E-Book, Deutsch, Band 303, 320 Seiten
Reihe: Historical Gold
Kleypas Dem Earl ausgeliefert
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7337-6545-3
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 303, 320 Seiten
Reihe: Historical Gold
ISBN: 978-3-7337-6545-3
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'Einen Schurken erkennst du am unzüchtigen Glimmen in seinen Augen, der Leichtigkeit seines Charmes und seiner animalischen Anziehungskraft!' Betroffen muss Lady Kathleen an die warnenden Worte einer Freundin denken, als sie vor Devon Ravenel, dem neuen Earl of Trenear, steht. Denn verhängnisvoll gut passt diese Beschreibung auf ihn. Plötzlich fühlt sich die irische Schönheit ganz schwach. Als junge Witwe hängt ihre Zukunft von Devon, dem Erben ihres verstorbenen Mannes, ab. Dieser verwegene Schurke kann sie mit einer Handbewegung des Anwesens Eversby Priory verweisen - oder noch Schlimmeres von ihr verlangen ...
Ihre preisgekrönten historischen Liebesromane, die in 20 Sprachen übersetzt sind und eine begeisterte Leserschaft gekonnt in vergangene Epochen entführen, haben Lisa Kleypas den Ruf einer Top-Autorin eingebracht. Regelmäßig finden sich ihre Bücher auf den Bestsellerlisten rund um den Globus. Mit ihrem Ehemann und ihren beiden Kindern lebt die Autorin in Texas.
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1. KAPITEL
Hampshire, England,
August 1875
Was zum Teufel habe ich bloß verbrochen, dass das Schicksal mich so hart bestraft?“ Devon Ravenel warf seinem jüngeren Bruder einen grimmigen Blick zu. „Mein Leben liegt in Trümmern. Und warum? Weil ein Verwandter, den ich nicht einmal leiden konnte, vom Pferd gestürzt ist.“
„Theo ist nicht gestürzt“, korrigierte Weston geduldig. „Er wurde abgeworfen.“
„Offenbar fand das Tier ihn genauso unleidlich wie ich.“ Mit schnellen, rastlosen Schritten begann Devon im Empfangssalon auf und ab zu laufen. „Wenn Theo sich das verdammte Genick nicht bereits gebrochen hätte, würde ich losgehen und ihm eigenhändig den Hals umdrehen.“
In Westons Miene stand komische Verzweiflung, als er seinen Bruder kopfschüttelnd betrachtete. „Worüber beschwerst du dich? Du hast den Titel eines Earl geerbt, der dir ein Anwesen in Hampshire, ausgedehnten Grundbesitz in Norfolk, eine Stadtresidenz in London …“
„Alles Fideikommiss, ich habe lediglich ein Nießbrauchsrecht. Sieh mir nach, wenn ich für Land und Liegenschaften, die mir weder gehören noch verkäuflich sind, wenig Begeisterung aufbringen kann.“
„Es ist nicht ausgeschlossen, dass du die Umwandlung in unveräußerliches Familienvermögen rückgängig machen kannst, je nachdem, wie der Vertrag im Einzelnen geregelt ist. Und wenn das möglich ist, könntest du alles verkaufen und es ist gut.“
„So Gott will.“ Angeekelt betrachtete Devon den an der Wand blühenden Schimmel. „Niemand kann von mir verlangen, dass ich hier lebe. Dieses Haus ist eine Ruine.“
Es war das erste Mal, dass die Brüder den auf den Grundmauern einer ehemaligen Klosteranlage errichteten Landsitz ihrer Vorfahren besuchten. Denn obwohl der Titel bereits kurz nach Theos Tod vor drei Monaten auf ihn übergegangen war, hatte Devon es so lange wie möglich vor sich hergeschoben, sich den Problemen zu stellen, die auf Eversby Priory auf ihn warteten.
Bis jetzt hatten sie nur die Eingangshalle und den Empfangssalon gesehen, die beiden Räume, die einen Besucher am meisten beeindrucken sollten. Doch die abgetretenen Teppiche, die heruntergekommenen Möbel mit den zerschlissenen Polstern und die bröckelnden Stuckaturen, in deren Vertiefungen der Staub sich sammelte, verhießen nichts Gutes für den Rest der Besichtigung.
