E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Klein Fröschweiler Chronik
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-95510-252-4
Verlag: Osburg Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriegs- und Friedensbilder aus dem Jahr 1870
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-95510-252-4
Verlag: Osburg Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Karl Klein (1838-1898) war protestantischer Pfarrer der kleinen Gemeinde Fröschweiler bei Wörth im Elsaß, als am 6. August 1870 eine der ersten großen Grenzschlachten des Kriegs von 1870/71 sein Leben für immer veränderte. Diese traumatischen Erlebnisse schrieb er sich mit der Fröschweiler Chronik von der Seele. Trotzdem belastete ihn die Erinnerung so sehr, dass er psychisch schwer erkrankte und nach 13 Jahren in einer Heilanstalt in geistiger Umnachtung verstarb. Die Fröschweiler Chronik wurde eines der erfolgreichsten Kriegsbücher der Kaiserzeit. Die Historiker Tobias Arand und Christian Bunnenberg forschen und lehren als Professoren an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und der Ruhr-Universität Bochum im Bereich der Geschichte und ihre Didaktik. 2018 erschien von Tobias Arand im Osburg Verlag 1870/71. Die Geschichte des Deutsch-Französischen-Kriegs erzählt in Einzelschicksalen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Wo die »nord- und süddeutsche Waffenbrüderschaft den festen Blutkitt erhielt« – Zum historischen Hintergrund der ›Fröschweiler Chronik‹
Tobias Arand
Karl Kleins ›Fröschweiler Chronik‹ steigt mit großer Unmittelbarkeit in ihr kriegerisches Thema ein. Schon auf der zweiten Seite heißt es mit eindeutig antifranzösischem Unterton: »Und siehe, das Gewitter stieg am Himmel immer höher, immer dunkler, bis am 19. Juli ein Blitz mit krachendem Donner die Brandfackel in Preußens Hauptstadt warf.«1
Das Wissen um die Vorgeschichte des Deutsch-Französischen Krieges kann Karl Klein bei seinen Lesern offensichtlich voraussetzen. Im 21. Jahrhundert hingegen ist der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 weitgehend vergessen, obwohl im Umfeld seines 150. ›Jubiläums‹ im Jahr 2020 einige Publikationen2 und Ausstellungen3 versucht haben, neues Interesse auf ihn zu lenken. Dass der Krieg durch Denkmäler, Sedanstraßen und Bismarckplätze noch immer im öffentlichen Raum wohl jeder deutschen Stadt präsent ist, ändert an seiner Vergessenheit nichts. Welcher Passant denkt, wenn er durch eine Weißenburgstraße flaniert, noch an eine Schlacht vom 4. August 1870? Wie kam es also zu einem Krieg, der Monate dauern und an dessen Ende ca. 200 000 Menschen tot sein sollten? Wie verlief er und welche Bedeutung kam der Schlacht von Wörth-Fröschweiler zu?
Nach dem Sieg gegen Frankreich und der ›in Feindesland‹ erfolgten Reichsgründung wurde der Krieg von 1870/71 in Deutschland als letzter der ›Einigungskriege‹ gefeiert. Die ›Einigungskriege‹ galten dort als der gewaltige Plan Otto von Bismarcks zur Vollendung der angeblichen ›deutschen Aufgabe‹ Preußens, die in der Gründung eines ›kleindeutschen‹ Staats ihre Erfüllung gefunden hatte. Tatsächlich nutzte Bismarck, seit 1862 preußischer Ministerpräsident, nur situativ Gelegenheiten, die sich ihm boten, einen schon im Voraus geschmiedeten Plan hatte er nicht. Allerdings war Bismarck davon überzeugt, dass eine Nationalstaatsgründung nicht zu vermeiden sei, sie aber anders als beim Versuch von 1848/49, der ersten bürgerlichen deutschen Revolution, nicht von ›unten‹, vom Volk, sondern von ›oben‹, den Fürsten, gesteuert würde und vor allem unter preußischer Regie zu erfolgen habe. Gerade zum preußischen Ministerpräsidenten ernannt, bekräftigte er diese Ansicht im September 1862 bei einer berühmten Rede vor dem Haushaltsausschuss des preußischen Landtags, als er erklärte, dass die deutsche Einheit durch »Eisen und Blut« und nicht durch »Majoritätsbeschlüsse«4 vollzogen werden müsse. Unverhüllt deutete Bismarck hier eine auf dem Weg des Krieges zu vollziehende, antidemokratische Reichseinigung an. Hintergrund der Rede war der Versuch König Wilhelms I., gegen den Willen des liberal dominierten preußischen Landtags eine kostspielige Heeresreform durchzuführen, die u. a. eine Verlängerung des Wehrdienstes vorsah. Dass diese Heeresreform vor allem im Hinblick auf zu führende Kriege geplant wurde, war den Zeitgenossen ein naheliegender Gedanke; dass diese Kriege aber unweigerlich in einer Reichsgründung münden würden, kann niemand, auch Bismarck nicht, bereits 1862 gewusst haben.
