E-Book, Deutsch, 164 Seiten
Reihe: Management
Wie Wachstum, Sozialisation und Beratung gelingen
E-Book, Deutsch, 164 Seiten
Reihe: Management
ISBN: 978-3-8497-8248-1
Verlag: Carl Auer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Unternehmerfamilien verfolgen dabei zwei Intentionen: Zum einen müssen sie wirtschaftlich nachhaltig tätig sein; zum anderen wollen sie ihr Eigentum an die nachfolgenden Generationen weitergeben. An diesen beiden Zielen ist die gesamte Lebensführung ausgerichtet.
Heiko Kleve zeigt in einer ganzheitlichen Perspektive auf, welche Herausforderungen solche Familien alltäglich erleben und wie sie diese professionell meistern können: Wie lassen sich wachsende Gesellschafterkreise vernetzen und in Balance halten? Wie können Nachfolger eingebunden bleiben und trotzdem ihren Weg gehen? Wie finden Unternehmerfamilien in Veränderungsprozessen gute Lösungen?
Kleves Antworten stützen sich u. a. auf Forschungsergebnisse, die am Wittener Institut für Familienunternehmen (WIFU) der Universität Witten/Herdecke erarbeitet wurden. Der Autor ist Inhaber des dortigen Stiftungslehrstuhls für Organisation und Entwicklung von Unternehmerfamilien.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Sozialwissenschaften Psychologie Allgemeine Psychologie Entwicklungspsychologie Familienpsychologie
- Wirtschaftswissenschaften Betriebswirtschaft Unternehmensorganisation, Corporate Responsibility Unternehmenskultur, Corporate Governance
- Sozialwissenschaften Soziologie | Soziale Arbeit Spezielle Soziologie Familiensoziologie
- Wirtschaftswissenschaften Betriebswirtschaft Management Unternehmensführung
Weitere Infos & Material
Thematische Hinführung
Den Einstieg in die vielfältige Thematik von Unternehmerfamilien bilden drei Short Cuts, also kurze Ausflüge, betreffend die systemische Reflexion von typischen Herausforderungen, die sowohl mit dem Leben in Unternehmerfamilien als auch mit der professionellen Reflexion dieser Sozialform regelmäßig einhergehen. Zudem werden durch die drei Kurzausflüge die Themen pointiert adressiert, die in den drei Teilen des Buches weiter vertieft werden. Im ersten Short Cut geht es um das grundsätzliche Thema des Aufwachsens und des Lebens in Unternehmerfamilien, die aufgrund ihres mehrgenerationalen unternehmerischen Erfolgs neben ihrer Eigentümerschaft häufig auch vermögend sind. Somit wird nicht nur das jeweilige Unternehmen, sondern auch das private Vermögen der Familienmitglieder von Generation zu Generation weitergegeben, mithin vererbt. Wie Vermögen die Sozialisation in diesen Familien und die elterliche Erziehung der Kinder (oft ambivalent) beeinflusst, zugleich mit enormen Potenzialen ausstattet, aber auch emotional und sozial belastet, wird veranschaulicht. Ausgehend von diesen Reflexionen können sich betroffene Eltern, aber auch Berater/innen und andere Unterstützende dieser herausfordernden Familiensysteme fragen, was sie tun können, um die kognitive, emotionale und aktionale Entwicklung der Kinder und Jugendlichen so zu begleiten, dass sich passende Balancen zwischen familiärer Bezogenheit und individueller Selbstentwicklung herausbilden können. Dieses Thema wird zudem im 4. Kapitel weiter vertieft und ausführlicher behandelt. Mit dem zweiten Short Cut bewegen wir uns in ein systemisches Verständnis des zwischenmenschlichen Zusammenlebens hinein, das auch für die Reflexion von und innerhalb von Unternehmerfamilien, insbesondere bezüglich der Entstehung, der Klärung und der Beilegung von Konflikten, hilfreich sein