„Das Haus muss dringend instand gesetzt werden.“ Weston lächelte schief.
„Es muss dem Erdboden gleichgemacht werden“, korrigierte Devon bissig.
„So schlimm ist es nicht …“ Weston schrie kurz auf, als sein Fuß in eine Vertiefung im Teppich einsank. Er sprang erschrocken zur Seite und starrte auf die Einbuchtung. „Was in Dreiteufelsnamen …?“
Devon bückte sich und hob eine Ecke des Teppichs an. Das morsche Parkett darunter wies ein Loch auf. Kopfschüttelnd ließ er den Teppich fallen und trat an das Buntglasfenster im Erker. Das Blei, das die rautenförmigen Glasscheiben zusammenhielt, war korrodiert, die Beschläge und Scharniere an den Rahmen verrostet.
„Warum hat er das nicht reparieren lassen?“, murmelte Weston kopfschüttelnd.
„Aus Geldmangel, was sonst?“
„Aber wie kann das sein? Das Anwesen ist weit über achttausend Hektar groß. Und bei den vielen Pächtern müssen die jährlichen Erträge …“
„Herkömmlich betriebene Landwirtschaft wirft keine Gewinne mehr ab.“
„In Hampshire?“
Devon warf seinem Bruder einen düsteren Blick zu, bevor er sich wieder der Aussicht zuwandte. „Egal wo.“
Die Landschaft, auf die er hinaussah, war saftig grün und ländlich, die Felder waren unterteilt durch Hecken, die in voller Blüte standen. Doch irgendwo hinter den idyllischen Weilern mit ihren reetgedeckten Cottages und den fruchtbaren Ebenen mit ihren Mergelböden und den Waldungen mit altem Baumbestand wurden Hunderte Meilen Stahlschienen verlegt, auf denen bald Dampflokomotiven lange Reihen von Waggons ziehen sollten. In ganz England schossen neue Fabriken und große Hallen für die Textilverarbeitung aus dem Boden, schneller als die Weidenkätzchen im Frühling. Es war Devons Pech, dass er den Titel zu einem Zeitpunkt geerbt hatte, als die Industrialisierung aristokratische Traditionen und die vornehme Lebensweise hinwegfegte wie ein Sturmwind.
„Woher weißt du das?“, fragte sein Bruder in seine Gedanken hinein.
„Das weiß doch jeder, Weston. Die Getreidepreise sind vollkommen eingebrochen. Wann hast du das letzte Mal einen Artikel darüber in der ‚Times‘? gelesen? Schenkst du den Diskussionen im Club und in den Tavernen keine Aufmerksamkeit?“
„Nicht wenn es um Landwirtschaft geht“, gab Weston mürrisch zur Antwort. Er ließ sich auf einen Stuhl fallen und rieb sich die Schläfen.
„Ich versuche es zumindest. Aber wenn Tod und Armut ins Spiel kommen, wird jedes Thema anstrengend.“ Devon lehnte die Stirn an die Fensterscheibe. „Ich habe ein bequemes Leben ohne einen einzigen Tag redlicher Arbeit immer geschätzt. Jetzt habe ich Pflichten und Verantwortung.“ Er sprach die Worte aus, als handelte es sich um etwas Obszönes.
„Ich helfe dir, Möglichkeiten zu finden, beidem aus dem Weg zu gehen.“ Weston grub in den Taschen seines Gehrocks und beförderte einen silbernen Flachmann zutage. Er drehte am Schraubdeckel und trank einen großen Schluck.
Devons Brauen schossen in die Höhe. „Ist es nicht ein bisschen früh für Brandy? Du wirst betrunken sein, ehe es Mittag ist.“
„Richtig, aber wenn ich jetzt nicht anfange, schaffe ich es nicht.“ Weston setzte die Taschenflasche noch einmal an.
Sich gehen zu lassen schien bei seinem jüngeren Bruder zur Gewohnheit zu werden. Devon musterte Weston besorgt. Er war ein hochgewachsener, gut aussehender Mann von vierundzwanzig Jahren mit einem messerscharfen Verstand, den er offensichtlich gedachte, so selten wie möglich einzusetzen.