Die erste Gelegenheit, die Sinnhaftigkeit der gegen den Willen des Landtags und damit auf dem Wege des Verfassungsbruchs durchgeführten und finanzierten Heeresreform zu beweisen, ergab sich für König Wilhelm I., Bismarck und den preußischen Kriegsminister Albrecht von Roon in den Jahren 1863 und 1864. In einem Konflikt, der sich um die Behandlung der deutschsprachigen Minderheit im Herzogtum Schleswig, Lehen des dänischen Königs, und um eine verwickelte dynastische Frage entzündete, wurde 1863 zunächst die Bundesexekution des Deutschen Bundes gegen Dänemark vollzogen, bevor es im Februar zu einem Krieg kam. Im Februar 1864 überschritten preußische und österreichische Truppen die dänische Grenze und besiegten das nordische Königreich innerhalb weniger Monate.5
Im Deutsch-Dänischen Krieg, später als der erste ›Einigungskrieg‹ gefeiert, konnten die preußischen Truppen zum ersten Mal seit den ›Befreiungskriegen‹ gegen Napoleon I. und der Niederschlagung der Revolution in Baden 1849 wieder ihre Kampfkraft beweisen. Besonders der am 18. April vollzogene preußische Sturm auf die ›Düppeler Schanzen‹, die den Übergang zur Ostseeinsel Alsen deckten, erhielt später einen bleibenden Platz im kollektiven deutschen Gedächtnis. Der Aufstieg Preußens zur gefürchteten Militärmacht hatte sichtbar für alle Welt begonnen. Im Vertrag von Wien trat Dänemark am 30. Oktober 1864 Schleswig, Holstein und Lauenburg an Preußen und Österreich ab. Schleswig kam unter preußische, Holstein unter österreichische Verwaltung. Das Herzogtum Lauenburg wurde von Österreich an Preußen verkauft.
Mit diesem schnellen Sieg war aus Bismarcks Sicht der erste Beweis erbracht, dass sich die Heeresreform bewährt hatte. Zugleich waren nun Schleswig und Holstein nicht mehr Teile Dänemarks, sodass auch die deutschnationalen Kräfte fürs Erste befriedigt waren.
Doch schon zwei Jahre später nutzte Bismarck die nächste Gelegenheit, den seit dem 18. Jahrhundert, seit den Angriffen König Friedrichs II. auf Schlesien, schwelenden deutschen Dualismus zugunsten Preußens zu entscheiden. Die Frage, ob ein künftiges geeintes ›Deutschland‹ mit oder ohne Österreich zu gründen sei und welcher der beiden einzigen deutschsprachigen Großmächte dann die Führungsrolle zustünde, war in den Jahren zuvor hochumstritten. Der Süden, vor allem die Königreiche Württemberg und Bayern, dachte ›großdeutsch‹, also mit Einbezug Österreichs, während nördlich des Mains überwiegend ›kleindeutsch‹, bzw. richtiger formuliert ›großpreußisch‹, gedacht wurde. 1866 inszenierte Bismarck in der Frage der Verwaltung von Schleswig und Holstein einen künstlichen Streit mit Österreich, das den Vorsitz des ›Deutschen Bundes‹ innehatte. Ergebnis dieses Streits war der Austritt Preußens aus dem ›Deutschen Bund‹ und ein nachfolgender Krieg. Preußen und seine norddeutschen Verbündeten, u. a. das Großherzogtum Oldenburg und die Hansestädte, besiegten in diesem ›Deutschen Krieg‹ die Bundestruppen, deren größte Kontingente von Österreich, Württemberg, Bayern, Baden, Sachsen, Hessen und Hannover gestellt wurden.6 Gleichzeitig kämpfte Österreich noch gegen Italien um die österreichischen Gebiete der Lombardei und des Veneto. Bei der Schlacht von Königgrätz am 3. Juli 1866 zeigten sich die Überlegenheit der neuen preußischen Hinterladergewehre über die österreichischen Vorderlader und das taktische Genie Helmuth von Moltkes, des Leiters des preußischen ›Großen Generalstabs‹. Insbesondere die virtuose Nutzung des Eisenbahnnetzes durch Moltke ermöglichte die punktgenaue Konzentration der preußischen Kräfte am entscheidenden Tag von Königgrätz.7
Als Folge dieses zweiten ›Einigungskrieges‹ schied Österreich aus dem ›Deutschen Bund‹ aus, der daraufhin aufgelöst und 1867 als ›Norddeutscher Bund‹ neugegründet wurde. Zugleich verlor Österreich auch seine letzten Besitzungen in Norditalien. Hannover, Teile Hessens und die Freie Stadt Frankfurt a. M. wurden von Preußen ohne lange Diskussionen einfach einverleibt, die unterlegenen süddeutschen Staaten Baden, Württemberg sowie Bayern unter Zwang in sogenannten ›Schutz- und Trutzbündnissen‹ militärisch an Preußen gekettet. Im Kriegsfall mussten sie nun Preußen nicht nur zur Seite stehen, sondern gleichzeitig den Oberbefehl des preußischen Königs akzeptieren. Dass das Oberhaupt des ›Norddeutschen Bundes‹, dem nun alle deutschen Staaten nördlich des Mains angehörten, König Wilhelm I. von Preußen war, wurde nicht nur selbstverständlich hingenommen, sondern als Fingerzeig für die Struktur eines künftigen Deutschen Reichs verstanden. Ein Artikel der Verfassung des ›Norddeutschen Bundes‹ regelte bereits einen zukünftigen Beitritt der süddeutschen Staaten, was beweist, dass er von vornherein nur als temporäre Stufe zur ›kleindeutschen‹ Reichseinigung gedacht war.
Mit dem zweiten Sieg preußischer Waffen innerhalb von zwei Jahren hatte Bismarck vielen seiner Kritiker endgültig bewiesen, dass die Heeresreform unter der Prämisse von ›Blut und Eisen‹ als Mittel zur Einheit vielleicht doch sinnvoll war. Viele Nationalliberale, 1848/49 noch durchdrungen von freiheitlichen Prinzipien, opferten diese nun opportunistisch auf dem Altar der siegreichen Macht. Sie arrangierten sich...