kann. Wir werden elementare Sozialprozesse und Systemprinzipien betrachten, die sich hinter dem Rücken der Akteure in menschlichen Beziehungen offenbar immer wieder herstellen und unser Zusammenleben rahmen und strukturieren. Das Wissen über diese Prozesse und Prinzipien kann das Verständnis für Mitglieder in Unternehmerfamilien und für ihre Berater/innen hinsichtlich familiärer Sozialdynamiken erweitern und vertiefen. Auf der Basis dieser systemischen Regeln können Mitglieder dieser Familien prüfen, ob Konflikte mit der »Verletzung« dieser Prinzipien einhergehen, um sodann zu versuchen, durch kontextsensible Beachtung der Regeln lösend und versöhnend zu wirken. Dieses Thema werden wir im 3. Kapitel ausführlicher behandeln. Der dritte Short Cut bezieht sich auf die Herausforderungen, denen sich wachsende Unternehmerfamilien gegenübersehen. In diesen Familien steigt aufgrund egalitärer Erbschaftsprinzipien (Eltern vererben ihre Unternehmensanteile paritätisch an alle ihre Kinder) die Anzahl der Gesellschafter/innen von Generation zu Generation kontinuierlich an. Daher reicht es oft nicht mehr, nur für den familiären Zusammenhalt zu plädieren oder die Kommunikations- und Entscheidungsprozesse formal zu organisieren. Es müssen zudem Netzwerkstrukturen des wechselseitigen Gebens und Nehmens etabliert, gepflegt und ausgebaut werden. Dies lässt sich mit dem von mir als »FON-Theorie« bezeichnetem Konzept veranschaulichen, mit dem sich wachsende Unternehmerfamilien zugleich als Familien, Organisationen und Netzwerke verstehen lassen. Davon ausgehend, können ganz konkrete und praktisch umsetzbare Projekte überlegt werden, mit denen die Netzwerkbeziehungen innerhalb der wachsenden Familie, angeregt, etabliert und immer wieder aktualisiert werden können. Im 5. Kapitel wird dieser Punkt eingehender diskutiert. Short Cut 1: Aufwachsen in vermögenden Unternehmerfamilien1
»Geld verdirbt den Charakter« oder »Mit zu viel Geld wird die Familie vergiftet«. Solche und ähnliche Sätze hören wir in unseren Forschungs- und Beratungsprozessen von Vertretern und Vertreterinnen mehrgenerationaler Unternehmerfamilien nicht selten. Damit wird eine problematische Wirkung des vorhandenen finanziellen Vermögens auf die Persönlichkeitsentwicklung ihrer (insbesondere jüngeren) Mitglieder herausgestellt oder zumindest die Befürchtung geäußert, dass sich negative Folgen des Aufwachsens in spürbarem Reichtum einstellen könnten. Diese negative Perspektive auf das vorhandene Vermögen führt oftmals zu einer spezifischen Form von Tabuisierung und Nichtansprechbarkeit des Themas sowie zu Schamgefühlen bei Mitgliedern. In mehreren Forschungsprojekten am Wittener Institut für Familienunternehmen (WIFU) arbeiten wir an Fragen, die die Effekte des finanziellen Reichtums in Unternehmerfamilien insbesondere bezüglich der Sozialisation und Erziehung von Kindern und Jugendlichen fokussieren. Wie wachsen Kinder in diesem spezifischen Familientypus auf? Wie versuchen die Eltern, das Denken, Fühlen und Handeln ihres Nachwuchses konstruktiv zu beeinflussen, so dass sich der familiäre Reichtum positiv und nicht schädlich auf die kindliche Sozialisation sowie auf die aktuelle und zukünftige Lebensführung auswirkt? Das sind zwei von zahlreichen Fragen, die uns interessieren. Um, davon ausgehend, Unternehmerfamilien zu untersuchen, vor allem durch Gespräche mit Eltern und Kindern, benötigt man eine wichtige grundsätzliche Unterscheidung, und zwar diejenige zwischen Sozialisation und Erziehung. Unter Sozialisation