Exzessives Trinken im vergangenen Jahr hatte ihm ungesund rote Wangen beschert und seinen Hals und die Taille füllig werden lassen. Obwohl Devon es sich zum Prinzip gemacht hatte, sich nie in die Angelegenheiten seines Bruders einzumischen, fragte er sich, ob er dessen Trunksucht zur Sprache bringen sollte. Nein, Weston würde dies als unwillkommenen Ratschlag zurückweisen.
Sein Bruder verstaute den Flachmann in seiner Rocktasche, stützte die Ellbogen auf die Knie und legte die Fingerspitzen aneinander. „Du wirst dir Kapital beschaffen und einen Erben zeugen müssen. Eine reiche Ehefrau sollte für beide Probleme die Lösung sein.“
Devon erbleichte. „Du weißt, dass ich nicht vorhabe, zu heiraten.“ Schließlich kannte er sich gut genug, er war nicht dazu bestimmt, Ehemann und Vater zu werden. Die Vorstellung, die Farce seiner eigenen Kindheit zu wiederholen, mit ihm selbst in der Rolle des grausamen, gleichgültigen Vaters, verursachte ihm eine Gänsehaut. „Und mein Erbe bist du.“
„Glaubst du wirklich, ich überlebe dich?“ Weston lachte ironisch. „Bei den vielen Lastern, die ich habe?“
Devon konnte nicht anders, er grinste schief.
Niemand hatte voraussehen können, dass ausgerechnet sie beide aus einem weit entfernten Zweig der Ravenels die Letzten sein würden, deren Stammbaum sich bis zur normannischen Eroberung zurückverfolgen ließ. Unglücklicherweise waren die Mitglieder der Familie immer etwas zu heißblütig und unbesonnen gewesen. Sie hatten jeder Versuchung nachgegeben, jede Sünde begangen, jede Tugend verachtet – mit dem Ergebnis, dass sie schneller zu sterben pflegten, als sie sich vermehren konnten.
Nun gab es nur noch sie beide.
Aber obwohl sie von Stand waren, hatten sie nie zum Hochadel gehört, jener Welt, die so exklusiv war, dass sie selbst dem niederen Adel verschlossen blieb. Devon kannte die komplexen Regeln und Rituale nicht, die die Aristokratie von den gewöhnlichen Massen unterschied. Aber er wusste, dass Eversby kein Glücksfall war, sondern eine Falle. Das Anwesen warf nicht genug ab, um sich selbst zu finanzieren. Es würde das bescheidene Jahreseinkommen aus Devons Treuhandvermögen verschlingen, ihn erdrücken, und anschließend seinen Bruder.
„Lass die Ravenels aussterben“, fuhr Devon fort. „Wir waren von Anfang an ein übler Haufen. Wen schert es, wenn der Earltitel erlischt?“
„Die Dienerschaft und die Pächter könnten etwas dagegen haben, ihren Lebensunterhalt und ihre Wohnstätten zu verlieren“, gab Weston nüchtern zu bedenken.
„Sie sollen sich von mir aus zum Teufel scheren. Ich sage dir, was ich mache. Als Erstes schicke ich Theos Witwe und seine Schwestern Koffer und Taschen packen. Sie sind von keinerlei Nutzen für mich.“
„Devon …“, meldete sein Bruder sich unbehaglich zu Wort.
„Dann finde ich heraus, wie ich die Umwandlung in unveräußerliches Familienvermögen wirkungslos machen kann, und verkaufe das Anwesen stückweise. Wenn das nicht möglich ist, räume ich alles, was nur irgendwie Wert hat, aus, reiße das Haus ab und verkaufe die Steine …“
„Devon.“ Weston wies mit der Hand zur Tür. Eine schwarz verschleierte zierliche Gestalt stand auf der Schwelle.
Theos Witwe.
Sie war die Tochter von Lord Carbery, einem irischen Adligen, der ein Gestüt in Glengarrif besaß, und hatte Theo nur drei Tage vor seinem Unfall geheiratet. Die Tragödie, die einem für gewöhnlich so freudigen Ereignis wie der Hochzeit auf dem Fuß gefolgt war, musste ein grausamer Schock gewesen sein, und als eines der letzten Mitglieder einer aussterbenden...




