm geschrieben hatte? Er würde nicht umhin kommen, bei der Wahrheit zu bleiben, wenn sie ihn fragten.
Sphinx. Dieses Wort war ihm schon durch den Kopf gegangen, als sie zum ersten Mal in seinem Arbeitszimmer vor ihm stand. Ohne Ankündigung, ohne den Umweg über seine Sekretärin, ohne Termin hatte sie an seiner Tür geklopft und war eingetreten wie eine Vertraute, die jederzeit willkommen ist. Er wusste damals ihren Namen nicht, aber er kannte sie vom Sehen: eine der Studentinnen aus der ersten Reihe des Hörsaals, wenn er seine Vorlesung hielt, eine von denen, die jedes seiner Worte mitschrieben, egal, wie unbedeutend es war. Eine von denen, die sich hoffnungslos zu ihm hingezogen fühlten, schon deswegen, weil er eine Berühmtheit war. Das war jedenfalls seine Einschätzung gewesen. Aber sie sah nicht aus wie eine besonders eifrige Studentin, und sie trat auch nicht so auf. Sie war auf eine geradezu unverschämte Weise anders, als sie ihm in seinem Arbeitszimmer gegenüberstand: sie fragte nicht, sie bat nicht, sie forderte, auch wenn sie ihr Ansinnen in einen Wunsch kleidete. Kein verlegenes Lächeln, als sie ihr Anliegen vorbrachte, kein ängstlich forschender Blick, kein Erröten, als er sie viel zu lange wortlos ansah.
Sie hatte ihren Namen gesagt, Xenia Elytis. Und gleich im nächsten Satz: »Ich möchte bei Ihnen promovieren.«
Er hatte kaum zugehört, hatte nur Blicke für dieses rätselhafte Gesicht mit den großen dunklen Augen unter den halb geschlossenen Lidern gehabt. Schon zu diesem Zeitpunkt hatte er gewusst, dass diese Frau in sein Leben eingreifen würde wie kaum eine andere. Sie war überhaupt nicht schön in diesem ersten Augenblick, jedenfalls hatte sie nichts von dem, was man landläufig als schön bezeichnet. Die Nase war groß und etwas zu breit in dem schmalen Gesicht, auch der Mund schien groß, die Oberlippe sehr voll und stark geschwungen. Xenia Elytis – eine Griechin? Jedenfalls ein Gesicht wie aus der griechischen Antike. Eine Sphinx, wenn da nicht die schläfrigen Augen gewesen wären. Aber keine ägyptische, wie die gewaltige in Stein gehauene Große Sphinx von Gizeh. Wie eine griechische Sphinx sah sie aus, wie eine Schwester der neunköpfigen Wasserschlange Hydra und des Höllenhundes Kerberos. Wie jene Männer verschlingende Todesdämonin, die der junge Ödipus besiegte. Als Lohn dafür hatte der seine leibliche Mutter Iokaste zur Gemahlin bekommen.
Als Alexander Kilian lange genug dieses Gesicht betrachtet hatte, war sein Blick auf die enge Bluse gefallen, deren oberste Knöpfe geöffnet waren, auf den Ansatz ihrer großen Brüste. Um seine Augen von der aufreizenden Wölbung loszureißen, hatte er seinen Blick weiter gesenkt und war an ihrer Taille hängen geblieben. Lang und schmal war sie, als habe jemand den biegsamen Körper in der Mitte in die Länge gezogen. Nur Busen und Po, den er mehr ahnte als sah, hatten die runden Formen bewahrt.
Hatte er gesprochen, während er sie so lange anstarrte? Er wusste es nicht. Sie stand viel zu dicht vor ihm und schaute ihn an, ohne Lächeln, ohne Flirt, sondern mit einem großen Ernst und einer anmaßenden Direktheit. Er wusste, dass alles entschieden wäre, wenn er die Hand ergriff, die sie nach ihm ausstreckte. Sie wollte ihn. Deshalb war sie hier.
»Alle Doktorandenstellen sind vergeben«, sagte er. »Vielleicht im nächsten Semester, aber ich kann Ihnen nichts...




