E-Book, Deutsch, Band 69, 508 Seiten
Reihe: Texte und Arbeiten zum neutestamentlichen Zeitalter (TANZ)
Gesammelte Aufsätze zum 65. Geburtstag. Herausgegeben von Jan Heilmann und Kevin Künzl
E-Book, Deutsch, Band 69, 508 Seiten
Reihe: Texte und Arbeiten zum neutestamentlichen Zeitalter (TANZ)
ISBN: 978-3-7720-0219-9
Verlag: Narr Francke Attempto Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Prof. Dr. Jan Heilmann ist Inhaber der Professur für Neues Testament II mit dem Schwerpunkt Neues Testament und griechisch-römische Kultur an der Evangelisch-Theologische Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München. Kevin Künzl ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Biblische Theologie am Institut für Evangelische Theologie der TU Dresden.
Autoren/Hrsg.
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1 Frühchristliche Mahlfeiern: Einheit der Praxis – Vielfalt der Deutungen
Am besten geht man von jener Einsicht aus, die Klinghardt als „fruchtbarstes Ergebnis“ seiner monographischen Untersuchung zu den frühchristlichen Mahlfeiern festgehalten hat: dass nämlich „Gemeinschaft in der hellenistisch-römischen Antike – und so eben auch im frühen Christentum – auf der Ebene zwischen Familie … und den öffentlichen Institutionen der Stadt … ausschließlich in der Tischgemeinschaft einer zum Mahl versammelten Gruppe möglich und dementsprechend nur hier konkret erfahrbar war. Gemeinschaftsleben ist in der hellenistisch-römischen Antike grundsätzlich Mahlgemeinschaftsleben, Gruppen existieren in ihren Syssitien und Symposien“ (Gemeinschaftsmahl 523f.). Dementsprechend folgen auch die christliche Mahlfeier und Gemeindeversammlung dieser gemeinantiken Grundstruktur und bauen auch in der Sinndeutung der Versammlung auf den antiken Mahlwerten (festliche Freude, Gleichheit, Frieden, Eintracht, Freundschaft und Harmonie) auf. Dies hat zur Folge, dass für diesen soziologischen Zugang zum Verständnis der frühchristlichen Mahlfeier das Mahlritual, die äußere Mahlgestalt, der typische feste Ablauf das Primäre ist und die Mahltheologie und das religiöse Selbstverständnis der Gemeinschaft demgegenüber sekundär sind (Form vor Inhalt) – wiewohl sie natürlich darauf zurückwirken; die vielfältigen theologischen Deutungen sich nicht auf die Mahlelemente (Brot und Wein), sondern auf Teile des Mahlrituals beziehen und mit ihnen verbunden sind. Umgekehrt bedeutet das, dass die christliche Mahlfeier weder aus religionsgeschichtlichen Analogien oder christlichen Theologumena (z. B. Vorstellungen von göttlicher Präsenz beim Mahl bzw. in den Mahlgaben oder von einem stellvertretenden Sühnetod Jesu) „abgeleitet“ noch auf die punktuelle Einsetzung durch den historischen Jesus zurückgeführt wird. Vielmehr ist Letzteres methodisch unmöglich und eher umgekehrt Jesu mögliche eigene Mahlpraxis Teil des umfassenderen Phänomens. Wie sieht nun diese gleichbleibende Grundstruktur des antiken Mahles aus? Sie besteht aus der Abfolge von Mahleröffnung (Austeilung des Brotes), gemeinsamer Mahlzeit, Libation als Abschluss und Übergang zum Folgenden, Symposion. Die Libation ist als Trankspende an die Götter religiös besonders ausgezeichnet (und mit Gebet verbunden) und steht genau an der Stelle, an der bei Paulus im Herrenmahl die Becherhandlung („Segensbecher“ 1Kor 10,16) steht – nämlich nach dem Essen (1Kor 11,25). Wenn Paulus in 1Kor 11,26 von der „Verkündigung des Todes des Herrn“ spricht, dann bezieht er sich damit auf den Vorgang des Essens und Trinkens, also auf das Mahlritual, und nicht auf die Mahlelemente. Der Ort solcher Mahldeutung sind die Gebete (über Brot und Becher). Durch sie wird die soteriologische Wirkung und pneumatische Qualität des Mahles sichergestellt. Auch die sog. Einsetzungsworte deuten nicht die Mahlgaben bzw. eucharistischen Elemente (und werden überhaupt erst ab dem 3. Jahrhundert Teil der Mahlliturgie), sondern sind Teil von Mahldiskursen (d. h. von vielfältigen Argumentationen und Narrationen) zur Deutung des Mahlrituals („Deuteworte“): Die Becherhandlung steht z. B. für den Neuen Bund, das Austeilen des Brotes für die Konstitution der Gemeinschaft; zu deren Vergegenwärtigung und Erneuerung wird das Mahl weiterhin gefeiert bzw. soll das Ritual wiederholt werden. Bereits vor dem Erscheinen der Monographie hat Klinghardt in einem Aufsatz von 1994 gezeigt, dass dieser allgemeine ritualgeschichtliche Rahmen auch für die Gemeinschaftsmähler nach Qumran-Texten (1QS) gilt und deswegen keine grundlegende Differenz zu hellenistischen Vereinsmählern besteht (Manual of Discipline). Die Bedeutung für die Qumran-Forschung besteht darin, dass die dahinterstehende(n) Gruppe(n) aus ihrer „sektenhaften“ Sonderrolle und Vereinzelung herausgeholt und in die Mitte der palästinischen Gesellschaft gestellt wird/werden. Damit