verstehen wir einen permanenten sozialen Prozess, der die individuelle Entwicklung eines jeden Menschen einbettet und rahmt. Die Sozialisation eines Menschen vollzieht sich über sein gesamtes Leben, wird aber durch die Kindheit, die gemeinhin in der Familie erlebt wird, ausgesprochen stark geprägt. In Unternehmerfamilien realisiert sich diese sozialisatorische Prägung, wie in allen anderen Familien auch, durch die Weitergabe des Lebens selbst sowie durch die Fürsorge, Betreuung und Begleitung der Kinder auf ihrem Weg in das eigenständige Leben. Hinzu kommt in diesen Familien jedoch, dass den Kindern neben den Grundbedingungen ihrer menschlichen Existenz und Selbstentwicklung sowohl Unternehmenseigentum als auch Vermögen übertragen werden. Diese Übertragung führt bei den Kindern regelmäßig zu Verpflichtungsgefühlen den Eltern bzw. der gesamten Unternehmerfamilie gegenüber. Die Verpflichtung kann einen individuell belastenden Charakter annehmen, und zwar vor allem dann, wenn mit der Eigentums- und Vermögensweitergabe zugleich hohe Erwartungen seitens der Eltern an die Kinder zum Ausdruck gebracht werden, die etwa in der Aufforderung kumulieren können: »Verhaltet euch als Erben so, dass ihr euren Vorfahren keine Schande bereitet.« Zudem kann die übernehmende Generation das Verpflichtungsgefühl in Form einer angstbehafteten Bürde erleben. Dann werden das Eigentum und das Vermögen als etwas empfunden, das von den Vorfahren erschaffen wurde und das nun von den Erben möglicherweise unangemessen genutzt, geschmälert oder vernichtet werden könnte. In diesem komplexen Sozialisationskontext vermögender Unternehmerfamilien finden nun die elterlichen Erziehungsprozesse statt. Unter Erziehung ist der Versuch zu verstehen, sozialisatorische Prozesse bewusst zu lenken, Kinder in ihrer kognitiven, emotionalen und aktionalen Entwicklung, also bezüglich ihres Denkens, Fühlens und Handelns, zielgerichtet zu beeinflussen. Da Sozialisation permanent und ungeplant geschieht sowie als andauernde Selbstentwicklung des Menschen bewertet werden kann, ist die Kraft der Erziehung in der Regel schwächer, als es sozialisatorische Prozesse sind. Demnach kann Erziehung die Sozialisation zwar anregen und rahmen, aber nicht determinieren, nicht eindeutig bestimmen oder hinsichtlich klar definierter Ergebnisse steuern. Daher lassen sich auch kaum allgemeingültige Erziehungstipps geben. Jedoch können zentrale Fragen hinsichtlich der Vermögenssozialisation formuliert werden, die in jeder Unternehmerfamilie jeweils eigenständig und in Abhängigkeit des Alters und des Entwicklungsstandes der Kinder zu beantworten sind. Drei dieser Fragen lauten: 1.Welches Wissen soll den Kindern in welchem Alter und in welcher Weise hinsichtlich der familiären Vermögenssituation vermittelt werden? (Was sollte wann angesprochen und wie thematisiert werden?) 2.Welche Emotionen, Werthaltungen und inneren Einstellungen wollen die Eltern ihren Kindern bezüglich des Vermögens nahebringen? (Wie ist das Wertegefüge der Familie zum vorhandenen Vermögen?) 3.Welche Handlungskompetenzen in Bezug auf das Vermögen sollen die Kinder im familiären Sozialisations- und Erziehungsprozess erwerben? (Welche Fähigkeiten bezüglich des Umgangs mit dem Vermögen sollen Bestandteil eines Kompetenzentwicklungsprogrammes der Unternehmerfamilie sein?) Hinsichtlich der kognitiven Wissensvermittlung beobachten wir viele Unsicherheiten der Eltern. In vielen Familien wird diese Unsicherheit so verarbeitet, dass den Kindern so spät wie möglich, etwa...