wird auch die Möglichkeit offengehalten, dass es gar keine Qumran-Gruppe am Toten Meer gegeben hat und infolgedessen auch keine Verbindung derselben mit den Schriftrollen. Klinghardt hat diesen Ansatz später weiter ausgebaut und konkretisiert durch die Untersuchungen zum gottesdienstlichen Tanz – der auch im Neuen Testament einen Anknüpfungspunkt hat (Kol 3,16; Eph 5,18f.), da chorisches Singen in der Antike immer mit rhythmischen Bewegungen verbunden ist (Tanz und Offenbarung, Nehmt und eßt 50); die beiden Aufsätze von 2012 (Bund, Vergossener Becher). Dort wird deutlich, dass der Gemeinschaftsbecher von Mt und Mk (Mt 26,27: „Trinkt alle daraus“) nicht auf die Libation, sondern auf die Proposis nach der Libation (Kreisen-Lassen eines gemeinsamen Trinkgefäßes) zurückzuführen ist, während es sich in Lk 22,20b tatsächlich um eine (Deutung der) Libation handelt und dementsprechend auch „der Becher, der für euch ausgegossen wird“, zu übersetzen ist. Die Überlieferung vom letzten Mahl Jesu bei Matthäus ist überdies eingebunden in einen ganz speziellen Diskurs zum Thema „Sündenvergebung“, welches im MtEv eine hervorgehobene Rolle spielt. Durch das Trinken aus dem „für viele ausgeschenkten“ Becher konstituiert und reaktiviert sich die Jüngergruppe je neu als eine Sündenvergebungsgemeinschaft, in der die einzelnen Mitglieder einander die Sünden vergeben und so ihre durch die Proposis gestiftete Gleichheit bewahren. „Der Tod Jesu kommt im Becherwort nicht vor“; vielmehr entspricht „das gemeinsame Trinken … der Bundesblutzeremonie von Ex 24“ (Bund 179f.). Die allgemein-theologische Bedeutung dieser Aufstellungen besteht in Folgendem: Die soziologisch-ritualgeschichtliche Deutung des Abendmahls nimmt den Fokus weg von den Fragen der Realpräsenz und der Sühnedeutung des Todes Jesu. Dass der Tod Jesu Heilsbedeutung besitzt als Gründungsereignis der Gemeinde Jesu, steht außer Frage (zumindest bei Paulus und Lukas). Die Schwäche dieses Ansatzes besteht darin, dass er den genauen Zusammenhang zwischen dem Tod Jesu und der durch die Mahlgebete sichergestellten soteriologischen Wirkung des Mahles nicht zu explizieren vermag (Gemeinschaftsmahl 317, Gemeindeleib 54, Vergossener Becher 53). Dies könnte sich jedoch auch als Stärke erweisen, insofern er die Abendmahlstheologie und -praxis aus einer Engführung auf die stellvertretende Sühnefunktion des Todes Jesu und den individuellen Zuspruch der Sündenvergebung befreien und für ein breiteres Spektrum von Mahldeutungen öffnen kann. Die „traditionellen“ Deutungen verlieren dadurch nicht ihre Berechtigung – sind sie doch bereits in der Alten Kirche wirkmächtig geworden (Vergossener Becher 56f: aufgrund der Veränderungen im Ritualverlauf) und insofern sicherlich nicht ohne Anhalt an den Texten. Die ritualgeschichtliche Sichtweise kann jedoch „dazu verhelfen, Aspekte“ an ihnen „wahrzunehmen, die bislang durch andere Interpretationen verdeckt waren“ (Bund 163). Neuere Formen des Feierabendmahls und des liturgischen Tanzes sind sicherlich nicht auf eine biblizistische Rechtfertigung aus der ritualtheoretischen Exegese angewiesen; trotzdem können entsprechende Untersuchungen durchaus anregend wirken und die ästhetische Dimension des Heils ins Bewusstsein rufen. Dies hängt aufs Engste mit einem zweiten Gesichtspunkt zusammen: Mit dem regelmäßigen gemeinsamen Essen als der Existenzform antiken Gemeinschaftslebens ist der frühchristliche „Gottesdienst“ tief im Alltagsleben der Menschen verankert. Denn gemeinsames Essen ist ein Grundvollzug menschlichen Lebens, und dieses Essen will nicht nur begangen, sondern auch organisiert, finanziert und in seinem Ablauf geregelt werden. Es ist die Daseinsform der privaten und halböffentlichen Vereine, und als solche muss man nicht nur die paganen Vereinigungen, sondern auch die christlichen Gemeinden und die jüdischen Synagogengemeinschaften sehen. Damit sind aber die religiösen Bezüge des Mahles und der Gemeinschaft in ganz anderer Weise im Alltag der Menschen verwurzelt als heute (wo eine religiöse Alltagskultur fast vollständig fehlt). Man kann von der Mahlfeier als einem „Alltagsphänomen“ und infolgedessen auch von „Alltagsreligiosität“ sprechen und – ganz anders als in der späteren Entwicklung – nur sehr begrenzt von einem kultisch-sakralen Charakter: Dieser dürfte nur für das Beten und das Singen, ggf. für das Tanzen, zutreffen und seinerseits nur begrenzt und punktuell als besonders „heilig“ empfunden worden sein. Daraus ergibt sich das Dritte: Die ritual- und sozialgeschichtliche Betrachtungsweise bewahrt davor, die spezifischen Differenzen („das unterscheidend Christliche“) an der falschen Stelle zu suchen. Was man aus der religionsgeschichtlichen Betrachtungsweise schon immer lernen konnte, zeigt sich nun auch auf dem vorliegenden Feld: „Nur...